Verstädterung: Ursachen, Formen und Folgen
Verstädterung bedeutet, dass Städte und die Bedeutung städtischer Räume gegenüber ländlichen Räumen zunehmen. Das kann die Bevölkerungszahl, die bebaute Fläche, städtische Funktionen oder Lebensweisen betreffen.
Auf dieser Seite lernst du, Verstädterung zu erkennen, ihre Ursachen zu erklären und mögliche Folgen schnellen Städtewachstums zu beurteilen.
Hake ab, was du schon kannst — und komm am Ende hierher zurück!
Woran erkennst du Verstädterung?
Stell dir eine Region vor, in der immer mehr Menschen in Städten leben. Gleichzeitig werden Siedlungen dichter bebaut, Arbeitsplätze und Dienstleistungen konzentrieren sich in städtischen Räumen und städtische Lebensweisen breiten sich aus. All das sind Seiten der Verstädterung.
Verstädterung
Verstädterung bezeichnet das Wachstum, die Vermehrung und die räumliche Ausdehnung von Städten gegenüber ländlichen Gebieten. Häufig ist damit besonders der wachsende Anteil der Stadtbevölkerung gemeint.
Zustand oder Veränderung?
Zwei ähnlich klingende Begriffe beantworten unterschiedliche Fragen:
- Der Verstädterungsgrad, auch Verstädterungsquote genannt, gibt den Anteil der Stadtbevölkerung an der Gesamtbevölkerung eines Gebiets an. Er beschreibt einen Zustand zu einem bestimmten Zeitpunkt.
- Die Verstädterungsrate beschreibt die Veränderung: Wie stark wächst die Stadtbevölkerung oder wie stark steigt der Verstädterungsgrad in einem Zeitraum?
1950 lebten nach den vorliegenden Daten 29,6 % der Weltbevölkerung in Städten, 2015 waren es 54,0 %.
Der Verstädterungsgrad betrug also 1950 29,6 % und 2015 54,0 %. Die Zunahme beträgt:
$$54{,}0 - 29{,}6 = 24{,}4$$
Der Anteil stieg damit um 24,4 Prozentpunkte. Das ist eine Veränderung des Bevölkerungsanteils. Daraus darfst du nicht schließen, dass genau 24,4 % aller Menschen persönlich vom Land in die Stadt gezogen sind: Auch Geburten, Sterbefälle und andere Wanderungen beeinflussen die Bevölkerungszahlen.
Grad bedeutet Zustand, Rate bedeutet Veränderung. Prozentpunkte verwendest du, wenn du zwei Prozentanteile voneinander abziehst.
Welche Formen kann Verstädterung annehmen?
Verstädterung ist nicht nur Bevölkerungswachstum. Vier Formen helfen dir, Beobachtungen genauer zuzuordnen.
Demographische Verstädterung
Demographisch bedeutet: die Bevölkerung betreffend. Diese Form liegt vor, wenn die Stadtbevölkerung oder ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung wächst.
Physiognomische Verstädterung
Physiognomisch bedeutet hier: am äußeren Erscheinungsbild erkennbar. Eine Siedlung wird dichter und höher bebaut, erhält einen stärker städtischen Baustil oder verliert Freiflächen.
Funktionale Verstädterung
Diese Form betrifft die Aufgaben und Nutzungen eines Raums. Industrialisierung und das Wachstum von Dienstleistungen können städtische Arbeitsplätze und Einrichtungen fördern.
Dabei kann es zur Funktionsentmischung kommen: Wohnen, Arbeiten, Einkaufen und Freizeit liegen nicht mehr eng beieinander, sondern verteilen sich auf getrennte Standorte.
Soziale Verstädterung
Städtische Verhaltensweisen und Lebensformen breiten sich auch außerhalb der Städte aus. Dazu können städtisch geprägte Konsum- oder Mobilitätsmuster gehören. Diese soziale Verstädterung wird in der hier verwendeten Einteilung als Urbanisierung bezeichnet.
Die Begriffe Verstädterung und Urbanisierung werden nicht in allen Darstellungen gleich verwendet. Für diese Seite gilt: Verstädterung ist der Oberbegriff für die verschiedenen Veränderungen; Urbanisierung bezeichnet besonders die Ausbreitung städtischer Lebensweisen.
Eine ehemals dörfliche Siedlung erhält mehrstöckige Gebäude und wird dichter bebaut. Das ist physiognomische Verstädterung.
Entstehen zugleich getrennte Wohn-, Gewerbe- und Einkaufsgebiete, zeigt sich funktionale Verstädterung.
Steigt zusätzlich der Anteil der Stadtbevölkerung, liegt demographische Verstädterung vor. Mehrere Formen können also gleichzeitig auftreten.
Warum ziehen Menschen vom Land in die Stadt?
Eine zentrale Ursache der Verstädterung ist die Landflucht, also die Abwanderung aus ländlichen Gebieten in Städte. Sie lässt sich mit Push- und Pull-Faktoren erklären.
