Kantate: Aufbau, Formen und Geschichte erklärt
Eine Kantate ist ein meist mehrsätziges Werk für Gesang und Instrumente. Ihre Sätze behandeln ein gemeinsames Thema. Häufig wechseln Rezitative, Arien und Chorsätze einander ab – eine feste Reihenfolge gibt es jedoch nicht.
Auf dieser Seite lernst du, eine Kantate an typischen Merkmalen zu erkennen, ihre Satzarten zu unterscheiden und ihre Entwicklung vom Barock bis zur Gegenwart zu erklären.
Hake ab, was du schon kannst — und komm am Ende hierher zurück!
Woran erkennst du eine Kantate?
Der Name stammt vom italienischen cantare – „singen“. Gesang gehört daher zum Kern der Gattung. Die Singstimmen werden von Instrumenten begleitet.
Kantate
Eine Kantate ist ein vokales, gewöhnlich mehrsätziges Werk für eine oder mehrere Singstimmen und Instrumente. Die einzelnen Sätze sind durch ein gemeinsames Thema verbunden.
Typische Merkmale sind:
- mehrere voneinander unterscheidbare Sätze,
- eine oder mehrere Singstimmen,
- instrumentale Begleitung,
- ein gemeinsames geistliches oder weltliches Thema,
- mögliche Wechsel zwischen Rezitativ, Arie, Chor und Choral.
Diese Merkmale sind eine Entscheidungshilfe, keine starre Bauanleitung. Eine Solokantate kann zum Beispiel ohne Chor auskommen. Auch instrumentale Vor- oder Zwischenspiele sind möglich.
Ein Werk besteht aus einer instrumentalen Einleitung, einem Eingangschor, einem Rezitativ, einer Arie und einem Schlusschoral. Alle Sätze beziehen sich auf denselben religiösen Textgedanken.
Die Einordnung als Kantate ist plausibel, weil Gesang und Instrumente mehrere thematisch verbundene Sätze gestalten. Der Wechsel von Chor, Rezitativ, Arie und Choral passt besonders zum häufigen Modell einer Kirchenkantate.
Welche Aufgaben haben Rezitativ, Arie und Chor?
Die Satzarten einer Kantate übernehmen unterschiedliche Aufgaben. Besonders wichtig ist der Wechsel zwischen Rezitativ und Arie.
Rezitativ
Ein Rezitativ ist ein sprachlich nah gestalteter Gesang. Es vermittelt einen Vorgang, einen Textgedanken oder eine Erklärung und führt den Inhalt weiter.
Arie
Eine Arie ist ein stärker melodisch ausgearbeiteter Sologesang. Sie hält den Fortgang häufig an, betrachtet einen Gedanken und gestaltet Gefühle oder persönliche Reaktionen.
Ein Chor lässt mehrere Stimmen gemeinsam auftreten. Er kann ein Werk eröffnen, einen Gedanken besonders gewichtig darstellen oder den Abschluss bilden.
Ein Choral ist im Zusammenhang der evangelischen Kirchenkantate ein Kirchenlied oder eine verarbeitete Kirchenliedstrophe. Ein Schlusschoral kann die Aussage der Kantate zusammenfassen und gemeinschaftlich bekräftigen.
Ein Rezitativ berichtet von einer bedrohlichen Lage. Die folgende Arie drückt Hoffnung aus.
Der entscheidende Unterschied liegt in der Funktion: Das Rezitativ vermittelt, was geschieht oder bedacht wird. Die Arie zeigt, wie eine Person darauf blickt oder empfindet. Ein anschließender Chor kann die Hoffnung als gemeinsame Aussage aufnehmen.
Rezitativ führt weiter – Arie hält inne und betrachtet. Diese Regel beschreibt eine typische Aufgabenverteilung, aber keine ausnahmslose Vorschrift.
Wie entwickelte sich die Kantate?
Die Kantate entstand im frühen 17. Jahrhundert in Italien. Ihre frühe Form war meist weltlich, klein besetzt und für eine oder wenige Singstimmen mit Begleitung bestimmt. Sie gehörte zur privaten Kammermusik.
Frühe Kantaten konnten aus mehreren Strophen bestehen. Über einem gleichbleibenden Bass erhielt jede Strophe eine neue Gesangsmelodie. Später bildete sich der Wechsel zwischen Rezitativ und Arie heraus: erzählende oder erklärende Abschnitte standen betrachtenden Abschnitten gegenüber.
Im frühen 18. Jahrhundert gewann die Kantate in der deutschen evangelischen Kirchenmusik große Bedeutung. Erdmann Neumeister gestaltete Kantatentexte nach dem Vorbild von Rezitativ und Arie. Bibelwort, Kirchenlied und freie Dichtung konnten miteinander verbunden werden.
Johann Sebastian Bach führte die barocke Kirchenkantate zu einem Höhepunkt. Rund 200 seiner Kantaten sind überliefert. Sein Weihnachtsoratorium besteht aus sechs Kantaten, die für verschiedene Festtage der Weihnachtszeit bestimmt waren.
