Kommunismus: Idee, Geschichte und Herrschaftspraxis
Kommunismus bezeichnet nicht nur eine Sache. Das Wort kann eine Gesellschaftsidee, eine politische Lehre, eine Bewegung oder die Herrschaft kommunistischer Parteien meinen. Deshalb musst du immer prüfen, auf welcher Ebene eine Aussage liegt.
Auf dieser Seite lernst du, die Grundideen des Kommunismus zu erklären, wichtige Strömungen zu unterscheiden und das Verhältnis zwischen theoretischem Anspruch und historischer Herrschaftspraxis zu beurteilen.
Hake ab, was du schon kannst — und komm am Ende hierher zurück!
Was bedeutet Kommunismus?
Das Wort Kommunismus geht auf das lateinische communis zurück. Es bedeutet „gemeinsam“ oder „gemeinschaftlich“.
Kommunismus
Kommunismus bezeichnet im engeren Sinn das Ziel einer klassenlosen Gesellschaft, in der wichtige Produktionsmittel gemeinschaftlich gehören und Güter gerecht verteilt werden. Im weiteren Sinn bezeichnet das Wort auch politische Lehren, Bewegungen, Parteien und von kommunistischen Parteien beherrschte Staaten.
Produktionsmittel sind Mittel, mit denen Menschen Güter herstellen: zum Beispiel Fabriken, Maschinen, Werkzeuge und landwirtschaftlich genutzter Boden. Marx kritisierte vor allem das Privateigentum an solchen Produktionsmitteln. Persönliche Gegenstände wie Kleidung sind damit nicht gemeint.
Drei Ebenen solltest du auseinanderhalten:
- Ideal: eine klassenlose Gesellschaft ohne Ausbeutung und große soziale Ungleichheit;
- politische Lehre und Bewegung: Vorstellungen und Organisationen, die dieses Ziel erreichen wollen;
- Herrschaftspraxis: politische und wirtschaftliche Ordnungen, die kommunistische Parteien im 20. Jahrhundert errichteten.
Eine Aussage über eine kommunistische Parteidiktatur beschreibt nicht automatisch jedes kommunistische Ideal. Umgekehrt beweist ein gerechtes Ideal noch nicht, dass seine politische Umsetzung gerecht war.
Warum entstand die moderne kommunistische Lehre?
Die moderne kommunistische Bewegung entwickelte sich im 19. Jahrhundert während der Industrialisierung. Fabriken und Maschinen steigerten die Produktion. Zugleich arbeiteten viele Menschen für niedrige Löhne, während Fabrik- und Kapitaleigentümer über die Produktionsmittel und einen großen Teil des erwirtschafteten Reichtums verfügten.
Karl Marx und Friedrich Engels deuteten diesen Konflikt als Gegensatz zweier Klassen:
- Das Proletariat besteht in ihrer Theorie aus Menschen, die keine eigenen Produktionsmittel besitzen und ihre Arbeitskraft verkaufen müssen.
- Die Bourgeoisie besitzt die Produktionsmittel und lässt Waren für den Verkauf herstellen.
Marx erklärte, dass die Beschäftigten mehr Wert erzeugten, als sie in Form von Lohn zurückerhielten. Den Unterschied bezeichnete er als Mehrwert. Darin sah er keine bloße Ungerechtigkeit einzelner Unternehmer, sondern ein Grundmerkmal des kapitalistischen Systems.
1848 veröffentlichten Marx und Engels das Manifest der Kommunistischen Partei. Sie forderten die Überwindung des Privateigentums an Produktionsmitteln und strebten eine klassenlose Gesellschaft an.
Eine Fabrik gehört einer Unternehmerin. Beschäftigte bedienen die Maschinen und stellen Waren her. Die Unternehmerin verkauft die Waren, bezahlt Löhne und behält nach Abzug der Kosten einen Gewinn.
