Kommunikationsmodelle anwenden: Gespräche analysieren
Kommunikationsmodelle helfen dir, ein Gespräch geordnet zu untersuchen: Du trennst Beobachtungen von Deutungen, wählst ein passendes Modell und erklärst, wie ein Missverständnis entstehen kann. Ein Modell ist dabei ein Analysewerkzeug, kein vollständiges Abbild des Gesprächs.
Hake ab, was du schon kannst — und komm am Ende hierher zurück!
Erst beobachten, dann ein Modell wählen
Stell dir folgende Situation vor: Anna sitzt am Steuer. Als die Ampel auf Grün schaltet, sagt Tom: „Es ist grün.“ Anna reagiert gereizt.
Sicher beobachtbar sind zunächst nur die Situation, Toms Äußerung und Annas Reaktion. Aussagen wie „Tom hält Anna für unfähig“ sind dagegen Interpretationen. Sie können stimmen, müssen es aber nicht.
Eine gute Kommunikationsanalyse kennzeichnet Vermutungen als Möglichkeiten. Sie behauptet nicht, die Gedanken der Beteiligten sicher zu kennen.
Welches Modell passt, hängt von deiner Frage ab:
| Analysefrage | Passendes Modell |
|---|---|
| Welche unterschiedlichen Bedeutungen kann die Äußerung haben? | Vier-Seiten-Modell |
| Wie wurde die Nachricht codiert, übertragen und decodiert? | Sender-Empfänger-Modell |
| Welche Funktionen erfüllt das sprachliche Zeichen? | Organon-Modell |
Mit dem Vier-Seiten-Modell analysieren
Nach Friedemann Schulz von Thun kann jede Nachricht vier Seiten enthalten. Zugleich kann die empfangende Person die Äußerung mit vier verschiedenen „Ohren“ hören.
Vier Seiten einer Nachricht
- Sachebene: Welche Information wird mitgeteilt?
- Selbstoffenbarung: Was zeigt die sprechende Person möglicherweise über sich?
- Beziehungsebene: Was könnte die Äußerung über das Verhältnis der Beteiligten ausdrücken?
- Appellebene: Wozu soll die andere Person möglicherweise bewegt werden?
Toms mögliche Senderseiten
Äußerung: „Es ist grün.“
- Sache: Die Ampel zeigt Grün.
- Selbstoffenbarung: Tom hat die Ampel beobachtet und möchte weiterfahren.
- Beziehung: Tom könnte Anna zutrauen, selbst zu reagieren – oder vermuten, dass sie Hilfe braucht.
- Appell: Anna soll losfahren.
Nur die Sachebene lässt sich hier unmittelbar aus der Situation bestätigen. Die übrigen Seiten sind begründete Möglichkeiten.
Annas mögliche Deutung
Anna könnte besonders mit dem Beziehungsohr hören: „Du hast die Ampel nicht bemerkt“ oder sogar „Du kannst nicht richtig fahren“. Dann reagiert sie auf eine empfundene Abwertung, obwohl Tom vielleicht nur auf die grüne Ampel hinweisen wollte.
Die Kommunikationsstörung entsteht somit nicht allein durch den Wortlaut. Entscheidend ist auch, welche Seite Tom betont und welche Seite Anna besonders stark hört.
Mit dem Sender-Empfänger-Modell nachprüfen
Das Sender-Empfänger-Modell betrachtet Kommunikation als Übertragung einer Nachricht. Der Sender codiert das Gemeinte in Zeichen, etwa in Wörter. Die Nachricht gelangt über einen Kanal zum Empfänger. Dieser decodiert, also deutet, die empfangenen Zeichen.
Störung
Eine Störung ist ein Einfluss, der Übertragung oder Deutung erschwert. Das kann beispielsweise Lärm sein, aber auch eine mehrdeutige Wortwahl oder eine unterschiedliche Interpretation.
Beim Ampelgespräch lässt sich der Ablauf so ordnen:
- Sender: Tom nimmt die grüne Ampel wahr.
- Codierung: Er formuliert die knappe Nachricht „Es ist grün.“
- Kanal: Anna hört seine gesprochene Äußerung.
- Decodierung: Sie deutet den Satz möglicherweise als Kritik.
- Feedback: Ihre gereizte Reaktion zeigt Tom, dass die Nachricht anders angekommen sein könnte als beabsichtigt.
Der entscheidende Gedanke lautet: Eine übertragene Wortfolge und ihre verstandene Bedeutung sind nicht automatisch dasselbe.
Mit dem Organon-Modell vergleichen
Karl Bühler versteht Sprache als Werkzeug. Ein sprachliches Zeichen kann drei Funktionen zugleich erfüllen.
