Historische Narration schreiben: Anleitung
Eine historische Narration erzählt nicht einfach eine spannende Geschichte. Du wählst belegte Informationen aus, ordnest sie zeitlich und sachlich und erklärst ihre Zusammenhänge. Dabei machst du deutlich, was belegt ist, was du daraus schließt und was offenbleibt.
Auf dieser Seite lernst du einen vollständigen Schreibweg kennen. Du prüfst außerdem, ob eine Erzählung einseitig, unbelegt oder anachronistisch ist.
Hake ab, was du schon kannst — und komm am Ende hierher zurück!
Von der historischen Frage zum Schreibplan
Bevor du schreibst, brauchst du eine historische Frage. Sie bestimmt, welche Informationen wichtig sind. Ohne Frage würdest du leicht nur Daten aneinanderreihen.
Eine geeignete Frage lautet zum Beispiel:
Welche Entwicklungen erhöhten 1989 den Druck auf die DDR-Führung und das Grenzregime?
Grenze anschließend Thema und Zeitraum ein. Sammle dann nur Befunde, die zur Frage beitragen.
Historische Narration
Eine historische Narration ist eine quellengebundene Darstellung, die vergangene Ereignisse auswählt, zeitlich ordnet und deutend miteinander verknüpft. Sie erhebt keinen Anspruch, die Vergangenheit unmittelbar wiederzugeben.
Ein Schreibplan kann vier Spalten enthalten:
| Befund | Bedeutung für die Frage | Gewissheit | Platz im Text |
|---|---|---|---|
| Ungarn baute ab Mai 1989 den Eisernen Vorhang ab. | Fluchtmöglichkeiten veränderten sich. | belegt | Ausgangslage |
| DDR-Flüchtlinge durften ab 11. September über Ungarn ausreisen. | Der äußere Druck auf die DDR nahm zu. | Befund und begründeter Schluss | Entwicklung |
| Montagsdemonstrationen fanden statt. | Unzufriedenheit wurde öffentlich sichtbar. | belegt und gedeutet | innerer Faktor |
| Die sowjetische Führung griff nicht ein. | Der politische Handlungsspielraum veränderte sich. | belegt und gedeutet | Rahmenbedingung |
Erst die historische Frage macht aus einer Materialsammlung einen begründeten Schreibplan.
Quellen und Darstellungen prüfen
Vergangenheit liegt dir nicht unmittelbar vor. Du arbeitest mit Quellen, Überresten und späteren Darstellungen. Deshalb musst du vor dem Schreiben prüfen, welchen Aussagewert dein Material für deine Frage besitzt.
Stelle zu jedem Material diese Fragen:
- Herkunft: Wer hat es wann und in welcher Situation erstellt?
- Gattung: Ist es etwa ein Brief, Tagebuch, Bild, Zeitungsbericht oder eine spätere Darstellung?
- Perspektive: Welchen Standpunkt und welche Interessen kann die Person haben?
- Aussagewert: Was lässt sich daraus für deine konkrete Frage entnehmen?
- Grenze: Was kann das Material nicht sicher beantworten?
Quelle
Eine Quelle ist ein aus der Vergangenheit überlieferter Gegenstand oder Text, aus dem du Informationen über diese Vergangenheit gewinnst. Ihr Aussagewert hängt von deiner Frage und von der Quellenkritik ab.
Ein Tagebucheintrag kann gut zeigen, wie eine Person ihren Alltag wahrnahm. Er beweist aber nicht automatisch, dass alle Menschen dieselbe Erfahrung machten. Die Perspektive ist wertvoll, muss jedoch begrenzt werden.
Mehrere Materialien können einander ergänzen oder widersprechen. Ein Widerspruch ist kein Grund, wahllos eine Version auszuwählen. Prüfe stattdessen Entstehungssituation, Kenntnismöglichkeiten, Absicht und weitere Befunde.
Befund, Schlussfolgerung und offene Frage trennen
Eine glaubwürdige Narration zeigt, wie sicher ihre Aussagen sind. Dafür unterscheidest du drei Ebenen.