Marx richtet den Blick nicht nur darauf, ob die Unternehmerin freundlich handelt. Er fragt, warum allein die Eigentümerin über Fabrik, Produktion und Gewinn entscheidet, obwohl viele Menschen gemeinsam produzieren. Seine Antwort lautet: Das Eigentum an den Produktionsmitteln schafft ein dauerhaftes Machtverhältnis zwischen Kapital und Arbeit.
Marx und Engels erwarteten einen Übergang:
Kapitalismus → politische Herrschaft der Arbeiterklasse → Vergesellschaftung der Produktionsmittel → Ende der Klassenunterschiede → kommunistische Gesellschaft
Die Übergangsordnung wurde später meist Sozialismus genannt. Die Begriffe Sozialismus und Kommunismus wurden historisch jedoch nicht immer einheitlich voneinander getrennt.
Wähle in jeder Lücke die passende Form und prüfe anschließend deine Antworten.
Das lateinische Wort communis bedeutet . Mittel zur Herstellung von Gütern heißen . In Marx’ Theorie verkauft das seine Arbeitskraft. Das angestrebte Endziel ist eine Gesellschaft.
Warum gibt es unterschiedliche kommunistische Strömungen?
Marx beschrieb die voll entwickelte kommunistische Gesellschaft nur in Grundzügen. Offen blieb unter anderem, wie der Übergang genau aussehen sollte. Daraus entstanden verschiedene Strömungen.
- Marxismus: geht von Klassenkonflikten im Kapitalismus aus und zielt auf die Aufhebung des privaten Eigentums an Produktionsmitteln.
- Leninismus: setzt auf eine zentral organisierte revolutionäre Partei, die die Staatsmacht erobert und eine sozialistische Übergangsordnung aufbaut.
- Stalinismus: bezeichnet die unter Josef Stalin ausgebaute zentralistische Einparteienherrschaft mit Zwangsindustrialisierung, Terror und Personenkult.
- Rätekommunismus: will politische und wirtschaftliche Entscheidungen durch Räte der Beschäftigten organisieren und lehnt den Führungsanspruch einer Partei ab.
- Kommunistischer Anarchismus: will Kapitalismus und Staat ohne vorübergehenden Arbeiterstaat abschaffen und durch selbstverwaltete Kommunen ersetzen.
- Euro- und Reformkommunismus: sucht parlamentarische Wege und grenzt sich von der sowjetischen Parteidiktatur ab.
Die Strömungen widersprechen sich besonders bei zwei Fragen: Soll eine revolutionäre Partei führen? Und soll ein Übergangsstaat zunächst mehr Macht erhalten oder der Staat unmittelbar durch Selbstverwaltung ersetzt werden?
Wie wurde aus der Idee staatliche Herrschaft?
Im 20. Jahrhundert beriefen sich zahlreiche Revolutionen und Staaten auf kommunistische Lehren. Viele dieser Staaten verstanden sich selbst als sozialistisch und betrachteten den Kommunismus als noch nicht erreichtes Endziel. Die Bezeichnung „kommunistischer Staat“ ist deshalb eine vereinfachende Kurzform für einen Staat unter kommunistischer Parteiherrschaft.
- 1848Marx und Engels veröffentlichen das Manifest der Kommunistischen Partei.
- 1871Die Pariser Kommune wird zu einem wichtigen Vorbild revolutionärer und rätekommunistischer Bewegungen.
- 1917Die Bolschewiki übernehmen in der russischen Oktoberrevolution die Macht.
- 1922Die Sowjetunion wird gegründet.
- 1949Nach dem Sieg der Kommunistischen Partei entsteht die Volksrepublik China.
- 1991Die Sowjetunion löst sich auf; die meisten europäischen realsozialistischen Systeme sind bereits zusammengebrochen.
In der Sowjetunion und vielen späteren realsozialistischen Staaten entstand eine Planwirtschaft. Staatliche Stellen legten fest, welche Güter in welchen Mengen produziert werden sollten. Fabriken befanden sich überwiegend in staatlichem Eigentum; private Unternehmen waren nicht oder nur eingeschränkt zugelassen.
