Gastarbeiter: Anwerbung, Alltag und Folgen
Mit „Gastarbeitern“ sind vor allem Menschen gemeint, die die Bundesrepublik seit 1955 gezielt als Arbeitskräfte anwarb. Ihr Aufenthalt sollte meist nur vorübergehend sein. Viele blieben jedoch, holten ihre Familien nach und prägten Deutschland dauerhaft.
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Warum warb die Bundesrepublik Arbeitskräfte an?
In den 1950er- und frühen 1960er-Jahren wuchs die westdeutsche Wirtschaft stark. Fabriken, Bergbau und Bauunternehmen benötigten mehr Beschäftigte, als im Inland verfügbar waren. Der Bau der Berliner Mauer im Jahr 1961 verringerte zusätzlich den Zuzug von Arbeitskräften aus der DDR.
Gleichzeitig herrschte in mehreren südeuropäischen und nordafrikanischen Staaten sowie in der Türkei hohe Arbeitslosigkeit. Viele Menschen hofften, in Westdeutschland Geld zu verdienen, ihre Familien zu unterstützen und später mit Ersparnissen zurückzukehren.
Anwerbeabkommen
Ein Anwerbeabkommen war eine staatliche Vereinbarung, mit der die Bundesrepublik die Vermittlung ausländischer Arbeitskräfte regelte. Außenstellen der Bundesanstalt für Arbeit wählten und vermittelten Bewerber in Abstimmung mit deutschen Unternehmen.
Das erste Abkommen schloss die Bundesrepublik 1955 mit Italien. Weitere folgten:
- 1955Italien
- 1960Spanien und Griechenland
- 1961Türkei
- 1963Marokko
- 1964Portugal
- 1965Tunesien
- 1968Jugoslawien
- 1973Anwerbestopp
Arbeitskräftemangel in Westdeutschland und Arbeitslosigkeit in den Herkunftsländern trafen aufeinander. Das machte die Anwerbung für beide Seiten interessant.
Wie verlief die Anwerbung?
Viele Bewerber mussten vor der Abreise Gesundheitsuntersuchungen bestehen. Nach der Vermittlung reisten sie häufig allein nach Westdeutschland. Ihre Arbeits- und Aufenthaltserlaubnisse waren zunächst meist befristet.
Die Zahl ausländischer Arbeitnehmer stieg deutlich:
Ausländische Arbeitnehmer in der Bundesrepublik
| 1960 | 330000 Personen |
|---|---|
| 1969 | 1500000 Personen |
| 1973 | 2600000 Personen |
1964 begrüßte die Bundesrepublik den Portugiesen Armando Rodrigues öffentlich als millionsten angeworbenen Arbeiter. Er erhielt ein Moped. Die Feier zeigte, wie wichtig die ausländischen Beschäftigten für die Wirtschaft geworden waren.
Insgesamt kamen während der Anwerbephase etwa 14 Millionen ausländische Arbeitskräfte in die Bundesrepublik. Rund 11 Millionen kehrten zurück. Die Differenz beträgt etwa drei Millionen. Diese Bilanz zeigt: Rückkehr war häufig, aber ein bedeutender Teil blieb.
Historische Zahlen richtig deuten: 2,6 Millionen ausländische Arbeitnehmer im Jahr 1973 bezeichnen den damaligen Beschäftigtenstand. Die 14 Millionen zählen dagegen alle Menschen, die während der gesamten Anwerbephase kamen. Die beiden Zahlen haben verschiedene Bezugszeiträume und dürfen nicht gleichgesetzt werden.
Wie waren Arbeit und Alltag?
Viele Angeworbene arbeiteten am Fließband, auf Baustellen oder im Bergbau. Die Tätigkeiten verlangten häufig schwere körperliche Arbeit und hatten geringe fachliche Zugangsvoraussetzungen. Teilweise waren die Arbeitstage lang, die Löhne niedrig und die gesundheitlichen Belastungen hoch.