Befund
Ein Befund ist eine Aussage, die sich direkt aus einem geprüften Material entnehmen lässt.
Schlussfolgerung
Eine Schlussfolgerung verbindet oder deutet Befunde. Sie muss logisch zu ihnen passen und darf nicht mehr behaupten, als die Materialien tragen.
Offene Frage
Eine offene Frage benennt, was sich mit dem vorhandenen Material nicht zuverlässig entscheiden lässt.
Passende Formulierungen helfen dir:
- Belegt: „Die Quelle nennt …“, „Der Bericht zeigt …“, „Am 11. September …“
- Begründeter Schluss: „Das spricht dafür …“, „Daraus lässt sich schließen …“, „Wahrscheinlich …“
- Unsicherheit: „Unklar bleibt …“, „Das Material erlaubt keine sichere Aussage darüber …“
Befund: Mehrere Rekonstruktionen jungsteinzeitlicher Häuser unterscheiden sich.
Schlussfolgerung: Die Unterschiede sprechen dafür, dass nicht alle Einzelheiten des Hausbaus sicher bekannt sind und verschiedene Lösungen als plausibel gelten können.
Offene Frage: Ohne weitere Befunde lässt sich nicht entscheiden, welche Rekonstruktion einem bestimmten Haus vollständig entspricht.
Wähle in jeder Lücke die passende Form und prüfe anschließend deine Antworten.
Eine direkt aus dem Material entnommene Aussage ist ein . Eine deutende Verbindung mehrerer Befunde heißt . Was das Material nicht zuverlässig klärt, kennzeichnest du als .
Zusammenhänge statt Datenketten erzählen
Eine Datenkette nennt nur, was nacheinander geschah. Eine historische Narration erklärt zusätzlich, wie Ereignisse miteinander zusammenhängen.
Nutze dafür vier Arten von Verknüpfungen:
- zeitlich: vorher, anschließend, gleichzeitig, im weiteren Verlauf;
- ursächlich: weil, dadurch, als Folge, unter der Bedingung;
- gegensätzlich: dagegen, dennoch, während;
- gewichtend: besonders wichtig, ein weiterer Faktor, kurzfristig, langfristig.
Verwechsle zeitliche Folge nicht mit Ursache. Dass Ereignis B nach Ereignis A geschah, beweist noch nicht, dass A allein B verursachte.
Monokausale Erzählung
Eine monokausale Erzählung führt eine komplexe Entwicklung auf genau eine Ursache zurück. Das ist problematisch, wenn mehrere Akteure, Bedingungen und Entwicklungen zusammenwirkten.
Zu kurz wäre: „Die Mauer fiel wegen der Montagsdemonstrationen.“
Differenzierter ist: „Die Montagsdemonstrationen machten den inneren Protest sichtbar. Zugleich eröffneten die Entwicklungen in Ungarn neue Fluchtmöglichkeiten, während die sowjetische Nichteinmischung den politischen Rahmen veränderte. Diese Faktoren erhöhten gemeinsam den Druck auf die DDR-Führung.“
Die zweite Fassung nennt mehrere Faktoren und beschreibt ihr Zusammenwirken. Sie behauptet nicht, ein einzelner Faktor habe die gesamte Entwicklung verursacht.
Perspektivisch schreiben, ohne etwas zu erfinden
Historische Narrationen haben immer eine Perspektive. Schon deine Frage, Auswahl und Gewichtung beeinflussen die Darstellung. Eine Perspektive ist deshalb nicht automatisch ein Fehler. Du musst sie jedoch erkennbar und überprüfbar machen.
Besonders vorsichtig musst du bei Ich-Erzählungen, Tagebüchern oder Briefen sein. Solche Formen dürfen keine unbelegten Gedanken, Gefühle oder Kenntnisse als Tatsachen ausgeben.
Historisch plausibel bedeutet nicht historisch belegt. Eine vorstellbare Einzelheit darf nicht heimlich zur Tatsache werden.
