Außenhandel und Wechselkurs einfach analysieren
Ein Wechselkurs verändert die Preise, zu denen Waren über Ländergrenzen hinweg angeboten werden. Wertet der Euro auf, werden Waren aus dem Euroraum für Käufer mit einer anderen Währung tendenziell teurer und Importe für den Euroraum günstiger. Doch Verträge, Gewinnmargen, verzögerte Mengenreaktionen und vor allem die Nachfrage können diesen Grundeffekt abschwächen oder zeitweise überdecken.
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Einen Wechselkurs richtig lesen
Du möchtest wissen, wie viele US-Dollar du für Euro erhältst. Dafür brauchst du das Austauschverhältnis zweier Währungen.
Wechselkurs
Der Wechselkurs ist der Preis einer Währung, ausgedrückt in einer anderen Währung. Bei flexiblen Kursen entsteht er durch Angebot und Nachfrage am Devisenmarkt. Bei einem festen Kurs wird eine Parität politisch festgelegt und durch die Zentralbank gestützt.
Die Notierung bestimmt, wie du eine Kursänderung liest:
- Mengennotierung: Fremdwährung je Einheit der heimischen Währung, zum Beispiel $1\,€=1{,}15\,\text{US-Dollar}$.
- Preisnotierung: Heimische Währung je Einheit der Fremdwährung, zum Beispiel $1\,\text{US-Dollar}=0{,}87\,€$.
Steigt die Zahl in der Mengennotierung von $1{,}00$ auf $1{,}15$ US-Dollar je Euro, erhältst du mehr Dollar für einen Euro: Der Euro wertet auf. In der Preisnotierung sinkt zugleich der Europreis eines Dollars von $1{,}00$ auf rund $0{,}87$ Euro. Deshalb darfst du nie allein auf „steigt“ oder „fällt“ schauen. Prüfe zuerst, welche Währung im Zähler steht.
Nenne immer die betrachtete Währung und die Notierungsform: „Der Euro wertet gegenüber dem US-Dollar auf“ ist eindeutig; „der Kurs steigt“ ist es nicht.
Wähle in jeder Lücke die passende Form und prüfe anschließend deine Antworten.
Steigt die Mengennotierung von $1\,€=1{,}00$ US-Dollar auf $1\,€=1{,}15$ US-Dollar, dann hat der Euro gegenüber dem Dollar . Ein Dollar kostet danach in Preisnotierung rund Euro. Der Zahlenwert der Preisnotierung ist also .
Auf- und Abwertung auf Warenpreise übertragen
Angenommen, ein deutsches Produkt kostet unverändert $100\,€$. Beim Ausgangskurs $1\,€=1{,}00$ US-Dollar zahlt ein Käufer in den USA $100$ US-Dollar. Wertet der Euro auf $1\,€=1{,}15$ US-Dollar auf, kostet dasselbe Produkt:
$$100\,€\cdot 1{,}15\,\frac{\text{US-Dollar}}{€}=115\,\text{US-Dollar}$$
Für den Käufer in den USA ist der deutsche Export um $15$ US-Dollar teurer geworden. Umgekehrt kostet eine US-Ware mit festem Preis von $100$ US-Dollar im Euroraum nun nur noch:
$$100\,\text{US-Dollar}:1{,}15\,\frac{\text{US-Dollar}}{€}\approx 86{,}96\,€$$
Vorher waren es $100\,€$. Die Aufwertung verbilligt also diesen Import aus Sicht des Euroraums.
Grundrichtung bei sonst gleichen Bedingungen:
- Euro-Aufwertung: Exporte aus dem Euroraum werden im Ausland teurer, Importe in den Euroraum billiger.
- Euro-Abwertung: Exporte aus dem Euroraum werden im Ausland billiger, Importe in den Euroraum teurer.
„Bei sonst gleichen Bedingungen“ ist wichtig: Es bedeutet, dass sich etwa Verkaufspreise, Nachfrage und Verträge zunächst nicht zusätzlich ändern.
Zwischen Verkaufspreis und Gewinnmarge unterscheiden
Der rechnerische Grundeffekt muss nicht vollständig beim Kunden ankommen. Unternehmen entscheiden, ob sie den Wechselkurs in den Verkaufspreis weitergeben oder einen Teil in ihrer Gewinnmarge auffangen.
Exchange Rate Pass-through
Beim Pass-through wird eine Wechselkursänderung ganz oder teilweise auf den Absatzpreis übertragen. Nach einer Euro-Aufwertung steigt dann etwa der Dollarpreis eines deutschen Produkts.
Pricing-to-market
Beim Pricing-to-market hält ein Unternehmen den Preis auf dem Auslandsmarkt möglichst stabil. Nach einer Euro-Aufwertung kann ein deutscher Exporteur den Dollarpreis bei $100$ US-Dollar belassen. Umgerechnet erhält er dann nur noch rund $86{,}96\,€$ statt $100\,€$: Seine Erlös- und meist auch seine Gewinnmarge sinkt.
