Humanismus verstehen: Geschichte und Grundsätze
Humanismus stellt den Menschen, seine Würde und seine Fähigkeit zu vernünftigem, verantwortlichem Handeln in den Mittelpunkt. Der Begriff bezeichnet sowohl eine historische Bildungsbewegung als auch heutige Weltanschauungen und Lebenshaltungen. Viele moderne humanistische Richtungen sind nicht religiös, aber Humanismus ist nicht einfach dasselbe wie Atheismus.
Hake ab, was du schon kannst — und komm am Ende hierher zurück!
Was bedeutet Humanismus?
Das Wort Humanismus hängt mit dem lateinischen humanitas zusammen. Gemeint sind Menschlichkeit und eine dem Menschen angemessene Bildung und Lebensführung.
Humanismus
Humanismus ist eine Denk- und Lebensrichtung, die Menschlichkeit, Vernunft, Freiheit und Verantwortung betont. Überzeugungen sollen geprüft und begründet werden können. Menschen sollen ihr Leben selbstbestimmt führen, dabei aber die Rechte anderer und die Folgen ihres Handelns beachten.
Humanismus hat mehrere Bedeutungen:
- Der historische Humanismus war eine Bildungs- und Denkbewegung, die besonders in der Renaissance wirksam wurde.
- Der moderne Humanismus ist eine heutige Weltanschauung oder Lebenshaltung.
- Der säkulare Humanismus ist eine ausdrücklich nicht religiöse Form des modernen Humanismus. Säkular bedeutet hier: nicht an religiösen Lehren oder übernatürlichen Mächten ausgerichtet.
Nicht alle Menschen, die sich humanistisch nennen, vertreten in jeder Frage dieselbe Position. Einige humanistische Strömungen sind ausdrücklich nicht religiös; freireligiöse Humanistinnen und Humanisten können dagegen religiöse Bindungen anerkennen, lehnen aber feste kirchliche Dogmen und Hierarchien ab.
Frage bei dem Wort „Humanismus“ immer nach dem Zusammenhang: Geht es um eine historische Bildungsbewegung oder um eine heutige Weltanschauung?
Wie entwickelte sich der historische Humanismus?
Humanistisches Denken besitzt ältere Wurzeln in verschiedenen Kulturen. Der moderne historische Humanismus entstand jedoch während der Renaissance, also in jener Epoche, in der Gelehrte ältere Texte und Ideen verstärkt neu erschlossen. Eine vereinfachte zeitliche Einordnung liegt ungefähr zwischen 1400 und 1600.
Humanisten beschäftigten sich besonders mit Denkern des griechischen und römischen Altertums. Sie lernten alte Sprachen und fragten, wie Menschen gut leben, richtig handeln und ihre Fähigkeiten durch Bildung entfalten können.
Der Übergang war nicht plötzlich. Schon im Mittelalter befassten sich Gelehrte mit dem Altertum. Deshalb lässt sich kein völlig eindeutiger „erster Humanist“ bestimmen. Häufig wird Petrarca als früher Vertreter genannt. Erasmus von Rotterdam wurde durch seine Gelehrsamkeit und seine Kritik an Missständen in der damaligen Kirche bekannt.
Um 1800 gewann die Beschäftigung mit Renaissance und Humanismus erneut an Bedeutung. Wilhelm von Humboldt verband Bildung mit der Entfaltung menschlicher Fähigkeiten. Die Bezeichnung humanistisches Gymnasium erinnert an eine Bildungstradition, in der Latein und Griechisch eine wichtige Rolle spielten.
Eine Schülerin liest einen alten philosophischen Text nicht nur, um Jahreszahlen zu lernen. Sie untersucht, welche Vorstellung vom guten Leben darin steckt, vergleicht diese mit heutigen Vorstellungen und begründet ihr Urteil. Damit greift sie eine typische humanistische Verbindung von Bildung, eigenständigem Denken und Lebensfragen auf.
Welche Grundsätze prägen modernen Humanismus?
