Reimschemata erkennen und sicher bestimmen
Ein Reimschema zeigt mit Kleinbuchstaben, welche Versenden einer Strophe zusammenklingen. Gleiche Reime erhalten denselben Buchstaben, jeder neue Reim den nächsten: zum Beispiel aabb für einen Paarreim oder abab für einen Kreuzreim.
Auf dieser Seite lernst du, Reime zu hören, ein Schema Schritt für Schritt zu notieren, wichtige Reimschemata zu benennen und Beobachtungen vorsichtig für eine Gedichtanalyse zu nutzen.
Hake ab, was du schon kannst — und komm am Ende hierher zurück!
Was genau reimt sich?
Ein Gedicht besteht aus Versen, also einzelnen Gedichtzeilen. Mehrere Verse können eine Strophe bilden. Für das Reimschema vergleichst du vor allem die Wörter am Versende.
Reim
Zwei Wörter reimen sich, wenn sie vom letzten betonten Vokal an gleich oder sehr ähnlich klingen. Bei Haus – Maus stimmt der Klang genau überein: Das ist ein reiner Reim. lieben – siegen klingt nur ähnlich: Das ist ein unreiner Reim oder Halbreim.
Ein Endreim steht am Ende von Versen. Ein Reim innerhalb eines Verses heißt Binnenreim. Er kann für den Klang wichtig sein, gehört aber nicht zum Buchstabenmuster der Endreime.
Lies die Versenden laut:
Im Garten wird es langsam Nacht
Ein Igel raschelt und erwacht
Am Himmel glänzt ein heller Stern
Ich sehe ihn von weitem gern
Nacht – erwacht bilden ein Reimpaar. Stern – gern bilden ein zweites. Das Schema lautet daher aabb.
Vertraue beim Reimen zuerst deinem Ohr. Die Schreibweise kann unterschiedlich sein, obwohl Wörter zusammenklingen.
So bestimmst du das Buchstabenmuster
Gehe Strophe für Strophe vor:
- Lies die Versenden, bei Unsicherheit laut.
- Unterstreiche Wörter, die zusammenklingen.
- Gib dem ersten Reim den Buchstaben a.
- Trage bei seinem Reimpartner ebenfalls a ein.
- Nenne jeden neuen Reim der Reihe nach b, c, d und so weiter.
- Lies das Muster und vergleiche es mit den bekannten Reimschemata.
a Am Fluss beginnt der neue Tag
b Ein Boot zieht durch die Wellen
a Ich höre einen Flügelschlag
b Vom Ufer Rufe gellen
Tag – Flügelschlag gehören zusammen und erhalten a. Wellen – gellen gehören zusammen und erhalten b. Das Muster ist abab: ein Kreuzreim.
Untersuchst du mehrere Strophen zusammen, vergibst du für jeden neuen Reim einen neuen Buchstaben. Beschreibst du nur die Bauform einer einzelnen Strophe, kannst du ihr Grundmuster separat nennen. Beim Kettenreim musst du über die Strophengrenze schauen, weil ein Reim in der nächsten Strophe weitergeführt wird.
Wähle in jeder Lücke die passende Form und prüfe anschließend deine Antworten.
Der erste erkannte Reim erhält den Buchstaben . Ein neuer Reim erhält den Buchstaben. Kehrt ein bereits markierter Reim wieder, bekommt er den Buchstaben.
Vier häufige Reimschemata
Paarreim: aabb
Je zwei direkt aufeinanderfolgende Verse reimen sich: aa bb. Du kannst das Muster in benachbarte Paare teilen.
Kreuzreim: abab
Der erste Vers reimt sich mit dem dritten, der zweite mit dem vierten. Die beiden Reime wechseln sich ab.
Umarmender Reim: abba
Der äußere Reim a umschließt den inneren Reim b. Deshalb heißt die Form auch umschließender oder umfassender Reim.
a Der Abend sinkt ganz still ins Land
b Im Schilf beginnt ein leises Singen
b Die letzten hellen Stimmen klingen
a Der Wind streicht kühl an meine Hand
Land – Hand bilden den äußeren Reim. Singen – klingen bilden das eingeschlossene Paar. Das ergibt abba.
Haufenreim: aaaa
Alle Verse des Abschnitts reimen sich miteinander. Bei vier Versen lautet das Muster aaaa.
Erweiterte Muster und reimlose Verse
Verschränkter Reim: abcabc
Drei verschiedene Reime erscheinen zuerst nacheinander und kehren dann in derselben Reihenfolge wieder. Die Paare liegen dadurch ineinander verschränkt.
Schweifreim: aabccb
Der Schweifreim umfasst sechs Verse. Auf den Paarreim aa folgt die Anordnung bccb: Der b-Reim umschließt das Paar cc.
Lies das Schema in Gruppen: aa | bcc b.
- Verse 1 und 2: a – a
- Verse 3 und 6: b – b
- Verse 4 und 5: c – c
So erkennst du, warum aabccb sowohl benachbarte als auch weiter voneinander entfernte Reimpartner verbindet.
