Geschichte

Völkerwanderung: Ursachen, Verlauf und Folgen

Völkerwanderung: Ursachen, Verlauf und Folgen
Völkerwanderung: Ursachen, Verlauf und Folgen
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Die Völkerwanderung war kein gemeinsamer Zug geschlossener Völker. Zwischen etwa 375 und 568 bewegten sich unterschiedliche Gruppen, Flüchtlinge und Kriegerverbände. Zugleich schwächten Bürgerkriege, Machtkämpfe und Gebietsverluste das Weströmische Reich. Aus diesem Zusammenspiel entstanden neue Herrschaftsräume.

Deine Lernziele

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Was bedeutet Völkerwanderung?

Als Völkerwanderungszeit bezeichnet man üblicherweise den Zeitraum vom Vordringen hunnischer Verbände um 375 bis zum Einfall der Langobarden in Italien 568. Diese Grenzen sind eine spätere Einteilung und keine natürlichen Anfangs- und Endpunkte.

Definition

Völkerwanderung

Der Begriff fasst verschiedene Migrationen, Fluchtbewegungen, Kriegszüge, Ansiedlungen und Reichsbildungen der Spätantike zusammen. Er ist nützlich als Epochenname, kann aber fälschlich den Eindruck erwecken, vollständige und unveränderte Völker seien geschlossen durch Europa gezogen.

Viele Verbände bestanden vor allem aus Kriegern sowie einem unterschiedlich großen zivilen Anhang. Menschen und Teilgruppen konnten sich anschließen, abspalten oder ihre Zugehörigkeit wechseln. Eine Gruppe wie die Goten war deshalb keine biologisch einheitliche Abstammungsgemeinschaft.

Definition

Ethnogenese

Ethnogenese bedeutet die Entstehung und Veränderung einer gemeinsamen Gruppenidentität. Führung, gemeinsamer Militärdienst, Verträge, Erfolge, Niederlagen sowie die Aufnahme neuer Mitglieder konnten eine solche Identität formen.

Sprache, Kleidung, Grabbeigaben oder biologische Verwandtschaft reichen allein nicht aus, um die kulturelle Identität eines Menschen sicher zu bestimmen.

Merke

Nicht feste Völker wanderten auf vorgegebenen Wegen. Unterschiedliche und wandelbare Verbände bewegten sich aus verschiedenen Gründen.

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Frage 1 von 2LeichtWelche Aussage beschreibt die Völkerwanderung am treffendsten?
Lösung: Es handelte sich um verschiedene Bewegungen und politische Veränderungen über einen langen Zeitraum. — Der Epochenbegriff bündelt viele unterschiedliche Vorgänge. Es gab keinen gemeinsamen Plan aller beteiligten Gruppen.
Frage 2 von 2MittelWarum beweist ein Grab mit bestimmten Waffen keine eindeutige Volkszugehörigkeit?
Lösung: Gegenstände und kulturelle Identität lassen sich nicht automatisch gleichsetzen. — Identität entstand sozial und politisch. Archäologische Funde müssen deshalb zusammen mit weiteren Befunden untersucht werden.
Warum geriet Westrom in die Krise?

Seit 395 wurde das Römische Reich dauerhaft von einem westlichen und einem östlichen Kaiserhof regiert, obwohl die Vorstellung eines gemeinsamen Reiches fortbestand. Vor allem Westrom verlor im 5. Jahrhundert zunehmend die Kontrolle. Ostrom mit der Hauptstadt Konstantinopel bestand dagegen fort.

Äußerer Druck spielte eine wichtige Rolle. Um 375 besiegten hunnische Verbände Alanen und Teile der Goten. Dadurch entstanden Flucht- und Verdrängungsbewegungen. Herkunft und genaue Zusammensetzung der Hunnen sind jedoch nicht sicher geklärt.

Die Bewegungen trafen auf innere Probleme Westroms:

  1. Bürgerkriege banden und vernichteten römische Truppen.
  2. Grenzen und Provinzen wurden schlechter geschützt.
  3. Römische Machthaber warben reichsfremde Krieger für ihre Konflikte an.
  4. Provinzverluste verringerten Steuern und Versorgung.
  5. Westrom konnte Soldaten und verbündete Verbände immer schlechter bezahlen und kontrollieren.
Definition

Föderaten

Föderaten waren Verbände, die aufgrund eines Vertrags für Rom kämpften. Dafür erhielten sie beispielsweise Versorgung, Geld oder Siedlungsmöglichkeiten. Sie blieben häufig unter eigenen Anführern organisiert.

