Migration in Deutschland: Geschichte fürs Abitur
Migration ist kein Ausnahmezustand der Gegenwart. Menschen wandern aus, ein oder durch ein Gebiet, weil sich wirtschaftliche Chancen, politische Verfolgung, Krieg, Familienbindungen und rechtliche Möglichkeiten verändern. Für eine historische Analyse musst du deshalb Beweggründe, staatliche Regeln, Erfahrungen und Folgen zusammen untersuchen.
Diese Seite führt dich vom späten 19. Jahrhundert bis zum Staatsangehörigkeitsrecht von 2000. Du lernst außerdem, Zahlen und politische Selbstbeschreibungen im Abitur kritisch zu verwenden.
Hake ab, was du schon kannst — und komm am Ende hierher zurück!
Migration im historischen Längsschnitt erkennen
Migration
Migration bedeutet, dass Menschen ihren Lebensmittelpunkt für längere Zeit oder dauerhaft verlagern. Je nach historischen Grenzen kann dieselbe räumliche Bewegung als Binnenwanderung oder als grenzüberschreitende Migration gelten.
Vor der Reichsgründung 1871 lagen Stuttgart und Mannheim oder Osnabrück und Münster in verschiedenen selbstständigen Staaten. Ein Umzug zwischen solchen Orten überschritt damalige Grenzen. Das zeigt: Ob eine Bewegung als internationale Migration gilt, hängt auch von der politischen Ordnung ab.
Für den Längsschnitt helfen drei Leitfragen:
- Warum bewegen sich Menschen?
- Welche Regeln und Grenzen ermöglichen, steuern oder erzwingen die Bewegung?
- Welche Folgen entstehen für die Migrierenden und die Gesellschaften?
- 1871–1910Die registrierte ausländische Bevölkerung des Deutschen Reichs steigt von 206.000 auf knapp 1,3 Millionen; Saisonarbeiter sind nicht eingerechnet.
- 1880–1914Etwa 5 Millionen osteuropäische Transitwanderer reisen durch Deutschland zu Häfen in Westeuropa.
- 1933–1945NS-Herrschaft und Krieg erzeugen Emigration, Deportation, Vertreibung, Umsiedlung und massenhafte Zwangsarbeit.
- 1945–1961Nachkriegsbewegungen und deutsche Teilung prägen Flucht, Vertreibung, Rückkehr und Übersiedlung.
- 1950er–1973Die Bundesrepublik wirbt in wachsendem Umfang ausländische Arbeitskräfte an.
- 1973Der Anwerbestopp begrenzt die Vermittlung aus den meisten Anwerbeländern, beendet Einwanderung aber nicht.
- 1988–19937,3 Millionen Menschen kommen nach Deutschland, 3,6 Millionen verlassen es.
- 2000Ein neues Staatsangehörigkeitsrecht erleichtert die Einbürgerung in Deutschland geborener Nachkommen von Einwanderern.
Ursachen und Formen sauber unterscheiden
Menschen wandern selten aus nur einem Grund. Pushfaktoren erhöhen den Druck, einen Ort zu verlassen, etwa Hunger, Verfolgung oder fehlende Arbeit. Pullfaktoren machen ein Ziel attraktiv, etwa Arbeitsplätze, Sicherheit oder Familienangehörige. Das Modell ordnet Beweggründe, erklärt aber nicht automatisch jede persönliche Entscheidung.
Im 19. Jahrhundert zogen industrielle Zentren wie das Ruhrgebiet Arbeitskräfte an. Gleichzeitig verließen von 1871 bis 1910 mehr als 5 Millionen Menschen Deutschland in Richtung Übersee, vor allem nach Nordamerika beziehungsweise in die USA. Deutschland war also zugleich Auswanderungs-, Einwanderungs- und Transitland.
Wichtige Formen darfst du nicht gleichsetzen:
- Arbeitsmigration: Der Zugang zu Arbeit steht im Vordergrund.
- Flucht: Menschen entziehen sich einer Gefahr, etwa Krieg oder Verfolgung.
- Vertreibung: Menschen werden unter Druck aus einem Gebiet entfernt.
- Deportation: Eine staatliche Gewalt verschleppt Menschen zwangsweise.
- Umsiedlung: Menschen werden geplant an einen anderen Ort gebracht; der Grad des Zwangs muss im Einzelfall geprüft werden.
- Familienmigration: Menschen ziehen zu bereits migrierten Angehörigen.
Ein historischer Fall kann mehrere Motive und Formen verbinden. Ordne nur zu, was das Material belegt, und benenne Mischlagen.
Wähle in jeder Lücke die passende Form und prüfe anschließend deine Antworten.
Fehlende Arbeit am Ausgangsort ist ein . Ein Arbeitsplatz am Zielort ist ein . Die gewaltsame Verschleppung durch einen Staat heißt . Der Nachzug zu bereits eingewanderten Angehörigen ist .
