Inflation und Geldpolitik: Wirkung des Leitzinses
Inflation bedeutet, dass das allgemeine Preisniveau steigt. Geld verliert dadurch Kaufkraft. Die Europäische Zentralbank, kurz EZB, strebt mittelfristig eine Inflationsrate von 2 % an. Mit ihrer Geldpolitik beeinflusst sie Finanzierungsbedingungen, Nachfrage und schließlich die Preisentwicklung.
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Inflation erkennen und berechnen
Wird nur Schokolade teurer, ist das noch keine Inflation. Vielleicht ist Kakao knapp geworden. Von Inflation spricht man erst, wenn die Preise vieler Waren und Dienstleistungen im Durchschnitt steigen.
Inflation
Inflation ist der anhaltende Anstieg des allgemeinen Preisniveaus. Die Inflationsrate gibt an, um wie viel Prozent sich dieses Preisniveau in einem Zeitraum verändert hat.
Das Preisniveau wird mithilfe eines repräsentativen Warenkorbs beobachtet. Er enthält viele typische Ausgaben, etwa für Lebensmittel, Wohnen, Kleidung und Verkehr. Die Preise werden zu einem Gesamtwert zusammengefasst.
Die Inflationsrate lässt sich so berechnen:
$$\text{Inflationsrate}=\frac{\text{neuer Wert}-\text{alter Wert}}{\text{alter Wert}}\cdot 100\,\%$$
In Worten: Berechne zuerst die Preissteigerung. Teile sie dann durch den alten Wert und wandle das Ergebnis in Prozent um.
Ein Warenkorb kostete im Vorjahr 120 €. Heute kostet derselbe Warenkorb 126 €.
- Preissteigerung: $126\,€-120\,€=6\,€$
- Anteil am alten Wert: $6\,€:120\,€=0{,}05$
- In Prozent: $0{,}05\cdot100\,\%=5\,\%$
Die Inflationsrate beträgt in diesem vereinfachten Beispiel 5 %. Entscheidend ist, dass derselbe Warenkorb verglichen wird.
Sinkt das allgemeine Preisniveau anhaltend, heißt das Deflation. Eine nur sinkende Inflationsrate bedeutet dagegen nicht automatisch Deflation: Bei einer Inflation von 2 % steigen die Preise langsamer als bei 5 %, aber sie steigen weiterhin.
Was Inflation mit den Geldfunktionen macht
Geld erleichtert das Wirtschaften, weil es drei grundlegende Aufgaben erfüllt.
Geldfunktionen
- Als Tausch- und Zahlungsmittel wird Geld beim Kaufen und Begleichen von Schulden allgemein akzeptiert.
- Als Recheneinheit macht Geld unterschiedliche Güter durch Preise vergleichbar.
- Als Wertaufbewahrungsmittel überträgt Geld Kaufmöglichkeiten in die Zukunft.
Die Funktionen lassen sich an Grenzfällen unterscheiden:
- Ein nur in einem Computerspiel verwendbarer Token ist außerhalb des Spiels kein allgemein akzeptiertes Zahlungsmittel.
- Auch bei einer Kartenzahlung dient der Euro als Recheneinheit: Die Preise werden weiterhin in Euro angegeben.
- Geld unter dem Kopfkissen bewahrt zwar seinen Nennwert. Bei Inflation kann man damit später aber weniger kaufen. Seine Wertaufbewahrungsfunktion wird dadurch geschwächt.
Der Nennwert sagt, welcher Geldbetrag auf einem Schein oder Konto steht. Der reale Wert beschreibt, was du dafür kaufen kannst.
Inflation erschwert außerdem Preisvergleiche. Steigt ein Preis, musst du unterscheiden: Ist nur dieses Gut knapper geworden, oder sind die Preise allgemein gestiegen?
Wer von unerwarteter Inflation betroffen ist
Bei erwarteter Inflation können Löhne, Zinsen und Verträge teilweise angepasst werden. Unerwartete Inflation trifft Beteiligte dagegen anders als geplant.
Ein Beispiel ist ein Kredit mit festem Rückzahlungsbetrag. Steigen die Preise überraschend stark, besitzt der zurückgezahlte Betrag weniger Kaufkraft als bei Vertragsabschluss erwartet.
- Ein Schuldner kann dadurch real entlastet werden.
- Ein Gläubiger erhält zwar den vereinbarten Nennbetrag, dessen Kaufkraft ist aber geringer.
- Haushalte mit unveränderten Einkommen können weniger kaufen.
- Besitzer fest verzinster Forderungen können ebenfalls Kaufkraft verlieren.
Diese Aussagen gelten nicht mechanisch für jeden Fall. Variable Zinsen, an die Inflation gekoppelte Zahlungen oder nachträgliche Lohnanpassungen können die Wirkung verändern.
Eine Person leiht einer anderen 10.000 € zu einem festen Rückzahlungsbetrag. Beide erwarten stabile Preise. Dann tritt unerwartet eine hohe Inflation ein.
Die schuldende Person zahlt weiterhin 10.000 € zurück. Dieser Betrag kauft nun weniger als beim Abschluss des Vertrags. Real wird die Schuld leichter, während die verleihende Person Kaufkraft verliert.
Warum die EZB mittelfristig 2 % anstrebt
Die vorrangige Aufgabe der EZB ist Preisstabilität im Euroraum. Dafür strebt sie mittelfristig 2 % Inflation an.
Das Ziel ist symmetrisch: Eine länger anhaltende zu hohe Inflation ist ebenso unerwünscht wie eine zu niedrige Inflation. Symmetrisch bedeutet nicht, dass die Inflationsrate in jedem Monat genau 2 % betragen muss. Vorübergehende Abweichungen können auftreten; entscheidend ist die mittelfristige Entwicklung.
