Gottebenbildlichkeit: Bedeutung und Verantwortung
Gottebenbildlichkeit bedeutet: Jeder Mensch ist nach biblischer Vorstellung Bild Gottes. Gemeint ist keine körperliche Kopie Gottes. Der Mensch erhält besondere Würde und den Auftrag, Gott in der Schöpfung zu vertreten. Daraus folgt Verantwortung für Mitmenschen, Tiere und Erde.
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Wo steht, dass der Mensch Bild Gottes ist?
Die wichtigsten Aussagen stehen am Anfang der Bibel. In Genesis 1,26–27 erschafft Gott den Menschen als sein Bild, männlich und weiblich. Unmittelbar danach erhalten die Menschen den Auftrag, über Tiere und Erde zu walten.
Genesis 5 verbindet die Bildaussage mit der Folge der Generationen. In Genesis 5,3 werden die Bildbegriffe auch für das Verhältnis zwischen Adam und Set verwendet. Damit wird deutlich: Die Gottebenbildlichkeit bleibt nicht auf die ersten Menschen beschränkt.
Nach der Sintflut schützt Genesis 9,6 menschliches Leben mit der Begründung, Gott habe den Menschen als sein Bild geschaffen. Selbst menschliche Gewalt hebt die Gottebenbildlichkeit demnach nicht auf.
Die biblischen Belege verbinden Gottebenbildlichkeit mit Schöpfung, Weitergabe des Lebens, Verantwortung und Lebensschutz.
Warum ist ein Bild Gottes keine körperliche Kopie?
Das hebräische Wort ṣäläm kann ein Bildwerk, Abbild oder eine Statue bezeichnen. Ein solches Bild sollte im Alten Orient nicht nur ähnlich aussehen. Es machte die dargestellte Person oder Gottheit gegenwärtig und repräsentierte sie.
Das zweite Wort, dəmût, bezeichnet Ähnlichkeit oder Vergleichbarkeit. Beide Wörter werden in den Genesis-Texten nicht nach einem starren System eingesetzt. Deshalb lässt sich aus ihnen keine sichere Trennung zwischen einem natürlichen „Bild“ und einer zusätzlichen „Ähnlichkeit“ ableiten.
Repräsentation
Repräsentieren heißt, jemanden sichtbar zu vertreten und in dessen Auftrag zu handeln. Ein Klassensprecher repräsentiert zum Beispiel die Klasse, ohne mit der Klasse identisch zu sein.
Die heute verbreitete funktionale Deutung fragt daher nicht zuerst: „Welche Eigenschaft sieht bei Gott und Mensch gleich aus?“ Sie fragt: „Welche Aufgabe hat der Mensch als Gottes Bild?“
Ein König des Alten Orients konnte als Bild einer Gottheit gelten. Er sollte deren Herrschaft im Land vertreten. Genesis überträgt diese königliche Stellung auf alle Menschen: Nicht nur ein Herrscher, sondern jeder Mensch erhält Würde und Verantwortung.
Das bedeutet keine Gleichsetzung mit Gott. Wie eine Vertretung an einen Auftrag gebunden bleibt, steht auch menschliche Herrschaft unter Gottes Verantwortung.
Wie hängen Würde und Gleichheit damit zusammen?
Wenn jeder Mensch Bild Gottes ist, hängt sein Wert nicht von Leistung, Gesundheit, Herkunft, Geschlecht oder gesellschaftlicher Stellung ab. Genesis 1,27 bezieht die Bildaussage auf männlich und weiblich; Genesis 9 verbindet sie mit dem Schutz menschlichen Lebens.
Menschenwürde
Menschenwürde bedeutet, dass jeder Mensch einen grundlegenden und gleichen Wert besitzt. Ein Mensch darf deshalb niemals nur als Mittel für die Ziele anderer behandelt werden.
In jüdischen und christlichen Traditionen wurde Gottebenbildlichkeit häufig als religiöse Begründung dieser Würde verstanden. Sie ist jedoch nicht die einzige mögliche Begründung. Säkulare Ansätze begründen Menschenwürde etwa mit Autonomie oder moralischer Persönlichkeit. Historisch und philosophisch ist umstritten, welchen Anteil die Lehre von der Gottebenbildlichkeit an modernen Menschenrechten hat.
Eine theologische Würdebegründung lautet: Der Mensch besitzt Würde, weil Gott ihn als sein Bild geschaffen hat. Eine säkulare Begründung kommt ohne diese Glaubensaussage aus. Beide können gleiche Rechte unterstützen, obwohl ihre Begründungswege verschieden sind.
Eine Schülerin kann wegen einer Verletzung vorübergehend nicht am Sportunterricht teilnehmen. Ihre Würde wird dadurch nicht kleiner. Aus der Gottebenbildlichkeit folgt nicht, dass alle Menschen dieselben Fähigkeiten besitzen. Sie besagt, dass Unterschiede ihren grundlegenden Wert nicht aufheben.
Was bedeutet verantwortliche Herrschaft?
Der Herrschaftsauftrag kann missverstanden werden. Er gibt Menschen keinen Freibrief zur Ausbeutung. Nach der funktionalen Deutung sollen sie als verantwortliche Stellvertreter die gute Ordnung der Schöpfung sichern.
Besondere Macht bedeutet besondere Verantwortung. Wer Gottes Schöpfung vertreten soll, darf Menschen, Tiere und Lebensräume nicht willkürlich zerstören.
Genesis 1 ordnet Lebensräume und Nahrung. Genesis 6 stellt Gewalttat als Gegenbild zur guten Ordnung dar. Genesis 2,15 beschreibt die menschliche Aufgabe mit „Bebauen und Bewahren“. Zusammengenommen entsteht das Leitbild einer begrenzten, fürsorglichen Herrschaft.
