Kunstlied: Merkmale, Formen und Analyse
Ein Kunstlied ist eine notierte Vertonung, in der solistischer Gesang und Instrumentalbegleitung einen Text gemeinsam deuten. Meist liegt ein Gedicht zugrunde, und häufig begleitet ein Klavier. Die Begleitung trägt jedoch selbst zur Bedeutung bei: Sie kann Bewegungen darstellen, Stimmungen verstärken oder den Gesang kommentieren.
Auf dieser Seite lernst du, Kunstlieder zu erkennen, ihre drei Grundformen zu unterscheiden und das Verhältnis von Wort und Ton schrittweise zu untersuchen.
Hake ab, was du schon kannst — und komm am Ende hierher zurück!
Woran erkennst du ein Kunstlied?
Ein Kunstlied verbindet einen Text mit eigens dafür komponierter Musik. Typisch ist ein Gedicht über Themen wie Liebe, Natur, Sehnsucht, Einsamkeit, Abschied oder Tod.
Kunstlied
Ein Kunstlied ist eine notierte, künstlerisch gestaltete Verbindung von Text und Musik für solistischen Gesang mit Instrumentalbegleitung. Häufig übernimmt das Klavier die Begleitung; möglich sind aber auch Gitarre, Ensemble oder Orchester.
Drei Merkmale helfen dir beim Erkennen:
- Eine einzelne Singstimme trägt den Text vor.
- Die Musik richtet sich nach Inhalt, Sprache oder Stimmung des Textes.
- Die Begleitung ist ein eigenständiger Teil der Gestaltung und nicht bloß ein neutraler Hintergrund.
Das Kunstlied wird vom Volkslied unterschieden: Ein Volkslied wird häufig mündlich weitergegeben und sein Urheber ist nicht immer bekannt. Ein Kunstlied ist schriftlich fixiert und einem Komponisten zugeordnet. Die Grenze ist trotzdem durchlässig, weil Kunstlieder volksliedhaft verbreitet werden und Komponisten Volkslieder bearbeiten können.
Entscheidend ist nicht allein die Besetzung. Ein Kunstlied entsteht durch die enge, bewusst komponierte Beziehung zwischen Text, Gesang und Begleitung.
Wie Musik einen Text deutet
Bei einer Textvertonung entscheidet der Komponist, wie sprachliche Merkmale in Musik übersetzt werden. Dabei können mehrere Gestaltungsmittel zusammenwirken:
- Melodie: Tonhöhe, Richtung und Sprünge prägen den Ausdruck der Singstimme.
- Rhythmus: Notenwerte, Pausen und Betonungen können dem Sprachrhythmus folgen oder besondere Wörter hervorheben.
- Harmonik: Akkorde, Dissonanzen sowie Wechsel zwischen Dur und Moll können Spannung und Stimmungswandel hörbar machen.
- Dynamik: Lautstärke und Lautstärkewechsel verstärken beispielsweise Nähe, Erregung oder Bedrohung.
- Begleitung: Wiederkehrende Figuren können Bewegungen, Atmosphäre oder innere Unruhe darstellen.
- Vor-, Zwischen- und Nachspiel: Das Instrument kann eine Stimmung vorbereiten, Gedanken weiterführen oder einen Schluss kommentieren.
Diese Beziehungen heißen Wort-Ton-Verhältnis: Du untersuchst, wie musikalische Mittel mit Wörtern, Bildern, Stimmungen oder Handlungen des Textes zusammenhängen.
In Franz Schuberts Erlkönig erzählt der Text von einem dramatischen Ritt. Rasche, wiederholte Figuren im Klavier erinnern an galoppierende Pferdehufe und halten die Spannung aufrecht. Die Begleitung bildet also nicht nur einen Klangteppich, sondern macht die Bewegung der Handlung hörbar.
In Gretchen am Spinnrade lässt eine kreisende Klavierfigur an das Drehen eines Spinnrads denken. Gerät Gretchens inneres Gleichgewicht ins Wanken, verändert sich auch der musikalische Verlauf. So verbindet die Begleitung äußere Tätigkeit und inneres Erleben.
Eine musikalische Beobachtung wird erst durch ihre Deutung vollständig. Schreibe deshalb nicht nur: „Das Klavier spielt schnell.“ Ergänze den Zusammenhang: „Die raschen Wiederholungen erinnern an den Ritt und steigern die Unruhe.“
Welche drei Liedformen gibt es?
Die Liedform beschreibt, wie sich die Musik zu den Textstrophen verhält.
| Liedform | Musikalischer Verlauf | Wirkung auf den Text |
|---|---|---|
| Einfaches Strophenlied | Jede Strophe hat dieselbe Melodie und Begleitung. | Eine gemeinsame Grundstimmung tritt hervor. |
| Variiertes Strophenlied | Die Grundanlage kehrt wieder, einzelne Strophen werden aber verändert. | Begrenzte Stimmungs- oder Bedeutungswechsel werden hervorgehoben. |
| Durchkomponiertes Lied | Die Musik entwickelt sich ohne vollständige regelmäßige Strophenwiederholung weiter. | Fortlaufende Handlung und starke Veränderungen können unmittelbar musikalisch verfolgt werden. |
Ein Gedicht hat drei Strophen. Die erste und dritte Strophe erklingen gleich. In der zweiten Strophe wechselt die Stimmung, und der Komponist verändert deshalb Harmonik und Begleitung. Die wiedererkennbare Grundform bleibt erhalten. Das ist ein variiertes Strophenlied.
