Französische Varietäten: Formen und Wirkung
Französisch wird nicht überall gleich gesprochen und verwendet. Aussprache, Wortschatz und teilweise auch Grammatik verändern sich je nach Region, gesellschaftlichem Umfeld und Situation. Solche Formen sind Varietäten – nicht automatisch Fehler oder schlechteres Französisch.
Auf dieser Seite lernst du, Varietäten zu unterscheiden, sprachliche Beispiele einzuordnen und ihre Wirkung auf Verständlichkeit, Identität und Teilhabe zu beurteilen.
Hake ab, was du schon kannst — und komm am Ende hierher zurück!
Warum gibt es verschiedene Formen des Französischen?
Menschen sprechen Französisch auf mehreren Kontinenten und in unterschiedlichen mehrsprachigen Gesellschaften. Dabei entstehen charakteristische Unterschiede. Sie betreffen besonders die Aussprache und den Wortschatz, manchmal auch die Grammatik.
Varietät
Eine Varietät ist eine erkennbare Ausprägung einer Sprache. Sie wird regelmäßig in einer bestimmten Region, gesellschaftlichen Gruppe oder Situation verwendet.
Die Varietätenlinguistik untersucht diese konkreten Ausprägungen einer Sprache. Sie betrachtet also nicht nur ein abstraktes Sprachsystem, sondern auch den tatsächlichen Sprachgebrauch.
Eine Varietät ist von einer eigenständigen Sprache zu unterscheiden. Bretonisch, Baskisch, Korsisch und Okzitanisch sind beispielsweise Regionalsprachen in Frankreich. Belgisches oder Québecer Französisch sind dagegen Varietäten des Französischen.
Sprachliche Unterschiede sind zunächst zu beschreiben: Wer verwendet welche Form, wo und in welcher Situation? Erst danach lässt sich ihre Angemessenheit beurteilen.
Welche drei Arten von Variation gibt es?
Die Sprachwissenschaft ordnet Variation in drei Dimensionen. Zusammen bilden sie ein Diasystem.
Diatopische Variation
Diatopisch bedeutet regional bedingt. Ein Beispiel ist septante für 70 im belgischen Französisch, während in Frankreich meist soixante-dix verwendet wird.
Diastratische Variation
Diastratisch bedeutet gesellschaftlich bedingt. Sprachliche Formen können sich danach unterscheiden, in welchen sozialen Gruppen sie verbreitet sind.
Diaphasische Variation
Diaphasisch bedeutet situationsbedingt. Dieselbe Person kann ihre Sprache etwa an ein vertrautes Gespräch oder eine formelle Situation anpassen.
Die Dimensionen können zusammenwirken. Eine Person verwendet möglicherweise eine regional geprägte Aussprache und wählt zugleich je nach Situation eine mehr oder weniger formelle Ausdrucksweise.
Du hörst septante statt soixante-dix. Zunächst kannst du die Form als regional, also diatopisch, einordnen. Ohne weitere Informationen weißt du jedoch noch nicht, ob zusätzlich eine bestimmte gesellschaftliche Gruppe oder Gesprächssituation eine Rolle spielt.
Wähle in jeder Lücke die passende Form und prüfe anschließend deine Antworten.
Eine regional bedingte Variation heißt . Eine gesellschaftlich bedingte Variation heißt . Eine situationsbedingte Variation heißt .
Wie unterscheiden sich regionale Varietäten?
Regionale Varietäten zeigen, dass mehrere Formen dieselbe Bedeutung ausdrücken können. Welche Form üblich ist, hängt vom jeweiligen Sprachraum ab.
| Bedeutung | Belgien | Schweiz oder Frankreich |
|---|---|---|
| 70 | septante | in Frankreich meist soixante-dix |
| 90 | nonante | in Frankreich meist quatre-vingt-dix |
| 80 | meist quatre-vingt | in Teilen der Schweiz huitante |
Auch Mahlzeiten können anders bezeichnet werden. Im Schweizer Französisch stehen déjeuner, dîner und souper für Frühstück, Mittagessen und Abendessen. In Frankreich sind dafür meist petit-déjeuner, déjeuner und dîner üblich.
Im Québecer Französisch werden in der gesprochenen Sprache teilweise Laute unterschieden, die im französischen Standard aus Frankreich weitgehend gleich klingen. Als Beispiele nennt das Ausgangsmaterial mâle und mal sowie pâte und patte. Grammatik und formelle Schriftsprache stimmen dagegen weitgehend mit dem Standard überein.
