Epochenjahr 1917: Wendepunkte und Folgen
1917 gilt als Epochenjahr, weil damalige Entscheidungen und Revolutionen den Ersten Weltkrieg veränderten und weit über ihn hinauswirkten. Besonders wichtig waren der Kriegseintritt der USA und die Russische Revolution. Ob das Jahr allein eine neue Epoche eröffnete, bleibt jedoch eine begründungsbedürftige historische Deutung.
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Warum kann ein Jahr eine Epoche prägen?
Eine Epoche ist ein größerer geschichtlicher Zeitraum mit kennzeichnenden Strukturen. Eine Zäsur ist ein tiefer Einschnitt, durch den sich wichtige Entwicklungen verändern. Ein Epochenjahr muss daher nicht alle Veränderungen selbst hervorbringen. Es bündelt Ereignisse, die bestehende Entwicklungen beschleunigen oder ihnen eine neue Richtung geben.
1917 trafen mehrere Umbrüche zusammen:
- Die USA traten aufseiten der Entente in den Ersten Weltkrieg ein.
- In Russland stürzte zunächst der Zar; später übernahmen die Bolschewiki die Macht.
- Russland schied anschließend aus dem Krieg aus.
- Kriegsmüdigkeit, Versorgungskrisen, Streiks und Meutereien zeigten die Überlastung der Kriegsgesellschaften.
- Mit der Balfour-Erklärung entstand eine weitere langfristig bedeutsame politische Weichenstellung.
Epochenjahr
Ein Epochenjahr ist ein Jahr, in dem mehrere folgenreiche Veränderungen zusammentreffen. Die Bezeichnung ist eine historische Deutung: Man muss zeigen, was sich veränderte, wodurch dies geschah und wie lange die Folgen wirkten.
Ein bedeutendes Ereignis allein macht noch kein Epochenjahr. Entscheidend sind Reichweite, Dauer und Zusammenwirken seiner Folgen.
Wie veränderte der Eintritt der USA den Krieg?
Die USA waren zu Kriegsbeginn neutral, lieferten der Entente aber Güter und Kriegsmaterial über den Atlantik. Deutschland wollte die britische Seeblockade brechen und eröffnete am 1. Februar 1917 erneut den uneingeschränkten U-Boot-Krieg. Dabei konnten Schiffe ohne Vorwarnung angegriffen werden.
Zusätzlich wurde die Zimmermann-Depesche bekannt. Darin stellte das Deutsche Reich Mexiko für ein Bündnis Unterstützung bei der Rückgewinnung früher verlorener Gebiete in Aussicht. Am 6. April 1917 traten die USA in den Krieg gegen Deutschland ein.
Der Eintritt wirkte nicht sofort wie ein fertiges Millionenheer. Die USA mussten Soldaten zunächst einziehen, ausbilden und nach Europa bringen. Langfristig verschoben ihr wirtschaftliches Potenzial, ihre Materiallieferungen und ihre Truppen das Kräfteverhältnis zugunsten der Entente.
Die Wirkung lässt sich als Kette erklären:
- Deutschland verschärfte den U-Boot-Krieg.
- Dadurch wuchs der Konflikt mit den neutralen USA.
- Die Zimmermann-Depesche verstärkte das Bedrohungsgefühl.
- Die USA traten in den Krieg ein.
- Ihr personelles und wirtschaftliches Potenzial stärkte die Entente zunehmend.
- Im Sommer 1918 unterstützten frische US-Truppen die alliierten Gegenoffensiven.
Der entscheidende Gedanke lautet: Der politische Entschluss fiel 1917, seine volle militärische Wirkung entfaltete sich erst nach und nach.
Wie führten die Revolutionen zum Ausscheiden Russlands?
Krieg, Hunger, Preissteigerungen und Versorgungsnot verschärften die Krise des Zarenreichs. In der Februarrevolution nach damaliger russischer Zeitrechnung verlor Zar Nikolaus II. seine Herrschaft und dankte im März 1917 nach dem in Westeuropa gebräuchlichen Kalender ab.
Danach bestanden zwei Machtzentren nebeneinander:
- die Provisorische Regierung, die den Staat führen und den Krieg fortsetzen wollte;
- die Sowjets, also Räte von Arbeitern und Soldaten.
Diese unsichere Ordnung wird als Doppelherrschaft bezeichnet. Die Fortsetzung des Krieges und gescheiterte Offensiven schwächten die Provisorische Regierung. Die Bolschewiki unter Lenin gewannen mit ihrer Forderung nach Frieden und grundlegender Neuordnung an Einfluss.