Das System konnte beiden Seiten nützen. Rom erhielt Soldaten, während die Verbände eine Lebensgrundlage bekamen. Gefährlich wurde es, wenn die Regierung ihre Verpflichtungen nicht mehr erfüllen und die selbstständigen Verbände nicht mehr kontrollieren konnte.

Beispiel

Warum war der Verlust Nordafrikas so schwerwiegend?

439 eroberten die Vandalen Karthago. Damit verlor Westrom einen besonders reichen Teil seines Herrschaftsgebiets.

Der Zusammenhang lautet:

Provinzverlust → weniger Steuereinnahmen und Getreide → weniger reguläre Truppen → stärkere Abhängigkeit von Föderaten → noch weniger Kontrolle

Nicht die Herkunft der Soldaten verursachte diese Spirale. Entscheidend waren fehlende Einnahmen, ausbleibender Sold, Bürgerkriege und der Verlust staatlicher Handlungsfähigkeit.

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Frage 1 von 2MittelWelche Folge passt unmittelbar zum Verlust einer reichen Provinz?
Lösung: Der Staat nahm weniger Steuern ein und konnte weniger eigene Truppen unterhalten. — Provinzen lieferten Steuern, Getreide und Soldaten. Ihr Verlust schwächte daher besonders die militärische Handlungsfähigkeit Westroms.
Frage 2 von 2SchwerEin Kriegerverband wird von Rom angesiedelt und bezahlt. Später bleibt der Sold aus. Welche Entwicklung ist am ehesten zu erwarten?
Lösung: Der Verband kann eigenständiger handeln und unter seinem Anführer lokale Herrschaft übernehmen. — Als die Zentralregierung schwächer wurde, konnten militärische Anführer Machtlücken füllen und eigene Herrschaftsräume aufbauen.
Welche Ereignisse veränderten die Lage?

Die folgende Zeitleiste zeigt wichtige Wendepunkte. Sie ist kein vollständiger Reiseweg eines einzigen Volkes.

Zeitstrahl
  1. 375/376Hunnische Verbände besiegen Alanen und Teile der Goten; Fluchtbewegungen setzen ein.
  2. 376Kaiser Valens erlaubt gotischen Flüchtlingen die Überquerung der Donau.
  3. 378Nach schlechter Versorgung und einem Aufstand besiegen gotische und verbündete Truppen die Römer bei Adrianopel; Valens fällt.
  4. 382Ein Vertrag siedelt gotische Gruppen auf römischem Gebiet an und verpflichtet sie zum Kriegsdienst.
  5. 406/407Vandalen, Sueben und Alanen überschreiten den Rhein und ziehen durch das geschwächte Gallien.
  6. 410Alarichs Verband plündert Rom nach gescheiterten Verhandlungen über Versorgung und Anerkennung.
  7. 439Die Vandalen erobern Karthago und entziehen Westrom eine wichtige Steuer- und Versorgungsgrundlage.
  8. 451Ein Bündnis unter Aëtius zwingt Attila nach der Schlacht auf den Katalaunischen Feldern zum Rückzug.
  9. 476Odoaker setzt Romulus Augustulus ab und lässt keinen neuen Westkaiser ausrufen.
  10. 568Langobardische Verbände dringen in Italien ein; das Datum gilt traditionell als Ende der Epoche.

Das Beispiel von 376 bis 382

376 suchten mehrere Tausend gotische Flüchtlinge Schutz im Römischen Reich. Die römische Verwaltung unterschätzte ihre Zahl, versorgte sie schlecht und behandelte sie missbräuchlich. Aus einer zunächst erlaubten Aufnahme entstand ein Aufstand.

378 erlitt das römische Heer bei Adrianopel eine schwere Niederlage. Diese Schlacht war bedeutend, aber nicht automatisch der Anfang eines unvermeidbaren Reichsuntergangs: Die betroffene oströmische Armee erholte sich später, und Ostrom bestand weiter.

382 schloss Kaiser Theodosius I. einen Vertrag mit gotischen Gruppen. Sie wurden auf römischem Gebiet angesiedelt und sollten Militärdienst leisten. Das zeigt zugleich römische Schwäche und die weiterhin vorhandene Fähigkeit zur Integration.

Lückentext

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Die Aufnahme gotischer Flüchtlinge begann im Jahr . Die schwere römische Niederlage bei Adrianopel folgte . Der maßgebliche Gotenvertrag wurde geschlossen.

