Kolonisation: Antike Gründung und Kolonialherrschaft
Kolonisation bedeutet nicht in jeder Epoche dasselbe. In der griechischen Antike bezeichnet der Begriff vor allem die Gründung politisch selbstständiger Tochterstädte. Beim neuzeitlichen Kolonialismus geht es dagegen um dauerhafte Fremdherrschaft, Ausbeutung und ungleiche Macht.
Auf dieser Seite lernst du, beide Bedeutungen zu unterscheiden, ihre Motive und Folgen zu erklären und historische Beispiele richtig einzuordnen.
Hake ab, was du schon kannst — und komm am Ende hierher zurück!
Was bedeutet Kolonisation?
Das Wort bezeichnet allgemein einen Vorgang, bei dem Menschen außerhalb ihres bisherigen Gebiets Siedlungen oder Herrschaftsräume aufbauen. Was dabei genau geschieht, hängt von der Epoche ab.
Kolonisation
Kolonisation ist die Erschließung und Besiedlung eines Gebiets von außen. Der Begriff wird für unterschiedliche historische Vorgänge verwendet und muss deshalb im jeweiligen Zusammenhang erklärt werden.
Kolonialismus
Kolonialismus ist eine Herrschaftsbeziehung: Eine auswärtige Macht bestimmt dauerhaft über ein Gebiet und seine Bevölkerung. Grundlegende Entscheidungen dienen vor allem den Interessen der Kolonialmacht. Häufig rechtfertigt sie dies mit einer angeblichen kulturellen oder biologischen Überlegenheit.
Die Begriffe überschneiden sich, sind aber nicht gleichbedeutend. Eine Siedlungsgründung kann zur Kolonisation gehören, ohne dieselbe Herrschaftsstruktur wie der neuzeitliche Kolonialismus zu besitzen.
Frage bei dem Wort Kolonisation immer: Wer kommt in welches Gebiet, wer entscheidet dort und bleibt die neue Siedlung abhängig oder wird sie selbstständig?
Wie verlief die griechische Kolonisation?
Zwischen etwa 750 und 550 v. Chr. gründeten Griechen zahlreiche neue Städte an den Küsten des Mittelmeers und des Schwarzen Meers. Diese Zeit wird als Große Kolonisation bezeichnet.
Polis
Eine Polis war ein griechischer Stadtstaat. Die ursprüngliche Polis hieß bei einer Koloniegründung Mutterstadt, die neu gegründete Polis Tochterstadt.
Mehrere Motive wirkten zusammen:
- Die Bevölkerung wuchs, während in der bergigen Landschaft Griechenlands geeignetes Ackerland knapp war.
- Neue Küstengebiete boten Möglichkeiten für Landwirtschaft.
- Günstige Häfen eröffneten neue Handelswege und den Zugang zu Ressourcen.
- Auch Entdeckerlust konnte Menschen zur Auswanderung bewegen.
Die Auswandernden gründeten an geeigneten Küsten neue Siedlungen. Dort führten sie griechische Sprache, Religion und Lebensformen fort. Die Tochterstädte blieben mit der Mutterstadt verbunden, waren politisch jedoch unabhängig.
Marseille, Neapel und Byzanz werden als Beispiele griechischer Gründungen genannt. Ihre Lage an Küsten eignete sich für Häfen und Handel. Das zeigt: Eine Tochterstadt konnte zugleich Siedlung, eigenständiger Stadtstaat und Handelsstützpunkt sein.
Die Kolonisation förderte den Handel und verbreitete griechische Kultur. Diese wirkte später auch auf die römische Kultur: Römer übernahmen unter anderem griechische Götter, Rituale und Formen der Architektur.
Woran erkennst du neuzeitlichen Kolonialismus?
Seit dem 15. Jahrhundert bauten europäische Mächte ein weltweites Netz aus Stützpunkten, eroberten Gebieten und Siedlungskolonien auf. Im 19. und frühen 20. Jahrhundert erreichte die territoriale Aufteilung der Welt ihren Höhepunkt.
Typische Merkmale waren:
- Eine auswärtige Macht nahm ein Gebiet in Besitz oder kontrollierte es indirekt.
- Die betroffene Bevölkerung hatte keine gleichberechtigte politische Mitsprache.
- Rohstoffe, Steuern, Land und Arbeitskraft wurden für externe Interessen genutzt.
- Militärische Gewalt oder die Drohung damit sicherte die Herrschaft.
- Rassistische und angeblich „zivilisatorische“ Vorstellungen rechtfertigten die Ungleichheit.
Motive wie Rohstoffbedarf, Absatzmärkte, Machtkonkurrenz und Prestige wirkten zusammen. Religiöse Mission oder eine behauptete „Zivilisierungsmission“ ließen die Herrschaft als Hilfe erscheinen. Tatsächlich dienten Bildung, Verwaltung und Infrastruktur häufig der Kontrolle und wirtschaftlichen Nutzung.
Kolonialherrschaft musste nicht überall gleich aussehen. Deshalb unterscheidet man verschiedene Formen.
- Beherrschungskolonien wurden von wenigen auswärtigen Beamten und Soldaten kontrolliert und vor allem wirtschaftlich genutzt.
- In Siedlungskolonien wanderten viele Siedler ein, eigneten sich Land an und verdrängten oder unterwarfen die ansässige Bevölkerung.
- Stützpunktkolonien waren militärisch gesicherte Häfen oder Handelsplätze.