Afrikanisches Französisch ist keine einzige einheitliche Varietät. Je nach Land und den dort gesprochenen Sprachen können Aussprache und Wortschatz verschieden geprägt sein. In formellen Bereichen wie Bildung, Medien und Recht spielt standardnahes Französisch eine wichtige Rolle.
Wie verändert Sprachkontakt das Französische?
Wenn mehrere Sprachen regelmäßig nebeneinander verwendet werden, beeinflussen sie sich. So können Lehnwörter, übertragene Wendungen oder neue Satzmuster entstehen.
Im luxemburgischen Französisch werden beispielsweise place de travail statt emploi und place de jeux statt terrain verwendet. Das Ausgangsmaterial erklärt diese Formen mit dem Kontakt zu Deutsch und Luxemburgisch.
Im belgischen Französisch findet sich Ça me goûte anstelle von standardfranzösisch Ça me plaît. Die Struktur wird als Übertragung aus dem Niederländischen beschrieben.
Falscher Freund
Ein falscher Freund ist ein ähnlich aussehendes Wort in zwei Sprachen, dessen Bedeutung oder üblicher Gebrauch nicht übereinstimmt. In schweizerischen Verwaltungstexten kann deutsches „Protokoll“ irrtümlich mit protocole statt mit procès-verbal wiedergegeben werden.
Standardfranzösisch bietet eine gemeinsame Orientierung und wird international im Fremdsprachenunterricht vermittelt. Besonders in formellen Texten erleichtert ein gemeinsamer Standard die Verständlichkeit. Daraus folgt aber nicht, dass regionale Formen minderwertig sind.
Ein Standard ist eine gemeinsame Norm für bestimmte Situationen. Er ist nicht die einzige legitime Form einer Sprache.
Vertiefung: Wie hängen Sprache, Identität und Macht zusammen?
Varietäten zeigen häufig Zugehörigkeit zu einer Region oder Gemeinschaft. Eine regionale Anpassung kann deshalb Nähe, Vertrauen und Anerkennung ausdrücken. Wer nur den Standard als „richtig“ bezeichnet, kann Sprecherinnen und Sprecher anderer Varietäten abwerten.
Gleichzeitig kann ein gemeinsamer Standard den Zugang zu Bildung, Verwaltung und länderübergreifender Kommunikation erleichtern. Die Wirkung hängt somit vom Zusammenhang ab: Wer spricht mit wem, über welches Medium und mit welchem Ziel?
Die weltweite Verbreitung des Französischen ist auch mit Kolonisierung verbunden. In zahlreichen afrikanischen Ländern blieb Französisch nach der Unabhängigkeit Amts-, Verkehrs-, Unterrichts- oder Literatursprache.
Das führt zu einer Spannung:
- Französisch kann die Verständigung zwischen Menschen mit unterschiedlichen Erstsprachen ermöglichen.
- Es kann Zugang zu Bildung und gesellschaftlichem Aufstieg eröffnen.
- Zugleich kann es als kolonial belastete Sprache und als Sprache gesellschaftlicher Eliten erlebt werden.
Diese Aussagen widersprechen sich nicht zwingend. Eine Sprache kann in derselben Gesellschaft Verständigung ermöglichen und zugleich ungleiche Machtverhältnisse widerspiegeln.
Eine Institution veröffentlicht einen Text nur in stark standardisiertem Französisch. Das kann überregional verständlich sein. Wenn ein Teil der Zielgruppe andere Sprachen oder Varietäten verwendet, kann dieselbe Entscheidung aber auch Distanz schaffen. Eine begründete Beurteilung nennt deshalb sowohl den Kommunikationszweck als auch die betroffenen Gruppen.
Karteikasten
Überlege zuerst selbst und drehe die Karte anschließend zum Prüfen um.
Alles auf einen Blick
- Französische Varietäten
- regionale Variation: Ort und Sprachraum
- gesellschaftliche Variation: soziale Gruppen
- situationsbedingte Variation: Anlass und Beziehung
- Sprachkontakt: Wortschatz und Strukturen
- Standardisierung: gemeinsame Verständlichkeit
- Wirkung: Identität, Zugang und Macht
Französisch besteht aus vielen legitimen Ausprägungen. Um eine Form sinnvoll zu beurteilen, beschreibst du zuerst ihre Merkmale und fragst dann nach Region, gesellschaftlichem Umfeld, Situation und Kommunikationsziel.
Abschluss-Check
Wenn du alle drei Aufgaben begründen kannst, kannst du Varietäten nicht nur erkennen, sondern auch ihre kommunikative und gesellschaftliche Wirkung beurteilen.
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