Zwangsmigration in Krieg und Nachkriegszeit einordnen
Der Erste Weltkrieg unterbrach die transkontinentale Migration und brachte europäische Arbeitsmigration stärker unter staatliche Kontrolle. Rund 1 Million belgische und „russische“ Zwangsarbeiter wurden beschäftigt. Nach den Gebietsabtretungen infolge des Versailler Vertrags kamen mehr als 1 Million Menschen nach Deutschland.
Unter der NS-Diktatur erreichte staatlich erzeugte Zwangsmigration eine neue Dimension. Rund 300.000 jüdische Emigranten verließen NS-Deutschland nach 1933. Fast 8 Millionen zivile und militärische Zwangsarbeiter wurden in Deutschland ausgebeutet. Rund 6 Millionen als Juden verfolgte Menschen wurden innerhalb Europas in Konzentrations- und Vernichtungslager deportiert, um sie zu ermorden.
Nach 1945 überlagerten sich verschiedene Bewegungen:
- 10 bis 12 Millionen Displaced Persons, überwiegend Überlebende der Konzentrationslager und Kriegsgefangene, befanden sich in Deutschland.
- Rund 14 Millionen Menschen flohen in der letzten Kriegsphase und infolge von Grenzverschiebungen vor der Roten Armee sowie vor spontanen und organisierten Vertreibungen, vor allem nach Westen.
- Rund 10 Millionen aus zerbombten Städten Evakuierte versuchten zurückzukehren.
- Rund 11 Millionen deutsche Soldaten wurden demobilisiert oder aus Kriegsgefangenschaft entlassen.
Diese Zahlen bezeichnen unterschiedliche Gruppen und Vorgänge. Du darfst sie nicht einfach addieren: Kategorien können sich zeitlich überlagern, und die Angaben beantworten verschiedene Fragen.
Von der „Gastarbeit“ zur dauerhaften Einwanderung
Der westdeutsche Wirtschaftsboom erhöhte den Bedarf an Arbeitskräften. Als die Zuwanderung aus der DDR 1961 weitgehend entfiel, gewann die Anwerbung ausländischer Beschäftigter weiter an Bedeutung.
Die Zahl ausländischer Beschäftigter in der Bundesrepublik stieg von etwa 73.000 im Jahr 1954 auf 329.000 im Jahr 1960. 1965 lag sie erstmals über einer Million, konkret bei 1,2 Millionen. 1973 erreichte sie mit 2,6 Millionen ihren Höchststand.
Das politisch gedachte Rotationsprinzip sah eine zeitlich begrenzte Beschäftigung und anschließende Rückkehr vor. Es war jedoch nicht in den Anwerbeabkommen festgeschrieben. Zwischen Ende der 1950er und Anfang der 1970er Jahre kamen rund 14 Millionen ausländische Arbeitskräfte in die Bundesrepublik; etwa 11 Millionen kehrten im selben Zeitraum zurück.
Die einfache Differenz lautet: 14 Millionen Einreisen minus 11 Millionen Rückreisen ergeben rund 3 Millionen.
Diese Bilanz zeigt, dass die Bewegungen nicht vollständig durch Rückkehr ausgeglichen wurden. Sie beweist aber nicht, dass genau dieselben 3 Millionen Menschen dauerhaft blieben: Die gerundeten Gesamtzahlen zählen Bewegungen in einem Zeitraum, keine lückenlosen Einzelbiografien.
Immer mehr Beschäftigte verlängerten ihren Aufenthalt und holten Familien nach. Seit Ende der 1960er Jahre entstand so eine dauerhafte Einwanderungssituation. Angemessene Integrationsmaßnahmen blieben jedoch aus, weil Politik und Gesellschaft lange am Bild des nur vorübergehenden Aufenthalts festhielten.
Grenzen steuern Migration, aber selten vollständig
Der Anwerbestopp von 1973 setzte die Vermittlung aus den meisten Anwerbeländern aus. Ölkrise und wachsende gewerkschaftliche Kritik trugen zu dieser Entscheidung bei. Ein vollständiger Einwanderungsstopp war er nicht.
Die Folgen unterschieden sich nach Rechtslage:
- Italienische Beschäftigte waren wegen der europäischen Arbeitnehmerfreizügigkeit nicht betroffen.
- Türkische und jugoslawische Staatsangehörige mussten stärker zwischen dauerhaftem Bleiben mit Familiennachzug und einer womöglich endgültigen Rückkehr entscheiden.
- Krankenpflegerinnen aus Indien, Südkorea und den Philippinen wurden weiterhin angeworben.
- In der DDR arbeiteten Vertragsarbeiter aus Staaten wie Kuba, Mosambik und Vietnam unter noch restriktiver kontrollierten Bedingungen.
Seit Ende der 1980er Jahre öffneten sich neue Wege durch den bröckelnden Eisernen Vorhang. Von 1988 bis 1993 kamen rund 7,3 Millionen Menschen nach Deutschland und 3,6 Millionen verließen es. Die Nettozuwanderung betrug damit 3,7 Millionen.