Auch ein strophisch gebautes Gedicht kann durchkomponiert werden. Entscheidend ist die Musik: Erhält der Textverlauf fortlaufend eine neue musikalische Gestalt, handelt es sich um ein durchkomponiertes Lied. Schuberts Erlkönig ist dafür ein bekanntes Beispiel.
Frage bei jeder neuen Strophe: Bleibt die Musik gleich, wird sie teilweise verändert oder verläuft sie vollständig weiter?
So analysierst du ein Kunstlied
Beginne mit dem Text und gehe dann zur Musik. So vermeidest du, musikalische Merkmale ohne Zusammenhang aufzuzählen.
- Text erfassen: Worum geht es? Wer spricht? Welche Stimmung oder Handlung verändert sich?
- Form bestimmen: Werden Strophen musikalisch wiederholt, variiert oder fortlaufend neu gestaltet?
- Gesang untersuchen: Achte auf Melodieverlauf, Tonsprünge, Rhythmus, Pausen und hervorgehobene Wörter.
- Begleitung untersuchen: Suche nach wiederkehrenden Figuren, Vor- und Nachspielen sowie auffälligen Veränderungen.
- Weitere Mittel einbeziehen: Prüfe Harmonik, Dynamik, Tempo und Klangfarbe.
- Beobachtung und Text verbinden: Erkläre, welche Bedeutung oder Wirkung durch das Merkmal entsteht.
Angenommen, ein Gedicht führt von einer bedrückenden Nacht zu neuem Mut am Morgen. Zu Beginn erklingen dunkle, spannungsreiche Klänge; später hellt sich die Harmonik auf und die Musik wirkt gelöster.
Eine vollständige Deutung lautet: „Die Aufhellung der Harmonik unterstützt den Übergang von nächtlicher Belastung zu neuem Lebensmut.“ Sie nennt das musikalische Mittel, die Textentwicklung und deren Zusammenhang.
Formulierungshilfe
Nutze für deine Analyse dieses Muster:
Beobachtung + Textbezug + Deutung
„In der Musik ist … zu hören. Dies fällt bei den Worten beziehungsweise in der Situation … auf. Dadurch wird … hervorgehoben.“
Wie sich das Kunstlied historisch wandelte
Das Kunstlied im engeren Sinn hat seinen Schwerpunkt im frühen und mittleren 19. Jahrhundert, besonders in der Romantik. Es entstand jedoch nicht ohne Vorgeschichte und wurde nach der Romantik weiterentwickelt.
Im 18. Jahrhundert bevorzugten Liederschulen häufig schlichte, sangliche Strophenlieder. Bei Joseph Haydn und Ludwig van Beethoven gewann das Klavier bereits mehr formale und inhaltliche Bedeutung.
Franz Schubert machte das Klavier zu einem eigenständigen Partner der Stimme. In seinen Liedern kann es Bewegungen darstellen, Atmosphäre schaffen und dramatische Entwicklungen antreiben. Seine Zyklen Die schöne Müllerin und Winterreise verbinden mehrere Lieder zu größeren Zusammenhängen.
Robert Schumann ließ das Klavier Texte unterstreichen, kommentieren oder sogar ironisieren. Vor- und Nachspiele führen bei ihm Gedanken oft über den gesungenen Text hinaus. Auch Clara Schumann, Fanny Hensel, Johannes Brahms und Hugo Wolf prägten die Liedkunst des 19. Jahrhunderts. Wolf richtete Melodie und Klavierpart besonders eng an Sprachrhythmus und Bedeutung der Gedichte aus.
Im späteren 19. Jahrhundert trat neben das intime Klavierlied das Orchesterlied. Größere Aufführungsräume und Orchester ermöglichten neue Klangfarben, verlangten der Singstimme aber oft auch größere Kraft und technischen Umfang ab.
Im 20. Jahrhundert blieb die Verbindung von Sprache und Musik bestehen, während sich ihre Mittel wandelten. Atonalität, Zwölftontechnik, Sprechstimme, Kammerensemble, neue Stimmgeräusche und politische Texte erweiterten die Gattung. Arnold Schönbergs Pierrot lunaire bewegt sich beispielsweise zwischen Sprechen und Singen; Hanns Eisler verband Liedtradition mit gesellschaftlicher und politischer Aussage.
Epochenbegriffe sind Orientierungshilfen, keine starren Grenzen. Ein einzelnes Merkmal reicht deshalb nicht für eine historische Einordnung. Eine überzeugende Zuordnung stützt sich auf mehrere musikalische und historische Indizien.
Karteikasten
Überlege zuerst selbst und drehe die Karte anschließend zum Prüfen um.
Alles auf einen Blick
- Kunstlied
- verbindet Gedicht und Musik
- nutzt solistischen Gesang und Instrumentalbegleitung
- deutet Text durch Melodie, Rhythmus, Harmonik und Dynamik
- gibt der Begleitung eine eigenständige Rolle
- erscheint als einfaches, variiertes oder durchkomponiertes Lied
- hat einen Schwerpunkt in der Romantik
- entwickelt sich im 20. Jahrhundert mit neuen Klangsprachen weiter
- wird durch Beobachtung, Textbezug und Deutung analysiert
Abschluss-Check
Du kannst ein Kunstlied überzeugend erklären, wenn du nicht bei einem Höreindruck stehen bleibst: Benenne das musikalische Merkmal, verknüpfe es mit dem Text und begründe seine Wirkung.
Mit Google fortfahren