Push- und Pull-Faktoren
Push-Faktoren sind Bedingungen, die Menschen von ihrem bisherigen Wohnort wegdrängen. Pull-Faktoren sind erwartete Vorteile, die einen Zielort anziehend machen.
Typische Push-Faktoren ländlicher Räume sind:
- fehlende Arbeitsplätze und niedrige Löhne,
- geringe medizinische Versorgung,
- wenige öffentliche Dienstleistungen,
- Armut oder fehlende Anbauflächen,
- Naturkatastrophen.
Mögliche Pull-Faktoren einer Stadt sind:
- Arbeits- und Ausbildungsplätze,
- die Aussicht auf höhere Löhne,
- bessere medizinische Versorgung,
- ein größeres Angebot öffentlicher Dienstleistungen.
In einem ländlichen Gebiet findet eine junge Erwachsene keine Ausbildungsstelle. Das ist ein Push-Faktor. In der nächsten Großstadt erwartet sie mehrere Ausbildungsangebote und eine bessere medizinische Versorgung. Das sind Pull-Faktoren.
Sie zieht in die Stadt. Wenn viele Menschen ähnlich entscheiden, wächst die Stadtbevölkerung und der Verstädterungsgrad kann steigen.
Push und Pull wirken oft zusammen: ungünstige Bedingungen auf dem Land plus erwartete Chancen in der Stadt führen zur Land-Stadt-Wanderung. Ein Pull-Faktor ist eine Erwartung; sie muss sich nach dem Umzug nicht immer erfüllen.
Welche Folgen hat schnelles Städtewachstum?
Verstädterung hat nicht automatisch nur negative Folgen. Städte können Arbeitsplätze, Ausbildung, medizinische Versorgung und weitere Dienstleistungen bündeln. Probleme entstehen besonders dann, wenn Bevölkerung und bebaute Fläche schneller wachsen als Wohnraum und Infrastruktur.
Infrastruktur umfasst Einrichtungen und Netze, die das tägliche Leben ermöglichen, etwa Wasserversorgung, Krankenhäuser, Straßen und öffentliche Verkehrsmittel.
Eine typische Wirkungskette lautet:
- Viele Menschen ziehen in kurzer Zeit in eine Stadt.
- Der Bedarf an Wohnungen, Wasser, Verkehr und Gesundheitsversorgung steigt.
- Der Ausbau der Infrastruktur hält nicht mit.
- Wohnraumnot und unzureichend versorgte Siedlungen können entstehen.
- Verkehrsbelastung, Luftverschmutzung sowie Hygiene- und Gesundheitsrisiken können zunehmen.
Weitere mögliche Folgen sind:
- informelle Siedlungen, die ohne ausreichende Planung und Versorgung entstehen,
- räumliche Trennung armer und reicher Bevölkerungsgruppen,
- Überlastung öffentlicher Verkehrsmittel und Straßen,
- Wasserknappheit,
- Alterung ländlicher Regionen, wenn vor allem jüngere Menschen fortziehen.
Hyperverstädterung
Von Hyperverstädterung spricht man, wenn Städte im Verhältnis zur wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklung überproportional wachsen. Arbeitsplätze, Wohnraum und Infrastruktur können dann besonders schwer mit dem Bevölkerungswachstum Schritt halten.
Eine Stadt gewinnt innerhalb kurzer Zeit viele Einwohnerinnen und Einwohner. Neue Arbeitsplätze entstehen jedoch nur langsam, und das Wasser- sowie Verkehrsnetz wird kaum erweitert.
Die Zuwanderung allein erklärt noch nicht alle Probleme. Entscheidend ist das Missverhältnis: Der Bedarf wächst schneller als Arbeitsplätze, Wohnraum und Infrastruktur. Dadurch können informelle Siedlungen, Arbeitslosigkeit und Versorgungsengpässe entstehen.
Karteikasten
Überlege zuerst selbst und drehe die Karte anschließend zum Prüfen um.
Alles auf einen Blick
- Verstädterung
- Messen: Verstädterungsgrad als Zustand und Verstädterungsrate als Veränderung
- Formen: demographisch, physiognomisch, funktional und sozial
- Ursache: Push- und Pull-Faktoren fördern Land-Stadt-Wanderung
- Chancen: Arbeitsplätze, Ausbildung, Versorgung und Dienstleistungen
- Belastungen: Wohnraumnot, Verkehrsprobleme, Umwelt- und Gesundheitsrisiken
- Entscheidung: Wachstum immer mit Infrastruktur und wirtschaftlicher Entwicklung vergleichen
Abschluss-Check
Du kannst Verstädterung sicher erklären, wenn du drei Fragen beantwortest: Was verändert sich? Warum verändert es sich? Hält die städtische Infrastruktur mit dieser Veränderung Schritt?
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