Transhumanismus: Ziele, Religion und Ethik
Transhumanismus ist eine vielfältige philosophisch-technologische Bewegung. Sie will körperliche, geistige oder psychische Grenzen des Menschen mit Technik erweitern oder überwinden. Manche ihrer Visionen erinnern an religiöse Vorstellungen von Heil, Unsterblichkeit und Vervollkommnung. Viele davon sind jedoch Zukunftshoffnungen und keine bereits verfügbaren Möglichkeiten.
Auf dieser Seite lernst du, transhumanistische Ziele zu erkennen, sie von verwandten Positionen abzugrenzen und ihre religiösen sowie ethischen Fragen zu untersuchen.
Hake ab, was du schon kannst — und komm am Ende hierher zurück!
Was will der Transhumanismus verändern?
Der Transhumanismus betrachtet biologische Grenzen nicht nur als Schicksal. Technik soll Menschen ermöglichen, länger zu leben, Fähigkeiten auszubauen und den eigenen Körper stärker zu gestalten.
Transhumanismus
Transhumanismus bezeichnet eine heterogene Bewegung, die den Menschen mithilfe von Technik grundlegend verändern und seine bisherigen körperlichen, geistigen oder psychischen Grenzen erweitern will. Heterogen bedeutet: Es gibt unterschiedliche Strömungen, Ziele und politische Auffassungen.
Typische Themen sind:
- Lebensverlängerung: Alter und Tod sollen hinausgeschoben oder überwunden werden.
- Human Enhancement: Fähigkeiten sollen nicht nur wiederhergestellt, sondern über bisherige Grenzen hinaus gesteigert werden.
- Verbindung von Körper und Technik: Prothesen, Implantate oder andere technische Systeme sollen Körperfunktionen ersetzen oder erweitern.
- Kryonik: Körper oder Körperteile werden eingefroren, verbunden mit der Hoffnung auf eine spätere Wiederbelebung.
- Mind Uploading: Der Geist soll als Information gespeichert und auf einen anderen Träger übertragen werden.
Kryonik und Mind Uploading sind Zukunftsvisionen. Aus ihrer Beschreibung folgt nicht, dass sie funktionieren oder tatsächlich Unsterblichkeit ermöglichen.
Eine Beinprothese kann eine verlorene Bewegungsfähigkeit wiederherstellen. Das ist nicht automatisch Transhumanismus. Soll eine technische Veränderung dagegen Fähigkeiten gezielt über menschliche Grenzen hinaus steigern, entspricht sie eher der Idee des Enhancement.
Nicht jede medizinische oder technische Hilfe ist transhumanistisch. Entscheidend sind das Ziel der Veränderung und das Menschenbild, mit dem sie begründet wird.
Wo liegen die Grenzen zum Posthumanismus?
Die Begriffe Transhumanismus und Posthumanismus werden leicht verwechselt. Eine hilfreiche Unterscheidung fragt danach, ob der Mensch verändert, überwunden oder neu verstanden werden soll.
| Richtung | Leitidee |
|---|---|
| Transhumanismus | Der Mensch soll technisch transformiert werden. |
| Technologischer Posthumanismus | Der Mensch soll technisch überwunden werden, etwa durch eine körperunabhängige Existenz. |
| Kritischer Posthumanismus | Das bisherige Verständnis vom Menschen soll kritisch überwunden werden; ein technischer Umbau ist nicht das Hauptziel. |
In der Praxis überschneiden sich besonders Transhumanismus und technologischer Posthumanismus. Mind Uploading wird beispielsweise nicht von allen transhumanistischen Strömungen vertreten und häufig vor allem dem technologischen Posthumanismus zugeordnet.
Eine Begriffsgrenze ist keine scharfe Trennlinie. Prüfe deshalb immer die konkrete Aussage: Geht es um Verbesserung, um vollständige technische Überwindung oder um Kritik an einem bisherigen Menschenverständnis?
Warum erinnert Transhumanismus an Religion?
