Ökonomische Modelle: Annahmen, Nutzen und Grenzen
Ökonomische Modelle stellen wirtschaftliche Zusammenhänge bewusst vereinfacht dar. Sie helfen dir, einzelne Wirkungen zu erklären oder mögliche Entwicklungen zu untersuchen. Ihre Ergebnisse gelten jedoch nur unter den gewählten Annahmen.
Hake ab, was du schon kannst — und komm am Ende hierher zurück!
Warum vereinfachen ökonomische Modelle die Wirklichkeit?
Eine Volkswirtschaft ist zu komplex, um alle Menschen, Unternehmen, Regeln und Erwartungen gleichzeitig zu untersuchen. Ein Modell wählt deshalb nur die Größen aus, die für eine bestimmte Frage wichtig erscheinen.
Ökonomisches Modell
Ein ökonomisches Modell ist eine bewusst vereinfachte Darstellung eines wirtschaftlichen Ausschnitts. Es verbindet ausgewählte Größen nach festgelegten Annahmen, um Zusammenhänge zu erklären, mögliche Folgen zu untersuchen oder Prognosen zu entwickeln.
Ein Modell ist kein verkleinertes Abbild der gesamten Wirklichkeit. Es ähnelt eher einer Landkarte: Eine Straßenkarte lässt Gebäudehöhen und Bodenarten weg, weil diese Angaben für die Wegsuche meist nicht nötig sind. Welche Vereinfachung sinnvoll ist, hängt also von der Frage ab.
Ein Konsummodell untersucht, wie Einkommen und Steuern den Konsum beeinflussen. Besitz, Zukunftserwartungen und Altersvorsorge werden zunächst ausgeblendet. Dadurch wird eine Beziehung leichter erkennbar. Zugleich darf das Ergebnis nicht so behandelt werden, als seien die ausgeblendeten Faktoren bedeutungslos.
Die Untersuchung eines abgegrenzten Wirklichkeitsausschnitts heißt Partialanalyse. Häufig gilt dabei ceteris paribus: Nur die untersuchte Größe wird verändert, während andere Einflüsse im Modell gleich bleiben.
Ein Modell ist nicht trotz seiner Vereinfachung nützlich, sondern gerade durch eine passende Vereinfachung. Problematisch wird es, wenn wichtige Einflüsse fehlen oder seine Annahmen unbemerkt auf andere Situationen übertragen werden.
Aus welchen Bauteilen besteht ein Modell?
Um ein Modell zu verstehen, solltest du nicht nur seine Formel lesen. Rekonstruiere fünf Bauteile:
- Fragestellung: Was soll erklärt, berechnet oder prognostiziert werden?
- Annahmen: Welche Bedingungen werden vorausgesetzt?
- Variablen: Welche veränderlichen Größen kommen vor?
- Mechanismus: Wie wirken die Größen im Modell zusammen?
- Ergebnis und Geltungsbereich: Was folgt innerhalb des Modells, und wann ist diese Folgerung anwendbar?
Exogene und endogene Variable
Eine exogene Variable wird außerhalb des Modells vorgegeben. Sie wirkt als Ausgangsgröße oder Stellschraube. Eine endogene Variable wird durch die Beziehungen innerhalb des Modells bestimmt.
Im vereinfachten Konsummodell können Einkommen und Steuern exogen vorgegeben sein. Der daraus bestimmte Konsum ist dann endogen.
Ökonomische Modelle können verbal, in einem Diagramm, durch mathematische Formeln oder als Computerprogramm dargestellt werden. Die Darstellungsform ändert nicht die Grundfrage: Welche Annahmen verbinden welche Größen mit welchem Ergebnis?
Wie berechnet ein Marktmodell das Gleichgewicht?
Ein einfaches Marktmodell beschreibt, wie die nachgefragte und die angebotene Menge vom Preis abhängen:
$$Q_d=a-bP$$
$$Q_s=c+dP$$
Dabei bezeichnet $Q_d$ die nachgefragte Menge, $Q_s$ die angebotene Menge und $P$ den Preis. Die Parameter $a$, $b$, $c$ und $d$ legen den Verlauf der beiden Beziehungen fest.
Das Modellgleichgewicht ist erreicht, wenn angebotene und nachgefragte Menge übereinstimmen:
$$Q_d=Q_s$$
Daraus folgt allgemein:
$$a-bP=c+dP$$
$$P^*=(a-c)/(b+d)$$
Das Sternchen kennzeichnet hier den Gleichgewichtswert.
Für ein Übungsmodell gelten:
$$Q_d=100-2P$$
$$Q_s=20+2P$$
Im Gleichgewicht setzt du beide Mengen gleich:
$$100-2P=20+2P$$
Addiere zunächst $2P$ auf beiden Seiten:
$$100=20+4P$$
Ziehe anschließend 20 ab:
$$80=4P$$
Teile durch 4:
$$P^*=20$$
Setze den Preis in eine der beiden Gleichungen ein:
$$Q^*=100-2·20=60$$
Die Kontrolle mit der Angebotsgleichung liefert ebenfalls:
$$Q^*=20+2·20=60$$
Im Modell liegen Gleichgewichtspreis und Gleichgewichtsmenge somit bei 20 beziehungsweise 60. Ob diese Werte reale Preise oder Mengen gut beschreiben, hängt von den geschätzten Beziehungen und den Modellannahmen ab.