Seit dem 19. Jahrhundert verlagerte sich die Gattung stärker in den Konzertsaal. Kantaten konnten nun größere Chöre und Orchester einsetzen sowie religiöse, literarische, politische oder historische Themen behandeln. Auch im 20. und 21. Jahrhundert entstanden geistliche, weltliche, pädagogische und experimentelle Kantaten.
Epochen helfen bei der Orientierung, bilden aber keine starren Grenzen. Kleine weltliche Kantaten, Kirchenkantaten und große Konzertkantaten zeigen, dass sich Besetzung, Funktion und Aufführungsort im Lauf der Geschichte verändert haben.
Welche Kantatenformen gibt es?
Ob eine Kantate geistlich oder weltlich ist, hängt vor allem von ihrem Text, ihrer Funktion und ihrem Aufführungskontext ab.
| Form | Kennzeichen |
|---|---|
| Geistliche Kantate | religiöser Inhalt, häufig für Gottesdienst oder Kirchenjahr |
| Weltliche Kantate | beispielsweise Unterhaltung, Huldigung, Literatur oder Politik |
| Solokantate | eine Singstimme mit instrumentaler Begleitung |
| Choralkantate | Kirchenlied prägt Text und musikalische Gestaltung |
| Konzertkantate | für den Konzertsaal, häufig mit Solisten, Chor und Orchester |
| Kinderkantate | für Kinder- oder Jugendstimmen, teilweise auch szenisch |
Bei einer Per-omnes-versus-Kantate, einer besonderen Form der Choralkantate, wird jede Strophe des zugrunde liegenden Chorals in einem eigenen Satz verarbeitet.
Eine sinfonische Kantate gibt dem Orchester eine besonders starke oder führende Rolle. Bei einer szenischen Kantate kommt eine zurückhaltende Darstellung hinzu. Dadurch können Übergänge zu Oper und Musical entstehen.
Ein Werk verarbeitet Text und Melodie eines Kirchenliedes in mehreren Sätzen und besitzt einen großen Choranteil. Es lässt sich als Choralkantate einordnen.
Werden zusätzlich sämtliche Strophen des Kirchenliedes jeweils in einem eigenen Satz vertont, liegt die besondere Per-omnes-versus-Form vor. Der zweite Begriff bezeichnet also einen engeren Sonderfall.
Wie unterscheidest du Kantate und Oratorium?
Kantate und Oratorium können beide Solostimmen, Chor und Orchester verwenden. Auch geistliche oder weltliche Inhalte sind bei beiden möglich. Deshalb reicht die Besetzung allein nicht für eine sichere Unterscheidung.
Eine Kantate ist gewöhnlich kürzer und kann einen Gedanken, einen Anlass oder eine Folge aus Erzählung und Betrachtung gestalten. Ein Oratorium ist meist umfangreicher und häufig stärker auf einen zusammenhängenden biblischen oder dramatischen Stoff ausgerichtet.
Die Grenze bleibt fließend. Neben Dauer und Umfang helfen dir deshalb weitere Fragen:
- Steht eine fortlaufende Handlung oder eher ein gemeinsamer Gedanke im Mittelpunkt?
- Welche Funktion und welchen Aufführungskontext hat das Werk?
- Wie bezeichnet und gliedert das Werk seine Teile?
- Bilden mehrere Kantaten gemeinsam einen größeren Zusammenhang?
Bachs Weihnachtsoratorium erzählt einen größeren biblischen Zusammenhang. Zugleich besteht es aus sechs einzelnen Kantaten für verschiedene Festtage.
Das Beispiel zeigt: „Kantate“ und „Oratorium“ müssen sich nicht immer gegenseitig ausschließen. Ein größeres Oratorium kann aus eigenständigen Kantatenteilen aufgebaut sein.
Nicht ein einzelnes Merkmal entscheidet. Vergleiche Besetzung, Umfang, Text, Funktion, Handlung und Aufbau miteinander.
Karteikasten
Überlege zuerst selbst und drehe die Karte anschließend zum Prüfen um.
Alles auf einen Blick
- Kantate
- Merkmale: Gesang, Instrumente, mehrere verbundene Sätze
- Satzarten: Rezitativ, Arie, Chor, Choral
- Inhalte: geistlich oder weltlich
- Geschichte: italienische Kammermusik, Kirchenkantate, Konzertkantate
- Formen: Solo-, Choral-, Kinder- und sinfonische Kantate
- Abgrenzung: Umfang, Text, Funktion, Handlung und Aufbau vergleichen
Eine Kantate erkennst du am Zusammenspiel von vokaler Besetzung, mehreren verbundenen Sätzen und einem gemeinsamen Thema. Für eine genaue Einordnung verbindest du musikalische Merkmale mit dem historischen Zweck des Werkes.
Abschluss-Check
Wenn du alle vier Entscheidungen begründen kannst, hast du nicht nur Begriffe gelernt: Du kannst eine Kantate anhand ihrer musikalischen Funktion, ihrer Form und ihres historischen Zusammenhangs untersuchen.
Mit Google fortfahren