Auch Frauen gehörten zur Arbeitsmigration. Rund 30 Prozent der angeworbenen Arbeitskräfte waren weiblich. Viele arbeiteten in der Textil-, Bekleidungs- oder Lebensmittelindustrie. Das verbreitete Bild vom ausschließlich männlichen Gastarbeiter lässt ihre Erfahrungen unsichtbar werden.
Die ersten Unterkünfte waren häufig firmeneigene Baracken oder Wohnheime. Mehrere Menschen teilten Zimmer, Küchen und Waschräume. Privatsphäre war knapp. Weil viele zunächst ohne Ehepartner und Kinder kamen, gehörten Familientrennung und Heimweh zum Alltag.
Sprachprobleme erschwerten Kontakte. Allgemeine Deutschkurse gab es für die erste Generation kaum, denn Staat und Unternehmen rechneten mit einer baldigen Rückkehr. Ablehnung und rassistische Beschimpfungen verstärkten bei manchen Menschen den Rückzug.
Eine Arbeiterin kommt allein nach Westdeutschland, lebt in einer Gemeinschaftsunterkunft und arbeitet lange Schichten in einer Fabrik. Nach der Arbeit fehlen ihr Zeit und passende Angebote für einen Deutschkurs. Ihre geringen Sprachkenntnisse sind deshalb nicht einfach persönliches Versagen, sondern hängen auch mit Arbeitszeit, Wohnsituation und der fehlenden Integrationsplanung zusammen.
Beschäftigte wehrten sich
Migrantische Arbeiterinnen und Arbeiter waren nicht nur Opfer schwieriger Bedingungen. Sie handelten selbst. 1973 streikten etwa 2.000 Beschäftigte beim Autozulieferer Pierburg, darunter rund 1.700 Frauen. Migrantische und deutsche Kolleginnen erreichten gemeinsam eine Lohnerhöhung für alle Frauen.
Warum wurde aus Arbeit auf Zeit dauerhafte Einwanderung?
Der Begriff „Gastarbeiter“ beruhte auf einem Rotationsgedanken: Beschäftigte sollten für eine begrenzte Zeit kommen, danach zurückkehren und durch andere ersetzt werden. Viele planten tatsächlich eine Rückkehr. Auch zahlreiche Unternehmen, Behörden und Politiker gingen nicht von dauerhafter Einwanderung aus.
1973 verhängte die Bundesregierung wegen Ölkrise, steigender Arbeitslosigkeit und schlechterer Wirtschaftslage einen Anwerbestopp. Aus Nicht-EG-Staaten sollten keine weiteren Arbeitskräfte angeworben werden.
Der Stopp hatte eine unbeabsichtigte Wirkung. Wer ausreiste, konnte später möglicherweise nicht erneut als angeworbene Arbeitskraft einreisen. Deshalb entschieden sich manche Menschen, in Deutschland zu bleiben. Ehepartner und Kinder zogen nach, und aus einem Arbeitsaufenthalt wurde ein Familienleben mit langfristiger Zukunft.
Ursache und Wirkung:
- Eine Person arbeitet seit mehreren Jahren in Westdeutschland.
- Nach dem Anwerbestopp wäre eine spätere Rückkehr nach Deutschland unsicher.
- Sie entscheidet sich gegen die Ausreise.
- Ihre Familie zieht nach.
- Wohnung, Schule und Alltag werden nun auf einen dauerhaften Aufenthalt ausgerichtet.
Der Anwerbestopp beendete also die Anwerbung, aber nicht die Migration.
Geplanter Kurzaufenthalt → kaum Integrationsangebote → Anwerbestopp → Bleibeentscheidung und Familiennachzug → dauerhafte Einwanderung
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Der Anwerbestopp wurde im Jahr beschlossen. Er beendete die staatliche , führte aber nicht automatisch zur Rückkehr. Für viele Familien wurde die Bundesrepublik zu einem .
