Werturteil in Geschichte: begründet bewerten
Ein historisches Werturteil bewertet vergangene Handlungen, Ereignisse oder Prozesse aus heutiger Sicht. Es nennt den verwendeten Wertmaßstab offen, stützt sich auf ein Sachurteil und begründet die eigene Position. Eine bloße Meinung wie „Ich finde das schlecht“ reicht nicht.
Hake ab, was du schon kannst — und komm am Ende hierher zurück!
Woran erkennst du ein Werturteil?
Ein Werturteil beantwortet eine Frage wie: Ist eine historische Handlung nach einem ausdrücklich genannten heutigen Maßstab zu rechtfertigen? Es bezieht sich auf Personen, Ereignisse oder Entwicklungen der Geschichte, urteilt aber aus der Gegenwart.
Werturteil
Ein historisches Werturteil ist eine begründete Bewertung vergangener Handlungen, Ereignisse oder Prozesse anhand offengelegter heutiger Werte, Normen oder Maßstäbe, zum Beispiel Menschenwürde, Menschenrechte oder Gerechtigkeit.
Ein Sachurteil leistet etwas anderes: Es ordnet das Geschehen in seinen damaligen historischen Zusammenhang ein und verbindet überprüfbare Befunde zu einer begründeten Aussage. Ein Werturteil baut darauf auf. Es ersetzt das Sachurteil nicht.
| Sachurteil | Werturteil |
|---|---|
| fragt nach Bedeutung, Ursachen, Folgen oder Handlungsmöglichkeiten im historischen Kontext | fragt nach einer begründeten Bewertung aus heutiger Sicht |
| arbeitet mit Quellen, Kontext und fachlichen Kriterien | nennt zusätzlich einen heutigen Wertmaßstab |
| soll sachlich nachvollziehbar sein | enthält eine eigene, aber begründungspflichtige Position |
Ein Werturteil ist persönlich, aber nicht beliebig: Faktenbasis, Maßstab und Schlussfolgerung müssen zusammenpassen.
Wie entsteht ein tragfähiges Werturteil?
Du gehst in drei aufeinander aufbauenden Schritten vor:
- Sachanalyse: Untersuche Inhalt, Urheber, Adressat, Zeitpunkt, Absicht und Entstehungsbedingungen der Quelle. Ordne sie in den historischen Kontext ein.
- Sachurteil: Verbinde die Befunde zu einer begründeten Aussage über damalige Ursachen, Bedeutung, Folgen oder Handlungsmöglichkeiten.
- Werturteil: Nenne einen heutigen Maßstab, wende ihn auf das Sachurteil an und formuliere eine begründete Position.
Die Reihenfolge schützt vor einem typischen Fehler: Vergangenes Handeln nur mit heutigen Vorstellungen zu erklären. Heutige Werte gehören in die Bewertung. Um zu verstehen, warum Menschen damals handelten, brauchst du zuerst den damaligen Kontext.
Leitfrage: „Ist die Entscheidung einer historischen Person aus heutiger Sicht zu rechtfertigen?“
Ein vollständiger Denkweg sieht so aus:
- Ich kläre, welche Handlungsmöglichkeiten und Bedingungen damals bestanden.
- Ich formuliere daraus ein Sachurteil.
- Ich lege fest, nach welchem heutigen Wert ich bewerte.
- Ich verknüpfe Maßstab und Befund: „Gemessen an … ist …, weil …“
- Ich prüfe, ob ein Gegenargument mein Urteil einschränkt.
Welche Kriterien machen dein Urteil überzeugend?
Prüfe dein Werturteil an vier Fragen:
- Aufgabenbezug: Beantwortet dein Urteil genau die Leitfrage?
- Sachgrundlage: Beruht es auf einer analysierten Quelle und einem begründeten Sachurteil?
- Maßstab: Nennst und erklärst du den heutigen Wert, nach dem du urteilst?
- Folgerichtigkeit: Zeigst du, wie die Befunde zu deiner Bewertung führen?
Auch die Wortwahl zählt. Wörter können bereits Zustimmung oder Ablehnung ausdrücken. Deshalb ist die Grenze zwischen Sach- und Werturteil nicht immer scharf. Kennzeichne Bewertungen bewusst und schreibe Unsicherheiten offen aus.
Ein Wertmaßstab ist kein Etikett, das du nur erwähnst. Wenn du etwa Menschenrechte nennst, musst du erklären, welcher Befund mit diesem Maßstab vereinbar ist oder ihm widerspricht.
Die Aufgabenformulierung bestimmt die Leistung. In einem verbreiteten Prüfungsschema verlangt beurteilen ein begründetes Sachurteil ohne persönlichen Wertebezug. Bewerten verlangt zusätzlich ein Werturteil mit offengelegten eigenen Maßstäben. Lies die konkrete Aufgabe genau, denn die verlangte Form kann vom Prüfungskontext abhängen.
Wie formulierst und prüfst du dein Urteil?
Nutze Formulierungshilfen als Gerüst, nicht als Ersatz für Argumente:
- „Aus heutiger Sicht ist … gemessen an … zu bewerten.“
- „Für diese Bewertung spricht der Befund, dass …“
- „Dagegen lässt sich einwenden, dass …“
- „Dieses Gegenargument verändert mein Urteil nicht / teilweise / deutlich, weil …“
- „Insgesamt komme ich zu dem Urteil, dass …“
Ausgangsaussage zur Revolution von 1848/49: Der preußische König Friedrich Wilhelm IV. lehnte die von der Frankfurter Nationalversammlung angebotene Krone ab.
Sachurteil: Die Ablehnung trug zum Scheitern der Revolution bei, weil damit ein politisches Vorhaben der Nationalversammlung nicht verwirklicht wurde.
Wertmaßstab: demokratische Mitbestimmung.
Werturteil: Aus heutiger Sicht ist die Ablehnung gemessen an demokratischer Mitbestimmung kritisch zu bewerten, weil sie das Vorhaben der Nationalversammlung zurückwies.
Gegenargument: Ein heutiger Wertmaßstab allein erklärt jedoch nicht, warum Friedrich Wilhelm IV. damals so entschied. Dafür müssen seine damaligen Handlungsmöglichkeiten und der politische Kontext berücksichtigt werden.
Präzisierung: Das Gegenargument widerlegt die heutige Bewertung nicht. Es begrenzt aber, was aus ihr folgt: Sie bewertet die Entscheidung nach einem heutigen Maßstab, erklärt jedoch nicht die damaligen Beweggründe. Diese gehören in das Sachurteil.
Das Beispiel trennt drei Ebenen: den belegten Befund, die historische Einordnung und die heutige Bewertung. Genau diese Trennung macht den Gedankengang nachvollziehbar.
Karteikasten
Überlege zuerst selbst und drehe die Karte anschließend zum Prüfen um.
Alles auf einen Blick
- Historisches Werturteil
- Grundlage: Sachanalyse und historischer Kontext
- Vorstufe: begründetes Sachurteil
- Maßstab: heutige Werte und Normen offenlegen
- Argumentation: Befund, Maßstab und Folgerung verbinden
- Reflexion: Gegenargument prüfen und Urteil präzisieren
- Ergebnis: auf die Leitfrage bezogene Stellungnahme
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