Verhalten in der Biologie einfach erklärt
Verhalten umfasst beobachtbare Bewegungen, Körperhaltungen, Lautäußerungen und Signale eines Lebewesens. Auch Ruhe oder Lauern können Verhalten sein. Um ein Verhalten zu erklären, beschreibst du es zuerst genau und prüfst dann unmittelbare Ursachen, Entwicklung, Funktion und Stammesgeschichte.
Hake ab, was du schon kannst — und komm am Ende hierher zurück!
Was zählt als Verhalten?
Verhalten zeigt sich nicht nur in der Fortbewegung. Forschende beobachten zum Beispiel:
- Bewegungsabläufe,
- Körperspannung und Körperhaltung,
- Lautäußerungen,
- Duftabsonderungen,
- Farbveränderungen,
- Kommunikation mit Artgenossen oder anderen Arten.
Verhalten
Verhalten ist die Gesamtheit der beobachtbaren Aktivitäten und Zustände eines Lebewesens, die durch innere und äußere Einflüsse geprägt werden. Dazu gehören aktive Handlungen und zeitweise unbewegte Zustände wie Ruhe, Schlaf, Starre oder Lauern.
Nicht jede sichtbare Bewegung ist Verhalten. Ein Stein fällt ausschließlich durch äußere Kräfte. Eine Zecke lässt sich dagegen von einem Strauch auf ein warmblütiges Tier fallen; dieser Vorgang erfüllt für das Tier eine Funktion und wird als Verhalten eingeordnet.
Auch Körpervorgänge sind nicht automatisch Verhalten. Darmbewegungen und bloßes Schwitzen bei Hitze werden gewöhnlich der Physiologie, also den Lebensvorgängen im Körper, zugerechnet. Physiologie und Verhalten hängen jedoch eng zusammen.
Bei Pflanzen spricht man meist von Reaktionen statt von Verhalten. Pflanzen können auf Licht, Berührung oder Nährstoffe reagieren und Informationen speichern. Ob dafür der Begriff Verhalten verwendet werden sollte, ist terminologisch umstritten.
Wie entsteht ein Ethogramm?
Bevor Forschende ein Verhalten erklären, beschreiben sie es möglichst genau. Ein Ethogramm ist ein geordnetes Inventar der Verhaltensweisen einer Art.
Ethogramm
Ein Ethogramm enthält klar benannte und beobachtbare Verhaltensweisen. Es beschreibt, was ein Tier tut, ohne zunächst Absichten, Gefühle oder Ursachen zu unterstellen.
Statt „Der Vogel ist nervös“ notierst du beispielsweise beobachtbare Merkmale: „Der Vogel dreht den Kopf wiederholt nach links und rechts und wechselt mehrmals seinen Sitzplatz.“ Die erste Formulierung deutet einen inneren Zustand. Die zweite lässt sich überprüfen.
Ein einfaches Vorgehen:
- Lege fest, welches Tier und welchen Zeitraum du beobachtest.
- Benenne Verhaltensweisen anhand sichtbarer oder hörbarer Merkmale.
- Protokolliere Zeitpunkt, Dauer oder Häufigkeit.
- Trenne die Beobachtung von deiner späteren Erklärung.
- Suche erst danach nach möglichen Ursachen und Funktionen.
Beim Eirollen einer Graugans wurden zwei Bestandteile unterschieden: Der Schnabel greift über das Ei und zieht es zum Körper. Seitliche Ausgleichsbewegungen halten das Ei dabei auf Kurs.
Wird das Ei während des Ablaufs entfernt, läuft die Zugbewegung weiter, während die seitlichen Korrekturen ausbleiben. Diese Beschreibung ist die Grundlage für die spätere Deutung, dass eine formstarrere Bewegung und regulierende Bewegungen zusammenwirken.
Wähle in jeder Lücke die passende Form und prüfe anschließend deine Antworten.
