Quellenanalyse Geschichte: Aufbau und Methode
Bei einer Quellenanalyse beschreibst du nicht nur, was in einer historischen Quelle steht. Du klärst ihre Entstehung, untersuchst Inhalt und Sprache, ordnest sie in den historischen Zusammenhang ein und beurteilst ihre Aussagekraft.
Auf dieser Seite lernst du ein Verfahren für schriftliche Quellen kennen. Bilder, Filme, Tonaufnahmen und Gegenstände benötigen teilweise andere Untersuchungsschritte.
Hake ab, was du schon kannst — und komm am Ende hierher zurück!
Die Quelle und ihre Entstehung bestimmen
Beginne mit der Frage: Wer äußert sich wann, wo, gegenüber wem und warum? Diese Angaben helfen dir, die Perspektive der Quelle zu verstehen.
Historische Quelle
Eine historische Quelle ist ein überliefertes Zeugnis, aus dem sich Kenntnisse über die Vergangenheit gewinnen lassen. Dazu gehören zum Beispiel Briefe, Tagebücher, Reden, Gesetze, Zeitungsartikel, Bilder, Karten und Gegenstände.
Im schulischen Zusammenhang wird häufig unterschieden:
- Eine Primärquelle enthält originale Informationen aus der untersuchten Zeit, etwa einen zeitgenössischen Brief oder eine Rede.
- Eine Sekundärquelle beschreibt, untersucht oder deutet Primärquellen, etwa ein historischer Fachartikel.
Für eine Schriftquelle hältst du zunächst diese Basisangaben fest:
- Quellen- oder Textart
- Verfasser
- Titel, falls vorhanden
- Entstehungszeit und Entstehungsort
- Thema
- Adressaten
- Anlass und vermutete Absicht
- Einordnung als Primär- oder Sekundärquelle
Nicht jede Angabe ist immer bekannt. Kennzeichne eine Lücke offen, statt eine Information zu erfinden.
John F. Kennedy sagte am 26. Juni 1963 als Präsident der USA in einer Rede vor dem Rathaus Schöneberg in West-Berlin: „Ich bin ein Berliner.“ Die Rede ist als Text und als Tonaufnahme überliefert.
Aus diesen Angaben lässt sich sicher festhalten: Es handelt sich um eine öffentliche politische Rede aus dem Jahr 1963. Der Redner ist John F. Kennedy. Zu den Adressaten gehören besonders die Menschen in Berlin; die Äußerung richtet sich zugleich an eine größere politische Öffentlichkeit.
Die Einleitung bestimmt damit zunächst die Quelle. Die genauere Deutung der Absicht muss anschließend am Wortlaut und am historischen Zusammenhang geprüft werden.
Quellenangaben sind noch keine fertige Analyse. Sie zeigen dir, aus welcher Situation und Perspektive die Aussagen stammen.
Den Inhalt in eigenen Worten erfassen
Bevor du deutest, musst du den Gedankengang verstehen. Gliedere den Text in Sinnabschnitte: Jeder Abschnitt enthält einen inhaltlichen Schritt, etwa eine Behauptung, eine Begründung oder einen Appell.
Gehe anschließend so vor:
- Formuliere das Thema in einem Satz.
- Bestimme die Kernaussage.
- Notiere die Teilgedanken in ihrer sinnvollen Reihenfolge.
- Gib sie knapp und in eigenen Worten wieder.
- Belege wichtige Aussagen mit einem kurzen Zitat oder einem Zeilenverweis, wenn Zeilen angegeben sind.
Schreibe die Analyse im Präsens. Eine Inhaltsangabe ist keine Abschrift und noch keine Bewertung.
Bei Kennedys Satz „Ich bin ein Berliner“ lautet eine knappe Wiedergabe nicht einfach noch einmal dasselbe Zitat. Du kannst den Gedanken in eigenen Worten ausdrücken:
Kennedy erklärt öffentlich seine Verbundenheit mit den Menschen in Berlin.
Damit ist der erkennbare Inhalt erfasst. Ob der Satz darüber hinaus Freiheit, westliche Solidarität oder eine politische Abgrenzung ausdrückt, muss im nächsten Schritt begründet werden.
Wähle in jeder Lücke die passende Form und prüfe anschließend deine Antworten.
Eine Inhaltsangabe steht im , verwendet überwiegend und ordnet den Text in .
Trenne drei Tätigkeiten: wiedergeben, was gesagt wird; untersuchen, wie und warum es gesagt wird; beurteilen, was die Quelle aussagen kann.
Sprache, Argumentation und Perspektive untersuchen
Nun fragst du nicht mehr nur: „Was steht dort?“, sondern auch: Wie versucht der Verfasser zu wirken?
Untersuche dazu:
- Behauptungen und Begründungen,
- Schlüsselbegriffe und auffällige Wortwahl,
- Vergleiche, Wiederholungen und Gegensätze,
- emotionale Appelle,
- angesprochene Gruppen und mögliche Feindbilder,
- ausdrücklich genannte und verschwiegene Aspekte.
Benenne ein sprachliches Mittel nicht bloß. Erkläre immer seine mögliche Funktion für die Adressaten und die Absicht des Verfassers.
Kennedys Formulierung „Ich bin ein Berliner“ setzt den Sprecher sprachlich mit den Berlinerinnen und Berlinern in Beziehung. Diese knappe Identifikation kann Verbundenheit und Solidarität ausdrücken.
Die Deutung folgt hier aus einer Textbeobachtung:
- Beobachtung: Kennedy verwendet die Ich-Form und bezeichnet sich als Berliner.