Was verrät der Begriff „Gastarbeiter“?
Das Wort verbindet „Gast“ und „Arbeiter“. Ein Gast bleibt gewöhnlich nur vorübergehend; ein Arbeiter wird wegen seiner Leistung beschäftigt. Der Begriff spiegelt deshalb die damalige Erwartung wider: Arbeitskraft war erwünscht, dauerhafte Zugehörigkeit war nicht eingeplant.
Gastarbeiter
„Gastarbeiter“ ist eine historische Bezeichnung für angeworbene ausländische Arbeitskräfte in der Bundesrepublik. Anführungszeichen können sichtbar machen, dass der Begriff die Menschen auf eine zeitweilige Arbeitsrolle reduziert und ihr dauerhaftes Leben in Deutschland nicht angemessen beschreibt.
Der Begriff ist dennoch nützlich, wenn du die damalige Politik untersuchst. Er zeigt, welche Vorstellung hinter der Anwerbung stand. Du solltest ihn aber nicht unkritisch als zeitlose Bezeichnung für Menschen und ihre Nachkommen verwenden.
Migration bedeutete außerdem mehr als Anpassung. Ehemalige Arbeitsmigranten gründeten Geschäfte, Restaurants, Vereine und religiöse Gemeinden. Ihre Kinder und Enkel entwickelten unterschiedliche Zugehörigkeiten: deutsch, mit dem Herkunftsland der Familie verbunden, beides oder etwas Eigenes. Gleichzeitig blieben Diskriminierung und die Frage, wer als zugehörig gilt, gesellschaftliche Konflikte.
Nicht verwechseln: Vertragsarbeiter in der DDR
Auch die DDR hatte Arbeitskräftemangel. Seit den 1960er-Jahren kamen Vertragsarbeiter unter anderem aus Polen, Kuba, Mosambik und Vietnam. Ihre Lage war jedoch anders geregelt als die der westdeutschen Gastarbeiter.
| Vergleichspunkt | Bundesrepublik | DDR |
|---|---|---|
| Bezeichnung | Gastarbeiter | Vertragsarbeiter |
| Zweck | Arbeitskräftemangel ausgleichen | Arbeitskräftemangel ausgleichen |
| Aufenthalt | zunächst befristet, später oft verlängert | in der Regel auf höchstens fünf Jahre begrenzt |
| Familie | Familiennachzug nahm mit längerem Aufenthalt zu | Familiennachzug war untersagt |
| Wohnen | oft Wohnheime und Baracken | häufig separate Wohnanlagen |
| Entwicklung | für einen Teil dauerhaftes Bleiben | nach 1989 wurden viele zur Ausreise gedrängt |
Die Gemeinsamkeit „ausländische Arbeitskräfte“ reicht nicht für eine Gleichsetzung. Rechtslage, Familienleben und Möglichkeiten zum dauerhaften Bleiben unterschieden sich deutlich.
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Alles auf einen Blick
- Gastarbeiter in der Bundesrepublik
- Ursachen: Wirtschaftswachstum und Arbeitskräftemangel
- Anwerbung: Abkommen seit 1955
- Alltag: schwere Arbeit, einfache Unterkünfte und Familientrennung
- Handlungsspielräume: Rückkehr, Streik, Bleiben und Selbstständigkeit
- Wendepunkt: Anwerbestopp 1973
- Folgen: Familiennachzug und dauerhafte Einwanderung
- Begriffskritik: Menschen waren mehr als Arbeitskräfte auf Zeit
Abschluss-Check
Du kannst die Geschichte der Gastarbeiter erklären, wenn du drei Zusammenhänge verbindest: Der Arbeitskräftemangel führte zur Anwerbung, der erwartete Kurzaufenthalt verhinderte langfristige Planung, und der Anwerbestopp beschleunigte für einen Teil der Eingewanderten das dauerhafte Bleiben.
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