Binnenmigration: Ursachen, Salden und Raumfolgen
Binnenmigration bedeutet, dass Menschen ihren Wohnort innerhalb eines Staates verlagern. Ob eine Region dadurch wächst oder schrumpft, erkennst du jedoch nicht an einzelnen Umzügen: Du musst Zu- und Fortzüge, Geburten und Sterbefälle sowie die Merkmale der wandernden Menschen zusammen betrachten.
Hake ab, was du schon kannst — und komm am Ende hierher zurück!
Woran erkennst du Binnenmigration?
Migration ist die längerfristige Verlagerung des Wohn- oder Lebensmittelpunkts. Für die Binnenmigration ist entscheidend, dass dabei keine Staatsgrenze überschritten wird.
Binnenmigration
Binnenmigration oder Binnenwanderung ist ein Wohnortwechsel innerhalb eines Staates. Ein Umzug zwischen zwei deutschen Gemeinden oder Bundesländern gehört dazu. Ein Umzug aus dem Ausland nach Deutschland ist dagegen internationale Migration.
Die Staatsangehörigkeit einer Person entscheidet nicht über die Einordnung. Zieht beispielsweise eine syrische Staatsangehörige von Dresden nach Köln, handelt es sich statistisch um Binnenmigration, weil sie innerhalb Deutschlands eine Verwaltungsgrenze überschreitet.
Binnenmigration kann aus verschiedenen Gründen entstehen, etwa durch Ausbildung, Studium, Arbeit, Familiengründung, Wohnkosten oder den Wunsch nach einem anderen Lebensumfeld. Meist wirken mehrere persönliche und strukturelle Bedingungen zusammen.
Lina zieht für ein Studium von Cottbus nach Leipzig. Sie verlagert ihren Wohnort für längere Zeit, bleibt aber innerhalb Deutschlands. Der Umzug ist deshalb Binnenmigration und zugleich Bildungsmigration.
Wie misst du Wanderungsgewinne und -verluste?
Der Wanderungssaldo vergleicht die Zahl der Zuzüge mit der Zahl der Fortzüge:
$$\text{Wanderungssaldo} = \text{Zuzüge} - \text{Fortzüge}$$
Ein positiver Saldo bedeutet Wanderungsgewinn, ein negativer Saldo Wanderungsverlust. Der Saldo zeigt aber nicht, wie viele Menschen insgesamt umgezogen sind. Je 1.000 Zu- und Fortzüge ergeben beispielsweise einen Saldo von null, obwohl 2.000 Wanderungen stattgefunden haben.
In einem Jahr ziehen 8.400 Menschen in einen Kreis und 7.900 fort.
$$8.400 - 7.900 = +500$$
Der Kreis hat einen Wanderungsgewinn von 500 Personen. Daraus allein folgt noch nicht, dass seine Gesamtbevölkerung wächst, denn Geburten und Sterbefälle fehlen in der Betrachtung.
Zur gesamten Bevölkerungsentwicklung gehört außerdem der natürliche Saldo:
$$\text{natürlicher Saldo} = \text{Geburten} - \text{Sterbefälle}$$
Beide Salden werden verbunden:
$$\text{Bevölkerungsänderung} = \text{natürlicher Saldo} + \text{Wanderungssaldo}$$
Zwischen 1990 und 2022 standen in Deutschland 24,7 Millionen Geburten 29,3 Millionen Sterbefällen gegenüber. Der natürliche Saldo betrug somit:
$$24{,}7 - 29{,}3 = -4{,}6\text{ Millionen}$$
Das ist ein natürliches Defizit. Ob die Bevölkerung im selben Zeitraum insgesamt wuchs oder schrumpfte, lässt sich erst nach Einbeziehung des Wanderungssaldos sagen.
Ein Wanderungsgewinn ist nicht automatisch Bevölkerungswachstum. Entscheidend ist, ob er einen möglichen Sterbeüberschuss ausgleicht.
Warum ist das Alter der Wandernden wichtig?
Binnenmigration ist altersselektiv: Altersgruppen ziehen nicht gleich häufig um. Junge Erwachsene sind besonders mobil, oft wegen Ausbildung, Studium oder Arbeit. Kinder und ältere Menschen ziehen tendenziell seltener um.
Das Alter beeinflusst deshalb die langfristige Entwicklung eines Raumes:
- Ziehen viele junge Erwachsene fort, altert die verbleibende Bevölkerung tendenziell schneller.
- Mit jungen Erwachsenen können auch potenzielle Eltern fehlen. Das kann spätere Geburtenzahlen beeinflussen.
- Ziehen junge Erwachsene zu, kann eine Region eine jüngere Altersstruktur gewinnen.
