Migrationsgeschichte: Ursachen und Verläufe verstehen
Migration ist kein neues Ausnahmeereignis, sondern gehört seit Beginn der Menschheitsgeschichte zum gesellschaftlichen Wandel. Menschen wandern aus unterschiedlichen Gründen, über kurze oder große Entfernungen und nicht immer dauerhaft. Hier lernst du, historische Migrationsbewegungen zu beschreiben, zu vergleichen und Aussagen darüber sorgfältig zu prüfen.
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Migration historisch verstehen
Migration bedeutet, dass Menschen ihren Lebensmittelpunkt für eine gewisse Zeit oder dauerhaft an einen anderen Ort verlagern. Sie führt nicht immer geradlinig von einem Herkunftsort zu einem endgültigen Ziel.
Migrationsverlauf
Ein Migrationsverlauf beschreibt die räumlichen Stationen einer Wanderung. Er kann Rückkehr, wiederholte Wanderung oder Bewegung zwischen mehreren Orten umfassen.
Historische und gegenwärtige Wanderungen nehmen verschiedene Formen an:
- Bei einer Rückwanderung kehrt eine Person oder Gruppe in eine frühere Herkunftsregion zurück.
- Bei zirkulärer Migration wechseln Menschen wiederholt zwischen Orten.
- Fluktuation bedeutet, dass sich Zu- und Fortbewegungen häufig verändern.
- Bei einer Binnenwanderung wird keine Staatsgrenze überschritten.
Große Entfernung bedeutet nicht automatisch moderne Migration. Menschen wanderten schon lange vor modernen Massenverkehrsmitteln über weite Strecken.
Eine Person verlässt ihren Wohnort, arbeitet einige Jahre in einer anderen Region und kehrt später zurück. Das ist Migration, obwohl sie sich nicht dauerhaft am Zielort niederlässt. Wechselt sie regelmäßig zwischen beiden Orten, handelt es sich um eine zirkuläre Bewegung.
Europas große Auswanderung einordnen
Seit dem 15. Jahrhundert weitete Europa seinen politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Einfluss auf andere Weltregionen aus. Diese europäische Expansion schuf Verbindungen, Machtverhältnisse und Siedlungsräume, die Migration prägten.
Die europäische Abwanderung nach Übersee blieb vom 16. bis zum frühen 19. Jahrhundert zunächst moderat. Danach wurde sie zu einem Massenphänomen: Zwischen 1815 und 1930 wanderten 55 bis 60 Millionen Europäer nach Übersee aus.
- Mehr als zwei Drittel gingen nach Nordamerika.
- Rund ein Fünftel ging nach Südamerika.
- Etwa 7 Prozent erreichten Australien und Neuseeland.
- Ein kleinerer Teil wanderte auf dem Landweg, besonders in asiatische Gebiete des russischen Zarenreichs.
Diese Bewegung veränderte die Bevölkerungszusammensetzung vor allem in Amerika, im südlichen Pazifik und in Teilen Afrikas und Asiens. Im zweiten Drittel des 20. Jahrhunderts endete die europäische Transatlantikmigration als Massenphänomen.
Interkontinentale Migration war nicht nur europäisch. Im langen 19. Jahrhundert gab es auch umfangreiche Wanderungen aus südchinesischen Provinzen nach Südostasien, auf die Philippinen und in den pazifischen Raum. Bei einer überlieferten Angabe von 11 Millionen fehlt jedoch das Wort, das die betreffende Gruppe bezeichnet. Deshalb eignet sich diese Zahl nicht für eine genaue Vergleichsrechnung.
Europas Wandel zum Zuwanderungskontinent erklären
Schon am Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts kamen kleinere Gruppen aus anderen Kontinenten nach Europa. Dazu gehörten Bildungsmigranten aus Kolonialgebieten, asiatische und afrikanische Seeleute sowie Soldaten aus Asien, Afrika und der Karibik, die europäische Kolonialmächte in beiden Weltkriegen einsetzten.
Zur Massenzuwanderung kam es erst nach dem Zweiten Weltkrieg. Besonders wichtig war die Dekolonisation, also die Auflösung europäischer Kolonialreiche.
Dabei bewegten sich verschiedene Gruppen nach Europa:
- europäische Siedler aus ehemaligen Kolonialgebieten;
- ehemalige Verwaltungsbeamte, Soldaten und Polizisten, die die Kolonialherrschaft mitgetragen hatten;
- Menschen aus ehemals kolonisierten Bevölkerungen, denen fortbestehende Verbindungen den Zugang zu früheren Kolonialmächten erleichterten.
