Modelle in der Chemie verstehen und beurteilen
Modelle in der Chemie sind zweckgebundene, vereinfachte Darstellungen eines Originals oder eines chemischen Sachverhalts. Sie zeigen ausgewählte Eigenschaften, lassen andere weg und helfen dir, Unsichtbares zu erklären, Vorhersagen zu prüfen und Darstellungen kritisch zu beurteilen.
Hake ab, was du schon kannst — und komm am Ende hierher zurück!
Woran erkennst du ein Modell?
Ein Modell steht für ein Original. Das Original kann ein Gegenstand, ein Vorgang oder ein gedanklich erschlossener chemischer Sachverhalt sein. Ein Modell ist aber nie dessen vollständige Kopie.
Modell
Ein Modell ist ein materieller oder gedanklicher Ersatz für ein Original. Es stimmt nur in ausgewählten Eigenschaften mit ihm überein und wird für einen bestimmten Zweck verwendet.
Drei Merkmale helfen dir beim Erkennen:
- Abbildungsmerkmal: Das Modell bildet etwas ab.
- Verkürzungsmerkmal: Es hebt zweckrelevante Eigenschaften hervor und lässt andere weg.
- Pragmatisches Merkmal: Es ist für einen bestimmten Zweck, eine Zielgruppe und manchmal auch eine bestimmte Zeit gemacht.
Ein Modellauto bildet ein echtes Auto ab. Das Markenlogo kann deutlich sichtbar sein, während Scheibenwischer fehlen. Für den Zweck „Aussehen der Automarke zeigen“ ist diese Auswahl sinnvoll. Für die Frage „Wie funktionieren Scheibenwischer?“ ist dasselbe Modell ungeeignet.
Frage bei jedem Modell: Was wird dargestellt, was wird weggelassen und wofür soll das Modell dienen?
Welche Formen können chemische Modelle haben?
Chemische Modelle lassen sich nach ihrer Darstellungsform ordnen:
- Anschauungsmodelle sind gegenständlich und räumlich, zum Beispiel Molekülbaukästen oder Kristallgittermodelle.
- Bildhafte Modelle stellen komplexe Vorgänge als Bild dar, zum Beispiel einen Hochofenprozess.
- Symbolische Modelle verwenden Zeichen, zum Beispiel Elementsymbole, chemische Formeln und Reaktionsgleichungen.
- Simulationsmodelle stellen Abläufe oder Prozesse rechnergestützt dar.
Eine zweite Einteilung unterscheidet materielle Modelle und ideelle Modelle. Materielle Modelle sind gegenständlich, etwa ein Kalottenmodell. Ideelle Modelle sind gedankliche Systeme, etwa das Teilchenmodell oder ein Atommodell.
Die beiden Einteilungen beantworten unterschiedliche Fragen: „Wie wird etwas dargestellt?“ und „Ist das Modell gegenständlich oder gedanklich?“ Sie müssen deshalb nicht deckungsgleich sein.
Eine Simulation ist eine modellabhängige Darstellung. Sie zeigt, was unter ihren Annahmen geschieht; sie ist kein Experiment am Original selbst.
Was leisten Modelle in der Chemie?
Chemische Modelle erfüllen mehrere Funktionen:
- Erklärungsfunktion: Sie helfen, beobachtbare Erscheinungen zu deuten.
- Erkenntnisfunktion: Mit ihnen lassen sich neue Zusammenhänge untersuchen und Vorhersagen ableiten.
- Entscheidungsfunktion: Sie unterstützen begründete Entscheidungen.
- Demonstrationsfunktion: Sie machen komplexe Inhalte überschaubar.
Gerade in der Chemie sind Modelle wichtig, weil viele Deutungen die nicht direkt sichtbare Teilchenebene betreffen. Ein Teilchenmodell kann etwa die Durchmischung von Flüssigkeiten erklären; ein Kalottenmodell kann räumliche Strukturen veranschaulichen.
Für dasselbe Original können mehrere Modelle sinnvoll sein. Verschiedene Atommodelle oder Bindungsmodelle betonen unterschiedliche Aspekte. Deshalb lautet eine gute Beurteilung nicht nur „richtig“ oder „falsch“, sondern: Für welchen Zweck ist das Modell geeignet, und wo endet seine Aussagekraft?
Wie funktioniert ein Modellexperiment?
Bei einem Modellexperiment experimentierst du mit einem materiellen Modell. Das beobachtbare Ergebnis am Modell soll helfen, einen Vorgang am Original zu erklären oder eine Vorhersage zu entwickeln.
Ein Beispiel ist die Volumenverringerung beim Mischen von Ethanol und Wasser:
- Beobachtung am Originalsystem: Aus $50\,\mathrm{ml}$ Ethanol und $50\,\mathrm{ml}$ Wasser entstehen $96\,\mathrm{ml}$ Gemisch, nicht $100\,\mathrm{ml}$.
- Modellaufbau: Größere Erbsen stehen für Ethanolmoleküle, kleinere Reiskörner für Wassermoleküle.
- Beobachtung am Modell: Beim Mischen füllen kleinere Reiskörner Lücken zwischen den Erbsen. Das gemeinsame Volumen ist kleiner als die Summe der Einzelvolumina.
- Übertragung: Das Modell veranschaulicht, wie verschieden große Teilchen gemeinsam weniger Raum beanspruchen können.
Die Differenz beträgt:
$$100\,\mathrm{ml} - 96\,\mathrm{ml} = 4\,\mathrm{ml}$$
Das Erbsen-Reis-Modell ist keine vollständige Erklärung. Beim realen Gemisch beeinflussen auch Wechselwirkungen zwischen den Teilchen das Mischungsvolumen. Außerdem gibt es Gemische ohne Volumenverringerung oder mit Volumenzunahme.
Wie beurteilst du ein Modell begründet?
Gehe in fünf Schritten vor:
- Original bestimmen: Welcher Gegenstand, Vorgang oder Sachverhalt wird dargestellt?
- Zweck nennen: Welche Frage soll das Modell beantworten?
- Übereinstimmungen prüfen: Welche Eigenschaften des Originals zeigt es?
- Verkürzungen erkennen: Was lässt es weg oder vereinfacht es?
- Urteil formulieren: Für welchen Zweck ist es geeignet, und welche Aussage darfst du nicht daraus ableiten?
Urteil zum Erbsen-Reis-Modell: Es ist geeignet, die Idee einer möglichen Lückenfüllung anschaulich zu machen. Es ist ungeeignet, das Mischungsvolumen allein aus Teilchengrößen vollständig vorherzusagen, weil Wechselwirkungen zwischen den Teilchen fehlen.
Übung: Vergleiche zwei Darstellungen
Du möchtest die räumliche Struktur eines Stoffes erklären. Zur Wahl stehen eine chemische Formel und ein Kalottenmodell. Begründe, welche Darstellung du zuerst verwenden würdest, und nenne jeweils eine Grenze.
Karteikasten
Überlege zuerst selbst und drehe die Karte anschließend zum Prüfen um.
Alles auf einen Blick
- Modelle in der Chemie
- bilden ein Original zweckgebunden ab
- vereinfachen und wählen Eigenschaften aus
- treten gegenständlich, bildhaft, symbolisch oder als Simulation auf
- erklären, veranschaulichen und unterstützen Vorhersagen
- werden nach Zweck, Aussagekraft und Grenzen beurteilt
- Modellexperimente
- erzeugen Beobachtungen am materiellen Modell
- übertragen eine Modellidee auf das Original
- ersetzen keine vollständige Erklärung der Wirklichkeit
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