Politische Einschränkungen des Asylrechts und anderer legaler Zugänge veränderten die Möglichkeiten in den 1990er Jahren. Einwanderung setzte sich dennoch fort, unter anderem wegen der Kriege im zerfallenden Jugoslawien, europäischer Binnenmigration und globaler Verflechtungen. Im Jahr 2000 erleichterte ein neues Staatsangehörigkeitsrecht die Einbürgerung in Deutschland geborener Nachkommen von Einwanderern.
Eine staatliche Regel kann bestimmte Zugänge schließen und zugleich andere Migrationswege wichtiger machen. Prüfe deshalb Absicht, Reichweite, Ausnahmen und tatsächliche Folgen getrennt.
Migration im Abitur analysieren und beurteilen
Im Abitur reicht eine Chronologie nicht. Du musst aus Material eine begründete Erklärung oder ein Urteil entwickeln. Trenne dabei Befund, Deutung und Urteil:
- Befund: Was steht im Material tatsächlich?
- Deutung: Welcher historische Zusammenhang erklärt den Befund?
- Urteil: Wie überzeugend ist eine Aussage, gemessen an offengelegten Kriterien?
Nutze für einen Migrationsfall dieses Prüfraster:
- Ursachen: Welche Push- und Pullfaktoren sind belegt?
- Rechtslage: Welche Grenzen, Rechte, Verbote oder Ausnahmen gelten?
- Netzwerke: Welche Rolle spielen Familie, Arbeitskontakte oder bestehende Gemeinschaften?
- Erfahrungen und Handlungsspielräume: Was erfahren Betroffene selbst, und welche Entscheidungen können sie treffen?
- Wirkungen: Welche kurzfristigen und langfristigen Folgen sind nachweisbar?
- Perspektive: Wer beschreibt wen, mit welchen Begriffen und Interessen?
Selbstbild und Fremdbild
Ein Selbstbild ist die Vorstellung, die eine Gruppe oder ein Staat von sich entwirft. Ein Fremdbild schreibt anderen Gruppen Merkmale oder Motive zu. Beides sind perspektivische Konstruktionen und keine neutralen Beschreibungen aller Menschen einer Gruppe.
Ein Beispiel ist die lange politische Selbstbeschreibung, Deutschland sei kein Einwanderungsland. Ihr stehen der längere Aufenthalt ehemaliger „Gastarbeiter“, Familiennachzug und die fortgesetzte Einwanderung gegenüber. Die Spannung zwischen Selbstbild und historischen Befunden ist selbst ein wichtiger Analysegegenstand.
Auch die Behauptung in der frühen Bundesrepublik, Menschen aus der DDR seien keine „echten“ politischen Flüchtlinge, sondern kämen aus wirtschaftlichem Eigennutz, ist eine Zuschreibung. Sie zeigt eine politische Trennung zwischen wirtschaftlichen und politischen Motiven. Sie beweist nicht, dass alle individuellen Motive tatsächlich so eindeutig waren.
Fragestellung: Beurteile, ob der Anwerbestopp von 1973 die Einwanderung beendete.
Befund: Die Vermittlung aus den meisten Anwerbeländern wurde ausgesetzt. Italienische Beschäftigte waren wegen der europäischen Freizügigkeit nicht betroffen; weitere Ausnahmen bestanden.
Deutung: Die Regel veränderte die verfügbaren Wege. Für manche bereits anwesenden Menschen wurde dauerhaftes Bleiben mit Familiennachzug gegenüber einer womöglich endgültigen Rückkehr attraktiver.
Urteil: Der Begriff „Anwerbestopp“ ist für einen bestimmten politischen Zugang treffend. Als Bezeichnung für das Ende der Einwanderung ist er falsch, weil andere Zugänge und Migrationseffekte fortbestanden.
Wenn das Material keine persönlichen Aussagen enthält, darfst du Erfahrungen nicht erfinden. Formuliere dann ausdrücklich: „Über die individuelle Erfahrung erlaubt das Material kein sicheres Urteil.“
Karteikasten
Überlege zuerst selbst und drehe die Karte anschließend zum Prüfen um.
Alles auf einen Blick
- Migration in Deutschland
- Ursachen: Arbeit, Familie, Verfolgung, Krieg
- Formen: Auswanderung, Einwanderung, Transit, Flucht, Vertreibung, Deportation
- Regeln: Grenzen, Anwerbung, Freizügigkeit, Asyl- und Staatsangehörigkeitsrecht
- Erfahrungen: Handlungsspielräume materialgebunden untersuchen
- Folgen: Rückkehr, Bleiben, Familiennachzug, Integration
- Analyse: Befund, Deutung, Urteil und Perspektive trennen
Abschluss-Check
Du bist prüfungsbereit, wenn du einen unbekannten Fall nicht nur zeitlich einordnest, sondern seine Ursachen, Regeln, Perspektiven und Folgen mit Materialbelegen verbindest und die Grenzen deiner Aussage offenlegst.
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