Oratorium: Merkmale, Formen und Geschichte
Ein Oratorium ist ein größeres Werk für Singstimmen, Chor und Instrumente oder Orchester. Es erzählt oder deutet meist einen geistlichen Stoff, wird traditionell aber konzertant, also ohne vollständige Bühnenhandlung, Kostüme und Kulissen, aufgeführt. Musikalisch steht es der Oper sehr nahe.
Hake ab, was du schon kannst — und komm am Ende hierher zurück!
Woran erkennst du ein Oratorium?
Stell dir eine dramatische Geschichte mit Solostimmen, Chor und Orchester vor. Du hörst Figuren, Erzählerstimmen und Menschenmengen – trotzdem siehst du normalerweise kein ausgearbeitetes Bühnenbild. Dann kann es sich um ein Oratorium handeln.
Oratorium
Ein Oratorium ist eine umfangreiche, meist mehrteilige vokal-instrumentale Gattung. Solistinnen und Solisten, Chor und Orchester erzählen, betrachten oder deuten einen Stoff. Traditionell überwiegen religiöse Themen und konzertante Aufführungen.
Der Name hängt mit dem Oratorium als Betsaal zusammen. Aus geistlichen Zusammenkünften und älteren musikalischen Dialogformen entwickelte sich die Gattung um die Mitte des 17. Jahrhunderts.
Typische Merkmale sind:
- mehrere Gesangssolistinnen und -solisten;
- ein Chor;
- Instrumente oder ein Orchester;
- eine Folge unterschiedlicher Satztypen;
- eine erzählte oder gedanklich gedeutete Handlung;
- traditionell keine durchgehend szenische Darstellung.
Diese Merkmale sind keine unveränderlichen Gesetze. Seit dem 20. Jahrhundert gibt es auch weltliche, politische, sinfonische, multimediale oder teilweise szenische Oratorien.
Nicht das religiöse Thema allein entscheidet. Entscheidend ist die Verbindung aus großformatiger Vokalmusik, erzählender oder deutender Anlage und traditionell konzertanter Aufführung.
Wie erzählen die musikalischen Satztypen?
Ein Oratorium erzählt nicht durchgehend auf dieselbe Weise. Verschiedene Satztypen übernehmen unterschiedliche Aufgaben.
| Satztyp | Hauptaufgabe | Wirkung auf die Handlung | Typische Gestaltung |
|---|---|---|---|
| Rezitativ | erzählen oder sprechen | führt die Handlung weiter | sprachnahe Melodie, gut verständlicher Text |
| Arie | ein persönliches Gefühl entfalten | Handlung hält meist an | ausgeprägte Melodie, Wiederholungen, oft Koloraturen |
| Arioso | Erzählen und Gefühlsausdruck verbinden | Übergangsstellung | gesanglicher als ein Rezitativ, freier als eine Arie |
| Chor | eine Gruppe darstellen oder das Geschehen deuten | handelnd oder betrachtend | mehrstimmiger Gesang mit Orchester |
| Choral | die Gemeinde oder eine gemeinsame Glaubenshaltung vertreten | betrachtet und deutet | homophon, syllabisch und besonders textverständlich |
| Turba-Chor | eine konkrete Menge in der Handlung darstellen | greift kurz und dramatisch ein | rhythmisch prägnant, häufig homophon und syllabisch |
Homophon bedeutet, dass die Stimmen überwiegend im gleichen Rhythmus zusammenklingen. Syllabisch heißt: Auf eine Textsilbe kommt gewöhnlich ein Ton. Eine Koloratur verteilt dagegen mehrere Töne auf eine Silbe.
Zwei Arten des Rezitativs
Beim Rezitativ secco wird die Solostimme nur vom Generalbass begleitet. Beim Rezitativ accompagnato begleitet das Orchester und kann die Bedeutung des Textes stärker ausdeuten.
Eine Figur kommt nach einem Unglück ans Ufer, sucht ihre Begleiter und fragt, wie es weitergehen soll. Ein Rezitativ eignet sich, weil es die Situation erklärt und die Handlung vorantreibt.