Kettenreim: aba bcb cdc
Der Kettenreim verbindet dreizeilige Strophen. Der mittlere Reim einer Strophe wird zum äußeren Reim der nächsten:
- erste Strophe: aba
- zweite Strophe: bcb
- dritte Strophe: cdc
Waise: ein Vers ohne Reimpartner
Ein einzelner reimloser Vers innerhalb einer sonst gereimten Strophe heißt Waise. Du kannst ihn mit x oder w kennzeichnen. Wichtig ist, dass du deine gewählte Kennzeichnung konsequent verwendest.
Nicht jedes Gedicht besitzt ein regelmäßiges Reimschema. Fehlen regelmäßige Endreime, beschreibst du das Muster als unregelmäßig oder frei. Ein Blankvers hat zwar ein regelmäßiges Versmaß, aber keinen Reim. Das Versmaß ist ein eigenes Analysethema.
Vom Schema zur begründeten Beobachtung
Das Bestimmen des Schemas ist zunächst eine Formbeobachtung. Für eine Analyse reicht der Name allein nicht. Frage anschließend, was die Anordnung im konkreten Gedicht hörbar oder sichtbar gliedert.
Du kannst so vorgehen:
- Befund nennen: „Die Strophe hat einen umarmenden Reim mit dem Schema abba.“
- Beziehung beschreiben: „Die äußeren Verse bilden ein Paar und schließen die beiden mittleren Verse ein.“
- Am Text prüfen: Gehören die umschlossenen Verse auch inhaltlich eng zusammen? Markiert ein Schemawechsel einen neuen Gedanken? Fällt eine Waise besonders auf?
- Vorsichtig deuten: Formuliere eine Wirkung als begründete Lesart, nicht als feste Regel.
Schwach wäre: „Ein Kreuzreim wirkt immer lebhaft.“ Das behauptet eine feste Wirkung, ohne den Text zu prüfen.
Stärker wäre: „Die abwechselnden Reime verbinden jeweils den ersten mit dem dritten und den zweiten mit dem vierten Vers. In dieser Strophe unterstützt der regelmäßige Wechsel den Wechsel zwischen Frage und Antwort.“
Die zweite Aussage verbindet das Schema mit einer konkreten Beobachtung. Sie wäre aber nur dann überzeugend, wenn Frage und Antwort tatsächlich im Gedicht stehen.
Ein Reimschema hat nicht automatisch eine einzige Bedeutung. Bestimme zuerst die Form und prüfe dann, wie sie mit Inhalt, Satzbau und Klang des konkreten Gedichts zusammenspielt.
Üben: Bestimme und erkläre
Bearbeite die Aufgaben zuerst selbst. Die Lösungen stehen jeweils direkt darunter zur Kontrolle.
Aufgabe 1: Schema erkennen
Im Hof steht still ein altes Haus
Dahinter huscht die kleine Maus
Sie springt erschrocken schnell hinaus
Von fern ertönt dafür Applaus
Notiere das Schema und benenne die Form.
Lösung: Alle vier Versenden reimen sich vom betonten Vokal an: Haus – Maus – hinaus – Applaus. Deshalb erhalten alle Verse a. Das Schema aaaa ist ein Haufenreim.
Aufgabe 2: Reimpartner zuordnen
Eine Strophe hat das Muster abcabc. Welche Verse bilden jeweils ein Reimpaar? Benenne danach das Schema.
Lösung: Vers 1 reimt sich mit Vers 4, Vers 2 mit Vers 5 und Vers 3 mit Vers 6. Das Muster heißt verschränkter Reim.
Aufgabe 3: Fehler finden
Jemand beschriftet die Versenden Nacht – Wind – erwacht – Kind mit aabb. Prüfe die Zuordnung und verbessere sie.
Lösung: Nacht reimt sich auf erwacht, also gehören Vers 1 und 3 zusammen. Wind reimt sich auf Kind, also gehören Vers 2 und 4 zusammen. Die richtige Folge lautet abab: Kreuzreim. Der Fehler entstand, weil benachbarte Verse mit demselben Buchstaben markiert wurden, ohne zuerst den Klang zu vergleichen.
Karteikasten
Überlege zuerst selbst und drehe die Karte anschließend zum Prüfen um.
Alles auf einen Blick
- Reimschemata
- erkennen: Versenden laut vergleichen
- notieren: gleiche Reime, gleiche Buchstaben
- Grundformen: Paar-, Kreuz-, umarmender und Haufenreim
- erweiterte Formen: verschränkter, Schweif- und Kettenreim
- Sonderfall: Waise ohne Reimpartner
- analysieren: Formbefund mit Textbeobachtung verbinden
Abschluss-Check
Wenn du einen neuen Text untersuchst, arbeite in dieser Reihenfolge: hören, markieren, mit Buchstaben ordnen, Schema benennen und seine Funktion am Text prüfen.
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