Ein Ethogramm beobachtbare Verhaltensweisen. Die Aussage „Das Tier dreht dreimal den Kopf“ ist eine . Die Aussage „Das Tier sucht aus Angst nach einem Fluchtweg“ ist bereits eine .
Welche Einteilungen helfen bei der Beschreibung?
Verhalten lässt sich nach verschiedenen Kriterien ordnen. Diese Einteilungen beantworten unterschiedliche Fragen und dürfen nicht miteinander verwechselt werden.
Spontan oder reaktiv
Spontanes Verhalten tritt ohne erkennbaren äußeren Auslöser auf. Reaktives Verhalten folgt unmittelbar auf einen äußeren Reiz. Das Zurückziehen der Hand nach dem Berühren einer heißen Herdplatte ist ein reaktives Beispiel.
In der Praxis können innere Zustände und äußere Reize zusammenwirken. Deshalb lässt sich ihr Anteil nicht immer eindeutig bestimmen.
Starr oder flexibel
Bei starrem Verhalten bleibt der Ablauf weitgehend gleich. Beim Fliegenfang kann die Erdkröte die Richtung ihrer Zunge nach Beginn der Bewegung nicht mehr korrigieren.
Flexibles Verhalten wird während der Ausführung an die Situation angepasst. Menschliches Gehen ist flexibel: Schrittlänge, Richtung und Gleichgewicht werden fortlaufend reguliert.
Die Begriffspaare beschreiben verschiedene Merkmale: spontan oder reaktiv betrifft die Auslösung; starr oder flexibel betrifft den Ablauf.
Wie wirken Anlage und Erfahrung zusammen?
Angeborenes Verhalten benötigt für seine grundlegende Form keinen vorherigen Lernvorgang. Eine junge Spinne kann ein artspezifisches Netz bauen, ohne den Netzbau ihrer Eltern beobachtet zu haben.
Erlerntes Verhalten verändert sich durch Erfahrung, Übung oder den Kontakt mit anderen Lebewesen. Beim Gesang mancher Singvögel greifen genetische Voraussetzungen, frühes Hören und späteres Üben ineinander.
Unbedingter Reflex
Ein unbedingter Reflex ist eine angeborene Reaktion auf einen bestimmten Reiz. Futter löst bei einem Hund natürlicherweise Speichelfluss aus, ohne dass diese Verbindung gelernt werden muss.
Prägung
Prägung ist eine Form des Lernens, bei der eine frühe Erfahrung das spätere Verhalten besonders nachhaltig beeinflusst. Eine junge Graugans kann das zuerst wahrgenommene geeignete Wesen als Bezug für ihr Folgeverhalten annehmen.
Klassische Konditionierung
Bei der klassischen Konditionierung wird ein zunächst neutraler Reiz wiederholt mit einem Reiz gekoppelt, der bereits eine Reaktion auslöst. Danach kann der zuvor neutrale Reiz die Reaktion allein auslösen.
Bei Pawlows Versuch löste Futter natürlicherweise Speichelfluss aus. Vor der Fütterung ertönte wiederholt ein Ton. Nach mehreren Kopplungen führte der Ton allein zum Speichelfluss.
Der Hund lernte keine völlig neue Bewegung. Er lernte, auf einen neuen Auslöser mit einer bereits vorhandenen Reaktion zu antworten.
„Angeboren“ und „erlernt“ sind bei komplexem Verhalten selten vollständige Gegensätze. Genetische Voraussetzungen ermöglichen ein Verhalten, während Erfahrung seinen Zeitpunkt, seine Ausprägung oder seinen Ablauf verändern kann.
Mit vier Fragen Verhalten erklären
Eine Beschreibung sagt, was geschieht. Eine Erklärung fragt zusätzlich, wie und warum es geschieht. Dafür helfen vier Fragen:
- Mechanismus: Welche Sinnesreize, Nerven, Hormone oder inneren Zustände lösen und steuern das Verhalten?
- Ontogenese: Wie entwickelt sich das Verhalten im Leben des Individuums? Welche Rolle spielen Reifung und Lernen?