Lösungen: Lücke 1: 376; Lücke 2: 378; Lücke 3: 382. Entscheidend ist der Ablauf: Aufnahme 376, Aufstand und Schlacht 378, vertragliche Regelung 382.
Wie entstanden neue Reiche?

Als Westrom Provinzen und Autorität verlor, übernahmen militärische Anführer regionale Herrschaft. Ihre Verbände bildeten meist nur eine Minderheit gegenüber der romanischen Bevölkerung.

Definition

Poströmisches Reich

Ein poströmisches Reich entstand auf ehemals weströmischem Gebiet, verband aber neue militärische Herrschaft mit Teilen römischer Verwaltung, römischem Recht und der Zusammenarbeit lokaler Eliten. Der lateinische Ausdruck dafür lautet regnum, Mehrzahl regna.

Reich oder GruppeHerrschaftsraumKennzeichen
Westgotenzunächst Aquitanien, später vor allem Hispanienaus einer römischen Ansiedlung entwickelte sich schrittweise ein eigenständiges Reich
VandalenNordafrika und westliche Mittelmeerinselndie Einnahme Karthagos machte sie zur Seemacht und schwächte Westrom stark
OstgotenItalienTheoderich verband gotische Militärorganisation mit römischer Verwaltung
Frankengroße Teile Galliensihr Reich blieb besonders dauerhaft und arbeitete eng mit gallorömischen Eliten zusammen
AngelsachsenTeile Britanniensdort gingen römische Verwaltung, städtisches Leben und lateinische Schriftlichkeit besonders stark zurück
LangobardenTeile Italiensihr Einfall von 568 führte zu einer neuen, zunächst lockeren Herrschaft
Beispiel

Theoderich in Italien

Der oströmische Kaiser beauftragte Theoderich 488, gegen Odoaker zu ziehen. Nach dem Sieg herrschte Theoderich in Italien. Das gotische Heer blieb eigenständig, während römische Amtsträger und der Senat weiter wichtige Aufgaben erfüllten.

Das Beispiel passt weder zu einer einfachen Eroberung noch zu einem völlig friedlichen Übergang: Theoderich gewann die Macht durch Krieg, nutzte danach aber römische Strukturen.

Religion konnte das Zusammenleben beeinflussen. Viele Kriegerverbände waren arianische Christen. Der Arianismus war eine christliche Glaubensrichtung, die vom Glauben der katholischen Bevölkerungsmehrheit abwich. Der Übertritt zum katholischen Christentum erleichterte beispielsweise den Franken die Zusammenarbeit mit der gallorömischen Bevölkerung. Religion war jedoch nicht die einzige Ursache für Erfolg oder Scheitern eines Reiches.

Merke

Die neuen Reiche ersetzten die römische Welt nicht vollständig. Sie verbanden militärische Macht, römische Einrichtungen und lokale Zusammenarbeit auf unterschiedliche Weise.

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Frage 1 von 3LeichtWelche Einrichtung konnte in einem poströmischen Reich fortbestehen?
Lösung: Die römische Verwaltung — Viele neue Herrscher übernahmen vorhandene römische Strukturen, weil diese für Verwaltung und Legitimation nützlich waren.
Frage 2 von 3MittelWelche Zuordnung von Reich und Herrschaftsraum ist richtig?
Lösung: Vandalen – Nordafrika — Die Vandalen herrschten in Nordafrika. Die Westgoten lebten zunächst in Aquitanien und später vor allem in Hispanien, die Franken in großen Teilen Galliens.
Frage 3 von 3SchwerWarum ist Britannien ein besonderer Fall?
Lösung: Dort brachen städtisches Leben, lateinische Schriftlichkeit und römische Verwaltungsstrukturen besonders stark ein. — Im Vergleich zu vielen Gebieten Galliens oder Italiens erlebte Britannien einen besonders tiefen Bruch mit der römischen Ordnung.
War 476 der Untergang Roms?

476 setzte Odoaker den jungen Kaiser Romulus Augustulus ab. Dieses Datum gilt häufig als Ende des Weströmischen Reiches. Für die Zeitgenossen war der Einschnitt jedoch weniger eindeutig, als das Datum heute wirkt.

  • Odoaker regierte Italien als König, nutzte aber auch römische Amtstraditionen.
  • Senat, Hof und Teile der Verwaltung bestanden weiter.
  • Julius Nepos blieb bis 480 der offiziell anerkannte Westkaiser.
  • Der Kaiser in Konstantinopel erhob weiterhin Anspruch auf das gesamte Römische Reich.
  • Das Oströmische Reich bestand noch viele Jahrhunderte fort.