Politisch entwickelte sich häufig eine Einparteienherrschaft. Opposition, freie Medien und unabhängige politische Organisationen wurden unterdrückt. Unter Stalin gehörten Terror, Zwangsumsiedlungen, Straflager und politische Säuberungen zur Herrschaftspraxis. Auch in anderen kommunistisch geführten Staaten kam es zu massiver Gewalt und schweren Menschenrechtsverletzungen.
China zeigt, warum einfache Schubladen nicht ausreichen: Die Kommunistische Partei behielt ihren politischen Machtanspruch, während die Wirtschaft seit den 1980er-Jahren zunehmend private und marktwirtschaftliche Elemente aufnahm.
Wie vergleichst du Anspruch und Wirklichkeit?
Ein begründetes Urteil beginnt nicht mit „gut“ oder „schlecht“. Untersuche zuerst, welche Ebene und welcher Zeitraum gemeint sind.
Nutze vier Prüffragen:
- Ziel: Welche Gesellschaft verspricht die Theorie?
- Mittel: Wie soll dieses Ziel erreicht werden – durch Wahlen, Revolution, Partei oder Räte?
- Macht: Wer darf entscheiden, widersprechen und die Führung kontrollieren?
- Ergebnis: Welche Folgen hatte die konkrete Ordnung für Freiheit, Gleichheit, Versorgung und Sicherheit?
Behauptung: „Weil die Produktionsmittel in der Sowjetunion dem Staat gehörten, war dort die kommunistische Gesellschaft verwirklicht.“
Prüfung: Staatseigentum war nach marxistischer Vorstellung nur ein möglicher Schritt der Übergangsphase. Das kommunistische Endziel sollte klassenlos sein; der Staat als Herrschaftsinstrument sollte seine Funktion verlieren. In der Sowjetunion bestanden dagegen ein mächtiger Staatsapparat, eine führende Partei und erhebliche politische Ungleichheit.
Urteil: Die Sowjetunion berief sich auf das kommunistische Ziel, verwirklichte aber nicht die von Marx nur grob entworfene klassen- und herrschaftsfreie Endgesellschaft. Zugleich darf diese begriffliche Unterscheidung die Verbrechen der sowjetischen Herrschaft nicht verharmlosen.
Vertiefung: Diktaturen vergleichen, ohne sie gleichzusetzen
Die Totalitarismustheorie vergleicht Diktaturen anhand von Merkmalen wie Einparteienherrschaft, verbindlicher Ideologie, Propaganda, Überwachung und Terror. Das kann gemeinsame Herrschaftstechniken sichtbar machen.
Ein solcher Vergleich hat Grenzen: Ähnliche Herrschaftsmittel bedeuten nicht, dass Ziele, gesellschaftliche Grundlagen, Entwicklung und Verbrechen zweier Systeme identisch waren. Ein sorgfältiger Vergleich nennt deshalb sowohl Gemeinsamkeiten als auch Unterschiede.
Vergleichen heißt nicht gleichsetzen. Ein historisches Urteil muss Kriterien, Gemeinsamkeiten, Unterschiede und Grenzen des Vergleichs offenlegen.
Karteikasten
Überlege zuerst selbst und drehe die Karte anschließend zum Prüfen um.
Alles auf einen Blick
- Kommunismus
- Ideal: gemeinschaftliches Eigentum, Gleichheit und klassenlose Gesellschaft
- Entstehung: Industrialisierung und soziale Konflikte des 19. Jahrhunderts
- Marxismus: Klassenkampf, Produktionsmittel und Überwindung des Kapitalismus
- Strömungen: unterschiedliche Vorstellungen von Partei, Staat und Demokratie
- Realsozialismus: Planwirtschaft und meist kommunistische Einparteienherrschaft
- Herrschaftspraxis: Unterdrückung, politische Gewalt und eingeschränkte Freiheit
- Urteil: Theorie, Mittel, Machtverteilung und Ergebnisse getrennt prüfen
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