Bildquelle analysieren: Anleitung in 4 Schritten
Eine Bildquelle analysierst du in vier Schritten: Du prüfst zuerst ihre Herkunft, beschreibst dann nur das Sichtbare, deutest es im historischen Zusammenhang und beurteilst schließlich den Aussagewert. So behandelst du ein Bild nicht als neutrales Abbild der Vergangenheit, sondern als perspektivisches Zeugnis seiner Entstehungszeit.
Hake ab, was du schon kannst — und komm am Ende hierher zurück!
Ist jedes historische Bild eine Bildquelle?
Ein Bild zeigt immer nur einen ausgewählten Ausschnitt. Urheber, Auftraggeber oder andere Beteiligte entscheiden, was dargestellt wird und wie es erscheint. Auch eine Fotografie kann gestellt, ausgeschnitten oder für einen bestimmten Zweck verbreitet worden sein.
Bildquelle
Eine Bildquelle ist ein Bild, das etwas über die Zeit und die Fragestellung erkennen lässt, auf die sich seine Entstehung bezieht. Entscheidend sind deshalb nicht nur das dargestellte Ereignis, sondern auch Entstehungszeit und Untersuchungsfrage.
Eine bildliche Darstellung zeigt ein früheres Ereignis erst nachträglich. Sie ist kein unmittelbares Bildzeugnis dieses Ereignisses. Sie kann aber eine Quelle dafür sein, wie Menschen zur späteren Entstehungszeit auf das Ereignis blickten.
Ein im 20. Jahrhundert entstandenes Bild über das Hambacher Fest ist keine Bildquelle für das Fest selbst. Es stammt nicht aus der Zeit des dargestellten Ereignisses. Fragst du dagegen nach der Erinnerung an das Hambacher Fest im 20. Jahrhundert, kann dasselbe Bild eine passende Quelle sein.
Der entscheidende Gedanke lautet: Der Quellenstatus hängt von Entstehungszeit und Fragestellung ab.
Bei einer Fotografie fallen Aufnahmezeit und fotografierter Moment zusammen. Das Veröffentlichungsdatum kann jedoch später liegen. Bei Gemälden und Zeichnungen können Entstehungszeit und dargestellte Zeit weit auseinanderliegen.
Frage nicht nur: „Was ist dargestellt?“ Frage auch: „Wann entstand das Bild, und für welche historische Frage kann es als Quelle dienen?“
Zuerst Herkunft und Sichtbares untersuchen
Halte vor der Analyse deinen ersten Eindruck in ein bis zwei Sätzen fest. Er ist noch kein Ergebnis. Am Ende prüfst du, ob die Untersuchung ihn bestätigt oder verändert hat.
Die Herkunft erschließen
Notiere nur Angaben, die bekannt oder am Material erkennbar sind:
- Bildgattung: etwa Fotografie, Gemälde, Zeichnung, Karikatur, Plakat oder Bildpostkarte
- Entstehungszeit und Entstehungsort
- dargestellte Zeit: besonders wichtig bei später entstandenen Bildern
- Urheber und gegebenenfalls Auftraggeber
- Titel oder Thema
- Veröffentlichungs- oder Ausstellungsort
- Adressaten und Verbreitung: Unikat, kleine Gruppe oder breite Öffentlichkeit
Fehlt eine Angabe, schreibe beispielsweise: „Der Urheber ist nicht bekannt.“ Eine Lücke ist kein Freibrief für eine Vermutung.
Das Sichtbare neutral beschreiben
Beschreibe vor jeder Deutung, was tatsächlich zu erkennen ist. Eine feste Reihenfolge verhindert, dass du auffällige Einzelheiten übersiehst:
- Nenne das Hauptmotiv und die dargestellte Situation.
- Gehe vom Vordergrund über den Mittelgrund zum Hintergrund.
- Beschreibe Personen, Gegenstände, Gebäude, Landschaft und Schrift.
- Achte bei Personen auf Haltung, Gestik und Mimik.
- Erfasse Anordnung, Größenverhältnisse, Perspektive, Bildausschnitt und auffällige Farben.
Schreibe zunächst: „Im Vordergrund steht …“ oder „Die Person hebt den rechten Arm.“ Deutungen wie „Die Person ist mächtig“ gehören noch nicht in die Beschreibung. Dafür musst du später sichtbare Hinweise nennen.
Beobachtung: Eine Person nimmt mehr Bildfläche ein als die anderen und ist oberhalb der Gruppe angeordnet.
Deutung: Die hervorgehobene Größe und Position können Überlegenheit oder Macht vermitteln.
Die Deutung ist nachvollziehbar, weil sie auf zwei sichtbaren Merkmalen beruht. Ohne diese Merkmale wäre „Die Person ist mächtig“ nur eine unbegründete Behauptung.
Gestaltung, Bedeutung und Kontext verbinden
Nach der Beschreibung fragst du, wie das Bild seine mögliche Wirkung erzeugt. Untersuche dazu Perspektive, Bildausschnitt, Größenverhältnisse, Anordnung, Gestik, Mimik, Farben, Schrift und Symbole.
Ein Symbol ist ein sichtbares Zeichen, das über seine unmittelbare Form hinaus eine Bedeutung trägt. Diese Bedeutung darfst du nicht allein behaupten: Begründe sie mit dem Bild und mit gesichertem Kontextwissen.
Gehe bei jeder Deutung in drei kleinen Schritten vor:
- Beobachtung: Was ist sichtbar?
- Bedeutung: Welche Wirkung oder Bedeutung kann daraus entstehen?
- Kontext: Welches historische Wissen stützt diese Deutung?