Am 25. Oktober nach russischer beziehungsweise am 7. November 1917 nach gregorianischer Zeitrechnung übernahmen die Bolschewiki in Petrograd die Macht. Deshalb heißt das Ereignis Oktoberrevolution, obwohl sein Jahrestag nach dem heute üblichen Kalender im November liegt.
Bolschewiki
Die Bolschewiki waren eine revolutionäre sozialistische Partei unter Lenin. Sie wollten die Provisorische Regierung stürzen, die Macht auf eine von ihnen geführte Räteordnung übertragen und den Krieg beenden.
Nach der Machtübernahme folgten Friedensverhandlungen mit den Mittelmächten:
- Am 15. Dezember 1917 trat ein Waffenstillstand in Kraft.
- Am 3. März 1918 wurde der Frieden von Brest-Litowsk unterzeichnet.
- Russland verlor durch den Vertrag die Kontrolle über große Gebiete.
- Deutschland konnte Truppen von der Ostfront an die Westfront verlegen.
Auch hier erklärt eine Wirkungskette mehr als eine Liste von Daten:
Krieg und Versorgungskrise → Proteste und Zerfall der zarischen Herrschaft → Doppelherrschaft → Fortsetzung des Krieges → wachsender Legitimationsverlust → bolschewistische Machtübernahme → Waffenstillstand und Brest-Litowsk
Die Revolution war somit nicht nur ein russisches Innenereignis. Sie veränderte auch die militärische Lage in Europa.
Wie wirkten beide Wendepunkte zusammen?
Die beiden Hauptentwicklungen von 1917 wirkten zunächst in entgegengesetzte Richtungen:
| Entwicklung | Kurzfristige Wirkung | Längerfristige Wirkung |
|---|---|---|
| Russlands Ausscheiden | Entlastung Deutschlands an der Ostfront | Truppen konnten nach Westen verlegt werden |
| Eintritt der USA | Zunächst noch begrenzte militärische Wirkung | Wachsende Überlegenheit der Entente an Menschen und Material |
Deutschland nutzte das kurze Zeitfenster und begann im März 1918 eine große Offensive im Westen. Die Angreifer erzielten tiefe Durchbrüche, erschöpften sich aber. Reserven fehlten, während die Entente zunehmend durch US-Truppen verstärkt wurde. Im Sommer gingen die Alliierten zur Gegenoffensive über.
Russlands Ausscheiden verschaffte Deutschland einen vorübergehenden Vorteil. Der Eintritt der USA veränderte das Kräfteverhältnis dagegen langfristig zugunsten der Entente.
Die Folgen reichten über den Krieg hinaus. Die USA traten deutlicher als politische Weltmacht auf. Die bolschewistische Herrschaft begründete ein sozialistisches Ordnungsmodell. Der Gegensatz zwischen einem US-geprägten liberal-demokratischen und einem sowjetisch-sozialistischen Modell prägte besonders die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts.
Vertiefung: Ist 1917 eindeutig eine Epochenschwelle?
Für die Bezeichnung sprechen die gebündelten militärischen, politischen und gesellschaftlichen Umbrüche. Der US-Aufstieg, die bolschewistische Machtübernahme und weitere Weichenstellungen wie die Balfour-Erklärung entfalteten langfristige Wirkungen.
Gegen eine zu einfache Epochenthese spricht, dass viele Veränderungen schon vor 1917 begonnen hatten oder erst später voll wirksam wurden. Die USA wurden nicht im April 1917 schlagartig zur beherrschenden Weltmacht. Auch die spätere Systemkonkurrenz entstand nicht fertig an einem einzigen Tag.
Ein historisches Urteil wägt Kriterien ab. Für die Epochenthese eignen sich besonders Reichweite, Dauer, Neuheit und Zusammenwirken der Veränderungen.
Karteikasten
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Alles auf einen Blick
- Epochenjahr 1917
- US-Kriegseintritt: U-Boot-Krieg und Zimmermann-Depesche führten zur langfristigen Stärkung der Entente
- Russische Revolution: Sturz des Zaren und Doppelherrschaft mündeten in die bolschewistische Machtübernahme
- Ausscheiden Russlands: Waffenstillstand und Brest-Litowsk entlasteten Deutschland kurzfristig
- Langfristige Folgen: Aufstieg der USA und Entstehung eines sozialistischen Ordnungsmodells
- Historische Beurteilung: Reichweite und Dauer prüfen und Wandel als Prozess verstehen
Abschluss-Check
Du kannst die Epochenthese überzeugend prüfen, wenn du nicht nur Ereignisse nennst. Verknüpfe jeweils Ursache, Wendepunkt, unmittelbare Wirkung und langfristige Folge und wäge anschließend Reichweite und Grenzen deiner Deutung ab.
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