Make-or-Buy-Analyse: Eigenfertigung oder Fremdbezug
Bei einer Make-or-Buy-Analyse prüfst du, ob ein Unternehmen eine Leistung selbst erstellt (Make/Eigenfertigung) oder extern bezieht (Buy/Fremdbezug). Eine belastbare Entscheidung verbindet den Kostenvergleich mit Qualität, Kapazität, Zeit, Know-how, Flexibilität, strategischer Bedeutung und Risiken.
Hake ab, was du schon kannst — und komm am Ende hierher zurück!
Die Entscheidungsfrage richtig stellen
Make bedeutet: Das Unternehmen erstellt ein Produkt oder eine Dienstleistung mit eigenen Ressourcen. Buy bedeutet: Es beschafft die Leistung bei einem externen Anbieter.
Outsourcing
Outsourcing ist ein besonderer Fall von Buy: Eine bisher intern erbrachte Tätigkeit wird nach außen verlagert. Make or Buy ist weiter gefasst und betrifft auch neue Leistungen.
Die Frage lautet nicht einfach „Was ist billiger?“, sondern: Welche Option erfüllt die Anforderungen wirtschaftlich und strategisch am besten?
Kosten vollständig vergleichen
Vergleiche dieselbe Leistung, dieselbe Menge und denselben Zeitraum. Sonst wirken Zahlen vergleichbar, obwohl sie unterschiedliche Bedingungen beschreiben.
Zu Make gehören beispielsweise Material, Arbeit, Maschinen, Verwaltung, Investitionen, Wartung und der Aufbau von Know-how. Zu Buy gehören Kaufpreis, Vertrags- und Abwicklungskosten sowie weitere Folgekosten des Fremdbezugs. Auch Opportunitätskosten zählen: Das ist der entgangene Nutzen, weil eine knappe Kapazität nicht für die beste Alternative eingesetzt wird.
Total Cost of Ownership
Die Total Cost of Ownership, kurz TCO, umfasst alle relevanten direkten und indirekten Kosten über den betrachteten Nutzungszeitraum. Sie verhindert, dass nur Stückkosten oder Kaufpreise verglichen werden.
Eine einfache Kostenratio lautet:
$$R=\frac{\text{Kosten der Eigenfertigung}}{\text{Kosten des Fremdbezugs}}$$
- Bei $R<1$ sind die erfassten Make-Kosten niedriger.
- Bei $R>1$ sind die erfassten Buy-Kosten niedriger.
- Bei $R=1$ sind die erfassten Kosten gleich.
Die Eigenfertigung kostet 50.000 €, der Fremdbezug 30.000 €.
$$R=\frac{50.000}{30.000}=\frac{5}{3}\approx 1{,}67$$
Die Eigenfertigung kostet damit etwa das 1,67-Fache des Fremdbezugs. Unter den erfassten Kosten spricht das Ergebnis für Buy. Es entscheidet aber noch nicht über Qualität, Abhängigkeit oder strategische Bedeutung.
Eine Ratio über 1 ist bei dieser Formel kein Vorteil für Make. Der Zähler ist dann größer als der Nenner.
Die kritische Menge verstehen
Fixe Kosten fallen innerhalb des betrachteten Rahmens unabhängig von der Menge an; variable Kosten verändern sich mit der Menge. Für eine Menge $x$ lassen sich die Gesamtkosten allgemein schreiben als:
$$K_M(x)=F_M+v_M\cdot x$$
$$K_B(x)=F_B+v_B\cdot x$$
Dabei stehen $F_M$ und $F_B$ für fixe Kosten, $v_M$ und $v_B$ für variable Kosten je Stück. An der kritischen Menge sind beide Gesamtkosten gleich:
$$F_M+v_M\cdot x=F_B+v_B\cdot x$$
Für $v_M\ne v_B$ folgt:
$$x_{\text{krit}}=\frac{F_B-F_M}{v_M-v_B}$$
Die Formel allein sagt noch nicht, welche Option oberhalb der kritischen Menge günstiger ist. Setze deshalb eine Menge unterhalb und eine oberhalb des Schnittpunkts in beide Kostenfunktionen ein. Prüfe außerdem, ob die errechnete Menge im möglichen Kapazitätsbereich liegt.
Sind die variablen Kosten je Stück gleich, gibt es keinen einzelnen Schnittpunkt: Dann ist immer die Option mit den niedrigeren Fixkosten günstiger, oder beide Kostenfunktionen sind identisch.