Warum akzeptiert ein Unternehmen zeitweise eine kleinere Marge? Eine Preiserhöhung könnte Kundschaft und Marktanteile kosten. Zudem verursachen neue Preislisten, Kundeninformationen oder Vertragsänderungen Aufwand. Hält das Unternehmen die Kursänderung für vorübergehend oder sichert es das Währungsrisiko ab, kann es mit der Anpassung warten.
Langfristig kann ein Unternehmen Wechselkursverluste jedoch nicht unbegrenzt über die Marge tragen: Der Verkaufspreis muss die Kosten decken. Deshalb reagieren Preise und Mengen häufig erst nach und nach.
Vom Preis zur Handelsmenge und Handelsbilanz
Die Handelsbilanz vergleicht den Wert der ausgeführten und eingeführten Waren. Ein Überschuss liegt vor, wenn der Exportwert größer als der Importwert ist. Jeder Wert entsteht aus zwei Teilen:
$$\text{Handelswert}=\text{Preis}\cdot\text{Menge}$$
Darum reicht die Aussage „Importe werden billiger“ noch nicht für ein Urteil über den Saldo. Preise können sich schnell ändern, Mengen aber erst später.
- SofortUmgerechnete Import- und Exportpreise können sich ändern; Unternehmen passen teilweise ihre Margen an.
- KurzfristigBereits geschlossene Verträge, Lieferzeiten und Kurssicherung halten Handelsmengen zunächst stabil.
- SpäterKäufer vergleichen Alternativen und ersetzen teurer gewordene Waren, soweit passende Ersatzprodukte verfügbar sind.
- LangfristigExport- und Importmengen reagieren stärker; zugleich wirken Nachfrage, Kosten und Welthandel weiter.
Nach einer Euro-Aufwertung können die Importpreise rasch sinken. Solange Bestellmengen noch feststehen, sinkt dadurch zunächst der Wert der Importe. Der nominale Handelsbilanzsaldo kann sich deshalb kurzfristig sogar verbessern. Erst später können teurere Exporte zu geringeren Exportmengen und billigere Importe zu höheren Importmengen führen. Dann verschlechtert sich der Saldo tendenziell. Dieser zeitlich versetzte Verlauf gehört zum Grundgedanken des J-Kurveneffekts; seine genaue Stärke und sogar seine Sichtbarkeit hängen vom Einzelfall ab.
Eine Auf- oder Abwertung garantiert keinen bestimmten Handelsbilanzsaldo. Die Mengen müssen stark genug auf die relativen Preise reagieren. Schwer ersetzbare Rohstoffimporte reagieren zum Beispiel weniger als leicht austauschbare Waren.
Einen Außenhandelsfall schrittweise analysieren
Nutze bei neuen Fällen vier Schritte:
- Kurs lesen: Welche Währung wertet gegenüber welcher auf oder ab? Welche Notierung liegt vor?
- Preisweg prüfen: Werden Wechselkursänderungen weitergegeben oder in der Marge aufgefangen?
- Zeit und Mengen prüfen: Sind Verträge und Liefermengen kurzfristig fest? Welche Waren lassen sich ersetzen?
- Nachfrage einbeziehen: Wachsen Inlands- oder Auslandsnachfrage? Ändern sich Welthandel, Rohstoffpreise oder besondere Rahmenbedingungen?
Fall: Der Euro wertet auf. Deutsche Maschinenexporteure haben langfristige Lieferverträge und halten ihre Dollarpreise vorerst stabil. Gleichzeitig wächst die Nachfrage in wichtigen Absatzländern. Importpreise im Euroraum sinken.
Analyse:
- Die Aufwertung allein würde deutsche Exporte aus Sicht ausländischer Käufer verteuern.
- Pricing-to-market und bestehende Verträge verhindern zunächst einen stärkeren Anstieg der Dollarpreise.
- Die wachsende Auslandsnachfrage stützt die Exportmenge.
- Sinkende Importpreise können den Importwert bei zunächst gleicher Menge verringern.
Urteil: Ein kurzfristig stabiler oder sogar steigender Handelsbilanzüberschuss widerspricht der Aufwertung nicht. Andere Einflussgrößen überdecken den isolierten Kurseffekt. Langfristig kann sich das ändern, wenn Margen nicht mehr tragbar sind, Preise angepasst werden und Mengen reagieren.
Übung: Einen neuen Fall selbst begründen
Fall: Der Euro fällt von $1\,€=1{,}20$ auf $1\,€=1{,}00$ US-Dollar. Exporteure aus dem Euroraum haben ihre Dollarpreise für sechs Monate vertraglich festgelegt. Sie geben die Kursänderung zunächst nicht an ausländische Käufer weiter, sondern erzielen je Dollar mehr Euro; ihre Marge steigt. Importe von Bauteilen werden in US-Dollar bezahlt und in Euro sofort teurer. Die Importmengen sind noch drei Monate vertraglich festgelegt. Danach können Unternehmen einen Teil der Bauteile durch Angebote aus dem Euroraum ersetzen. Zugleich sinkt wegen einer Rezession in wichtigen Absatzländern die Nachfrage nach europäischen Exporten. Kurzfristig gehen die Exportmengen zurück, die Importmengen bleiben gleich und der Handelsbilanzüberschuss schrumpft.