Drei Funktionen sprachlicher Zeichen
- Darstellung: Das Zeichen stellt einen Sachverhalt dar.
- Ausdruck: Das Zeichen zeigt etwas über die sprechende Person.
- Appell: Das Zeichen soll auf die hörende Person einwirken.
Für „Es ist grün“ ergibt sich:
- Darstellung: Die Ampel zeigt Grün.
- Ausdruck: Tom zeigt möglicherweise, dass er aufmerksam ist oder weiterfahren möchte.
- Appell: Anna soll losfahren.
Das Organon-Modell macht die Funktionen des Satzes sichtbar. Das Vier-Seiten-Modell untersucht zusätzlich ausdrücklich die Beziehungsebene und die unterschiedlichen Möglichkeiten des Hörens.
Beide Modelle können denselben Fall erklären, setzen aber andere Schwerpunkte. Deshalb ist nicht immer ein Modell „richtig“ und das andere „falsch“. Entscheidend ist, ob das gewählte Modell deine Analysefrage beantwortet.
Missverständnisse klären und Modellgrenzen beachten
Eine Analyse ist besonders nützlich, wenn daraus ein sinnvoller nächster Gesprächsschritt entsteht. Anna könnte ihre Deutung als Deutung kennzeichnen und nachfragen:
„Ich habe deinen Satz als Kritik an meiner Fahrweise gehört. Wolltest du mich nur auf die grüne Ampel hinweisen?“
Diese Reaktion nennt die eigene Wahrnehmung, vermeidet eine unbelegte Unterstellung und gibt Tom die Möglichkeit zur Klärung.
Auch Tom könnte präzisieren: „Ich wollte dich nur auf die grüne Ampel hinweisen, nicht deine Fahrweise kritisieren.“ Durch dieses Feedback können beide die gesendete und die gehörte Bedeutung vergleichen.
Was Modelle nicht vollständig erfassen
Kommunikationsmodelle vereinfachen. Eine Analyse sollte deshalb zusätzlich prüfen:
- Wie klang die Äußerung?
- Welche Mimik und Gestik waren erkennbar?
- Welche Beziehungsgeschichte haben die Beteiligten?
- Besteht ein Macht- oder Rollenunterschied?
- Welche Situation ging dem Gespräch voraus?
Diese Aspekte können beeinflussen, welche Deutung plausibel ist. Ohne entsprechende Hinweise darfst du sie jedoch nicht als sichere Tatsachen ausgeben.
Übung: Ein neuer Fall
Im Gruppenprojekt sagt Mia zu Ben: „Der Abgabetermin ist morgen.“ Ben antwortet: „Du musst mich nicht ständig kontrollieren!“
Untersuche die Störung mit dem Vier-Seiten-Modell. Formuliere anschließend eine mögliche Klärung und nenne eine Grenze deiner Analyse.
Musterlösung
- Sache: Der Abgabetermin ist morgen.
- Selbstoffenbarung: Mia könnte zeigen, dass ihr die rechtzeitige Abgabe wichtig ist.
- Beziehung: Ben hört möglicherweise: „Du bist unzuverlässig und brauchst Kontrolle.“
- Appell: Mia könnte Ben zum Weiterarbeiten oder zur Prüfung des Arbeitsstands auffordern.
- Störung: Ben reagiert besonders auf eine mögliche Beziehungsbotschaft, obwohl Mias genaue Absicht aus dem Wortlaut nicht sicher hervorgeht.
- Klärung: Ben könnte sagen: „Ich habe den Satz als Zweifel an meiner Zuverlässigkeit verstanden. Wolltest du mich erinnern oder meinen Arbeitsstand prüfen?“
- Grenze: Ohne Tonfall, Körpersprache und Vorgeschichte lässt sich nicht sicher entscheiden, wie Mia den Satz gemeint hat.
Karteikasten
Überlege zuerst selbst und drehe die Karte anschließend zum Prüfen um.
Alles auf einen Blick
- Kommunikationsstörung analysieren
- Beobachtung von Interpretation trennen
- passendes Modell zur Analysefrage wählen
- gesendete und gehörte Bedeutung unterscheiden
- Deutungen am Gespräch belegen
- Missverständnis durch Feedback klären
- Modellgrenzen und Kontext berücksichtigen
Abschluss-Check
Du kannst eine Kommunikationsstörung nun schrittweise untersuchen: erst beobachten, dann ein passendes Modell anwenden, Deutungen vorsichtig begründen, eine Klärung formulieren und schließlich die Reichweite des Modells prüfen.
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