Zwei-Naturen-Lehre einfach erklärt
Die Zwei-Naturen-Lehre beantwortet eine Grundfrage der Christologie, also der Lehre über Jesus Christus: Wie kann Jesus zugleich göttlich und menschlich sein? Ihre Antwort lautet: Jesus Christus ist eine Person mit einer göttlichen und einer menschlichen Natur. Beide bleiben verschieden und sind dennoch untrennbar verbunden.
Die Formel beschreibt ein christliches Glaubensbekenntnis. Sie ist keine naturwissenschaftliche Erklärung dafür, wie die Verbindung funktioniert.
Hake ab, was du schon kannst — und komm am Ende hierher zurück!
Eine Person mit zwei Naturen
Mit Natur ist hier gemeint, was Christus wirklich ist: göttlich und menschlich. Die Lehre behauptet nicht, Jesus sei halb Gott und halb Mensch. Sie bezeichnet ihn als wahren Gott und wahren Menschen.
Zwei-Naturen-Lehre
Die Zwei-Naturen-Lehre ist das christologische Bekenntnis, dass in der einen Person Jesus Christus eine vollständig göttliche und eine vollständig menschliche Natur verbunden sind.
Die beiden Naturen behalten nach dieser Lehre ihre jeweiligen Eigenschaften:
- Zur göttlichen Natur gehören Eigenschaften wie Ewigkeit, Allwissenheit, Allgegenwart und Allmacht.
- Zur menschlichen Natur gehören wirkliche menschliche Begrenzungen. Sie ist endlich, nicht gleichzeitig an mehreren Orten und in Wissen sowie Macht begrenzt.
Bei der Fleischwerdung nimmt der göttliche Sohn eine menschliche Natur an. Nach der chalcedonischen Lehre hört er dabei nicht auf, göttlich zu sein. Zugleich wird seine menschliche Natur nicht in eine göttliche Natur verwandelt.
Die Aussage „Jesus ist wahrer Mensch“ bedeutet innerhalb dieser Lehre mehr als „Jesus sieht menschlich aus“. Sein Menschsein gilt als wirklich und vollständig. Die Aussage „Jesus ist wahrer Gott“ bedeutet zugleich, dass seine Göttlichkeit nicht durch die Menschwerdung verschwindet.
Der entscheidende Gedanke lautet deshalb nicht entweder Gott oder Mensch, sondern wahrer Gott und wahrer Mensch.
Eine Person, zwei Naturen: vollständig göttlich und vollständig menschlich.
Vier Wörter schützen die Kernaussage
Das Konzil von Chalcedon beschrieb das Verhältnis der beiden Naturen im Jahr 451 mit vier Abgrenzungen. Je nach deutscher Übersetzung werden leicht unterschiedliche Wortformen verwendet.
| Abgrenzung | Was wird ausgeschlossen? | Was wird festgehalten? |
|---|---|---|
| unvermischt | Die Naturen verschmelzen nicht zu einer dritten Natur. | Göttlichkeit und Menschlichkeit bleiben unterscheidbar. |
| unverändert oder unverwandelt | Eine Natur verwandelt sich nicht in die andere. | Jede Natur behält ihre Eigentümlichkeit. |
| ungetrennt | Göttliche und menschliche Natur werden in Christus nicht voneinander gelöst. | Beide gehören immer zu der einen Person. |
| ungeteilt oder unzerteilt | Christus wird nicht in zwei getrennte Teile oder Personen zerlegt. | Jesus Christus bleibt eine Person. |
Die ersten beiden Wörter schützen also die Unterscheidung der Naturen. Die letzten beiden schützen ihre Einheit in Christus.
Behauptung: „In Jesus verbinden sich Göttliches und Menschliches zu einer neuen dritten Natur.“
Diese Behauptung widerspricht unvermischt und unverändert. Eine dritte Mischform würde gerade nicht festhalten, dass die göttliche und die menschliche Natur jeweils vollständig erhalten bleiben.
Behauptung: „Der göttliche Christus und der menschliche Jesus sind zwei voneinander getrennte Personen.“
Diese Behauptung widerspricht ungetrennt und ungeteilt. Die Lehre spricht von einer Person, nicht von zwei unabhängig handelnden Personen.
Warum entstand die Formel von Chalcedon?
In den ersten Jahrhunderten des Christentums war umstritten, wie Göttlichkeit und Menschlichkeit Jesu zusammengehören. Das Konzil von Chalcedon wurde 451 einberufen, um diesen Konflikt zu klären.
Eine wichtige Gegenposition wurde in den ausgewerteten Darstellungen als Monophysitismus bezeichnet. Das Wort verbindet mono für „einzig“ mit physis für „Natur“. Gemeint ist dort die Auffassung, Christus besitze nur eine Natur, etwa eine vergöttlichte menschliche oder eine vermenschlichte göttliche Natur.
