Aufklärung: Epoche, Merkmale und Literatur
Die Aufklärung ist eine europäische Bewegung des 18. Jahrhunderts. Ihr Kern ist der Mut, überlieferte Vorstellungen selbstständig mit Vernunft und Erfahrung zu prüfen. In der Literatur zeigt sich das besonders an Kritik, Erziehung, Toleranz und bürgerlichen Figuren.
Hake ab, was du schon kannst — und komm am Ende hierher zurück!
Warum entstand die Aufklärung?
Für die Literaturepoche wird häufig der Zeitraum von etwa 1720 bis 1800 angegeben. Epochengrenzen sind jedoch Orientierungspunkte: Aufklärerische Ideen entwickelten sich allmählich und überschnitten sich mit anderen Strömungen.
Im 18. Jahrhundert bestimmten vielerorts Absolutismus und Ständegesellschaft das Leben. In der Ständegesellschaft hingen Rechte und Möglichkeiten stark von der Geburt ab. Klerus und Adel besaßen besondere Privilegien, während Bauern, Bürger und Leibeigene zum dritten Stand gehörten.
Gleichzeitig gewann das gebildete Bürgertum an Bedeutung. Mehr Menschen wollten Herrschaft, religiöse Autorität und ererbte Vorrechte nicht länger ungeprüft hinnehmen. Bildung und ein breiterer Zugang zu Büchern stärkten die Möglichkeit, selbst zu urteilen.
Die Aufklärung entstand nicht durch ein einzelnes Ereignis. Gesellschaftlicher Wandel, Bildung und Kritik an überlieferten Autoritäten wirkten zusammen.
Die Französische Revolution ab 1789 griff Ideale wie Freiheit und Gleichheit politisch auf. Sie war aber nicht allein eine Folge der Aufklärung. Die spätere Schreckensherrschaft zeigte außerdem, dass politische Gewalt den aufklärerischen Idealen widersprechen konnte.
Welche Leitideen verbinden die Aufklärer?
Immanuel Kant beschreibt Aufklärung als den Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit bedeutet hier: Ein Mensch lässt andere für sich urteilen, obwohl er den eigenen Verstand gebrauchen könnte.
Der bekannte Wahlspruch lautet: „Habe den Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen.“ Damit fordert Kant nicht dazu auf, jede fremde Aussage sofort abzulehnen. Entscheidend ist, Gründe zu prüfen und ein eigenes Urteil zu bilden.
Emanzipation
Emanzipation ist die Befreiung aus Abhängigkeit. In der Aufklärung meint sie besonders geistige, gesellschaftliche und politische Selbstständigkeit.
Wichtige Leitideen sind:
- Vernunft: Behauptungen sollen begründet und geprüft werden.
- Freiheit und Selbstbestimmung: Menschen sollen ihr Leben eigenständig gestalten können.
- Gleichheit: Geburt und Stand sollen nicht über grundlegende Rechte entscheiden.
- Toleranz: Unterschiedliche religiöse Überzeugungen sollen respektiert werden.
- Bildung: Wissen soll Menschen zu selbstständigem Urteilen befähigen.
- Fortschritt: Gesellschaftliche Verhältnisse gelten als veränderbar.
Das Licht wurde zum Sinnbild der Epoche: Erkenntnis soll Unwissenheit und Vorurteile „erhellen“. Daher sprechen auch die französische und die englische Bezeichnung der Aufklärung vom Licht beziehungsweise Erleuchten.
Wie entstehen Erkenntnisse?
Aufklärerisches Denken fragt auch, worauf menschliches Wissen beruht. Zwei wichtige philosophische Ansätze setzen unterschiedliche Schwerpunkte.
Rationalismus
Der Rationalismus betont Vernunft und logisches Denken als Grundlage der Erkenntnis. René Descartes forderte, überliefertes Wissen zu bezweifeln und kritisch zu prüfen.
Empirismus
Der Empirismus betont Erfahrung, Beobachtung und Sinneswahrnehmung als Grundlage der Erkenntnis. John Locke verband Wissen besonders mit dem, was Menschen wahrnehmen und erleben.
Ein Beispiel macht den Unterschied sichtbar: Du willst herausfinden, ob eine allgemeine Behauptung widerspruchsfrei ist. Dann prüfst du ihre Gründe logisch – das entspricht dem rationalistischen Schwerpunkt. Willst du wissen, wie sich eine Pflanze unter verschiedenen Bedingungen entwickelt, beobachtest und vergleichst du – das entspricht dem empiristischen Schwerpunkt.
Rationalismus fragt besonders: „Was kann ich durch vernünftiges Denken erkennen?“ Empirismus fragt besonders: „Was zeigt mir die Erfahrung?“ Beide wenden sich gegen die unkritische Übernahme bloßer Tradition.
Was wollte die Literatur bewirken?
Aufklärerische Literatur sollte nicht nur unterhalten. Sie sollte philosophische und moralische Ideen verständlich machen, zum Nachdenken anregen und das Publikum bilden. Dadurch wurde sie zu einer Brücke zwischen Philosophie und Bürgertum.
