Polytheismus: Viele Götter und ihre Beziehungen
Polytheismus bedeutet, dass mehrere Gottheiten als existent angesehen oder verehrt werden. Diese Gottheiten haben häufig unterschiedliche Aufgaben und stehen in Beziehungen zueinander. Ihre geordnete Gemeinschaft heißt Pantheon.
Die Einteilung ist jedoch nur ein erster Zugang: Die Zahl der Gottheiten allein erklärt noch keine Religion. Du musst auch fragen, was als Gottheit gilt, wie die Gottheiten verehrt werden und welche Bedeutung sie für die Gläubigen haben.
Hake ab, was du schon kannst — und komm am Ende hierher zurück!
Woran erkennst du Polytheismus?
Das Wort Polytheismus setzt sich aus den griechischen Bestandteilen poly für „viele“ und theos für „Gott“ zusammen. Eine deutsche Bezeichnung ist Vielgötterei. Weil dieses Wort früher auch abwertend verwendet wurde, eignet sich der neutral gebrauchte Fachbegriff Polytheismus meist besser.
Polytheismus
Polytheismus bezeichnet den Glauben an mehrere Gottheiten oder die nebeneinander bestehende Verehrung mehrerer Gottheiten.
In vielen polytheistischen Traditionen werden Gottheiten als handelnde Wesen vorgestellt. Sie können besondere Eigenschaften, Aufgaben und Zuständigkeitsbereiche besitzen. Beispiele sind Gottheiten für das Meer, die Fruchtbarkeit, die Heilung oder das Totenreich.
Aus dem antiken Ägypten sind etwa Ra als Sonnengott und Osiris als Gott des Jenseits bekannt. In der griechischen Götterwelt ist Poseidon mit dem Meer und Hades mit der Unterwelt verbunden. Solche Beispiele zeigen ein verbreitetes Muster, aber keine Regel für alle polytheistischen Traditionen.
Mehrere erwähnte übernatürliche Wesen machen eine Religion nicht automatisch polytheistisch. Entscheidend ist auch, ob diese Wesen als Gottheiten gelten und welche Rolle ihre Verehrung spielt.
Wie ist eine Götterwelt aufgebaut?
Eine polytheistische Religion ist nicht bloß eine ungeordnete Liste von Namen. Gottheiten können durch Verwandtschaft, Rang, Zuständigkeit, Ort oder gemeinsame Geschichten miteinander verbunden sein.
Pantheon
Ein Pantheon ist eine gegliederte Gemeinschaft von Gottheiten. Ihre Rollen, Beziehungen und Handlungen bilden eine erkennbare Ordnung.
Ein Pantheon kann zum Beispiel enthalten:
- eine Gottheit mit besonderem Rang;
- Gottheiten mit unterschiedlichen Aufgaben;
- Familien- oder Konfliktbeziehungen;
- örtlich besonders verehrte Gottheiten;
- Gruppen von Gottheiten, die gemeinsam auftreten.
Mehrere Gliederungsprinzipien können gleichzeitig gelten. Eine Meeresgottheit kann beispielsweise zu einer Götterfamilie gehören, einen hohen Rang besitzen und an bestimmten Küstenorten besonders verehrt werden.
In der griechischen und der römischen Götterwelt finden sich vergleichbare Zuständigkeiten unter verschiedenen Namen: Zeus entspricht in vielen Darstellungen Jupiter, Poseidon Neptun und Hades Pluto. Das zeigt, wie Kulturen Gottheiten miteinander in Beziehung setzen konnten. Es beweist aber nicht, dass beide Religionen vollständig gleich waren.
Ein umfangreicher Namensbestand darf nicht mit ebenso vielen voneinander unabhängigen Gottheiten verwechselt werden. Mesopotamische Listen enthalten etwa 560 beziehungsweise mehr als 1.750 Götternamen. Bedeutende Gottheiten konnten jedoch mehrfach mit verschiedenen Namen und Beinamen erscheinen.
Wie werden mehrere Gottheiten verehrt?
Menschen können sich je nach Situation an unterschiedliche Gottheiten wenden. Wer Hilfe für die Ernte erhofft, richtet ein Gebet oder Opfer möglicherweise an eine Gottheit der Fruchtbarkeit. Bei einer Seereise kann dagegen eine mit dem Meer verbundene Gottheit wichtig werden.
Verehrung kann unter anderem durch Gebete, Feste, Opfer oder Handlungen an einem Schrein oder Tempel ausgedrückt werden. Als Opfergaben kommen in verschiedenen Traditionen beispielsweise Blumen, Speisen oder wertvolle Gegenstände vor.
Im mesopotamischen Atrachasis-Mythos bedrohen nacheinander Krankheit, fehlender Regen und ausbleibendes Pflanzenwachstum die Menschen. Je nach Gefahr sollen sie sich zeitweilig besonders an Namtar, Adad oder Nisaba wenden. Das Beispiel zeigt das Muster: konkretes Problem, zuständige Gottheit, rituelle Handlung und erhoffte Veränderung.