Viele moderne humanistische Selbstbeschreibungen verbinden vier Grundideen:
- Menschlichkeit: Jeder Mensch besitzt Würde und soll respektiert werden.
- Vernunft: Behauptungen und Regeln sollen kritisch geprüft und nachvollziehbar begründet werden.
- Freiheit: Menschen sollen ihr Leben möglichst selbstbestimmt gestalten können.
- Verantwortung: Freiheit endet nicht bei den eigenen Wünschen. Die Folgen für Mitmenschen, Tiere, Umwelt und kommende Generationen müssen berücksichtigt werden.
Daraus folgen häufig weitere Ziele: Toleranz, Mitgefühl, Solidarität, Menschenrechte, Demokratie und gewaltfreie Konfliktlösung. Persönliche Freiheit und soziale Verantwortung gehören dabei zusammen.
Dogma
Ein Dogma ist eine Lehre, die innerhalb einer Gemeinschaft als verbindlich gilt. Humanistische Kritik richtet sich besonders gegen Vorgaben, die nicht hinterfragt oder aufgrund neuer Erkenntnisse überprüft werden dürfen.
Viele säkulare Humanistinnen und Humanisten gehen davon aus, dass ein sinnvolles Leben und moralisches Handeln keine religiöse Begründung benötigen. Sie suchen Orientierung beispielsweise in menschlichen Erfahrungen, Philosophie, Wissenschaft, Literatur und Kunst. Es gibt keine für alle humanistischen Strömungen verbindliche heilige Schrift.
Die genannten Grundsätze beschreiben besonders den organisierten säkularen Humanismus. Sie beweisen nicht, dass jede Person mit humanistischer Haltung in allen politischen, religiösen oder ethischen Fragen gleich denkt.
Wähle in jeder Lücke die passende Form und prüfe anschließend deine Antworten.
Humanistisches Denken verbindet persönliche mit sozialer . Überzeugungen sollen durch Vernunft kritisch werden können.
Wie unterscheiden sich Humanismus, Atheismus und Agnostizismus?
Die drei Begriffe beantworten unterschiedliche Fragen. Deshalb kann eine Person mehreren Beschreibungen zugleich entsprechen.
| Begriff | Zentrale Frage | Typische Position |
|---|---|---|
| Atheismus | Gibt es einen Gott? | Die Existenz eines Gottes wird verneint. |
| Agnostizismus | Können wir wissen, ob es einen Gott gibt? | Die Frage gilt als nicht sicher entscheidbar. |
| Säkularer Humanismus | Woran orientieren wir Erkenntnis und Lebensführung? | An menschlicher Erfahrung, Vernunft, Wissenschaft, Freiheit und Verantwortung statt an religiöser Offenbarung. |
Eine Person kann zum Beispiel atheistisch und zugleich humanistisch sein: Sie glaubt nicht an einen Gott und richtet ihre Lebensführung an humanistischen Grundsätzen aus. Eine andere Person kann agnostisch und humanistisch sein: Sie hält die Gottesfrage für nicht entscheidbar, vertritt aber ebenfalls eine humanistische Ethik.
Atheismus allein enthält noch kein vollständiges ethisches Programm. Aus dem Satz „Ich glaube nicht an einen Gott“ folgt noch nicht, welche Werte eine Person vertritt oder wie sie in einem Konflikt entscheidet.
Drei Selbstbeschreibungen:
- „Ich glaube nicht, dass es einen Gott gibt.“ Das ist eine atheistische Aussage.
- „Ob es einen Gott gibt, können Menschen meiner Meinung nach nicht sicher wissen.“ Das ist eine agnostische Aussage.
- „Für meine Entscheidungen zählen überprüfbare Gründe, Menschenwürde und die Folgen für andere.“ Das ist eine humanistische Aussage.
Die Aussagen schließen einander nicht automatisch aus. Die dritte Person könnte zusätzlich atheistisch oder agnostisch sein.
Wie wendest du humanistische Grundsätze an?