Typische Merkmale sind:
- verständliche und klare Darstellung;
- Kritik an Vorurteilen, Privilegien und ungerechter Herrschaft;
- Fragen nach Vernunft, Toleranz und Menschlichkeit;
- eine erzieherische oder didaktische Absicht;
- bürgerliche Figuren und Konflikte aus dem gesellschaftlichen Leben.
Didaktische Literatur
Didaktische Literatur will Erkenntnisse oder Wertvorstellungen vermitteln. Eine Handlung, ein Konflikt oder eine Pointe führt die Lesenden zu einer Einsicht, statt ihnen nur eine Regel vorzuschreiben.
Drama
Das Drama galt als besonders wirksam, weil Konflikte unmittelbar auf der Bühne sichtbar wurden. Im älteren Theater beschränkte die Ständeklausel tragische Hauptfiguren auf den Adel. Das bürgerliche Trauerspiel stellte dagegen auch Bürger mit ernsten Konflikten ins Zentrum.
Gotthold Ephraim Lessing trug dazu bei, diese Grenze aufzubrechen. Werke wie Emilia Galotti und Nathan der Weise verbinden dramatische Konflikte mit Fragen nach gesellschaftlicher Ordnung, Vernunft oder Toleranz.
Epik und Lyrik
In der Epik gewannen der bürgerliche Roman, Fabeln, Parabeln und satirische Formen an Bedeutung. Christoph Martin Wielands Geschichte des Agathon steht beispielhaft für den bürgerlichen Roman.
In der Lyrik vermittelten Lehrgedichte und Gedankenlyrik moralische, philosophische oder religiöse Überlegungen. Die Gattung allein beweist jedoch noch nicht, dass ein Text aufklärerisch ist. Entscheidend sind seine konkrete Aussage und Gestaltung.
Wie ordnest du einen Text begründet ein?
Eine Jahreszahl oder ein Autorenname reicht für eine Einordnung nicht aus. Untersuche, welche Ideen ein Text behandelt und wie seine Form diese Ideen vermittelt.
Gehe in vier Schritten vor:
- Textbeobachtung: Benenne eine konkrete Figur, Aussage, Handlung oder sprachliche Gestaltung.
- Leitidee: Ordne die Beobachtung etwa Vernunft, Toleranz, Emanzipation, Bildung oder Gesellschaftskritik zu.
- Wirkung: Erkläre, wie der Text das Publikum zum Prüfen oder Umdenken anregt.
- Einordnung: Formuliere ein begründetes Urteil und vermeide starre Etiketten.
Aufgabe: Erkläre, warum das bürgerliche Trauerspiel als aufklärerische Form gelten kann.
Textbeobachtung: Bürgerliche Figuren dürfen einen ernsten tragischen Konflikt tragen. Damit wird die ältere Ständeklausel durchbrochen.
Deutung: Die gesellschaftliche Rangordnung erscheint nicht mehr als selbstverständliche Grundlage literarischer Bedeutung. Auch das Leben bürgerlicher Menschen wird als ernst und darstellungswürdig behandelt.
Einordnung: Die Form unterstützt eine aufklärerische Kritik an ererbten Standesgrenzen. Die Einordnung beruht damit auf einer beobachtbaren Veränderung der Dramenform und ihrer gesellschaftlichen Bedeutung.
Typische Fehler vermeiden
- Nur die Zeit nennen: „Der Text stammt aus dem 18. Jahrhundert“ ist noch keine Analyse.
- Autor und Epoche gleichsetzen: Auch ein Aufklärer schreibt nicht in jedem Satz dieselbe Leitidee aus.
- Thema und Gestaltung trennen: Zeige nicht nur, was kritisiert wird, sondern auch, wie der Text die Kritik vermittelt.
- Epochengrenzen verabsolutieren: Aufklärung, Empfindsamkeit und Sturm und Drang können sich zeitlich und inhaltlich überschneiden.
Karteikasten
Überlege zuerst selbst und drehe die Karte anschließend zum Prüfen um.
Alles auf einen Blick
- Aufklärung
- Zeit und Gesellschaft
- etwa 1720 bis 1800
- Kritik an Absolutismus und Ständegesellschaft
- Leitideen
- Vernunft, Freiheit und Toleranz
- Bildung, Gleichheit und Emanzipation
- Erkenntniswege
- Rationalismus: Denken
- Empirismus: Erfahrung
- Literatur
- erziehen und zum Prüfen anregen
- bürgerliche Figuren und Gesellschaftskritik
- Einordnung
- Textbeobachtung mit Leitidee verbinden
- Überschneidungen der Strömungen beachten
- Zeit und Gesellschaft
Abschluss-Check
Du hast den Kern verstanden, wenn du die Aufklärung nicht nur mit einer Jahreszahl verbindest, sondern an Leitideen und konkreten Textmerkmalen begründet erkennst.
Mit Google fortfahren