Eine starke Deutung verbindet Bildbeobachtung und Kontext: „Das Merkmal X kann Y bedeuten, weil im historischen Zusammenhang Z wichtig war.“
Intention und mögliche Wirkung
Die Intention ist die Absicht, die der Urheber oder Auftraggeber mit dem Bild verfolgt haben könnte. Frage:
- Welche Haltung zum Geschehen wird erkennbar?
- Was sollen die Adressaten glauben, fühlen oder tun?
- Passt die Gestaltung zu diesem Ziel?
- Wo und wie wurde das Bild verbreitet?
Sprich vorsichtig von einer möglichen Wirkung, wenn du keine Belege für die tatsächliche Reaktion des Publikums hast. Eine beabsichtigte Wirkung ist nicht automatisch eingetreten.
Historisch einordnen
Erkläre nur den Hintergrund, der Motiv, Perspektive oder Intention verständlich macht. Dazu können Entstehungsbedingungen sowie Vor- und Nachgeschichte gehören. Ein Bild kann mehrere Themen berühren; wähle die Zusammenhänge, die deine Leitfrage tatsächlich beantworten.
Bekannte Darstellungen der ersten Landung von Christoph Kolumbus und seiner Mannschaft in Amerika entstanden viele Jahre nach dem dargestellten Ereignis. Zeichnungen anwesender Männer liegen für diese Szene nicht vor.
Daraus folgt: Solche Bilder dürfen nicht wie unmittelbare Augenzeugenbilder ausgewertet werden. Sie zeigen vielmehr, wie spätere Künstler sich die Landung vorstellten. Über einzelne sichtbare Details, die ohne Bild nicht geprüft werden können, darf eine Analyse nichts erfinden.
Aussagewert und Grenzen beurteilen
Am Ende beantwortest du eine historische Frage. Ein gutes Urteil nennt nicht nur ein Etikett wie „Propaganda“ oder „übertrieben“, sondern erklärt, welche Analyseergebnisse diese Einschätzung tragen.
Sachurteil und Werturteil trennen
Das Sachurteil beurteilt die Quelle unter Einbezug der damaligen Bedingungen und des historischen Wissens. Du kannst etwa fragen:
- Welche Perspektive macht das Bild sichtbar?
- Wofür ist es aussagekräftig?
- Was verschweigt oder verzerrt es möglicherweise?
- Ist die Darstellung zutreffend, beschönigend, kritisch, dramatisierend oder übertrieben?
Ein zusätzliches Werturteil bewertet ausdrücklich aus heutiger Sicht. Kennzeichne den Perspektivwechsel, etwa mit „Aus heutiger Sicht …“. Heutige Maßstäbe dürfen nicht unbemerkt an die Stelle der historischen Einordnung treten.
Ein vollständiger Analyseweg
Für eine Darstellung der Landung Kolumbus’, die erst viele Jahre später entstand, lässt sich auf Grundlage der bekannten Angaben so argumentieren:
- Herkunft: Entstehungszeit und dargestellte Zeit liegen auseinander.
- Beschreibung: Ohne das konkrete Bild werden keine sichtbaren Einzelheiten behauptet.
- Deutung: Die Darstellung ist keine unmittelbare Beobachtung der Landung, sondern eine spätere Vorstellung.
- Kontext: Für die dargestellte Szene liegen keine Zeichnungen anwesender Männer vor.
- Sachurteil: Das Bild ist als genauer visueller Beleg für den Ablauf der Landung stark begrenzt. Es kann jedoch etwas über die Vorstellung seiner eigenen Entstehungszeit aussagen.
- Grenze: Intention und Wirkung bleiben offen, solange Angaben zu Urheber, Auftrag, Adressaten und Verbreitung fehlen.
Dieses Beispiel zeigt einen wichtigen Grundsatz: Eine sorgfältige Analyse benennt auch, was sich nicht sicher erschließen lässt.
Deine Analyse sinnvoll gliedern
Für einen zusammenhängenden Text eignet sich diese Reihenfolge:
- Einleitung mit Gattung, Thema, Herkunft und Leitfrage
- geordnete Beschreibung
- Analyse der Gestaltung
- historische Einordnung und Deutung
- begründetes Sachurteil
- gegebenenfalls klar getrenntes Werturteil
- Antwort auf die Leitfrage und Rückblick auf den ersten Eindruck
Der Aussagewert ist nicht dasselbe wie Wahrheit oder Wertlosigkeit. Ein einseitiges Bild kann für den tatsächlichen Ablauf eines Ereignisses ungeeignet sein und zugleich viel über Interessen, Feindbilder oder Vorstellungen seiner Entstehungszeit verraten.
Karteikasten
Überlege zuerst selbst und drehe die Karte anschließend zum Prüfen um.
Alles auf einen Blick
- Bildquelle analysieren
- Herkunft prüfen: Gattung, Zeit, Urheber, Auftrag, Adressaten
- Sichtbares beschreiben: Motiv, Bildbereiche, Personen, Gegenstände
- Gestaltung untersuchen: Perspektive, Ausschnitt, Anordnung, Symbole
- Historisch deuten: Beobachtung, Bedeutung, Kontext
- Kritisch urteilen: Aussagewert, Grenzen, Sachurteil, Werturteil
Eine zuverlässige Analyse trennt Arbeitsschritte, verbindet sie aber am Ende wieder: Die Beschreibung liefert die Belege, der Kontext macht Bedeutungen verständlich und das Urteil beantwortet die Leitfrage.
Abschluss-Check
Prüfe zum Schluss deinen ersten Eindruck: Was hat sich bestätigt, was musstest du korrigieren und welche Fragen kann die Bildquelle nicht beantworten? Wenn du auch diese Grenzen begründest, hast du die Quelle kritisch analysiert.
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