Globale Fragmentierung: Modell nach Scholz
Globale Fragmentierung bedeutet, dass Globalisierung Räume nicht gleichmäßig entwickelt. Wirtschaftlich eng verbundene, aber sehr unterschiedlich mächtige Teilräume können unmittelbar nebeneinanderliegen. Das Modell nach Scholz unterscheidet globale Orte, globalisierte Orte und die neue Peripherie.
Auf dieser Seite lernst du, diese drei Raumkategorien zu unterscheiden und das Modell auf konkrete Beispiele anzuwenden.
Hake ab, was du schon kannst — und komm am Ende hierher zurück!
Was wird fragmentiert?
Das Wort Fragmentierung bedeutet Zergliederung oder Zersplitterung. In der Humangeographie beschreibt es eine bruchhafte Trennung in sozialer, wirtschaftlicher und räumlicher Hinsicht.
Globale Fragmentierung
Globale Fragmentierung bezeichnet die ungleiche und räumlich zersplitterte Teilhabe von Orten und Bevölkerungsgruppen an der globalisierten Wirtschaft. Gewinner, abhängig Beteiligte und weitgehend Ausgeschlossene können räumlich sehr nah beieinanderliegen.
Dabei wirken drei Dimensionen zusammen:
- sozial: Menschen verfügen über ungleiche Einkommen, Chancen und gesellschaftliche Teilhabe;
- wirtschaftlich: Standorte übernehmen unterschiedlich mächtige Funktionen in der globalen Arbeitsteilung;
- räumlich: Wohlhabende, abhängige und benachteiligte Teilräume grenzen sich voneinander ab.
Segregation bezeichnet zunächst die Trennung sozialer Gruppen. Fragmentierung richtet den Blick zusätzlich auf die daraus entstehenden Teilräume und ihre wirtschaftlichen Beziehungen. Soziale Trennung kann räumliche Trennung fördern, muss aber nicht immer mit ihr zusammenfallen.
Ein städtisches Beispiel sind Gated Communities: abgeschottete Wohnanlagen, die vor allem wohlhabenden Menschen zugänglich sind. Zäune, Tore, Sicherheitspersonal und eigene Einrichtungen verringern den Kontakt zum übrigen Stadtgebiet.
Fragmentierung ist mehr als ein Unterschied zwischen armen und reichen Ländern. Sie beschreibt ein kleinräumiges Nebeneinander ungleicher Teilräume und ungleicher Teilhabe.
Wie erklärt das Modell die Zergliederung?
Die Theorie der fragmentierenden Entwicklung ist ein kritischer Erklärungsansatz für Entwicklung im Zeitalter der Globalisierung. Nach Scholz führt Globalisierung nicht automatisch dazu, dass zurückliegende Räume zu wohlhabenden Räumen aufschließen.
Der Ansatz verbindet mehrere Prozesse:
- Globale Arbeitsteilung sowie freierer Waren- und Kapitalverkehr verknüpfen weit entfernte Standorte.
- Liberalisierung, Privatisierung und Deregulierung verstärken den Wettbewerb.
- Orte und Bevölkerungsgruppen verfügen über ungleiche Voraussetzungen und Handlungsmöglichkeiten.
- Dadurch entstehen selektive und instabile Formen der Teilhabe.
- Der Raum gliedert sich in Fragmente mit unterschiedlichen Funktionen und Chancen.
Liberalisierung bedeutet hier den Abbau von Hindernissen für den Handel zwischen Staaten. Privatisierung bezeichnet die Übertragung staatlichen Eigentums oder staatlicher Aufgaben an private Akteure. Deregulierung meint den Abbau staatlicher Regeln, beispielsweise für wirtschaftliche Tätigkeiten.
Das Modell beschreibt eine mögliche Erklärung der Entwicklungsrealität. Es ist keine lückenlose Einteilung der Erde und beweist nicht, dass jeder beobachtete Unterschied allein durch Globalisierung verursacht wurde.
Teilhabe bleibt nach dem Modell unsicher: Ein Standort ist nur so lange eingebunden, wie er seine Funktion unter den jeweiligen Wettbewerbsbedingungen erfüllt. Konkurrenz kann Standorte aufwerten, verdrängen oder ihre Rolle verändern.
Welche drei Raumkategorien gibt es?
Die Kategorien bezeichnen Funktionen bestimmter Orte oder Regionen, nicht vollständige Staaten. Auch innerhalb eines eingeordneten Ortes können nur einzelne Unternehmen oder Bevölkerungsgruppen beteiligt sein.
Globale Orte und Regionen
Globale Orte bilden Schaltstellen wirtschaftlicher Entscheidungen. Dort sitzen beispielsweise Kommandozentralen global tätiger Unternehmen oder bedeutende Forschungs- und Innovationszentren.
Sie sind global agierend: Von ihnen gehen Entscheidungen und Impulse mit weltweiter Wirkung aus. Genannte Beispiele sind New York, London, Paris und Tokio sowie das Hightechzentrum Silicon Valley.
Globalisierte Orte und Regionen
Globalisierte Orte sind in globale Wirtschaftsbeziehungen eingebunden, reagieren aber überwiegend auf Entscheidungen anderer Standorte. Sie führen Aufträge aus oder stellen bestimmte Leistungen, Rohstoffe und Produkte bereit.