Anschließend besingt die Figur ausführlich ihre Angst oder Hoffnung. Dafür eignet sich eine Arie: Die äußere Handlung pausiert, während die Musik das Gefühl entfaltet.
Wähle in jeder Lücke die passende Form und prüfe anschließend deine Antworten.
Ein führt gewöhnlich die Handlung weiter. Eine entfaltet häufig das Gefühl einer einzelnen Figur. Ein stellt eine konkrete Menschenmenge innerhalb der Handlung dar.
Wie grenzt du Oratorium, Oper, Kantate und Passion ab?
Die Gattungen überschneiden sich musikalisch. Deshalb solltest du mehrere Merkmale zusammen betrachten.
| Gattung | Typischer Stoff | Typische Aufführung | Kennzeichnende Funktion |
|---|---|---|---|
| Oper | häufig weltlich oder historisch | szenisch mit Rollen, Kostümen und Bühnenhandlung | Musiktheater |
| Oratorium | traditionell überwiegend geistlich, später auch weltlich | traditionell konzertant | umfangreiche Erzählung und Deutung |
| Kantate | geistlich oder weltlich | meist konzertant | gewöhnlich kleiner und kürzer angelegt |
| Passion | Leidensgeschichte Jesu | meist konzertant oder kirchlich | besondere Form religiöser Vokalmusik |
Oper und Oratorium verwenden Rezitative, Arien, Chöre, Instrumentalstücke und dramatische Rollen. Ein Werk wird also nicht schon deshalb zur Oper, weil seine Musik dramatisch klingt.
Auch die Zweiteiligkeit ist kein sicheres Einzelmerkmal. Manche Oratorien sind anders gegliedert. Händels englische Oratorien können beispielsweise dreiteilig angelegt sein.
Eine Aufführung erzählt mit Solostimmen, Chor und Orchester eine biblische Geschichte. Die Mitwirkenden tragen Konzertkleidung; es gibt weder Kulissen noch ausgespielte Bühnenaktionen. Die Merkmale sprechen für ein Oratorium.
Würde dieselbe Geschichte mit Bühnenbild, Kostümen und durchgehend gespielten Aktionen gestaltet, näherte sich die Aufführung der Oper an. Die musikalischen Satztypen könnten dabei weitgehend ähnlich bleiben.
Ordne eine Gattung nie anhand eines einzigen Merkmals zu. Prüfe Stoff, Umfang, Besetzung, Satztypen und Aufführungsform gemeinsam.
Wie wandelte sich das Oratorium?
Das Oratorium blieb nicht an einen einzigen Ort oder Zweck gebunden. Sein Weg führte vom Betsaal und kirchlichen Umfeld über den Hof bis in den bürgerlichen Konzertsaal.
- Um 1600Die Oper entsteht; geistliche Dialog- und Andachtsformen bereiten zugleich das spätere Oratorium vor.
- Um 1640Erste Werke werden ausdrücklich als Oratorien bezeichnet.
- 17. und frühes 18. JahrhundertOratorium und Oper übernehmen ähnliche Satztypen und dramatische Mittel.
- 1771Die Gründung der Wiener Tonkünstlersozietät steht für die stärkere Ausrichtung auf öffentliche Konzerte.
- 1775Joseph Haydns Il ritorno di Tobia gehört zu den Werken der Tonkünstlersozietät.
- 1785Wolfgang Amadeus Mozarts Davide penitente wird in diesem Konzertzusammenhang aufgeführt.
- Um 1800Haydns Die Schöpfung und Die Jahreszeiten erweitern Wirkung und Stoffbereich der Gattung.
- 19. JahrhundertKirche und Hof verlieren ihre ausschließliche Bedeutung; das bürgerliche Konzertwesen wird wichtiger.
- 20. und 21. JahrhundertGeistliche, weltliche, politische, szenische und multimediale Formen bestehen nebeneinander.