Humanistische Ethik liefert nicht für jede Situation eine fertige Vorschrift. Sie verlangt, eine Entscheidung mit nachvollziehbaren Gründen zu prüfen.
Du kannst dabei vier Schritte verwenden:
- Betroffene erkennen: Wer oder was wird durch die Entscheidung berührt?
- Freiheit und Rechte prüfen: Welche Handlungsmöglichkeiten und Rechte haben die Beteiligten?
- Folgen abwägen: Welche kurz- und langfristigen Folgen sind zu erwarten?
- Entscheidung begründen: Welche Lösung verbindet Selbstbestimmung möglichst gut mit Verantwortung und Respekt?
Auf dem Schulhof filmt Ben einen Streit. Er möchte das Video in einer Klassengruppe teilen.
1. Betroffene: Ben, die gefilmten Personen und alle, die das Video erhalten.
2. Freiheit und Rechte: Ben kann sein Handy benutzen. Die gefilmten Personen haben aber ein berechtigtes Interesse daran, nicht ohne Zustimmung bloßgestellt zu werden.
3. Folgen: Das Teilen könnte den Konflikt verschärfen, die Betroffenen beschämen und eine weitere Verbreitung auslösen.
4. Begründete Entscheidung: Ben teilt das Video nicht. Falls jemand gefährdet wurde, wendet er sich an eine zuständige erwachsene Person. So verbindet er Handlungsfreiheit mit Verantwortung für andere.
Probiere es selbst
Eine Klasse plant ein Fest. Ein Teil der Schülerinnen und Schüler möchte nur Speisen anbieten, die die eigene Gruppe gern isst. Andere weisen auf unterschiedliche Ernährungsweisen und Überzeugungen hin.
Welche Lösung passt am besten zu den erläuterten humanistischen Grundsätzen?
Wie prüfst du Aussagen über Humanismus fair?
Darstellungen humanistischer Verbände erklären, wie diese Organisationen sich selbst verstehen. Solche Selbstbeschreibungen sind wichtig, dürfen aber nicht automatisch auf alle Humanistinnen und Humanisten übertragen werden.
Achte beim Prüfen auf drei Fragen:
- Wird der historische Humanismus oder eine heutige Weltanschauung beschrieben?
- Spricht der Text über alle humanistischen Richtungen oder über eine bestimmte Organisation?
- Handelt es sich um eine überprüfbare Tatsachenbehauptung oder um ein angestrebtes Ideal?
„Unser Verband setzt sich für Menschenrechte ein“ beschreibt zunächst ein Selbstverständnis und ein Ziel. Ob jede konkrete Handlung diesem Anspruch entspricht, müsste getrennt untersucht werden.
Auch konfessionsfrei und humanistisch organisiert bedeuten nicht dasselbe. Konfessionsfrei ist eine Person ohne Zugehörigkeit zu einer Religionsgemeinschaft. Daraus folgt nicht automatisch, dass sie Mitglied eines humanistischen Verbandes ist oder dessen gesamtes Programm teilt.
Beschreibe eine Weltanschauung zuerst so, wie ihre Vertreterinnen und Vertreter sie verstehen. Prüfe anschließend Reichweite, Begründung und mögliche Unterschiede innerhalb der Gruppe.
Karteikasten
Überlege zuerst selbst und drehe die Karte anschließend zum Prüfen um.
Alles auf einen Blick
- Humanismus
- Bedeutungen
- historischer Humanismus
- moderne Weltanschauung
- Grundsätze
- Menschlichkeit und Vernunft
- Freiheit und Verantwortung
- Abgrenzungen
- Atheismus betrifft Gottesglauben
- Agnostizismus betrifft mögliches Wissen
- Anwendung
- Betroffene und Rechte erkennen
- Folgen prüfen und Entscheidung begründen
- Bedeutungen
Abschluss-Check
Du hast den Kern verstanden, wenn du Humanismus nicht auf „Glaube oder Nichtglaube“ reduzierst: Entscheidend sind auch Bildung, kritische Prüfung, Menschenwürde sowie die Verbindung von Selbstbestimmung und Verantwortung.
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