Sie sind global reagierend und hierarchisch nachgeordnet. Beispiele sind:
- Bangalore für ausgelagerte Hightech-Dienstleistungen,
- Dhaka für einfache Konsumgüterproduktion im Billiglohnsektor,
- die Pilbara-Region für exportorientierten Bergbau,
- Phuket als internationale Tourismusregion.
Die Einbindung kann Einkommen und wirtschaftliche Chancen schaffen. Sie macht einen Standort jedoch nicht automatisch zu einem eigenständigen globalen Entscheidungszentrum.
Neue Peripherie
Die neue Peripherie umfasst Teilräume, die strukturell kaum konkurrenz- und teilhabefähig sind. Das Modell beschreibt sie als stagnierendes oder sich zurückentwickelndes Milieu.
Sie kommt sowohl im globalen Süden als auch im globalen Norden vor. Genannte Beispiele reichen von traditionellen Armutsregionen der Sahelzone bis zu strukturschwachen Regionen in Südosteuropa oder im Erzgebirge.
Frage bei der Einordnung nicht zuerst: „In welchem Land liegt der Ort?“ Frage: „Welche Funktion übernimmt der konkrete Teilraum in der globalen Wirtschaft?“
Wie analysierst du ein Raumbeispiel?
Ein Ortsname allein reicht nicht für eine Einordnung. Untersuche den konkreten Teilraum, seine Funktion und die beteiligten Gruppen.
Gehe in fünf Schritten vor:
- Maßstab klären: Betrachtet das Material einen Stadtteil, eine Stadt, eine Region oder einen Staat?
- Funktion bestimmen: Werden Entscheidungen getroffen, Aufträge ausgeführt oder bestehen kaum Zugänge zur globalen Wirtschaft?
- Abhängigkeiten prüfen: Wer vergibt Aufträge, kontrolliert Kapital oder entscheidet über Produktion und Standorte?
- Teilhabe untersuchen: Welche Bevölkerungsgruppen profitieren, welche bleiben zeitweise beteiligt oder ausgeschlossen?
- Urteil begrenzen: Benenne fehlende Daten und vermeide die pauschale Einordnung eines ganzen Landes.
Beispiel: Silicon Valley und Bangalore vergleichen
Silicon Valley wird im Material als globaler Ort genannt. Seine Rolle als Hightech- und Innovationszentrum spricht für eine Steuerungs- und Impulsfunktion.
Bangalore steht beispielhaft für ausgelagerte Hightech-Dienstleistungen. Der Standort ist global eingebunden, übernimmt im Modell aber eine reagierende und ausführende Funktion.
Der entscheidende Unterschied lautet daher nicht „modern gegen rückständig“. Beide Standorte sind wirtschaftlich bedeutsam. Sie besitzen jedoch unterschiedliche Entscheidungsmacht innerhalb der globalen Arbeitsteilung.
Die Einordnung gilt nur für die beschriebenen Funktionen. Sie sagt nicht, dass alle Menschen an beiden Orten gleichermaßen profitieren.
Städtische Fragmentierung erkennen
In Mumbai liegen Luxushochhäuser und sehr arme Wohngebiete räumlich eng beieinander. In Kuala Lumpur steht die Quill-City-Mall mit internationalen Luxusmarken in starkem Gegensatz zu nahe gelegenen, deutlich ärmeren Alltags- und Einkaufsräumen.
Diese Beispiele zeigen das räumliche Nebeneinander ungleicher Teilräume. Für eine vollständige Analyse musst du zusätzlich fragen, wer Zugang zu den jeweiligen Räumen hat, welche Funktionen sie erfüllen und wie sie miteinander verbunden sind.
Welche Grenzen hat das Modell?
Das Modell macht Machtunterschiede und räumliche Brüche sichtbar. Besonders hilfreich ist seine Unterscheidung zwischen Orten, die entscheiden, Orten, die ausführen, und Teilräumen mit geringen Teilhabechancen.
Bei der Anwendung musst du jedoch mehrere Grenzen beachten:
- Die Kategorien bilden keine vollständige Länderklassifikation.
- Ein Ort kann verschiedene Funktionen gleichzeitig enthalten.
- Nicht die gesamte Bevölkerung eines globalen oder globalisierten Ortes profitiert.
- Funktionen und Positionen können sich durch Konkurrenz und Verdrängung verändern.
- Das Modell liefert ohne zusätzliche Daten keine Messmethode für das Ausmaß der Teilhabe.
- Eine räumliche Nähe von Wohlstand und Armut belegt noch nicht allein alle angenommenen Ursachen.
Auch der Digital Divide, also ungleiche Möglichkeiten des Zugangs zu und der Nutzung von Digitalisierung, kann fragmentierte Teilhabe anzeigen. Ohne konkrete Daten lässt sich daraus jedoch nicht automatisch die Stellung eines ganzen Landes ableiten.
Nutze das Modell als begründete Perspektive, nicht als Etikett. Eine gute Analyse nennt Funktion, Abhängigkeit, beteiligte Gruppen und Grenzen der verfügbaren Informationen.
Karteikasten
Überlege zuerst selbst und drehe die Karte anschließend zum Prüfen um.
Alles auf einen Blick
- Globale Fragmentierung
- soziale, wirtschaftliche und räumliche Zergliederung
- selektive und instabile Teilhabe
- globale Orte: entscheiden und steuern
- globalisierte Orte: reagieren und führen aus
- neue Peripherie: geringe strukturelle Teilhabe
- Raumanalyse
- Maßstab und konkrete Funktion klären
- Abhängigkeiten und beteiligte Gruppen prüfen
- Einordnung begründen und begrenzen
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