Viele transhumanistische Vertreterinnen und Vertreter stehen Religion ablehnend gegenüber oder sehen ihre Ideen als wissenschaftlichere Alternative. Trotzdem greifen ihre Visionen Motive auf, die auch aus Religionen bekannt sind:
- Unsterblichkeit und ewiges Leben,
- Auferstehung oder Wiederkehr,
- Überwindung von Leid,
- Selbstüberschreitung und Vervollkommnung,
- eine zukünftige Erlösung von menschlichen Grenzen.
Der entscheidende Unterschied liegt im erwarteten Weg zum Heil. Religiöse Hoffnungen beziehen sich häufig auf eine Wirklichkeit, die menschliche Technik übersteigt. Transhumanistische Hoffnungen verlagern die Erfüllung dagegen in eine technisch erreichbare Zukunft im Diesseits oder in einen digitalen Raum.
Heilsvorstellung
Eine Heilsvorstellung beschreibt einen erhofften Zustand, in dem grundlegendes Leid, Unvollkommenheit oder Begrenzung überwunden ist. Im Transhumanismus soll dieser Zustand durch technische Entwicklung entstehen.
Beim Mind Uploading wird gehofft, ein Mensch könne als gespeichertes Informationsmuster weiterexistieren. Das erinnert an die Hoffnung auf ein Leben nach dem Tod. Zugleich wird die Fortexistenz nicht durch göttliches Handeln, sondern durch Technik erwartet.
Religiöse Motive machen den Transhumanismus nicht automatisch zu einer Religion. Sie ermöglichen aber einen religionswissenschaftlichen Vergleich.
Welches Menschenbild steckt dahinter?
Wer den Menschen verändern will, setzt voraus, dass sich bestimmen lässt, was der Mensch ist. Deshalb ist das Menschenbild keine Nebenfrage.
In transhumanistischen Visionen erscheinen häufig folgende Vorstellungen:
- Der Körper ist ein technisch bearbeitbares System.
- Körperfunktionen lassen sich ersetzen oder steigern.
- Der Geist lässt sich als Information oder Datenmuster beschreiben.
- Ein anderer technischer Träger könnte den biologischen Körper ersetzen.
Dieses Modell macht technische Eingriffe gut vorstellbar. Es wirft aber die Frage auf, ob Leiblichkeit, Beziehungen, Verletzlichkeit und gesellschaftliche Bedingungen ausreichend berücksichtigt werden.
Reduktionistisches Menschenbild
Ein Menschenbild ist reduktionistisch, wenn es den Menschen auf einzelne Merkmale verkürzt, etwa auf Gene, Gehirn, Maschinenfunktionen oder Information, und andere Seiten menschlichen Lebens ausblendet.
Die Aussage, transhumanistische Menschenbilder seien reduktionistisch oder diskriminierend, ist eine philosophische Kritik und keine neutrale Definition der gesamten Bewegung. Sie muss an konkreten Aussagen geprüft werden.
Die Behauptung „Wenn alle Erinnerungen kopiert sind, ist auch die ganze Person kopiert“ setzt voraus, dass eine Person vollständig als Information verstanden werden kann. Offen bleibt dabei, ob ein kopiertes Datenmuster dieselbe Person, nur eine Kopie oder etwas Neues wäre.
Wie kannst du transhumanistische Visionen beurteilen?
Ein Urteil sollte weder allein von Technikbegeisterung noch allein von Angst ausgehen. Trenne zuerst die Beschreibung der Vision von ihrer Bewertung.
Nutze dafür fünf Prüffragen:
- Machbarkeit: Ist die Technik vorhanden, in Entwicklung oder nur erhofft?
- Freiheit und Autonomie: Wer entscheidet über die Veränderung? Gibt es Druck oder Eingriffe in die Selbstbestimmung?
- Gerechtigkeit: Wer erhält Zugang, wer trägt Risiken und wer könnte ausgeschlossen werden?
- Menschenbild: Welche Eigenschaften des Menschen werden berücksichtigt oder ausgeblendet?
- Unsicherheit und Folgen: Sind Schäden rückgängig zu machen? Welche unbeabsichtigten Folgen sind denkbar?
