Angeborenes und erlerntes Verhalten erklärt
Angeborenes Verhalten beruht auf genetischen Voraussetzungen. Erlerntes Verhalten entsteht durch individuelle Erfahrungen. Im wirklichen Leben wirken beide Anteile häufig zusammen.
Hake ab, was du schon kannst — und komm am Ende hierher zurück!
Verhalten zuerst genau beschreiben
Ein Hund sieht einen Hasen und läuft los. Ist das angeboren oder erlernt? Bevor du diese Frage beantwortest, musst du das beobachtete Verhalten von seiner Deutung trennen.
Verhalten
Verhalten umfasst Handlungen und Reaktionen eines Lebewesens auf innere oder äußere Reize. Von außen sichtbares Verhalten lässt sich direkt beobachten. Seine Ursachen müssen dagegen erschlossen und geprüft werden.
Beobachtung: Der Hund richtet den Kopf auf den Hasen, beginnt zu laufen und verfolgt ihn.
Deutung: Der Hund zeigt Jagdverhalten, weil ein angeborener Anteil ausgelöst wurde.
Die Beobachtung beschreibt, was geschieht. Die Deutung bietet eine mögliche Erklärung. Sie kann zutreffen, muss aber durch weitere Beobachtungen oder Untersuchungen gestützt werden.
Beschreibe zuerst möglichst genau: Was geschieht? Frage erst danach: Warum geschieht es?
Angeborene und erlernte Anteile unterscheiden
Angeborenes Verhalten
Angeborenes Verhalten beruht auf genetisch weitergegebenen Voraussetzungen und muss nicht individuell neu gelernt werden.
Erlerntes Verhalten
Erlerntes oder erworbenes Verhalten verändert sich durch individuelle Erfahrungen im Laufe des Lebens.
| Merkmal | Angeborenes Verhalten | Erlerntes Verhalten |
|---|---|---|
| Grundlage | genetische Voraussetzungen | individuelle Erfahrung |
| Erwerb | nicht individuell neu gelernt | im Lebensverlauf erworben |
| Beispiele | Saugbewegung eines Säuglings, artspezifische Bewegungen | Nachahmung, Versuch und Irrtum, Konditionierung |
Ein Reflex ist eine angeborene Reaktion auf einen bestimmten Reiz. Die Saugbewegung eines Säuglings ist ein Beispiel: Sie steht unmittelbar nach der Geburt zur Verfügung und muss nicht erst durch Übung erworben werden.
Nicht jedes Verhalten passt jedoch vollständig in nur eine Spalte. Genetische Voraussetzungen können festlegen, was ein Lebewesen lernen kann. Erfahrungen und die jeweilige Situation beeinflussen dann, wann und wie es dieses Verhalten zeigt.
Ein Gänseküken besitzt eine angeborene Bereitschaft, einem geeigneten bewegten Objekt zu folgen. Welchem konkreten Objekt es folgt, wird während einer frühen Entwicklungsphase gelernt. Die Bereitschaft ist angeboren; das Bezugsobjekt wird erworben.
Angeboren bedeutet nicht immer von Geburt an sichtbar
Eine angeborene Verhaltensweise muss bei der Geburt noch nicht vollständig auftreten. Genetische Voraussetzungen können sich erst im Verlauf der Entwicklung auswirken.
Reifung
Reifung bezeichnet Entwicklungsprozesse, durch die eine genetisch angelegte Fähigkeit oder Verhaltensweise erst später funktionsfähig wird.
Fortpflanzungsverhalten tritt beispielsweise erst auf, wenn die körperliche Entwicklung weit genug fortgeschritten ist. Sein später Beginn beweist deshalb nicht, dass es zuvor erlernt wurde.
Auch Umweltbedingungen können nötig sein, damit sich eine Anlage zeigt. Die menschliche Fähigkeit zum Spracherwerb beruht auf biologischen Voraussetzungen. Welche konkrete Sprache ein Kind spricht, hängt jedoch von seiner sprachlichen Umgebung ab.
Zeitpunkt und Ursache sind nicht dasselbe: Was erst später auftritt, kann trotzdem angeborene Grundlagen besitzen.
Erfahrungen verändern künftiges Verhalten
Lernen zeigt sich daran, dass Erfahrungen das spätere Verhalten beeinflussen. Dafür gibt es verschiedene Wege.
Versuch und Irrtum
Ein Lebewesen probiert mehrere Handlungen aus. Führt eine davon zum Erfolg, wird sie bei einer ähnlichen Situation eher erneut eingesetzt.
Eine Krähe versucht auf verschiedene Arten, eine Nuss zu öffnen. Eine erfolgreiche Handlung führt zur Nahrung. Dadurch kann sich genau diese Vorgehensweise festigen.
Nachahmung
Beim Nachahmen beobachtet ein Lebewesen eine Handlung und übernimmt Teile davon. Schimpansen können beispielsweise den Werkzeuggebrauch anderer Tiere beobachten und selbst ausführen.