Zwischen dem Ende des Zweiten Weltkriegs und 1980 kamen im Zusammenhang mit der Dekolonisation 5 bis 7 Millionen als „Europäer“ bezeichnete Menschen aus ehemaligen Kolonialgebieten nach Europa. Viele waren nicht in Europa geboren und hatten zuvor nie dort gelebt. Die Bezeichnung stimmte also nicht einfach mit dem Geburts- oder Wohnort überein.
Ein Vergleich macht Europas Rollenwechsel sichtbar:
- Richtung: Von 1815 bis 1930 wanderten viele Menschen von Europa nach Übersee. Nach 1945 verstärkte sich die Bewegung aus ehemaligen Kolonialgebieten nach Europa.
- Anlass: Die erste Bewegung stand im Zusammenhang mit Expansion und Siedlung. Die spätere Bewegung wurde durch die Auflösung der Kolonialreiche geprägt.
- Umfang: 55 bis 60 Millionen europäische Überseemigranten stehen 5 bis 7 Millionen als „Europäer“ bezeichneten Menschen im Dekolonisationskontext gegenüber.
- Handlungsspielraum: Keine der Bewegungen war einheitlich freiwillig oder erzwungen. Die konfliktreiche Dekolonisation löste auch Flucht und Vertreibung aus.
Europas frühere Auswanderungs- und Kolonialgeschichte beeinflusste somit seine spätere Zuwanderungsgeschichte.
Flucht als Bewegung und Stillstand untersuchen
Fluchtbewegungen werden durch ausgeübte oder angedrohte Gewalt ausgelöst. Sie verlaufen häufig nicht direkt von einem Herkunftsort zu einem endgültigen Ziel.
Ein möglicher Verlauf besteht aus mehreren Etappen:
- Eine Person weicht zunächst in eine nahe Stadt oder an einen schnell erreichbaren, sicher erscheinenden Ort aus.
- Sie zieht zu Verwandten oder Bekannten in einer anderen Region oder einem Nachbarstaat weiter.
- Sie sucht ein informelles oder reguläres Lager auf.
Wenn sich Konfliktlinien verändern oder am Fluchtort Sicherheit, Versorgung und Erwerbsmöglichkeiten fehlen, können Menschen zurückkehren und erneut fliehen.
Binnenvertriebene
Binnenvertriebene sind Menschen, die innerhalb ihres eigenen Staates vor Gewalt oder Verfolgung ausweichen. Weil sie keine Staatsgrenze überschreiten, werden sie getrennt von grenzüberschreitenden Flüchtlingen erfasst.
Flucht kann zugleich durch Immobilisierung, also erzwungenen Stillstand, geprägt sein. Grenzen, natürliche Hindernisse, fehlendes Geld, fehlende Dokumente, politische Maßnahmen oder schwache soziale Netzwerke können die Weiterreise verhindern. Lager können sich dadurch zu dauerhaften, stadtähnlichen Siedlungen entwickeln. Eingeschränkte Bewegungsfreiheit verringert die Handlungsmöglichkeiten der Betroffenen.
Viele Menschen suchen Schutz in der Nähe ihrer Herkunftsregion. 2015 lebten 95 Prozent von 2,6 Millionen afghanischen Flüchtlingen in Pakistan oder Iran. 2016 lebte der größte Teil der rund 4,8 Millionen syrischen Flüchtlinge in der Türkei, in Jordanien, im Irak und im Libanon. Zusätzlich gab es 7,6 Millionen Binnenvertriebene innerhalb Syriens.
Flucht bedeutet nicht dauernde Bewegung. Sie kann kurze Wege, mehrere Stationen, Rückkehr und lange Phasen erzwungenen Stillstands umfassen.
Migrationserzählungen mit Belegen prüfen
Öffentliche Aussagen über Migration verwenden häufig starke Wörter wie „immer mehr“, „Massenzustrom“ oder „alle“. Historisches Prüfen beginnt deshalb mit vier Fragen:
- Welche Bewegung ist gemeint? Geht es um Grenzübertritte, Binnenwanderung, Flucht oder den Bestand einer Bevölkerung?
- Welcher Zeitraum gilt? Eine Zahl aus einem einzelnen Jahr sagt etwas anderes aus als ein Befund über Jahrzehnte.
- Welche Bezugsgröße wird verwendet? Eine absolute Zahl und ein Anteil an der Weltbevölkerung beantworten unterschiedliche Fragen.
- Welche Grenzen hat das Material? Fehlende Begriffe, beschädigte Sätze und alte Daten dürfen nicht still ergänzt oder auf die Gegenwart übertragen werden.