Eine richtige Rechnung beweist nur, dass das Ergebnis aus den Gleichungen folgt. Sie beweist noch nicht, dass die Gleichungen die Wirklichkeit zuverlässig abbilden.
Warum führen verschiedene Modelle zu verschiedenen Erklärungen?
Ökonomische Modelle wählen nicht nur unterschiedliche Variablen. Sie können auch von verschiedenen theoretischen Perspektiven ausgehen.
| Perspektive | Typischer Ausgangspunkt | Häufige Analyseebene | Beispielhafte Modellidee |
|---|---|---|---|
| Neoklassisch | Knappheit und Verteilung knapper Mittel | einzelne Haushalte und Unternehmen | rationale Entscheidungen und Marktgleichgewicht |
| Post-keynesianisch | Arbeitslosigkeit und wirksame Gesamtnachfrage | gesamte Volkswirtschaft | Einkommen und Produktion reagieren auf Nachfrage |
| Evolutionär-institutionell | wirtschaftlicher und sozialer Wandel | Institutionen und miteinander verbundene Prozesse | Routinen, Innovation und kumulative Entwicklungen |
Das bedeutet nicht, dass jede Perspektive auf jede Frage gleich gut passt. Ein Marktgleichgewichtsmodell untersucht andere Mechanismen als ein gesamtwirtschaftliches Nachfragemodell oder eine Simulation der Vermögensentwicklung.
Modelle lassen sich außerdem nach ihrem Zeitbezug unterscheiden:
- Ein statisches Modell untersucht einen Zustand oder ein Gleichgewicht zu einem bestimmten Zeitpunkt.
- Ein dynamisches Modell bildet Veränderungen über mehrere Zeitpunkte ab.
Im Gibrat-Modell wird Vermögen von Runde zu Runde durch einen zufälligen Ertrag verändert:
$$w_{t+1}=(1+r_{t+1})w_t$$
Weil der neue Ertrag mit dem bereits vorhandenen Vermögen multipliziert wird, beeinflussen frühere Entwicklungen spätere Möglichkeiten. Diese Pfadabhängigkeit kann selbst bei gleichen Startbedingungen zu einer ungleichen Verteilung führen.
Wie beurteilst du Aussagen eines Modells?
Trenne beim Prüfen drei Arten von Aussagen:
- Eine Modellfolgerung beschreibt, was unter bestimmten Annahmen aus dem Modell folgt.
- Ein empirischer Befund beschreibt, was anhand realer Daten beobachtet wurde.
- Ein normatives Urteil bewertet, was erwünscht, gerecht oder politisch richtig sein soll.
In einem Modell vollkommener Konkurrenz kann ein Mindestpreis oberhalb des Gleichgewichtspreises zu einem Überschussangebot führen. Das ist zunächst eine Modellfolgerung. Die Behauptung, eine konkrete politische Regel habe tatsächlich eine bestimmte Beschäftigungswirkung verursacht, wäre dagegen eine empirische Aussage und müsste mit geeigneten Daten geprüft werden. Ob die Regel gerecht oder wünschenswert ist, ist ein normatives Urteil und benötigt offengelegte Bewertungskriterien.
Prüfe ein Modell mit diesen Fragen:
- Passt die Fragestellung zum Modell?
- Sind die entscheidenden Annahmen genannt?
- Welche wichtigen Einflüsse werden ausgeblendet?
- Ist der Mechanismus nachvollziehbar?
- Folgt das Ergebnis tatsächlich aus den Annahmen und Gleichungen?
- Gibt es empirische Daten, die das Modell stützen oder ihm widersprechen?
- Wird eine Modellfolgerung unbemerkt als politische Empfehlung behandelt?
Einfachheit und Realitätsnähe stehen nicht in einem simplen Gegensatz. Ein sehr detailliertes Modell kann unübersichtlich oder schwer prüfbar sein. Ein einfaches Modell kann einen Mechanismus deutlich zeigen. Entscheidend ist, ob die Vereinfachung zur Frage passt und ihre Grenzen offengelegt werden.
Karteikasten
Überlege zuerst selbst und drehe die Karte anschließend zum Prüfen um.
Alles auf einen Blick
- Ökonomische Modelle
- vereinfachen einen ausgewählten Wirklichkeitsausschnitt
- beruhen auf Fragestellungen und Annahmen
- verknüpfen exogene und endogene Variablen
- erklären Mechanismen oder erzeugen Prognosen
- können statisch oder dynamisch sein
- hängen von theoretischen Perspektiven ab
- müssen auf Rechnung, Empirie und Geltungsbereich geprüft werden
- liefern nicht automatisch normative Empfehlungen
Abschluss-Check
Du kannst ein ökonomisches Modell nun systematisch lesen: Bestimme seine Frage, Annahmen, Variablen und Mechanismen. Prüfe anschließend Rechnung, empirische Passung und Geltungsbereich, bevor du aus dem Ergebnis ein Urteil oder eine politische Empfehlung ableitest.
Mit Google fortfahren