Auf einem Schulgelände soll eine Hecke entfernt werden, damit mehr Platz entsteht.
- Betroffene erkennen: Schülerinnen und Schüler gewinnen Platz; Tiere verlieren möglicherweise Nahrung und Schutz.
- Auftrag prüfen: Verantwortliche Gestaltung berücksichtigt Menschen, Tiere und Lebensraum.
- Alternativen suchen: Nur einen Teil zurückschneiden oder den neuen Platz an einer anderen Stelle schaffen.
- Folgen abwägen: Eine gute Entscheidung verbindet den menschlichen Bedarf mit möglichst geringem Schaden für andere Lebewesen.
So wird aus der Glaubensaussage eine begründete Handlung. Sie liefert nicht automatisch eine einzige Lösung, aber einen Maßstab für die Prüfung.
Vertiefung: Warum gibt es verschiedene Deutungen?
Die biblischen Texte sagen, dass der Mensch Bild Gottes ist, definieren aber nicht vollständig, worin dieses Bild besteht. Deshalb entstanden unterschiedliche Modelle.
| Deutung | Leitgedanke | Mögliche Grenze |
|---|---|---|
| Wesensdeutung | Vernunft, Wille oder Freiheit spiegeln etwas von Gott. | Der ganze Mensch kann auf einzelne Fähigkeiten verkürzt werden. |
| Funktionale Deutung | Der Mensch repräsentiert Gott in der Schöpfung. | Die genaue Ausgestaltung des Auftrags muss weiter begründet werden. |
| Relationale Deutung | Bildsein zeigt sich in Beziehungen zu Gott, Mitmenschen und Welt. | Nicht alle Beziehungsaussagen stehen ausdrücklich in den kurzen Genesis-Belegen. |
| Dynamische Deutung | Gottebenbildlichkeit ist auch Ziel einer wachsenden Ähnlichkeit mit Gott. | Bleibende Würde und noch offene Aufgabe müssen unterschieden werden. |
In der christlichen Wirkungsgeschichte wurde außerdem gefragt, was durch Sünde mit dem Gottesbild geschieht. Irenäus unterschied zwischen einem bleibenden Bild und einer verlorenen Ähnlichkeit. Augustinus suchte das Bild im vernunftbegabten Geist. Luther beschrieb die ursprüngliche Ebenbildlichkeit als durch Sünde verloren oder grundlegend verdorben. Calvin und Melanchthon nahmen dagegen Reste an.
Die alttestamentlichen Texte setzen einen anderen Akzent: Genesis 9 spricht auch nach Gewalttat und Sintflut vom Menschen als Bild Gottes. Daher lässt sich aus diesen Texten eine bleibende Würde und zugleich eine noch nicht erfüllte Aufgabe ableiten.
Welche Einwände muss eine Deutung beachten?
Die Lehre von der Gottebenbildlichkeit wurde kritisch geprüft. Feuerbach kehrte die Aussage um: Nicht Gott habe den Menschen nach seinem Bild geschaffen, sondern Menschen entwürfen Gott nach ihrem eigenen Bild. Dieser Einwand fragt, ob religiöse Vorstellungen menschliche Wünsche und Eigenschaften auf Gott übertragen.
Die Evolutionstheorie widerspricht einer einfachen biologischen Sonderstellung des Menschen außerhalb der Tierwelt. Sie entscheidet jedoch nicht allein über die theologische Aussage, dass Menschen eine besondere Beziehung und Verantwortung besitzen. Biologische Abstammung und religiöse Bedeutung beantworten unterschiedliche Fragen.
Ökologische Kritik warnt davor, den Herrschaftsauftrag als Erlaubnis zur Naturausbeutung zu verwenden. Die funktionale Deutung antwortet darauf mit begrenzter Stellvertretung: Herrschaft steht unter Verantwortung und schließt Bewahrung ein.
Feministische Kritik macht darauf aufmerksam, dass Teile der Wirkungsgeschichte Frauen untergeordnet haben. Dem steht Genesis 1,27 gegenüber: Die Bildaussage gilt männlich und weiblich. Eine Auslegung muss deshalb unterscheiden zwischen dem biblischen Grundsatz gemeinsamer Bildwürde und späteren hierarchischen Anwendungen.
Kritik widerlegt eine Deutung nicht automatisch. Sie prüft, ob Begriffe missverständlich sind, Machtmissbrauch ermöglichen oder wichtige Beobachtungen übergehen. Eine tragfähige Antwort muss den Einwand genau benennen und am Text begründet reagieren.
Karteikasten
Überlege zuerst selbst und drehe die Karte anschließend zum Prüfen um.
Alles auf einen Blick
- Gottebenbildlichkeit
- Biblische Grundlage
- Genesis 1: Schöpfung und Auftrag
- Genesis 5: Weitergabe
- Genesis 9: Lebensschutz
- Bedeutung
- Repräsentation statt körperlicher Kopie
- gleiche Würde aller Menschen
- Verantwortung für die Schöpfung
- Deutungen
- Wesen
- Funktion
- Beziehung
- dynamisches Ziel
- Prüfung
- Macht begrenzen
- Folgen abwägen
- Kritik ernst nehmen
- Biblische Grundlage
Die Kernbeziehung lautet: Als Gottes Bild geschaffen → Gott repräsentieren → besondere Würde besitzen → Verantwortung übernehmen → Menschenleben und Schöpfung schützen.
Abschluss-Check
Wenn du die drei Abschlussfragen begründen kannst, hast du den entscheidenden Unterschied verstanden: Gottebenbildlichkeit ist weder eine körperliche Kopie noch ein Freibrief zur Herrschaft. Sie verbindet zugesprochene Würde mit verantwortlicher Stellvertretung.
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