- Funktion: Welchen Beitrag kann das Verhalten zu Überleben und Fortpflanzung leisten?
- Stammesgeschichte: Wie könnte das Verhalten im Verlauf der Evolution entstanden sein?
Proximate Erklärung
Eine proximate Erklärung behandelt die unmittelbaren Mechanismen und die individuelle Entwicklung eines Verhaltens. Sie beantwortet vor allem Fragen nach dem Wie.
Ultimate Erklärung
Eine ultimate Erklärung behandelt die biologische Funktion und die stammesgeschichtliche Entstehung eines Verhaltens. Sie beantwortet evolutionäre Warum-Fragen, ohne dem Tier eine bewusste Absicht zu unterstellen.
Beim Vogelgesang kann eine proximate Erklärung nach auslösenden Reizen, beteiligten Organen und dem Lernen der Melodie fragen. Eine ultimate Erklärung untersucht, ob der Gesang etwa bei Partnerwahl oder Revierabgrenzung zum Fortpflanzungserfolg beiträgt und wie er sich stammesgeschichtlich entwickelt hat.
Beide Erklärungsebenen ergänzen sich. Die Aussage über eine mögliche Funktion muss jedoch mit Beobachtungen oder Daten geprüft werden.
Vertiefung: Anpassungswert prüfen
Eine Handlung ist nicht schon deshalb eine Anpassung, weil sie nützlich erscheint. Forschende vergleichen ihre Kosten, etwa Zeit oder Energieaufwand, mit möglichen Vorteilen für Überleben und reproduktive Fitness. Reproduktive Fitness bezeichnet den Erfolg bei der Weitergabe erblicher Anlagen.
Eine adaptive Deutung braucht überprüfbare Vorhersagen. Sie darf weder eine bewusste Absicht des Tieres voraussetzen noch behaupten, jedes Verhalten sei in jeder Umwelt vorteilhaft.
Wie prüfst du einen Verhaltensversuch?
Ein Versuch verändert möglichst nur einen entscheidenden Faktor. Danach wird geprüft, ob sich das beobachtete Verhalten verändert. Ein sinnvoller Prüfweg lautet:
- Formuliere die untersuchte Frage.
- Benenne den veränderten Reiz oder die veränderte Bedingung.
- Beschreibe das gemessene Verhalten.
- Vergleiche passende Bedingungen.
- Prüfe Alternativerklärungen.
- Unterscheide Ergebnis und Deutung.
- Berücksichtige Belastung und Tierwohl.
Beim Eirollen der Graugans wurde das Ei während der Bewegung entfernt. Die Zugbewegung lief weiter, seitliche Korrekturen blieben jedoch aus.
Beobachtung: Nach dem Entfernen des Eis wurden unterschiedliche Bestandteile der Bewegung unterschiedlich fortgesetzt.
Deutung: Die Zugbewegung besitzt einen formstarren Anteil; die seitlichen Bewegungen werden durch die Lage des Eis reguliert.
Der Versuch stützt diese Deutung, beweist aber nicht, dass jede Einzelheit des gesamten Verhaltens ausschließlich angeboren ist.
Karteikasten
Überlege zuerst selbst und drehe die Karte anschließend zum Prüfen um.
Alles auf einen Blick
- Verhalten biologisch untersuchen
- Verhalten von passiven Vorgängen und Physiologie abgrenzen
- Beobachtungen in einem Ethogramm festhalten
- Auslösung und Ablauf beschreiben
- Anlage, Erfahrung und Situation gemeinsam prüfen
- Mechanismus und Ontogenese proximat erklären
- Funktion und Stammesgeschichte ultimat erklären
- Hypothesen mit Vergleichen und Experimenten testen
Abschluss-Check
Du kannst Verhalten nun in drei Schritten untersuchen: genau beobachten, Erklärungsebenen trennen und Hypothesen mit passenden Daten prüfen.
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