Zwischen 1960 und 2010 überschritten in jeweils fünfjährigen Zeiträumen etwa 0,6 Prozent der Weltbevölkerung Staatsgrenzen. Nur 1990 bis 1995 lag der Anteil mit 0,75 Prozent etwas höher. Die meisten Bewegungen fanden innerhalb von Weltregionen statt.
Diese Angaben widersprechen für den untersuchten Zeitraum der pauschalen Vorstellung eines ständig wachsenden globalen Zustroms nach Europa. Sie beweisen aber nicht, dass Migration überall gleich verlief oder nach 2010 unverändert blieb. Die zugrunde liegende Darstellung erschien 2018 und verwendet Daten, die meist nur bis etwa 2016 reichen.
Behauptung: „Migration über Staatsgrenzen nahm zwischen 1960 und 2010 ohne Unterbrechung stark zu.“
Prüfung:
- Messgröße: Anteil der Weltbevölkerung mit Grenzübertritt in Fünfjahreszeiträumen;
- Befund: meist ungefähr 0,6 Prozent, mit 0,75 Prozent in den Jahren 1990 bis 1995;
- Urteil: Die Behauptung passt nicht zu diesen Angaben, weil sie einen dauerhaften starken Anstieg behauptet;
- Grenze: Das Urteil gilt nur für die verwendete Messgröße und den Zeitraum bis 2010.
Eine beschädigte Quelle ist selbst ein Befund. Fehlt bei einer Angabe das Bezugswort, benennst du die Lücke und verwendest die Zahl nicht für eine genaue Behauptung.
Selbst vergleichen und urteilen
Nutze für einen historischen Vergleich dieselben Merkmale. So vermeidest du, bloß zwei Geschichten nacheinander zu erzählen.
| Merkmal | Leitfrage |
|---|---|
| Zeitraum | Wann fand die Bewegung statt? |
| Richtung | Von wo nach wo bewegten sich Menschen? |
| Anlass | Welche politischen, wirtschaftlichen oder gewaltsamen Bedingungen werden genannt? |
| Umfang | Welche Zahlen sind belegt, und worauf beziehen sie sich? |
| Handlungsspielraum | Welche Entscheidungen waren möglich, welche Hindernisse schränkten sie ein? |
| Wirkung | Welche gesellschaftliche Veränderung wird beschrieben? |
Aufgabe
Vergleiche die europäische Überseewanderung von 1815 bis 1930 mit Fluchtbewegungen aus Syrien um 2016. Formuliere je einen Satz zu Richtung, Anlass, Umfang und Handlungsspielraum. Nenne anschließend eine Grenze des Vergleichs.
Musterlösung:
- Richtung: Die europäische Überseewanderung führte überwiegend von Europa nach Nord- und Südamerika sowie in den südlichen Pazifik. Syrische Flucht führte häufig innerhalb Syriens oder in benachbarte Staaten.
- Anlass: Die erste Bewegung stand im Zusammenhang mit europäischer Expansion und Siedlung. Die zweite wurde durch Gewalt und Verfolgung ausgelöst.
- Umfang: Von 1815 bis 1930 wanderten 55 bis 60 Millionen Europäer nach Übersee aus. Um 2016 gab es rund 4,8 Millionen syrische Flüchtlinge und zusätzlich 7,6 Millionen Binnenvertriebene.
- Handlungsspielraum: Die europäischen Überseemigranten werden nicht als einheitlich freiwillige oder erzwungene Gruppe beschrieben. Bei der Flucht schränkten Gewalt, Grenzen, Geldmangel, fehlende Dokumente und unsichere Schutzorte die Möglichkeiten stark ein.
- Grenze: Die Zeiträume sind sehr unterschiedlich lang, und die Zahlen erfassen nicht dieselben Kategorien. Deshalb darf man sie nicht einfach als Rangliste verrechnen.
Wähle in jeder Lücke die passende Form und prüfe anschließend deine Antworten.
Ein historischer Vergleich verwendet für beide Fälle dieselben . Bei einer Zahl prüfst du zuerst und . Menschen, die innerhalb ihres Staates fliehen, heißen . Ein fehlendes Bezugswort wird als benannt.
Karteikasten
Überlege zuerst selbst und drehe die Karte anschließend zum Prüfen um.
Alles auf einen Blick
- Migrationsgeschichte
- historischer Normalfall: Auswanderung, Zuwanderung, Rückkehr, Zirkulation
- Europas Rollenwechsel: Überseeauswanderung, Dekolonisation, Zuwanderung
- Fluchtverläufe: Etappen, regionale Nähe, Binnenvertreibung, Stillstand
- Vergleichen: Zeitraum, Richtung, Anlass, Umfang, Handlungsspielraum, Wirkung
- Aussagen prüfen: Messgröße, Bezugsgröße, Zeitraum, Quellenlücke
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