Zeitzeugeninterview planen und auswerten
Ein Zeitzeugeninterview hält persönliche Erinnerungen an vergangene Ereignisse fest. Dadurch entsteht eine historische Quelle, die anschaulich und wertvoll, aber immer perspektivisch ist. Du lernst hier, ein Interview vorzubereiten, sicher durchzuführen und kritisch auszuwerten.
Hake ab, was du schon kannst — und komm am Ende hierher zurück!
Was macht ein Zeitzeugeninterview zur historischen Quelle?
Zeitzeuginnen und Zeitzeugen berichten von Ereignissen, die sie selbst erlebt oder wahrgenommen haben. Ihre Erzählungen zeigen, wie einzelne Menschen historische Entwicklungen erfahren und später gedeutet haben.
Zeitzeugeninterview
Ein Zeitzeugeninterview ist ein geplantes Gespräch, in dem eine Person ihre persönlichen Erinnerungen an eine vergangene Zeit oder ein historisches Ereignis schildert. Durch die Aufzeichnung und Dokumentation des Gesprächs entsteht eine historische Quelle.
Eine solche Erzählung ist subjektiv: Sie zeigt den Blickwinkel einer bestimmten Person. Themenauswahl, Erinnerungslücken, spätere Erfahrungen und heutige Bewertungen können beeinflussen, was und wie erzählt wird.
Subjektiv bedeutet deshalb nicht automatisch falsch. Es bedeutet, dass du die Perspektive und die Entstehungssituation der Quelle mituntersuchen musst.
Ein Zeitzeugeninterview zeigt nicht einfach „die Vergangenheit“. Es zeigt, wie ein Mensch Vergangenheit erlebt, erinnert und deutet.
Eine Person erzählt ausführlich von ihrem ersten Schultag nach einem Krieg, erwähnt die politische Lage aber kaum. Daraus darfst du nicht schließen, dass Politik damals unwichtig war. Du kannst zunächst feststellen: Die Person setzt einen persönlichen Schwerpunkt. Danach prüfst du, welche Themen fehlen und wodurch diese Auswahl beeinflusst sein könnte.
Wie bereitest du das Interview vor?
Eine gute Befragung beginnt lange vor dem eigentlichen Gespräch. Du brauchst eine geeignete Person, ein eingegrenztes Thema, historisches Grundwissen und einen Arbeitsplan.
Eine geeignete Person finden
Die Person sollte Wissen über die behandelte Zeit besitzen, Fragen zulassen und auf die Gesprächssituation eingehen können. Mögliche Kontakte findest du etwa im Verwandten- und Bekanntenkreis, in der Schule oder Nachbarschaft sowie über Altersheime, Archive und Museen. Fotoalben können Erinnerungen anregen.
Ein kurzes Vorgespräch hilft beiden Seiten, Thema, Erwartungen und Schwerpunkte abzustimmen.
Thema und Ablauf festlegen
Grenze ein Leitthema ein und zerlege es in überschaubare Schwerpunkte. Plane außerdem Raum, Termine, Teilnehmende, Aufnahmegeräte und die Sicherung der Aufzeichnung. In einer größeren Gruppe können die Aufgaben verteilt werden.
Das allgemeine Thema „Jugend früher“ ist sehr weit. Ein klareres Leitthema wäre „Schulalltag in den ersten Nachkriegsjahren“. Passende Schwerpunkte sind dann etwa Unterricht, Schulweg und persönliche Erlebnisse. So bleiben die Fragen auf den untersuchten Zeitraum bezogen.
Leitfragen formulieren und üben
Leitfragen geben dem Gespräch eine Richtung, ohne jede Antwort vorzugeben. Fragen zur Person und Familie können nach vorheriger Absprache hinzukommen. In einem Rollenspiel kannst du Gesprächsführung, Fragetechnik, Interviewkarten und die Dokumentation erproben.
Historisches Grundwissen hilft dir, Aussagen zeitlich einzuordnen und sinnvoll nachzufragen. Eine knappe Einführung in den historischen Hintergrund gehört später auch zur Präsentation des Projekts.
Wie führst und dokumentierst du das Gespräch?
Lege Interviewort und Teilnehmende vorher fest. Die befragte Person erhält eine schriftliche Einladung. Die eigentliche Interviewgruppe sollte höchstens fünf bis sechs Schülerinnen und Schüler umfassen. Weitere Personen können als Technikteam die Audio- oder Videoaufnahme und Fotos übernehmen.
Bevor ihr Ton, Video oder Fotos aufnehmt, erklärt ihr der befragten Person verständlich, wofür die Aufnahmen gedacht sind, wer sie sehen oder hören kann und ob etwas veröffentlicht werden soll. Holt dafür eine eindeutige Zustimmung ein. Ohne Zustimmung nehmt ihr nicht auf und veröffentlicht nichts. Persönliche Grenzen gelten auch während des Gesprächs: Die Person darf eine Frage unbeantwortet lassen oder eine Pause verlangen.
Während des Gesprächs orientierst du dich an deinen Leitfragen und hörst aufmerksam zu. Für die spätere Auswertung brauchst du eine nachvollziehbare Dokumentation, etwa ein Verlaufsprotokoll, ergänzt durch Fotos oder eine Audio- beziehungsweise Videoaufnahme.