Gedankenexperiment: Ein Implantat soll das Gedächtnis stark verbessern. Es ist teuer, teilweise erprobt und nach dem Einsetzen nur schwer zu entfernen.
- Zur Machbarkeit gehört die Frage, welche Wirkung tatsächlich belegt ist.
- Bei der Freiheit ist zu prüfen, ob Schulen oder Arbeitgeber indirekten Anpassungsdruck erzeugen.
- Für die Gerechtigkeit ist wichtig, ob nur wohlhabende Menschen Zugang haben.
- Beim Menschenbild stellt sich die Frage, ob Leistung zum Maßstab für den Wert einer Person wird.
- Wegen der Unsicherheit müssen mögliche Langzeitfolgen und die geringe Reversibilität berücksichtigt werden.
Ein begründetes Urteil könnte lauten: Ein freiwilliger Einsatz wäre erst dann verantwortbar, wenn Nutzen und Risiken ausreichend geprüft, Druck verhindert und Zugangsfragen gerecht geregelt sind. Das Urteil bleibt vorläufig, solange wichtige Folgen unsicher sind.
Ein ethisches Urteil nennt nicht nur „dafür“ oder „dagegen“. Es nennt Kriterien, wendet sie auf den Fall an und macht Unsicherheiten sichtbar.
Einen Fall selbst untersuchen
Aufgabe: Eine Firma bietet einen digitalen Speicher für Erinnerungen an. Sie wirbt damit, dass Menschen dadurch „für immer weiterleben“. Ob der Speicher Bewusstsein erhält, ist nicht geklärt. Der Dienst ist teuer und hängt dauerhaft von der Firma ab.
Untersuche den Fall in vier Schritten:
- Trenne belegte Möglichkeit und Heilsversprechen.
- Benenne das vorausgesetzte Menschenbild.
- Wende zwei ethische Kriterien an.
- Formuliere ein begründetes, vorläufiges Urteil.
Versuche die Aufgabe zuerst selbst. Vergleiche danach deinen Gedankengang mit der Musterlösung.
Musterlösung
- Erinnerungen digital zu speichern wäre die behauptete technische Leistung. Die Aussage „für immer weiterleben“ geht darüber hinaus: Sie setzt voraus, dass gespeicherte Erinnerungen Bewusstsein und persönliche Identität bewahren.
- Der Mensch wird zumindest teilweise als speicherbares Informationsmuster verstanden. Fraglich bleibt, ob Beziehungen, Leiblichkeit und das Erleben der Person damit erfasst sind.
- Machbarkeit: Die Fortexistenz des Bewusstseins ist nicht geklärt. Gerechtigkeit und Macht: Der hohe Preis begrenzt den Zugang, während die Abhängigkeit von einer Firma dieser Kontrolle über die Daten und den Fortbestand des Dienstes gibt.
- Ein begründetes Urteil lautet: Der Dienst darf nicht als gesicherte Unsterblichkeit dargestellt werden. Solange Identität, Bewusstsein, dauerhafter Betrieb und Zugangsfolgen ungeklärt sind, ist das Heilsversprechen nicht ausreichend begründet.
Karteikasten
Überlege zuerst selbst und drehe die Karte anschließend zum Prüfen um.
Alles auf einen Blick
- Transhumanismus
- Ziele
- Lebensverlängerung, Enhancement und technische Transformation
- Zukunftsvisionen
- Kryonik, Mind Uploading und körperunabhängige Existenz
- Religion
- Unsterblichkeit, Heil und Selbstüberschreitung durch Technik
- Menschenbild
- Körper als System und Geist als Information
- Abgrenzung
- technologischer und Kritischer Posthumanismus
- Ethische Prüfung
- Machbarkeit, Freiheit, Gerechtigkeit, Menschenbild und Unsicherheit
- Ziele
Abschluss-Check
Du kannst Transhumanismus nun als vielfältige Bewegung beschreiben, seine Heils- und Menschenbilder untersuchen und technische Zukunftsvisionen anhand nachvollziehbarer Kriterien beurteilen.
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