Musik der Renaissance: Merkmale und Wandel
Als Musik der Renaissance bezeichnet man meist die europäische Musik des 15. und 16. Jahrhunderts. Typisch sind kunstvolle Mehrstimmigkeit, ein vollerer Chorklang, eine größere Vielfalt weltlicher Musik und die zunehmende Eigenständigkeit der Instrumentalmusik. Die Grenzen der Epoche sind allerdings nicht eindeutig.
Auf dieser Seite lernst du, Renaissancemusik anhand mehrerer Merkmale einzuordnen und wichtige Veränderungen bis zum Übergang um 1600 zu erklären.
Hake ab, was du schon kannst — und komm am Ende hierher zurück!
Wann war die Renaissance in der Musik?
Renaissancemusik gehört vor allem in das 15. und 16. Jahrhundert. Für das 15. Jahrhundert werden häufig drei aufeinanderfolgende Komponistengenerationen mit Guillaume Dufay, Johannes Ockeghem und Josquin Desprez verbunden. Musiker aus Nordwesteuropa prägten die Entwicklung der europäischen Mehrstimmigkeit besonders stark.
Der Name „Renaissance“ bedeutet „Wiedergeburt“ und verweist auf die erneute Beschäftigung mit der griechischen und römischen Antike. Der Begriff wurde jedoch erst später auf diese Zeit übertragen.
Die Musik änderte sich nicht an einem bestimmten Stichtag. Frühere Verfahren blieben erhalten, während neue daneben entstanden. Deshalb überlappen sich historische Einteilungen, und über genaue Epochengrenzen besteht kein allgemeiner Konsens.
Um 1600 entstanden die ersten Opern. Dieser Zeitpunkt kann sowohl als spätes Ergebnis von Renaissanceideen als auch als Übergang zu einer neuen musikalischen Epoche betrachtet werden.
Wie klingt die Mehrstimmigkeit?
Viele Werke der Renaissance sind polyphon. Polyphonie bedeutet, dass mehrere eigenständig geführte Stimmen gleichzeitig erklingen und zusammen einen geregelten Satz bilden.
In Motetten konnte eine Textzeile mit einem kurzen musikalischen Motiv beginnen. Dieses Motiv wanderte anschließend durch die verschiedenen Stimmen. Dadurch blieb jede Stimme eigenständig, während das wiederkehrende Motiv den Zusammenhang hörbar machte.
Cantus firmus
Ein Cantus firmus ist eine bereits vorhandene geistliche oder weltliche Melodie, die als tragende Stimme in eine mehrstimmige Komposition aufgenommen wird. Andere Stimmen werden kunstvoll um diese Melodie geführt.
Auch ganze Messzyklen wurden musikalisch verbunden. Ein mögliches Mittel war ein Motto: Mehrere Sätze begannen mit gleichen oder sehr ähnlichen Takten.
Stell dir einen Messzyklus mit mehreren Teilen vor. Jeder Teil besitzt einen anderen Text und einen eigenen Verlauf. Beginnen die Teile aber mit demselben auffälligen musikalischen Gedanken, erkennst du ihre Zusammengehörigkeit. Das Motto wirkt damit wie ein wiederkehrendes Erkennungszeichen.
Das Klangideal veränderte sich ebenfalls. Vollere Zusammenklänge gewannen an Bedeutung; Terzen und Sexten wurden stärker als wohlklingende Intervalle eingesetzt. Zugleich setzte sich die Gliederung des Chores in Sopran, Alt, Tenor und Bass durch.
Mehrstimmigkeit konnte die Verständlichkeit des gesungenen Textes erschweren. Deshalb suchten Komponisten nach einem Ausgleich zwischen kunstvoller Stimmenführung und klarer Textvermittlung. Giovanni Pierluigi da Palestrina gilt als wichtiger Vertreter dieses Bemühens.
Mehrstimmigkeit allein reicht nicht zur historischen Einordnung. Achte zusätzlich auf Stimmenführung, Klang, Textbehandlung, Gattung und Besetzung.
Wofür wurde Renaissancemusik geschrieben?
Musik erklang weiterhin in religiösen Zusammenhängen, wurde aber zunehmend auch für weltliche Unterhaltung komponiert. Zu den bedeutenden geistlichen Gattungen gehörten Messe und Motette. Die Chanson war eine weltliche Liedform.
Madrigal
Ein Madrigal ist eine mehrstimmige Vokalkomposition mit weltlichem Text. Madrigale waren besonders im Italien des 16. Jahrhunderts verbreitet und erlebten zwischen etwa 1550 und 1580 eine Blütezeit.
Komponisten konnten einzelne Wörter musikalisch abbilden. Eine solche symbolische Darstellung des Textes heißt Madrigalismus. Entscheidend ist dabei die Beziehung zwischen Wort und musikalischer Gestaltung, nicht bloß die Anzahl der Stimmen.
Die Reformation veränderte außerdem die Funktion von Kirchenmusik. Im protestantischen Gottesdienst sollte die Gemeinde stärker beteiligt werden. Deshalb gewann der deutschsprachige Gemeindegesang an Bedeutung. Martin Luther schrieb mehr als 30 protestantische Kirchenlieder, darunter „Vom Himmel hoch da komm ich her“ und „Ein feste Burg ist unser Gott“.