- Schlussfolgerung: Er stellt Nähe zu den Adressaten her und macht seine politische Haltung sichtbar.
Aus dem einzelnen Satz lässt sich dagegen nicht die gesamte Argumentation der Rede rekonstruieren. Dafür müsste der vollständige Wortlaut untersucht werden.
Perspektive
Die Perspektive ist der durch Rolle, Erfahrungen, Kenntnisse, Interessen und Situation geprägte Blick eines Verfassers. Eine Quelle kann deshalb wertvolle Informationen liefern und zugleich begrenzt sein.
Aussagen historisch einordnen
Der historische Kontext erklärt, warum eine Quelle gerade zu diesem Zeitpunkt in dieser Form entstand. Zähle dabei nicht alles auf, was du über eine Epoche weißt. Wähle nur Zusammenhänge aus, die eine Aussage, einen Begriff, den Anlass oder die Wirkung der Quelle verständlich machen.
Achte auf zwei Richtungen:
- Der innere Kontext betrifft die konkrete Situation zur Entstehungszeit.
- Der äußere Kontext umfasst relevante Entwicklungen davor und mögliche Wirkungen oder Folgen danach.
Verbinde Kontextwissen ausdrücklich mit der Quelle:
- Nenne den relevanten historischen Zusammenhang.
- Verweise auf eine passende Aussage der Quelle.
- Erkläre, wie der Zusammenhang diese Aussage verständlich macht.
Kennedys Rede entsteht 1963 in West-Berlin. Der Redner ist US-Präsident, und seine Aussage ist antikommunistisch geprägt. Vor diesem Hintergrund erhält die Selbstbezeichnung als Berliner politische Bedeutung: Sie zeigt Solidarität mit Berlin und dem Westen.
Eine bloße Aufzählung anderer Ereignisse des 20. Jahrhunderts würde die Analyse nicht verbessern. Entscheidend ist die Verbindung zwischen Entstehungssituation, Wortlaut und politischer Funktion.
Historischer Kontext ersetzt den Textbeleg nicht. Umgekehrt genügt auch ein Zitat allein nicht: Du musst erklären, was es im damaligen Zusammenhang bedeutet.
Aussagekraft beurteilen und die Analyse schreiben
Am Ende beantwortest du die Leitfrage und beurteilst, wofür die Quelle aussagekräftig ist und wo ihre Grenzen liegen.
Prüfe dafür:
- Welche Informationen liefert die Quelle?
- Welche Perspektive prägt sie?
- Welche Absicht verfolgt der Verfasser vermutlich?
- Welche Zielgruppe soll erreicht werden?
- Was wird nicht gesagt?
- Wie könnte die Quelle damals gewirkt haben?
- Welche Aussagen lassen sich nur eingeschränkt verallgemeinern?
Eine politische oder propagandistische Quelle ist nicht unbrauchbar. Sie kann zum Beispiel besonders aussagekräftig für ein politisches Weltbild, eine beabsichtigte Wirkung oder den Einsatz von Sprache sein. Sie ist aber kein neutrales Abbild der gesamten Wirklichkeit.
Sachurteil und Werturteil
Ein Sachurteil beurteilt eine Quelle oder einen historischen Zusammenhang anhand von Quellenbefunden und historischem Wissen. Ein Werturteil bewertet darauf aufbauend aus heutiger Sicht und nennt nachvollziehbare Maßstäbe. Es ist mehr als persönliches Gefallen oder Missfallen.
Ein möglicher Schreibplan
Einleitung
- Thema und Leitfrage
- Quellenart, Verfasser, Titel, Zeit und Ort
- Adressaten, Anlass und vermutete Absicht
Hauptteil
- Inhalt und Gedankengang in eigenen Worten
- Sprache, Argumentation, Perspektive und Intention
- Verbindung der Textaussagen mit dem historischen Kontext
Schluss
- Antwort auf die Leitfrage
- begründetes Sachurteil
- Aussagekraft und Aussagegrenzen
- Werturteil nur, wenn die Aufgabe es verlangt
Für Kennedys Satz lässt sich ein begrenztes Sachurteil formulieren:
Die Äußerung ist aussagekräftig für Kennedys öffentlich dargestellte Solidarität mit den Menschen in Berlin und für seine politische Position als US-Präsident. Der einzelne Satz reicht jedoch nicht aus, um die gesamte Argumentation, alle Ziele oder die tatsächliche Wirkung der Rede abschließend zu beurteilen. Dafür müsste die vollständige Rede untersucht werden.
Dieses Urteil nennt sowohl einen Erkenntniswert als auch eine Grenze.
Ein gutes Urteil lautet nicht nur „glaubwürdig“ oder „unglaubwürdig“. Es erklärt, für welche Frage eine Quelle wie aussagekräftig ist.
Karteikasten
Überlege zuerst selbst und drehe die Karte anschließend zum Prüfen um.
Alles auf einen Blick
- Quellenanalyse Geschichte
- Quelle bestimmen: Art, Verfasser, Zeit, Ort und Adressaten
- Inhalt erfassen: Thema, Kernaussage und Teilgedanken
- Darstellung untersuchen: Sprache, Argumentation und Absicht
- Kontext herstellen: relevante Ursachen, Situationen und Folgen
- Perspektive prüfen: Interessen, Wissen und Auslassungen
- Urteil bilden: Aussagekraft, Grenzen und Leitfrage
Abschluss-Check
Prüfe deine fertige Analyse zuletzt mit vier Fragen: Habe ich Textbelege verwendet? Habe ich nur relevanten Kontext ausgewählt? Trenne ich Beobachtung und Deutung? Nenne ich neben der Aussagekraft auch mindestens eine begründete Grenze?
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