Operator „bewerten“ in Geschichte: sicher urteilen
Beim Operator bewerten untersuchst du einen historischen Sachverhalt und fällst anschließend ein begründetes Werturteil. Dazu legst du deine normativen Maßstäbe offen, berücksichtigst Gegenargumente und formulierst ein abgestuftes Fazit.
Hake ab, was du schon kannst — und komm am Ende hierher zurück!
Was verlangt der Operator „bewerten“?
Operatoren zeigen dir, welche Tätigkeit eine Aufgabe verlangt. Bewerten gehört zum Anforderungsbereich III: Du sollst nicht nur Wissen wiedergeben, sondern reflektieren, abwägen und selbstständig urteilen.
Werturteil
Ein Werturteil misst einen historischen Sachverhalt an offengelegten normativen Maßstäben, zum Beispiel Rechtsstaatlichkeit, Demokratie, Gewaltfreiheit oder soziale Gerechtigkeit. Es erklärt nachvollziehbar, warum der Sachverhalt diesen Maßstäben entspricht oder widerspricht.
Ein Werturteil ist mehr als eine persönliche Meinung. Der Satz „Ich finde das schlecht“ nennt weder einen überprüfbaren Maßstab noch historische Argumente. Ein überzeugendes Urteil zeigt dagegen:
- woran du den Sachverhalt misst,
- welche historischen Tatsachen für und gegen dein Urteil sprechen,
- wie du die Argumente gewichtest,
- wie weit dein Ergebnis gilt.
Bewerten bedeutet: Maßstäbe offenlegen, historische Argumente prüfen, Gegenargumente berücksichtigen und daraus ein begründetes Werturteil entwickeln.
Wie unterscheiden sich Beurteilen und Bewerten?
Beurteilen und bewerten verlangen beide ein kriteriengeleitetes Urteil. Der entscheidende Unterschied liegt in der Art der Kriterien.
| Operator | Ziel | Typische Kriterien | Ergebnis |
|---|---|---|---|
| beurteilen | historischen Stellenwert oder Zusammenhang bestimmen | Triftigkeit, Wirksamkeit, Realitätsangemessenheit, Bedeutung | begründetes Sachurteil |
| bewerten | den Sachverhalt an normativen Maßstäben messen | Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, Gewaltfreiheit, soziale Gerechtigkeit | begründetes Werturteil |
Ein Sachurteil könnte fragen: War eine politische Maßnahme geeignet, ihr erklärtes Ziel zu erreichen? Ein Werturteil fragt zusätzlich: Ist die Maßnahme gemessen an begründeten Normen vertretbar?
Das Sachurteil ist oft eine notwendige Grundlage des Werturteils. Du musst zunächst klären, was geschah und welche Folgen erkennbar sind, bevor du es normativ einordnest.
Wie werden Maßstäbe zu prüfbaren Kriterien?
Ein abstrakter Begriff wie Gerechtigkeit ist noch kein brauchbares Prüfraster. Du musst ihn in konkrete Teilfragen übersetzen. Dies nennt man operationalisieren.
Aus dem Maßstab Rechtsstaatlichkeit lassen sich zum Beispiel diese Prüffragen entwickeln:
- Sind staatliche Entscheidungen an geltendes Recht gebunden?
- Werden politische und rechtliche Verfahren eingehalten?
- Bleiben grundlegende Rechte geschützt?
- Können Entscheidungen kontrolliert oder angefochten werden?
Aus Demokratie können andere Fragen folgen: Gibt es politische Beteiligung, freie Willensbildung und konkurrierende politische Positionen?
Unterschiedliche Maßstäbe können zu unterschiedlichen Teilergebnissen führen. Eine Maßnahme kann etwa soziale Bedürfnisse erfüllen und zugleich demokratische Rechte verletzen. Diese Spannung darfst du nicht verstecken. Sie ist der Kern der Abwägung.
Bei historischen Bewertungen solltest du außerdem unterscheiden:
- damalige Handlungsmöglichkeiten: Welche Alternativen waren in der Situation erkennbar?
- zeitgenössische Maßstäbe: Welche Normen und Erwartungen bestanden damals?
- heutige Maßstäbe: Wie fällt das Urteil beispielsweise anhand von Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Menschenrechten aus?
Wähle in jeder Lücke die passende Form und prüfe anschließend deine Antworten.
Beim Bewerten wird ein abstrakter Maßstab in übersetzt. Historische Tatsachen bilden die . Widersprüchliche Teilergebnisse müssen im Fazit werden.
Wie baust du eine Bewertung Schritt für Schritt auf?
Eine überzeugende Bewertung lässt sich in fünf Arbeitsschritten entwickeln.
1. Aufgabe und Gegenstand klären
Formuliere genau, welcher Sachverhalt aus welcher Perspektive und anhand welcher Vorgabe bewertet werden soll. Beachte Begrenzungen wie Zeitraum, Material oder vorgegebene Maßstäbe.
2. Sachgrundlage sichern
Halte knapp fest, was geschehen ist, welche Ziele verfolgt wurden und welche Folgen oder Handlungsmöglichkeiten für dein Urteil wichtig sind. Trenne belegte Tatsachen von Deutungen.
3. Maßstäbe offenlegen
Nenne die normativen Kriterien und erkläre sie durch prüfbare Teilfragen. Übernimm vorgegebene Kriterien; ergänze eigene nur, wenn die Aufgabe dies zulässt und du ihre Bedeutung begründest.