Ein mehrstimmiges Stück mit weltlichem Text, das für mehrere Singstimmen bestimmt ist, lässt sich als Madrigal einordnen. Ein deutschsprachiges Lied, das die ganze Gemeinde im protestantischen Gottesdienst singt, erfüllt dagegen eine andere Funktion: Es ermöglicht gemeinsames Singen und religiöse Beteiligung.
Wie wurden Instrumente und Musik verbreitet?
Obwohl Vokalmusik im Mittelpunkt stand, wurde Instrumentalmusik eigenständiger. Besonders verbreitet war die Laute. Sie diente als Hausinstrument, begleitete Gesang und spielte eingerichtete Fassungen von Vokalwerken. Für sie gab es eine eigene Griffschrift, die Tabulatur.
Instrumente wurden häufig als Familien verschiedener Stimmlagen gebaut. So konnten hohe, mittlere und tiefe Instrumente die Gliederung eines mehrstimmigen Vokalensembles nachbilden. Ensembles bestanden entweder aus einer Instrumentenfamilie oder aus einer Mischung verschiedener Instrumente.
Die Besetzung eines Werkes war oft nicht vollständig festgelegt. Sie richtete sich nach dem Stück und nach den verfügbaren Musikerinnen und Musikern.
Typische Instrumente waren unter anderem Laute, Blockflöte, Krummhorn, Spinett, Cembalo und Dulzian. Der Dulzian gilt als Vorläufer des Fagotts; die Viola da braccio gehört zu den Vorläufern später gebräuchlicher Streichinstrumente.
Ein vierstimmiger Satz soll instrumental aufgeführt werden. Ein Ensemble kann dafür vier Instrumente derselben Familie in verschiedenen Stimmlagen wählen. Ebenso ist eine gemischte Besetzung möglich. Die musikalischen Stimmen bleiben erhalten, obwohl sich die Klangfarben ändern.
Auch die Drucktechnik beeinflusste das Musikleben. Noten, Flugblätter und Gesangbücher ließen sich vervielfältigen und schneller verbreiten. Für die Orgel entstanden zudem regionale Notationsformen und Lehrbücher.
Instrumentenfamilien erweiterten die verfügbaren Tonlagen. Der Druck erweiterte dagegen die Reichweite musikalischer Notation und Lieder.
Was veränderte sich bis um 1600?
In der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts wurden mehrere Entwicklungen sichtbar:
- Chromatische Tonfolgen erweiterten die Ausdrucksmöglichkeiten.
- Musik reagierte stärker auf Inhalt und Stimmung eines Textes.
- Quart- und Quintschritte im Bass bereiteten spätere tonale Ordnungen vor.
- In Venedig wurden räumlich getrennte Sänger- und Instrumentalgruppen eingesetzt. Unterschiedliche Aufstellungen und Besetzungsgrößen erzeugten Kontraste.
- Wortbestimmtes Musikdrama führte um 1600 zur frühen Oper.
Jacopo Peris im Jahr 1600 uraufgeführte Euridice gilt als erste erhaltene Oper. Claudio Monteverdis L’Orfeo von 1607 gehört bereits deutlich in den Übergang zur neuen Epoche.
Bei einer Aufführung stehen zwei Gruppen an verschiedenen Orten eines großen Raumes. Zuerst erklingt nur eine kleine Gruppe, danach antwortet eine größere Gruppe von der anderen Seite. Der Kontrast entsteht nicht allein durch die Noten, sondern auch durch Raum, Besetzungsgröße und Klangfarbe.
Vertiefung: Warum ist der Epochenbegriff umstritten?
„Renaissance“ ist eine nützliche Ordnungshilfe, aber keine lückenlose musikalische Schublade. Manche musikhistorischen Darstellungen bevorzugen deshalb die neutralere Bezeichnung Musik des 15. und 16. Jahrhunderts. Ein Grund dafür ist, dass Entwicklungen in Musik, Malerei und Architektur nicht genau gleichzeitig oder nach denselben Regeln verliefen.
Für eine begründete Einordnung solltest du daher mehrere Indizien verbinden:
- Wie werden die Stimmen geführt?
- Welche Zusammenklänge und Klangfarben fallen auf?
- Ist der Text geistlich oder weltlich?
- Welche Funktion erfüllt das Stück?
- Welche Instrumente, Notations- oder Aufführungspraktiken passen dazu?
Karteikasten
Überlege zuerst selbst und drehe die Karte anschließend zum Prüfen um.
Alles auf einen Blick
- Musik der Renaissance
- Zeit und Einordnung
- 15. und 16. Jahrhundert; Grenzen umstritten
- Klang und Satz
- Polyphonie; vollere Klänge; Sopran, Alt, Tenor, Bass
- Formen und Funktionen
- Messe und Motette; Chanson und Madrigal; Gemeindelied
- Instrumente und Verbreitung
- Instrumentenfamilien; variable Besetzung; Drucktechnik
- Wandel um 1600
- räumliche Mehrgruppenpraxis; stärkere Textausdeutung; frühe Oper
- Zeit und Einordnung
Abschluss-Check
Du kannst Renaissancemusik nun an mehreren Indizien erkennen: an ihrer kunstvollen Mehrstimmigkeit, dem veränderten Klangideal, geistlichen und weltlichen Funktionen, flexiblen Instrumentalbesetzungen und neuen Formen der Verbreitung. Besonders wichtig ist dabei, musikalischen Wandel als Entwicklung mit Übergängen zu beschreiben.
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