Achte darauf, dass auch die Interviewführung die Quelle beeinflusst: Fragen, Reaktionen und Gesprächsverlauf können Schwerpunkte setzen. Bei einer Videoaufnahme prägen außerdem Beleuchtung und Kameraführung die Wirkung.
Eine Klasse arbeitet arbeitsteilig: Vier Personen führen das Gespräch, zwei bedienen nach erteilter Zustimmung die Aufnahmegeräte und eine weitere Person erstellt ein Verlaufsprotokoll. So bleibt die Interviewgruppe überschaubar, während das Gespräch aus mehreren Blickwinkeln dokumentiert wird.
Wie wertest du das Interview quellenkritisch aus?
Halte zuerst deinen unmittelbaren Eindruck fest. Danach untersuchst du systematisch verschiedene Ebenen. Trenne dabei das berichtete Erlebnis von späteren Kommentaren und Bewertungen.
Inhalt und Auswahl
Frage dich:
- Über welche Themen spricht die Person?
- Welche Schwerpunkte setzt sie?
- Wo erkennst du Lücken oder ausgelassene Aspekte?
- Was sind die Kernaussagen?
Erzählung und nachträgliche Deutung
Unterscheide zwischen der Schilderung eines Erlebnisses und seiner heutigen Bewertung. Achte auf gezogene Lehren, Vergleiche mit anderen Ereignissen und nachträglich hergestellte Zusammenhänge.
Sprache, Stimme und Körpersprache
Untersuche Dialekt, Umgangs- oder Hochsprache, Satzbau und auffällige Wörter. Auch Zitate, Sprichwörter und Metaphern können die Wirkung prägen.
Bei einer Aufnahme können Gestik, Mimik und Sprachmelodie zusätzliche Bedeutung vermitteln. Prüfe, welche Gefühle sie ausdrücken und ob sie zu Inhalt und Erzählweise passen.
Aussagen prüfen und einordnen
Achte auf Widersprüche, Erinnerungslücken und biografische Brüche. Bestimme den individuellen Blickwinkel und das erkennbare Deutungsmuster. Vergleiche außerdem deine eigenen Erwartungen und Vorurteile mit den Ergebnissen des Interviews.
Eine Person erzählt zunächst: „Alle Menschen in unserem Ort waren sich einig.“ Später beschreibt sie einen heftigen Streit zwischen zwei Gruppen. Du notierst diesen Widerspruch, statt eine Aussage vorschnell zu verwerfen. Anschließend prüfst du, ob „alle“ vielleicht eine zugespitzte Formulierung oder eine heutige Deutung ist.
Analysiere drei Bereiche getrennt: Was wird erzählt? Wie wird es erzählt? Unter welchen Bedingungen entsteht und wirkt die Erzählung?
Wie präsentierst du deine Ergebnisse?
Eine Präsentation verbindet die persönliche Erzählung mit ihrer historischen Einordnung und deiner Auswertung. Möglich sind beispielsweise eine Schulwebsite, eine Schülerzeitung, ein Jahresbericht oder eine kleine Schulausstellung.
Geeignete Bestandteile sind:
- eine Einführung in Thema und historischen Hintergrund,
- eine Abschrift oder Vorführung des Interviews,
- ausgewählte Interviewfotos,
- ergänzende Begleitdokumente,
- Ergebnisse der quellenkritischen Auswertung.
Verwende Aufnahmen, Fotos und persönliche Angaben nur in dem Umfang, dem die befragte Person für diese Präsentation zugestimmt hat. Eine Zustimmung zur Aufnahme ist nicht automatisch eine Zustimmung zur Veröffentlichung.
Trenne in deiner Darstellung klar zwischen der Aussage der befragten Person, deiner Beobachtung am Interview und deiner begründeten Deutung.
Aussage: Die befragte Person beschreibt den Schulweg als „jeden Morgen gefährlich“.
Beobachtung: Sie erzählt zwei konkrete gefährliche Situationen und spricht dabei langsamer.
Deutung: Die Wortwahl und die veränderte Sprechweise können zeigen, dass diese Erinnerungen für sie besonders bedeutsam sind. Das ist eine begründete Lesart, kein sicherer Beweis für ihr damaliges Gefühl an jedem einzelnen Morgen.
Karteikasten
Überlege zuerst selbst und drehe die Karte anschließend zum Prüfen um.
Alles auf einen Blick
- Zeitzeugeninterview
- vorbereiten: Person, Thema, Grundwissen und Leitfragen
- abstimmen: Aufnahme, Verwendung und persönliche Grenzen
- organisieren: Raum, Gruppe, Technik und Dokumentation
- durchführen: zuhören, fragen und Gesprächsverlauf beachten
- analysieren: Inhalt, Lücken, Sprache, Stimme und Körpersprache
- prüfen: Widersprüche, Perspektive und nachträgliche Deutung
- präsentieren: Zustimmung beachten und Deutungen kennzeichnen
Abschluss-Check
Du bist bereit, wenn du ein Interview verantwortungsvoll vorbereiten und seine Perspektive, Gestaltung und Grenzen begründet erklären kannst.
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