- Bei informeller Herrschaft beeinflusste eine Macht Entscheidungen durch wirtschaftlichen oder militärischen Druck, ohne das gesamte Gebiet formell zur Kolonie zu erklären.
Kolonialismus bestand nicht nur aus Landbesitz. Auch ungleiche Verträge, indirekte Verwaltung und militärischer Druck konnten fremde Interessen durchsetzen.
Was zeigt das deutsche Kolonialreich?
Das Deutsche Reich besaß von 1884 bis 1919 Kolonien in Afrika, China und im Pazifik. Dazu gehörten unter anderem Gebiete im heutigen Namibia, Tansania, Burundi, Ruanda, Togo und Kamerun sowie pazifische Inseln und Kiautschou in China.
Auf der Berliner Konferenz von 1884/85 regelten europäische Mächte ihre Ansprüche in Afrika, ohne Vertreter der betroffenen Gesellschaften einzubeziehen. Das Prinzip der tatsächlichen Besetzung beschleunigte die Aufteilung des Kontinents.
Die Bezeichnung „Schutzgebiete“ war irreführend. Geschützt wurden vor allem wirtschaftliche Interessen deutscher Unternehmen, nicht die Rechte der einheimischen Bevölkerung. Land wurde enteignet, Menschen wurden zur Arbeit gezwungen und politische Mitsprache wurde verweigert.
Kolonialbefürworter nannten wirtschaftlichen Nutzen, Auswanderungsmöglichkeiten und Weltmachtprestige. Die Forderung nach einem deutschen „Platz an der Sonne“ verdeckte, dass fremde Gebiete unter deutsche Kontrolle gebracht wurden.
Die Kolonisierten blieben nicht passiv. Sie widersetzten sich der Fremdherrschaft. Deutsche Truppen beantworteten Widerstand mit massiver Gewalt:
- Der Krieg gegen die Herero und Nama im heutigen Namibia führte zu einem Völkermord.
- Der Maji-Maji-Aufstand in Deutsch-Ostafrika wurde niedergeschlagen; durch Kämpfe und eine kriegsbedingte Hungersnot starben sehr viele Menschen.
- Auch in China und auf pazifischen Inseln gingen deutsche Truppen gewaltsam gegen Widerstand vor.
Historische Schätzungen der Opferzahlen unterscheiden sich. Das ändert nicht die belegte Einordnung der Herrschaft als gewaltsam und des Vorgehens gegen Herero und Nama als Völkermord.
Die deutsche Kolonialpolitik zeigt eine wiederkehrende Kette:
Macht- und Wirtschaftsinteressen → Gebietskontrolle und Enteignung → Widerstand der Bevölkerung → militärische Repression
Rassistische Vorstellungen und die behauptete „Zivilisierungsmission“ dienten dazu, diese Ungleichheit zu rechtfertigen.
Warum endete Kolonialismus nicht einfach mit der Unabhängigkeit?
Nach dem Ersten Weltkrieg verlor Deutschland seine überseeischen Kolonien. Sie wurden jedoch nicht sofort unabhängig, sondern als Mandatsgebiete anderen Kolonialmächten übertragen.
Die große Phase der Dekolonisation, also der Auflösung formaler Kolonialherrschaft, folgte vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg. Viele asiatische und afrikanische Gebiete wurden politisch unabhängig. Antikoloniale Bewegungen spielten dabei eine entscheidende Rolle.
Politische Unabhängigkeit beseitigte jedoch nicht automatisch alle Folgen:
- Koloniale Grenzen hatten zusammengehörige Gruppen getrennt oder unterschiedliche Gruppen ohne Mitsprache in einen Staat gezwungen.
- Wirtschaftssysteme waren häufig auf den Export von Rohstoffen und den Nutzen der früheren Kolonialmacht ausgerichtet.
- Verwaltungen, Sprachen und Bildungssysteme wirkten fort.
- Rassistische Vorstellungen und ungleiche Bilder von Gesellschaften verschwanden nicht mit einem politischen Beschluss.
- In ehemaligen Kolonialmächten blieben geraubte Gegenstände, Straßennamen und beschönigende Erinnerungen erhalten.
Solche Nachwirkungen werden postkolonial genannt. Von Neokolonialismus spricht man, wenn alte Abhängigkeiten oder kolonial ähnliche Machtverhältnisse in neuer Form fortbestehen.
Kolonialherrschaft erklärt die heutige Lage eines Landes nicht allein. Auch vor- und nachkoloniale Entscheidungen, Institutionen, Konflikte und internationale Beziehungen spielen eine Rolle. Ein einfacher Satz wie „Ehemalige Kolonie bedeutet heute automatisch Armut“ wäre deshalb falsch.
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Alles auf einen Blick
- Kolonisation
- Begriff im historischen Zusammenhang prüfen
- Akteure, politische Abhängigkeit und Interessen untersuchen
- Griechische Kolonisation
- unabhängige Tochterstädte, Handel und kulturelle Ausbreitung
- Neuzeitlicher Kolonialismus
- Fremdherrschaft, Ausbeutung und rassistische Rechtfertigung
- Deutsches Kolonialreich
- Gebietskontrolle, Widerstand, Repression und Völkermord
- Dekolonisation
- politische Unabhängigkeit und fortbestehende Folgen
- Begriff im historischen Zusammenhang prüfen
Abschluss-Check
Du kannst Kolonisation nun historisch einordnen: Nicht der ähnliche Name entscheidet, sondern die konkrete Beziehung zwischen Siedlung, Herrschaft, Interessen und betroffener Bevölkerung.
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