4. Argumente abwägen
Ordne Argumente und Gegenargumente nach den gewählten Kriterien. Erkläre nicht nur, dass ein Argument wichtig ist, sondern warum es stärker oder schwächer wiegt.
5. Abgestuft urteilen
Beantworte die Aufgabenfrage eindeutig. Nenne zugleich Reichweite, Gegenargument und verbleibende Unsicherheit deines Urteils.
Ein starkes Schlussurteil folgt dem Muster: Ergebnis – wichtigster Maßstab – stärkstes Gegenargument – begründete Gewichtung – Einschränkung.
Wie sieht eine vollständige Bewertung aus?
Die folgende Übung nutzt einen begrenzten historischen Sachverhalt, dessen relevante Angaben vollständig vorliegen.
Nach der Oktoberrevolution lösten die Bolschewiki die Konstituante auf, schafften die Pressefreiheit ab, verboten andere Parteien und errichteten mit dem Dekret über den Roten Terror eine gewaltsame Parteidiktatur. Zugleich entsprachen Landreform und Beendigung des Weltkriegs den Wünschen großer Bevölkerungsteile.
Aufgabe: Bewerte diese Entwicklung anhand der Kriterien Rechtsstaatlichkeit, Demokratie und soziale Gerechtigkeit.
1. Sachgrundlage: Die Entwicklung verband soziale und friedenspolitische Maßnahmen mit der Ausschaltung politischer Konkurrenz und grundlegender Rechte.
2. Maßstäbe: Rechtsstaatlichkeit verlangt rechtlich gebundene Herrschaft und den Schutz grundlegender Rechte. Demokratie verlangt politische Beteiligung und konkurrierende Positionen. Soziale Gerechtigkeit fragt hier, ob wichtige soziale Bedürfnisse großer Bevölkerungsteile berücksichtigt wurden.
3. Abwägung: Für eine positive Teilbewertung spricht, dass Landreform und Kriegsende verbreiteten Bedürfnissen entsprachen. Das ist besonders unter dem Maßstab sozialer Gerechtigkeit bedeutsam. Dagegen stehen die Auflösung der Konstituante, die Abschaffung der Pressefreiheit, das Verbot anderer Parteien und der Rote Terror. Diese Maßnahmen widersprechen Demokratie und Rechtsstaatlichkeit grundlegend. Das soziale Argument kann diese Eingriffe nicht ausgleichen, weil soziale Ziele nicht automatisch die Ausschaltung politischer Rechte rechtfertigen.
4. Werturteil: Gemessen an Demokratie und Rechtsstaatlichkeit ist die Entwicklung insgesamt deutlich abzulehnen. Landreform und Kriegsende begründen zwar ein positives Teilergebnis hinsichtlich sozialer Bedürfnisse. Dieses Gegenargument verändert jedoch das Gesamturteil nicht, weil die dauerhafte Beseitigung politischer Freiheit und die gewaltsame Parteidiktatur schwerer wiegen. Das Urteil bezieht sich auf die genannten Maßnahmen und Kriterien; für eine Bewertung sämtlicher Folgen der Revolution wären weitere gesicherte Angaben nötig.
Die Einschränkung am Ende schwächt das Urteil nicht. Sie zeigt, dass du seine Reichweite kennst: Bewertet wurden die genannten Entwicklungen, nicht jedes Ereignis der gesamten Revolution.
Welche Fehler solltest du vermeiden?
Meinung statt Urteil
„Ich persönlich finde …“ genügt nicht. Nenne den Maßstab, belege deine Argumente und erkläre die Gewichtung.
Maßstäbe nur aufzählen
Begriffe wie Demokratie oder Gerechtigkeit wirken nicht von selbst. Übersetze sie in Fragen und wende diese auf den Sachverhalt an.
Gegenargumente verschweigen
Ein Werturteil wird stärker, wenn du ein ernst zu nehmendes Gegenargument prüfst und begründet einordnest.
Heutiges Wissen unbemerkt voraussetzen
Prüfe, welche Möglichkeiten und Folgen für damalige Akteure erkennbar waren. Trenne diesen historischen Handlungshorizont von einer Bewertung anhand heutiger Normen.
Ein absolutes Fazit formulieren
Vermeide Urteile wie „vollständig richtig“ oder „in jeder Hinsicht falsch“, wenn die Argumente ein gemischtes Bild ergeben. Formulierungen wie „überwiegend“, „unter dem Kriterium …“ oder „trotz …“ machen die Reichweite sichtbar.
Karteikasten
Überlege zuerst selbst und drehe die Karte anschließend zum Prüfen um.
Alles auf einen Blick
- Historisch bewerten
- Sachgrundlage klären: Tatsachen und Deutungen trennen; Handlungsmöglichkeiten beachten
- Maßstäbe offenlegen: normative Kriterien auswählen und in prüfbare Teilfragen übersetzen
- Argumente abwägen: Gegenargumente einbeziehen und Gewichtung begründen
- Werturteil formulieren: Ergebnis, Reichweite und Unsicherheit nennen
Abschluss-Check
Prüfe deine eigene Bewertung zuletzt mit vier Fragen: Sind meine Maßstäbe klar? Sind meine Argumente historisch gestützt? Habe ich das stärkste Gegenargument berücksichtigt? Zeigt mein Fazit Ergebnis und Reichweite?
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