Ein Beispiel für die Nähe zur Oper war das Wiener Sepolcro, ein Oratorium zum Geschehen am Grab Christi. Es konnte halbszenisch ausgeführt werden und nutzte eine opernähnliche Besetzung und Dramaturgie. Seine Nummernfolge war jedoch meist knapper, und das Accompagnato-Rezitativ trat häufig hervor.
Haydns Die Jahreszeiten zeigt besonders deutlich die Öffnung zu einem weltlichen Stoff. Damit veränderte sich nicht nur der Inhalt: Das Oratorium wurde zunehmend als eigenständige Konzertgattung verstanden.
Historische Epochen und Jahreszahlen geben Orientierung. Sie bilden keine lückenlose, weltweit einheitliche Entwicklung ab. Regionale Traditionen konnten sich unterschiedlich schnell verändern.
Wie deutest du Text und Musik gemeinsam?
Bei einer Analyse reicht es nicht, nur „fröhlich“ oder „traurig“ zu schreiben. Zeige, welche musikalischen Mittel deine Deutung stützen.
Gehe in fünf Schritten vor:
- Kläre, was im Text geschieht oder welches Gefühl im Mittelpunkt steht.
- Bestimme den Satztyp und seine Funktion.
- Beschreibe hörbare Mittel wie Tempo, Rhythmus, Melodie, Dynamik und Klangfarbe.
- Erkläre die Wirkung dieser Mittel im Zusammenhang mit dem Text.
- Prüfe, ob mehrere Beobachtungen deine Deutung stützen.
In Händels Julius Cäsar beklagt Cornelia den Tod ihres Ehemanns. Eine ruhige, gesangliche Melodie, langsames Tempo, leise Dynamik und dunklere Streicher stützen die Deutung als Trauer.
Das Stück steht dennoch in D-Dur. Daraus folgt: Die einfache Gleichung „Dur bedeutet Freude, Moll bedeutet Trauer“ ist unzuverlässig. Erst das Zusammenspiel mehrerer Merkmale erklärt die Wirkung.
Auch musikalisch-rhetorische Figuren verbinden Text und Klang. Eine rasche Abwärtsbewegung kann etwa ein Fallen oder Reißen nachzeichnen. Wiederholte kurze Töne können Pochen, Beben oder große Erregung darstellen. Eine solche Figur ist aber nur überzeugend gedeutet, wenn sie zum Textzusammenhang passt.
Wende die Methode an
Eine erzählende Stimme berichtet von einer drohenden Gefahr. Das Orchester spielt plötzlich kurze Notenwerte, rhythmische Akzente und eine unruhige schnelle Bewegung.
Deute nicht von einem Einzelmerkmal aus. Verbinde mindestens zwei musikalische Beobachtungen mit Text, Situation und Satzfunktion.
Karteikasten
Überlege zuerst selbst und drehe die Karte anschließend zum Prüfen um.
Alles auf einen Blick
- Oratorium
- Besetzung: Solostimmen, Chor und Orchester
- Aufführung: traditionell konzertant
- Stoffe: überwiegend geistlich, später auch weltlich
- Erzählen: Rezitativ
- Gefühle entfalten: Arie und Arioso
- Gruppen darstellen oder deuten: Chor, Turba-Chor und Choral
- Verwandte Gattungen: Oper, Kantate und Passion
- Geschichte: Betsaal, Kirche, Hof und Konzertsaal
- Analyse: Text, Satzfunktion und musikalische Mittel verbinden
Das Oratorium verbindet dramatisches Erzählen mit musikalischer Betrachtung. Seine Nähe zur Oper zeigt sich in den Satztypen; seine traditionelle Eigenart liegt vor allem in der konzertanten Aufführung. Im Lauf der Geschichte wurden Aufführungsorte, Träger und Stoffe vielfältiger.
Abschluss-Check
Prüfe zum Schluss, ob du drei Fragen beantworten kannst: Wer erzählt? Wer empfindet oder deutet? Wie wird das Werk aufgeführt? Mit diesen Fragen kannst du Aufbau und Gattung eines Oratoriums schlüssig erklären.
Mit Google fortfahren