Qualitative Kriterien bewerten
Ein Kostenvorteil kann durch strategische Nachteile aufgewogen werden. Prüfe deshalb für beide Optionen dieselben Kriterien:
| Kriterium | Leitfrage |
|---|---|
| Qualität | Welche Option erreicht und sichert das nötige Qualitätsniveau? |
| Kapazität und Zeit | Reichen Personal, Anlagen und Zeit aus? |
| Know-how | Muss Wissen aufgebaut werden oder droht es verloren zu gehen? |
| Flexibilität | Wie gut lässt sich auf Mengen- oder Anforderungsänderungen reagieren? |
| Strategie | Gehört die Leistung zur Kernkompetenz oder ist sie besonders schutzbedürftig? |
| Abhängigkeit | Wie schwer wäre ein Lieferantenausfall oder eine Preiserhöhung? |
| Liquidität | Kann das Unternehmen hohe Anfangsinvestitionen tragen? |
| Nachhaltigkeit | Welche Umwelt- und Sozialanforderungen müssen beide Optionen erfüllen? |
In einer Entscheidungsmatrix legst du zuerst Kriterien und Gewichte fest. Danach bewertest du Make und Buy nach derselben Skala, multiplizierst Bewertung und Gewicht und vergleichst die gewichteten Ergebnisse. Gewichte sind keine Naturgesetze: Sie müssen zum Ziel und zum Unternehmen passen und transparent begründet werden.
In acht Schritten zur Entscheidung
- Ziel klären: Welche Leistung wird wofür benötigt?
- Anforderungen festlegen: Beschreibe Menge, Qualität, Termin und technische Eigenschaften.
- Machbarkeit prüfen: Bewerte interne Ressourcen, Know-how, Anlagen und mögliche Lieferanten.
- Kosten abgrenzen: Nutze für beide Optionen denselben Zeitraum, dieselbe Menge und vergleichbare Kostenbestandteile.
- Kosten auswerten: Vergleiche TCO, Ratio und – wenn Mengen entscheidend sind – die kritische Menge.
- Qualitative Kriterien bewerten: Prüfe Strategie, Qualität, Flexibilität, Abhängigkeit, Personal und Nachhaltigkeit.
- Risiken und Alternativen prüfen: Betrachte Lieferausfall, Auslastung, Investition, Kompetenzverlust und einen Plan B.
- Entscheiden und überprüfen: Dokumentiere Annahmen, Verantwortliche und Auslöser für eine spätere Neubewertung.
Betroffene Beschäftigte sollten früh einbezogen werden. Sie kennen Prozesse und Kapazitäten und können auf verdeckte Risiken hinweisen. Eine nachvollziehbare Begründung stärkt außerdem die Akzeptanz.
Eine gute Make-or-Buy-Analyse ist nachvollziehbar: Andere Personen können erkennen, welche Daten, Annahmen, Kriterien und Gewichte zur Entscheidung geführt haben.
Risiken verteilen und Mischlösungen prüfen
Buy-Risiken sind unter anderem Lieferausfälle, Verzögerungen, Qualitätsprobleme, Preiserhöhungen, Abhängigkeit und Know-how-Verlust. Make-Risiken sind hohe Investitionen, fehlendes Personal, lange Aufbauzeit, schlechte Auslastung und technologische Veränderungen.
Die Wahl muss nicht binär sein. Ein hybrides Modell verbindet Eigenfertigung und Fremdbezug. Auch eine zweite Bezugsquelle, flexible Verträge oder ein vorbereiteter Alternativplan können Risiken verteilen.
Ein Automobilzulieferer plant 50.000 elektronische Steuergeräte im Jahr. Der Kostenvergleich spricht bei dieser Menge für Make, doch die Eigenfertigung verlangt 2 Millionen Euro Investition und neue Kompetenzen. Buy wäre bei Mengenänderungen flexibler und bietet Zugang zu aktueller Technologie.
Die gewählte Lösung lautet 70 % Make und 30 % Buy. So behält das Unternehmen strategische Kontrolle, begrenzt einen Teil des Investitionsrisikos und erhält eine externe Ausweichmöglichkeit. Das Beispiel zeigt: Ein rechnerischer Kostenvorteil muss nicht zu 100 % Eigenfertigung führen.
Karteikasten
Überlege zuerst selbst und drehe die Karte anschließend zum Prüfen um.
Alles auf einen Blick
- Make-or-Buy-Analyse
- Kosten vergleichen
- TCO und Ratio
- kritische Menge
- qualitative Kriterien prüfen
- Qualität und Flexibilität
- Know-how und Strategie
- Kapazität und Liquidität
- Risiken bewerten
- Make: Investition und Auslastung
- Buy: Abhängigkeit und Lieferausfall
- Entscheidung gestalten
- Make oder Buy
- hybride Lösung
- später neu bewerten
- Kosten vergleichen
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