Das Beispiel beschreibt eine Erzählung und die darin vorgestellte Wirkung. Es beweist nicht, dass ein Ritual eine Krankheit oder Dürre tatsächlich naturwissenschaftlich beeinflusst.
Glaube an mehrere Gottheiten bedeutet nicht, dass alle Gottheiten jederzeit gleich stark oder überhaupt kultisch verehrt werden.
Welche Zwischenformen gibt es?
Die Gegenüberstellung „ein Gott oder viele Götter“ reicht nicht immer aus. Eine Tradition kann mehrere Gottheiten anerkennen und sich dennoch auf eine einzige konzentrieren.
Monolatrie
Bei der Monolatrie wird nur eine Gottheit verehrt, obwohl die Existenz weiterer Gottheiten nicht bestritten werden muss.
Henotheismus
Beim Henotheismus werden mehrere Gottheiten angenommen, aber eine Gottheit erhält zeitweilig, regional oder in einer bestimmten Situation den höchsten Rang.
Der Unterschied liegt im Schwerpunkt: Monolatrie beschreibt vor allem die ausschließliche Verehrung einer Gottheit. Henotheismus betont den Vorrang einer Gottheit innerhalb einer weiterhin anerkannten Götterwelt.
Eine Gemeinschaft erkennt mehrere Gottheiten an, verehrt im eigenen Heiligtum aber ausschließlich die örtliche Schutzgottheit. Das passt zur Monolatrie. Erklärt sie diese Gottheit zugleich für einen begrenzten Zeitraum zur höchsten Gottheit, zeigt das zusätzlich ein henotheistisches Merkmal.
Wähle in jeder Lücke die passende Form und prüfe anschließend deine Antworten.
Die Verehrung nur einer Gottheit bei gleichzeitiger Anerkennung weiterer Gottheiten heißt . Der zeitweilige oder regionale Vorrang einer Gottheit innerhalb einer Götterwelt heißt . Eine geordnete Gemeinschaft von Gottheiten heißt .
Warum reicht das Zählen von Göttern nicht aus?
Die Begriffe Polytheismus und Monotheismus wirken zunächst wie eindeutige Gegensätze. In der Religionsgeschichte können göttliche Einheit und Vielheit jedoch miteinander verbunden sein. Eine Tradition kann mehrere Gottheiten kennen und zugleich eine höchste Gottheit oder ein einheitliches göttliches Prinzip annehmen.
Auch der Begriff Gottheit ist nicht in allen Religionen gleich bestimmt. Deshalb können Innen- und Außensicht zu unterschiedlichen Einordnungen gelangen. Trinitarische Christen verstehen Vater, Sohn und Heiligen Geist als den einen dreieinigen Gott. Wer lediglich drei Bezeichnungen zählt, verfehlt diese Selbstauslegung.
Beim Hinduismus ist ebenfalls Vorsicht nötig. Unterschiedliche hinduistische Traditionen gewichten göttliche Vielheit und Einheit verschieden. Darum ist die pauschale Aussage „Der Hinduismus ist polytheistisch“ zu grob.
Bodhisattvas im Buddhismus liefern ein weiteres Gegenbeispiel zum bloßen Zählen verehrter Wesen: Sie gelten nicht einfach als Gottheiten, sondern als Wesen auf einem hohen Weg zur Erleuchtung. Verehrung allein entscheidet daher noch nicht über die Einordnung.
Der Begriff Polytheismus entstand nicht als neutrale Selbstbezeichnung aller betroffenen Religionen. Er wurde in der Antike zur Abgrenzung verwendet und später in überholte Entwicklungsmodelle eingebaut, die Monotheismus als angeblich höhere Stufe bewerteten. Die heutige Forschung lehnt solche einfachen Rangfolgen ab.
Für einen fairen Vergleich helfen drei symmetrische Fragen:
- Welche Wesen gelten innerhalb der Tradition als göttlich?
- Wie stehen diese Wesen zueinander und zur Welt?
- Wie und in welchen Situationen werden sie verehrt?
Diese Fragen werden an jede untersuchte Tradition gleich gestellt. Sie vermeiden, eine Religion nur mit den Maßstäben einer anderen zu beurteilen.
Karteikasten
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Alles auf einen Blick
- Polytheismus
- mehrere Gottheiten
- Beziehungen und Zuständigkeiten
- geordnetes Pantheon
- Gebet, Opfer, Fest und Ritual
- Monolatrie und Henotheismus als Zwischenformen
- Einordnung nur im historischen und religiösen Kontext
Polytheismus beschreibt göttliche Vielheit, aber keine einheitliche Gruppe eng verwandter Religionen. Für das Verständnis sind die Beziehungen der Gottheiten, ihre Bedeutung und die religiöse Praxis ebenso wichtig wie ihre Anzahl.
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