Klassische Konditionierung
Bei der klassischen Konditionierung werden Reize miteinander verknüpft.
Nahrung löst bei einem Hund Speichelfluss aus. Wird vor der Fütterung wiederholt ein Glockenton dargeboten, kann später bereits der Ton Speichelfluss auslösen. Der ursprünglich neutrale Ton wurde mit der Nahrung verknüpft.
Operante Konditionierung
Bei der operanten Konditionierung verändern die Folgen einer Handlung deren künftige Häufigkeit. Eine belohnte Handlung wird meist häufiger gezeigt; eine unangenehme Folge kann sie seltener machen.
Bei der klassischen Konditionierung werden Reize verknüpft. Bei der operanten Konditionierung beeinflussen Folgen einer Handlung das weitere Verhalten.
Prägung verbindet Anlage und Erfahrung
Prägung
Prägung ist ein Lernvorgang in einer begrenzten Entwicklungsphase, der sensiblen Phase. Eine angeborene Bereitschaft wird dabei auf ein bestimmtes Objekt oder Signal ausgerichtet.
Bei Enten- und Gänseküken liegt die sensible Phase kurz nach dem Schlüpfen. Die Küken besitzen eine angeborene Bereitschaft zum Folgen. In dieser Phase lernen sie, welchem konkreten Objekt sie folgen.
Ist statt des Muttertiers ein Mensch oder ein bewegter Gegenstand anwesend, kann das Küken diesem folgen. Das nennt man Fehlprägung, weil die angeborene Bereitschaft auf ein unpassendes Bezugsobjekt gerichtet wurde.
Prägung ist daher weder rein angeboren noch gewöhnliches Lernen zu einem beliebigen Zeitpunkt:
- Eine angeborene Verhaltensbereitschaft ist vorhanden.
- Während der sensiblen Phase wirkt ein geeignetes Objekt oder Signal.
- Das Tier lernt die konkrete Ausrichtung seines Verhaltens.
Verhalten untersuchen und Erklärungen prüfen
Um die Ursache eines Verhaltens zu beurteilen, vergleichst du mehrere mögliche Erklärungen:
- angeborener Anteil: Das Verhalten beruht auf genetischen Voraussetzungen;
- erlernter Anteil: Frühere Erfahrungen haben das Verhalten verändert;
- situativer Einfluss: Der aktuelle innere Zustand oder ein Umweltreiz beeinflusst das Verhalten;
- Zusammenwirken: Mehrere dieser Faktoren sind gleichzeitig beteiligt.
Bei Experimenten mit stark eingeschränkter Lernerfahrung wird geprüft, ob ein Verhalten auch ohne bestimmte Erfahrungen auftritt. Zeigt es sich dennoch, spricht das für einen angeborenen Anteil. Ein solcher Versuch ist aber nicht automatisch ein eindeutiger Beweis: Unbemerkte Erfahrungen, Reifung und Versuchsbedingungen müssen mitbedacht werden.
Auch Kreuzungen zwischen Arten und die künstliche Auswahl vererbbarer Merkmale können Hinweise auf genetische Verhaltensanteile geben. Aussagekräftig werden solche Untersuchungen erst durch passende Vergleiche und eine vorsichtige Auswertung.
Bei Untersuchungen an Tieren gehört das Tierwohl zur Versuchsplanung. Ein Erkenntnisgewinn rechtfertigt nicht automatisch starke Belastungen oder vollständigen Erfahrungsentzug.
Beobachtung: Ein frisch geschlüpftes Küken folgt einem bewegten Objekt.
Mögliche Erklärung: Eine angeborene Nachfolgebereitschaft wurde durch den Bewegungsreiz aktiviert.
Zu prüfende Ergänzung: Welchem Objekt das Küken dauerhaft folgt, kann von Erfahrungen während der sensiblen Phase abhängen.
Begründetes Ergebnis: Die Beobachtung passt zu einem Zusammenwirken von angeborener Bereitschaft, aktuellem Reiz und Lernen.
Karteikasten
Überlege zuerst selbst und drehe die Karte anschließend zum Prüfen um.
Alles auf einen Blick
- Verhalten
- angeborene Anteile: genetische Voraussetzungen, Reflex, Reifung
- erlernte Anteile: Erfahrung, Nachahmung, Versuch und Irrtum
- Konditionierung: Reizkopplung oder Folgen einer Handlung
- Prägung: angeborene Bereitschaft und Lernen in sensibler Phase
- Untersuchung: Beobachtung beschreiben und Erklärungen vergleichen
- Ergebnis: Anlage, Entwicklung, Umwelt und Situation wirken häufig zusammen
Abschluss-Check
Prüfe bei jedem neuen Beispiel drei Fragen: Was beobachte ich? Welche angeborenen, erlernten oder situativen Erklärungen sind möglich? Welche Beobachtung würde diese Erklärungen stützen oder schwächen?
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