Bearbeite den Fall zuerst selbst. Schreibe eine Begründung mit diesen vier Teilen:
- Bestimme die Kursrichtung des Euro.
- Erkläre die Grundwirkung der Kursänderung auf Export- und Importpreise sowie die später zu erwartenden Mengen.
- Erkläre, warum Preise und Mengen im beschriebenen Fall zunächst anders reagieren können. Verwende Pass-through oder Marge, Verträge und Substitutionsmöglichkeiten.
- Begründe mit der Nachfrage, warum der beobachtete Überschuss trotz des einfachen Wechselkurseffekts schrumpft.
Musterlösung und diagnostische Rückmeldung
- Der Euro wertet ab, weil ein Euro statt $1{,}20$ nur noch $1{,}00$ US-Dollar kauft.
- Bei sonst gleichen Bedingungen macht die Abwertung Exporte aus dem Euroraum für Käufer im Dollarraum billiger und Dollarimporte für Käufer im Euroraum teurer. Später können die Exportmengen deshalb steigen und die Importmengen sinken.
- Im Fall bleiben die Dollarpreise der Exporte wegen der Verträge zunächst fest: Der Preiseffekt erreicht die ausländischen Käufer noch nicht, sondern erhöht vorerst den Euroerlös und die Marge der Exporteure. Auch die Importmengen bleiben zunächst vertraglich gebunden. Erst nach Ablauf der Verträge können Unternehmen auf Ersatzprodukte aus dem Euroraum ausweichen; dann kann die Importmenge sinken.
- Die Rezession senkt die Auslandsnachfrage so stark, dass die Exportmengen kurzfristig zurückgehen. Dieser Nachfrageeffekt überdeckt den noch nicht weitergegebenen Preisvorteil der Abwertung. Deshalb kann der Handelsbilanzüberschuss zunächst schrumpfen, ohne dass die Grundrichtung des Wechselkurseffekts falsch wäre.
Prüfe deine Begründung: Fehlt die Kursrichtung, hast du die Notierung noch nicht ausgewertet. Schreibst du „Exporte werden sofort billiger“, übersiehst du den fehlenden Pass-through und die festen Dollarpreise. Erwartest du sofort sinkende Importmengen, übersiehst du die laufenden Verträge. Erklärst du den schrumpfenden Überschuss nur mit dem Wechselkurs, fehlt die sinkende Auslandsnachfrage als Gegenkraft.
Empirische Untersuchungen für Deutschland zeigen genau diese Vorsicht: Wechselkurse beeinflussen den Außenhandel, doch Inlands- und Auslandsnachfrage liefen häufig enger mit Importen und Exporten zusammen. Ein beobachteter Gleichlauf allein beweist außerdem noch keine Ursache.
Karteikasten
Überlege zuerst selbst und drehe die Karte anschließend zum Prüfen um.
Alles auf einen Blick
- Außenhandel und Wechselkurs
- Kurs lesen: Währung und Notierung bestimmen
- Preiswirkung: Aufwertung und Abwertung ableiten
- Unternehmensreaktion: Pass-through oder Pricing-to-market
- Zeitwirkung: Preise vor Mengen
- Saldo analysieren: Exportwert und Importwert vergleichen
- Weitere Treiber: Inlandsnachfrage, Auslandsnachfrage und Welthandel
Abschluss-Check
Begründungsaufgabe
Neuer Fall: Der Euro wertet auf. Ein Exporteur gibt zunächst nur die Hälfte der Kursänderung an ausländische Käufer weiter und trägt den Rest über eine kleinere Marge. Importverträge fixieren die Mengen für zwei Monate. Danach können Unternehmen heimische Vorprodukte wegen Zulassungen nur langsam durch die nun günstigeren ausländischen Vorprodukte ersetzen. Gleichzeitig wächst die Auslandsnachfrage stark. Der Handelsbilanzüberschuss bleibt zunächst stabil.
Schreibe vor dem Vergleich mit den Prüfkriterien eine kurze Analyse. Sie muss die Kursrichtung, Export- und Importpreise, die zeitlich verzögerten Mengen sowie Pass-through oder Marge, Verträge, Substitutionsmöglichkeiten und Nachfrage miteinander verbinden.
Prüfkriterien: Eine vollständige Begründung erklärt: Die Aufwertung verteuert Exporte im Ausland nur teilweise, weil der Exporteur einen Teil über die Marge trägt; sie verbilligt Importe im Euroraum. Die vertraglich fixierten Importmengen reagieren zunächst nicht. Auch später begrenzen Zulassungen die Möglichkeit, heimische Vorprodukte durch die nun günstigeren Importe zu ersetzen; deshalb steigt die Importmenge nur langsam. Die starke Auslandsnachfrage kann die Exportmenge stützen. Deshalb ist ein zunächst stabiler Überschuss möglich. Wer aus der Aufwertung allein zwingend einen sinkenden Überschuss folgert, lässt Preisweitergabe, Zeit, Substitution und Nachfrage aus.
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