Prüfe eine perspektivische Erzählung mit vier Fragen:
- Konnte die Person das erwähnte Ereignis zu diesem Zeitpunkt kennen?
- Passen Sprache, Gegenstände und Vorstellungen in die Zeit?
- Sind Gedanken und Gefühle belegt oder deutlich als vorsichtige Annäherung formuliert?
- Werden andere zeitgenössische Perspektiven nicht fälschlich ausgeschlossen?
Anachronismus
Ein Anachronismus entsteht, wenn du Begriffe, Gegenstände, Wissen oder Denkweisen in eine Zeit versetzt, in die sie nicht passen.
Bezeichnet eine Erzählfigur aus der Altsteinzeit ihr Lager ohne Beleg als „Dorf“, kann das Vorstellungen späterer sesshafter Lebensweisen in eine frühere Zeit übertragen. Der Ausdruck muss geprüft oder durch eine materialnähere Beschreibung ersetzt werden.
Ein vollständiges Beispiel schreiben und überarbeiten
Die folgende Narration beantwortet die Frage nach mehreren Entwicklungen, die 1989 den Druck auf die DDR-Führung und das Grenzregime erhöhten.
Belegte Ausgangspunkte: Ungarn baute im Mai 1989 den Eisernen Vorhang ab und erlaubte DDR-Flüchtlingen ab dem 11. September die Ausreise. In der DDR fanden Montagsdemonstrationen statt. Die sowjetische Führung griff nicht ein. Auf der Pressekonferenz am 9. November las Günter Schabowski eine Regelung vor und verwendete die Formulierung „sofort und unverzüglich“.
Historische Narration: Im Jahr 1989 geriet die DDR-Führung durch Entwicklungen außerhalb und innerhalb des Landes zunehmend unter Druck. Der Abbau des Eisernen Vorhangs in Ungarn und die ab dem 11. September erlaubte Ausreise eröffneten DDR-Flüchtlingen einen Weg in den Westen. Gleichzeitig machten die Montagsdemonstrationen den Protest innerhalb der DDR öffentlich sichtbar. Die sowjetische Nichteinmischung veränderte zudem die politischen Rahmenbedingungen. Am 9. November verstärkte Schabowskis Formulierung „sofort und unverzüglich“ auf der Pressekonferenz die Dynamik an den Grenzen. Die Entwicklung lässt sich deshalb nicht überzeugend mit nur einer Ursache erklären. Mehrere Faktoren wirkten zusammen. Offen bleibt in einer solchen knappen Darstellung, wie stark jeder einzelne Faktor zu gewichten ist.
Der Text funktioniert, weil er:
- die Frage beantwortet;
- zeitliche Orientierung gibt;
- mehrere belegte Faktoren auswählt;
- Zusammenhänge vorsichtig formuliert;
- keine erfundenen Innenansichten verwendet;
- eine Grenze der eigenen Erklärung benennt.
Überarbeite deinen Entwurf anschließend in drei Durchgängen:
- Belege prüfen: Ist jede Tatsachenbehauptung durch das Material gedeckt?
- Zusammenhang prüfen: Erklärt der Text Beziehungen oder zählt er nur Daten auf?
- Grenzen prüfen: Sind Perspektive, Schlussfolgerungen und Unsicherheiten sichtbar?
Karteikasten
Überlege zuerst selbst und drehe die Karte anschließend zum Prüfen um.
Alles auf einen Blick
- Historische Narration
- Frage und Zeitraum festlegen
- Quellen nach Herkunft, Perspektive und Aussagewert prüfen
- Relevante Befunde auswählen
- Ereignisse zeitlich und sachlich verbinden
- Mehrere Faktoren gewichten
- Befund, Schlussfolgerung und offene Frage trennen
- Perspektive und Unsicherheit kennzeichnen
- Anachronismen und Erfindungen entfernen
Abschluss-Check
Prüfe zum Schluss deinen eigenen Text mit einer einzigen Leitfrage: Wie glaubwürdig ist meine Darstellung – und woran kann man das erkennen?
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