Selbstbild und Fremdbild in Geschichte analysieren
Selbstbilder zeigen, wie Menschen oder Gruppen sich selbst darstellen. Fremdbilder zeigen, wie sie andere darstellen. In historischen Quellen sind beide Bilder keine neutralen Abbilder: Sie wählen Merkmale aus, bewerten sie und können politische Ziele unterstützen. Deshalb untersuchst du nicht nur, was eine Quelle sagt, sondern auch, wer wen wie und wozu beschreibt.
Hake ab, was du schon kannst — und komm am Ende hierher zurück!
Vier Begriffe sicher unterscheiden
Stell dir eine politische Rede vor: Die eigene Gruppe wird als friedlich und vernünftig beschrieben, die Gegenseite als gefährlich und unberechenbar. Die beiden Beschreibungen stützen sich gegenseitig. Je dunkler das Fremdbild ausfällt, desto heller kann das Selbstbild erscheinen.
Selbstbild
Ein Selbstbild ist die Vorstellung oder Darstellung, die eine Person oder Gruppe von sich selbst entwirft. In einer Quelle erkennst du es an Aussagen wie „wir sind“, „unsere Werte“ oder an Bildern, die die eigene Gruppe aufwerten.
Fremdbild
Ein Fremdbild ist die Vorstellung oder Darstellung, die jemand von einer anderen Person oder Gruppe entwirft. Es kann positiv, negativ oder widersprüchlich sein. Ein Fremdbild ist deshalb nicht automatisch ein Feindbild.
Othering
Othering bedeutet „Andersmachen“: Menschen werden als einheitliche Gruppe der „Anderen“ dargestellt und von einem vermeintlich normalen „Wir“ abgegrenzt. Aus einzelnen Unterschieden entsteht so eine bewertete Grenze zwischen Eigenem und Fremdem.
Feindbild
Ein Feindbild ist ein stark vereinfachtes, überwiegend negatives Fremdbild. Es stellt die andere Seite als Bedrohung oder als grundsätzlich böse dar. Dadurch kann es Abwehr, Ausgrenzung oder Gewalt als notwendig erscheinen lassen.
Nicht jede Unterscheidung ist Othering, nicht jedes Fremdbild ist negativ und nicht jedes negative Urteil ist schon ein Feindbild. Entscheidend sind Verallgemeinerung, Abwertung, starre Wir-Sie-Grenze und Bedrohungsdarstellung.
Wie solche Bilder entstehen und wirken
Selbst- und Fremdbilder entstehen nicht aus dem Nichts. Menschen greifen auf Erfahrungen, überlieferte Vorstellungen, politische Interessen und bekannte Zeichen zurück. Eine Quelle wählt dann bestimmte Merkmale aus und lässt andere weg. Diese Auswahl kann sich im Lauf der Geschichte verändern.
Ein häufiges Muster verläuft so:
- Eine Gruppe benennt ein Wir und schreibt ihm Eigenschaften zu.
- Sie grenzt davon die Anderen ab.
- Einzelne Merkmale werden auf alle Mitglieder der anderen Gruppe übertragen.
- Die Unterschiede werden bewertet: Das Eigene erscheint richtig, das Andere falsch.
- Eine Bedrohungsbehauptung kann das Fremdbild zum Feindbild verschärfen.
- Das Bild wird genutzt, um Zusammenhalt, Herrschaft, Krieg oder Ausgrenzung zu begründen.
Dieser Ablauf ist keine zwangsläufige Entwicklung. Eine Quelle kann Unterschiede benennen, ohne abzuwerten. Sie kann außerdem ein verbreitetes Bild kritisieren oder mehrere Perspektiven nebeneinanderstellen.
Historische Bilder haben Folgen, beweisen aber nicht, dass die beschriebene Gruppe tatsächlich so war. Sie zeigen zunächst, welche Darstellung ein Urheber in einer bestimmten Situation verbreitete. Wie weit diese Darstellung geteilt wurde und wie sie wirkte, musst du mit weiteren Quellen prüfen.
Selbst- und Fremdbilder in Quellen untersuchen
Ob Textquelle, Rede, Plakat, Bildpostkarte oder Denkmal: Du kannst mit fünf Schritten arbeiten. Beginne bei der Quelle und verschiebe das Urteil über ihre Wirkung ans Ende.
Schritt 1: Quelle einordnen
Notiere Quellengattung, Urheber, Zeit, Ort, Anlass und Adressaten. Frage außerdem nach der Stellung des Urhebers: Spricht eine Regierung, ein politischer Gegner, ein Reisender oder ein späterer Beobachter?
Schritt 2: Zuschreibungen sammeln
Lege zwei Spalten an: Eigene Gruppe und andere Gruppe. Sammle nur Aussagen, die du in der Quelle belegen kannst. Achte auf Eigenschaften, Werte, Handlungen, Symbole und Rollen.
Schritt 3: Gestaltung untersuchen
Markiere Gegensätze, Verallgemeinerungen, wertende Wörter, Übertreibungen und Bedrohungsbehauptungen. Bei Bildern prüfst du zusätzlich Größe, Blickrichtung, Kleidung, Gesten, Anordnung und Symbole. Beschreibe zuerst, bevor du deutest.