Diese Wirkungen sind Möglichkeiten, keine automatische Folge jedes Umzugs. Auch Arbeitsplätze, Wohnungsmarkt, Infrastruktur und internationale Zuwanderung wirken auf die Entwicklung ein.
Zwei Kreise haben jeweils einen Wanderungsverlust von 1.000 Personen. Im ersten Kreis ziehen überwiegend 20- bis 29-Jährige fort, im zweiten verteilen sich die Fortzüge gleichmäßiger über alle Altersgruppen. Die Salden sind gleich, die möglichen Folgen für Altersstruktur und künftige Geburtenentwicklung unterscheiden sich jedoch.
Wie wandelten sich die Muster in Deutschland?
Seit 1991 blieb das Volumen der Umzüge über Gemeindegrenzen mit rund vier Millionen pro Jahr vergleichsweise stabil. Die bevorzugten Richtungen änderten sich jedoch.
Bis Mitte der 2000er Jahre prägten Ost-West-Wanderungen das Bild stark. Nach hohen Verlusten Ostdeutschlands gingen diese Bewegungen zurück. Weil die West-Ost-Wanderung seit 1994 bei etwa 100.000 Personen jährlich blieb und zugleich weniger Menschen von Ost nach West zogen, war der Saldo zwischen beiden Landesteilen seit Mitte der 2010er Jahre nahezu ausgeglichen. Berlin wurde in dieser Gegenüberstellung nicht berücksichtigt.
Die Altersgruppen unterschieden sich:
- Von Ost nach West zogen besonders viele 25- bis 29-Jährige, häufig wegen Ausbildung, Studium oder Arbeit.
- Von West nach Ost zogen vor allem 30- bis 49-Jährige. Etwa die Hälfte waren Rückwandernde, oft in der Phase der Familiengründung.
Seit dem Ende der 2010er Jahre trat stärker die Suburbanisierung hervor: Städtische Kreise verloren durch Binnenmigration, während umliegende ländliche Kreise gewannen.
Suburbanisierung
Suburbanisierung bezeichnet die Verlagerung von Bevölkerung aus einer Kernstadt in ihr Umland. Hohe Mieten, knapper Baugrund und hohe Lebenshaltungskosten können diese Bewegung begünstigen.
Die Coronapandemie verstärkte zeitweise negative Wanderungssalden vieler Städte. Der Trend ins Umland hatte jedoch schon vorher begonnen und lässt sich daher nicht allein mit der Pandemie erklären.
Wie beurteilst du Folgen für eine Region?
Eine Region kann gleichzeitig bei der Binnenmigration verlieren und durch internationale Migration gewinnen. Deshalb müssen Maßstab und Wanderungsform immer genannt werden.
Baden-Württemberg verlor 2022 durch Wanderungen gegenüber anderen Bundesländern netto rund 10.000 Personen. Gleichzeitig kamen aus dem Ausland netto rund 180.000 Personen hinzu.
Betrachtet man nur diese beiden genannten Wanderungskomponenten, ergibt sich:
$$+180.000 - 10.000 = +170.000$$
Die internationale Zuwanderung glich den innerdeutschen Verlust mehr als aus. Die Aussage „Baden-Württemberg verlor 2022 durch Migration Bevölkerung“ wäre daher falsch. Richtig ist: Das Land hatte einen negativen Binnenwanderungssaldo, aber insgesamt einen positiven Wanderungsbeitrag aus den genannten Komponenten.
Auch die räumliche Ebene verändert das Bild. Durchschnittlich ziehen 40 Prozent der Binnenwandernden in einen Nachbarkreis. Kleinräumige Bewegungen können deshalb gleichzeitig Verluste einer Stadt und Gewinne ihres Umlands erzeugen.
Für eine differenzierte Raumanalyse gehst du in vier Schritten vor:
- Bestimme die Grenze: Gemeinde, Kreis, Bundesland oder Staat.
- Trenne Binnenmigration und internationale Migration.
- Berechne Zu- und Fortzugssaldo sowie den natürlichen Saldo.
- Untersuche, welche Altersgruppen wandern und welche räumlichen Bedingungen wirken.
Beurteile Migration nie nur als Gewinn oder Verlust. Nenne Raumebene, Zeitraum, Saldo, Bevölkerungsgruppen und weitere demografische Prozesse.
Karteikasten
Überlege zuerst selbst und drehe die Karte anschließend zum Prüfen um.
Alles auf einen Blick
- Binnenmigration
- Abgrenzung: Wohnortwechsel innerhalb eines Staates
- Messung: Zuzüge minus Fortzüge
- Bevölkerungsentwicklung: natürlicher Saldo plus Wanderungssaldo
- Selektivität: besonders hohe Mobilität junger Erwachsener
- Raummuster: Ost-West-Wandel und Suburbanisierung
- Beurteilung: Maßstab, Zeitraum und Bevölkerungsgruppen verbinden
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