Eine geringe positive Inflationsrate bietet unter anderem Spielraum für Zinssenkungen in einer wirtschaftlichen Schwäche. Zugleich sollen niedrige, stabile und berechenbare Preisänderungen verlässliche Entscheidungen ermöglichen.
Das 2-%-Ziel bezieht sich auf die mittelfristige Veränderung des allgemeinen Preisniveaus im Euroraum – nicht auf jeden Einzelpreis und nicht auf jeden einzelnen Monat.
Wie Geldpolitik auf die Inflation wirkt
Ein wichtiges Instrument der Zentralbank sind ihre Zinssätze. Sie beeinflussen, zu welchen Bedingungen sich Banken Zentralbankgeld beschaffen oder bei der Zentralbank anlegen können. Änderungen übertragen sich häufig auf weitere Zinsen.
Bei einer restriktiven, also bremsenden Geldpolitik, sieht die idealtypische Wirkungskette so aus:
- Die Zentralbank erhöht ihre Zinssätze.
- Die Finanzierung von Banken wird tendenziell teurer.
- Kreditzinsen für Haushalte und Unternehmen können steigen.
- Weniger Kredite werden nachgefragt; Konsum und Investitionen können sinken.
- Die gesamtwirtschaftliche Nachfrage wächst langsamer oder geht zurück.
- Der Druck auf Löhne und Preise lässt mit Verzögerung nach.
- Die Inflation kann sinken.
Bei einer expansiven, also lockernden Geldpolitik, verläuft die Kette idealtypisch umgekehrt: Niedrigere Zinsen können Kredite, Konsum und Investitionen fördern. Dadurch kann die Nachfrage steigen.
Die Inflation liegt über längere Zeit deutlich oberhalb des Ziels. Die Zentralbank erhöht ihre Zinssätze.
Ein Unternehmen verschiebt daraufhin eine kreditfinanzierte Erweiterung, weil der Kredit teurer geworden ist. Auch einige Haushalte nehmen weniger Kredite auf. Die Nachfrage wird gedämpft. Wenn viele Unternehmen eine ähnliche Entwicklung erleben, wird es schwieriger, weitere starke Preiserhöhungen durchzusetzen.
Der entscheidende Gedanke lautet: Der Leitzins verändert die Inflation normalerweise nicht direkt, sondern über mehrere Zwischenstationen.
Auch Erwartungen spielen eine Rolle. Glauben Haushalte und Unternehmen an eine stabile künftige Inflation, kann das ihre Preis-, Lohn- und Vertragsentscheidungen beeinflussen. In einer offenen Volkswirtschaft kann außerdem der Wechselkurs die Preise von Importen und Exporten verändern.
Warum die Wirkung unsicher bleibt
Die Wirkungskette ist kein Automatismus. Zwischen einer geldpolitischen Entscheidung und der Inflationsentwicklung liegen viele Reaktionen, die nicht vollständig vorhersehbar sind.
- Banken müssen eine Zinsänderung nicht vollständig oder sofort an ihre Kunden weitergeben.
- Haushalte und Unternehmen können trotz niedriger Zinsen auf Kredite verzichten, wenn sie pessimistisch sind.
- Bereits geschlossene Kreditverträge reagieren möglicherweise erst später.
- Energieknappheit oder Ernteausfälle können Preise erhöhen, obwohl die Nachfrage schwach ist.
- In einer schweren Krise kann eine weitere Zinssenkung nur wenig zusätzliche Nachfrage auslösen.
- Geldpolitik wirkt mit Zeitverzögerung und kann kurzfristig auch Produktion und Beschäftigung beeinflussen.
Mehr Zentralbankgeld bedeutet zudem nicht automatisch, dass Geschäftsbanken entsprechend mehr Kredite vergeben. Dafür braucht es kreditwürdige Nachfrage, ausreichendes Eigenkapital, Liquidität und die Bereitschaft der Banken zur Kreditvergabe.
Eine Zentralbank muss daher nicht nur die aktuelle Inflationsrate betrachten. Sie beurteilt auch die erwartete Preisentwicklung, wirtschaftliche Aktivität, Finanzierungslage und Risiken. Ihre Instrumente sind ein Werkzeugkasten, keine Fernbedienung für einzelne Preise.
Karteikasten
Überlege zuerst selbst und drehe die Karte anschließend zum Prüfen um.
Alles auf einen Blick
- Inflation und Geldpolitik
- Inflation: allgemeines Preisniveau steigt
- Kaufkraft: sinkt bei unverändertem Geldbetrag
- Geldfunktionen: bezahlen, Werte vergleichen und Kaufmöglichkeiten übertragen
- Verteilung: unerwartete Inflation verändert reale Schulden und Forderungen
- EZB-Ziel: mittelfristig symmetrische 2 %
- Straffung: höhere Zinsen, schwächere Nachfrage, geringerer Preisdruck
- Lockerung: niedrigere Zinsen, stärkere Nachfrage möglich
- Grenzen: Verzögerungen, Erwartungen, Angebotsstörungen und Kreditbedingungen
Abschluss-Check
Prüfe dich zum Schluss: Kannst du erklären, warum eine einzelne Preiserhöhung keine Inflation beweist, die drei Geldfunktionen an einem Grenzfall unterscheiden, eine Inflationsrate berechnen, die Folgen unerwarteter Inflation beurteilen und eine Leitzinsänderung als Wirkungskette mit mindestens einer Unsicherheit darstellen? Dann hast du die Kernideen verbunden.
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