Schritt 4: Kontext und Absicht erklären
Verbinde deine Beobachtungen mit Anlass und historischem Kontext. Frage: Soll die Quelle informieren, überzeugen, mobilisieren, Herrschaft rechtfertigen oder Gegner abwerten? Formuliere die Absicht als begründete Vermutung, wenn sie nicht ausdrücklich genannt wird.
Schritt 5: Aussagekraft beurteilen
Halte fest, was die Quelle zuverlässig zeigt und was nicht. Sie kann etwa gut belegen, wie ein Urheber seine eigene und eine andere Gruppe darstellte. Sie belegt allein jedoch weder die tatsächlichen Eigenschaften dieser Gruppen noch automatisch die Reaktion aller Adressaten.
Wähle in jeder Lücke die passende Form und prüfe anschließend deine Antworten.
Bei der Analyse trenne ich zuerst und . Ich ordne Zuschreibungen dem oder dem zu. Ob die Darstellung verbreitet war, prüfe ich mit .
Ein vollständiges Analysebeispiel
Das folgende Modell ist bewusst erfunden und keine historische Quelle. Es zeigt dir den Denkweg: Ein Wahlplakat stellt die eigene Gruppe als kleine, geordnete Gemeinschaft unter einem hellen Schutzschild dar. Eine große dunkle Gestalt mit der Aufschrift „Gefahr“ bewegt sich auf sie zu. Darunter steht: „Nur wir bewahren eure Sicherheit.“
1. Beobachtung: Die eigene Gruppe steht geordnet unter einem hellen Schild. Die andere Seite erscheint als große, dunkle Gestalt. Die Wörter „Gefahr“, „wir“ und „Sicherheit“ bilden einen Gegensatz.
2. Selbstbild: Die werbende Gruppe stellt sich als geschlossen, schützend und handlungsfähig dar.
3. Fremd- und Feindbild: Die andere Seite erhält keine individuellen Merkmale. Sie wird vollständig mit Gefahr verbunden und übergroß gezeigt. Das Fremdbild ist deshalb zum Feindbild zugespitzt.
4. Othering: Das Plakat trennt ein schutzbedürftiges „Wir“ von einem einheitlichen bedrohlichen „Sie“. Die Gegenseite wird nicht als vielfältige Gruppe, sondern als bloße Gefahr dargestellt.
5. Mögliche Absicht: Die Bedrohungsdarstellung soll vermutlich Angst auslösen und Zustimmung zur werbenden Gruppe gewinnen. Das ist eine begründete Deutung aus Text und Gestaltung, keine sicher bekannte innere Absicht.
6. Grenze: Das Plakat belegt seine eigene Darstellung. Ohne Angaben zu Verbreitung und Reaktionen zeigt es nicht, wie viele Menschen diese Darstellung übernahmen.
Eine gute Analyse verbindet also immer Beleg und Schlussfolgerung: „Die dunkle, übergroße Gestalt und das Wort ‚Gefahr‘ erzeugen ein Feindbild.“ Die bloße Behauptung „Das ist Propaganda“ wäre zu ungenau.
Historische Fälle vergleichen, ohne Gruppen festzuschreiben
Selbst-, Fremd- und Feindbilder lassen sich über verschiedene Zeiten hinweg untersuchen. Das Ausgangsmaterial nennt dafür römische Darstellungen von Römern und Germanen, Kriegspropaganda im Ersten Weltkrieg, politische Reden bei den deutschen Staatsgründungen 1949, Gegensätze des Kalten Krieges und nationale Selbstdarstellungen am Niederwalddenkmal.
Bei einem Vergleich müssen die Fälle nicht gleich sein. Nutze dieselben Fragen, aber beachte verschiedene Kontexte und Medien:
| Vergleichspunkt | Leitfrage |
|---|---|
| Urheber und Position | Wer spricht oder gestaltet aus welcher Stellung? |
| Selbstbild | Welche Werte und Eigenschaften schreibt sich die eigene Seite zu? |
| Fremdbild | Welche Merkmale werden der anderen Seite zugeschrieben? |
| Mittel | Wie erzeugen Wörter, Bilder, Symbole oder Gegensätze diese Darstellung? |
| Funktion | Welche Handlung oder Zustimmung könnte das Bild unterstützen? |
| Grenze | Was lässt sich aus der Quelle nicht ableiten? |
Schreibe nicht: „Die Römer sahen die Germanen so.“ Präziser ist: „Der untersuchte römische Urheber stellt die Germanen in dieser Quelle so dar.“ Erst mehrere passende Belege erlauben vorsichtige Aussagen über weiter verbreitete Vorstellungen.
Karteikasten
Überlege zuerst selbst und drehe die Karte anschließend zum Prüfen um.
Alles auf einen Blick
- Selbst- und Fremdbilder analysieren
- Begriffe
- Selbstbild und Fremdbild
- Othering und Feindbild
- Quellenbefund
- Zuschreibungen und Gegenbilder
- Sprache, Gestaltung und Auslassungen
- Kontext
- Urheber, Anlass und Adressaten
- mögliche Absicht und Funktion
- Urteil
- Beleg von Deutung trennen
- Reichweite und Aussagegrenzen prüfen
- Begriffe
Abschluss-Check
Prüfe bei jeder neuen Quelle vier Fragen: Wer entwirft welches Bild von wem, mit welchen Mitteln und zu welchem möglichen Zweck? Wenn du danach die Aussagegrenzen nennst, analysierst du historische Selbst- und Fremdbilder, statt sie zu übernehmen.
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