Aus chalcedonischer Sicht gefährdete diese Auffassung sowohl das vollständige Menschsein als auch die vollständige Göttlichkeit Christi. Die Vier-Wörter-Formel sollte deshalb Einheit und Unterscheidung gleichzeitig sichern.
Das Konzil war nicht nur eine theologische Beratung. Der oströmische Kaiser Markian berief es ein und verfolgte auch politische Ziele: Er wollte seine Stellung festigen, die christlichen Untertanen durch einen einheitlichen Glauben verbinden und die Kirche besser lenken.
Historische Erklärung und religiöses Bekenntnis sind zwei verschiedene Ebenen. Historisch lässt sich untersuchen, wann, wo und unter welchen politischen Bedingungen die Formel beschlossen wurde. Ob Jesus tatsächlich wahrer Gott und wahrer Mensch ist, ist dagegen eine Glaubensaussage.
Die Beschlüsse schufen keine vollständige kirchliche Einigkeit. Mehrere orientalische Kirchen lehnten Chalcedon aus theologischen und kirchenpolitischen Gründen ab. Verständigungserklärungen im 20. Jahrhundert näherten einige Kirchen einander an, ohne eine vollständige Kirchengemeinschaft herzustellen.
Was die Lehre erklärt und was offenbleibt
Die Zwei-Naturen-Lehre ist vor allem eine Abgrenzungsformel. Sie legt fest, welche Aussagen zusammengehören und welche Deutungen ausgeschlossen werden sollen:
- Christus ist wirklich göttlich.
- Christus ist wirklich menschlich.
- Beide Naturen bleiben unterscheidbar.
- Beide sind in einer Person untrennbar verbunden.
Damit klärt die Formel das Verhältnis durch Grenzen. Sie erklärt jedoch nicht den inneren Mechanismus, durch den zwei Naturen in einer Person verbunden sein können. In der zugrunde liegenden theologischen Darstellung bleibt dies ein Geheimnis der Menschwerdung.
Die Formel ähnelt einer Leitplanke: Sie zeigt, welche Wege nach chalcedonischem Verständnis nicht weiterführen. „Nur göttlich“, „nur menschlich“, „zu einer dritten Natur vermischt“ und „in zwei Personen getrennt“ liegen außerhalb dieser Leitplanken.
Die Leitplanke ersetzt aber keine vollständige Erklärung dafür, wie die Verbindung möglich ist.
Vertiefung: Eigenschaften und ganze Person
Die lateinische Wendung Communicatio idiomatum bedeutet „Austausch der Eigenschaften“. Sie ergänzt die Zwei-Naturen-Lehre durch die Frage: Wie kann man über die eine Person Jesus Christus sprechen, wenn ihre beiden Naturen unterschiedliche Eigenschaften besitzen?
Communicatio idiomatum
Eigenschaften der göttlichen und der menschlichen Natur können der ganzen Person Jesus Christus zugeschrieben werden, ohne dass die beiden Naturen deshalb zu einer Natur verschmelzen.
In späteren theologischen Traditionen wurde diese Lehre unterschiedlich entfaltet. In der Reformationszeit nutzte Martin Luther sie zur Begründung seiner Auffassung von der leibhaftigen Gegenwart Christi im Abendmahl: Die menschliche Natur Christi habe Anteil an der göttlichen Allgegenwart.
Diese Anwendung geht über den Grundsatz „eine Person, zwei Naturen“ hinaus. Sie zeigt, wie der Lehrsatz in einem späteren Streit weitergedacht wurde.
Karteikasten
Überlege zuerst selbst und drehe die Karte anschließend zum Prüfen um.
Alles auf einen Blick
- Zwei-Naturen-Lehre
- Kernaussage
- wahrer Gott und wahrer Mensch
- eine Person mit zwei Naturen
- Unterscheidung
- unvermischt
- unverändert oder unverwandelt
- Einheit
- ungetrennt
- ungeteilt oder unzerteilt
- Historischer Kontext
- Konzil von Chalcedon 451
- theologischer Konflikt
- politische Interessen
- Aussagegrenze
- grenzt Deutungen ab
- erklärt nicht den Mechanismus
- Vertiefung
- Communicatio idiomatum
- Kernaussage
Abschluss-Check
Prüfe zum Schluss, ob du den Lehrsatz ohne die vier Fachwörter erklären kannst: Jesus Christus soll nach chalcedonischem Verständnis ganz göttlich und ganz menschlich sein. Seine beiden Naturen werden weder vermischt noch getrennt. Genau dieses doppelte Festhalten ist der Kern der Zwei-Naturen-Lehre.
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