Deshalb bezeichnet 476 einen wichtigen institutionellen Übergang, aber keinen Tag, an dem römische Kultur, Verwaltung und Identität plötzlich verschwanden.

Bruch und Fortbestand zusammen beurteilen

Der Übergang hatte zwei Seiten:

Fortbestand: Römisches Recht, Ämter, lateinische Sprache, christliche Kirche und die Zusammenarbeit mit römischen Eliten wirkten in vielen Reichen weiter.

Bruch: Kriege, Plünderungen und der Verlust staatlicher Strukturen führten regional zu Unsicherheit, wirtschaftlichem Niedergang und schrumpfenden Städten. Besonders stark waren diese Veränderungen in Britannien und Teilen des Donauraums.

Gut zu wissen

Historische Deutungen müssen beide Seiten prüfen. Die Aussage „Alles blieb römisch“ unterschätzt Gewalt und Verluste. Die Aussage „476 verschwand Rom vollständig“ übersieht zahlreiche Kontinuitäten und das Fortbestehen Ostroms.

Auch moderne Ereignisse lassen sich nicht einfach mit der Völkerwanderung gleichsetzen. Ein sinnvoller historischer Vergleich benötigt klar bestimmte Fälle, gemeinsame Kriterien und Wissen über beide historischen Situationen. Eine bloße Ähnlichkeit beim Wort Migration reicht nicht aus.

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Frage 1 von 2MittelWelche Beurteilung des Jahres 476 ist am besten begründet?
Lösung: Es war ein wichtiger politischer Übergang, während viele römische Strukturen fortbestanden. — 476 endete die Herrschaft Romulus Augustulus’, nicht aber jede Form römischer Staatlichkeit und Kultur.
Frage 2 von 2SchwerEine Darstellung erklärt Westroms Ende nur mit einfallenden Germanen. Was fehlt ihr vor allem?
Lösung: Die Rolle von Bürgerkriegen, Steuerverlusten, römischen Bündnissen und politischen Machtkämpfen — Äußere Bewegungen und innere Desintegration wirkten zusammen. Eine Erklärung mit nur einer Ursache greift zu kurz.
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Alles auf einen Blick
Mindmap
  • Völkerwanderung
    • wandelbare Gruppen und verschiedene Motive
    • hunnischer Druck und weitere Bewegungen
    • Bürgerkriege und Machtkämpfe in Westrom
    • Provinzverlust und sinkende Steuereinnahmen
    • Föderaten, Verträge und Ansiedlungen
    • poströmische Reiche auf römischer Grundlage
    • Gewalt und materieller Niedergang
    • Fortbestand römischer Strukturen
Abschluss-Check
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Frage 1 von 5LeichtWarum steht der Begriff Völkerwanderung häufig in gedanklichen Anführungszeichen?
Lösung: Er kann fälschlich feste, geschlossen wandernde Völker suggerieren. — Migrationen fanden statt, aber die beteiligten Gruppen waren vielfältig und veränderlich.
Frage 2 von 5MittelOrdne die Ereignisse richtig: Aufnahme der Goten, Adrianopel, Gotenvertrag.
Lösung: 376 – 378 – 382 — Auf die Aufnahme 376 folgten die Niederlage bei Adrianopel 378 und der Vertrag von 382.
Frage 3 von 5MittelWarum konnte der Verlust Karthagos Westrom militärisch schwächen?
Lösung: Fehlende Steuern und Versorgung erschwerten die Finanzierung regulärer Truppen. — Staatliche Einnahmen, Versorgung und militärische Handlungsfähigkeit hingen eng zusammen.
Frage 4 von 5SchwerWelche Erklärung verbindet äußere und innere Ursachen sinnvoll?
Lösung: Bewegliche Verbände trafen auf ein durch Bürgerkriege, Provinzverluste und Finanzprobleme geschwächtes Westrom. — Die Veränderungen entstanden aus dem Zusammenspiel von Migration, Krieg, römischen Machtkämpfen und schwindender staatlicher Kontrolle.
Frage 5 von 5SchwerWelche Schlussfolgerung passt zu Theoderich und Odoaker?
Lösung: Römische und germanische Rollen konnten sich überschneiden, und neue Herrscher nutzten römische Traditionen. — Die Kategorien römisch und germanisch waren politisch und kulturell nicht immer klare Gegensätze.

Du hast das Thema verstanden, wenn du die Völkerwanderung nicht als einfachen Zug fester Völker beschreibst, sondern äußere Bewegungen, innere Krisen Westroms und die Entstehung poströmischer Reiche miteinander verbindest.

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