Verhaltensbiologie: Verhalten richtig erklären
Verhaltensbiologie untersucht das Verhalten von Menschen und Tieren. Sie fragt nicht nur, was ein Lebewesen tut, sondern auch, wodurch das Verhalten ausgelöst wird, wie es sich entwickelt, welche biologische Funktion es haben kann und wie es im Verlauf der Evolution entstanden ist.
Auf dieser Seite lernst du, Beobachtungen von Erklärungen zu trennen und ein Verhalten mit den vier Fragen der Verhaltensbiologie systematisch zu untersuchen.
Hake ab, was du schon kannst — und komm am Ende hierher zurück!
Was untersucht die Verhaltensbiologie?
Stell dir eine Graugans vor, die ein Ei außerhalb ihres Nests mit dem Unterschnabel zurückrollt. Du kannst die Bewegung beobachten und beschreiben. Damit weißt du aber noch nicht vollständig, wodurch sie ausgelöst wird oder weshalb sie sich im Verlauf der Evolution erhalten hat.
Verhaltensbiologie
Die Verhaltensbiologie, auch Ethologie genannt, untersucht menschliches und tierisches Verhalten sowie die inneren und äußeren Faktoren, die es auslösen und steuern. Sie vergleicht außerdem Arten und betrachtet die evolutionäre Entstehung von Verhalten.
Ein äußerer Faktor kann beispielsweise ein wahrgenommener Gegenstand, Licht oder die Tageslänge sein. Zu den inneren Faktoren gehören Vorgänge im Nervensystem, hormonelle Einflüsse und die momentane Handlungsbereitschaft.
Verhalten entsteht häufig aus einem Zusammenspiel mehrerer Einflüsse:
- Ein Lebewesen nimmt einen Reiz wahr.
- Nervensystem und Hormone verarbeiten die Information.
- Erfahrungen und der innere Zustand beeinflussen die Reaktion.
- Die Handlung hat Folgen, aus denen das Lebewesen möglicherweise lernt.
Deshalb ist die einfache Einteilung in „vollständig angeboren“ oder „vollständig gelernt“ oft unzureichend. Auch eine angeborene Bereitschaft kann durch Erfahrung und Umwelt verändert werden.
Bei der Graugans besteht das Zurückrollen eines Eis aus einer relativ starren Bewegung und seitlichen Korrekturen. Wird das Ei während des Versuchs entfernt, läuft die starre Bewegung weiter, während die am Ei ausgerichteten Korrekturen ausbleiben. Das Beispiel zeigt: Selbst ein auffälliger Verhaltensablauf kann feste und veränderliche Bestandteile verbinden.
Welche vier Fragen gehören zu einer Erklärung?
Die Frage „Warum tut das Tier das?“ ist mehrdeutig. Nikolaas Tinbergen unterschied deshalb vier wissenschaftliche Fragen. Sie beziehen sich auf Mechanismus, individuelle Entwicklung, biologische Funktion und Stammesgeschichte.
| Frage | Gemeint ist | Beispielhafte Forschungsfrage |
|---|---|---|
| Mechanismus | aktuelle Auslöser und körperliche Steuerung | Welche wahrgenommenen Merkmale lösen das Eirollen aus? |
| Individuelle Entwicklung | Entstehung im Leben des Individuums | Welche Rolle spielen Reifung und Erfahrung für den Ablauf? |
| Biologische Funktion | mögliche Wirkung auf Überleben und Fortpflanzung | Unter welchen Bedingungen erhöht das Zurückholen eines Eis den Fortpflanzungserfolg? |
| Stammesgeschichte | evolutionäre Entstehung und Veränderung | Welche verwandten Arten zeigen vergleichbare Bewegungen? |
Die ersten beiden Fragen untersuchen proximate Ursachen. Sie erklären, wie ein Verhalten beim einzelnen Lebewesen zustande kommt. Die letzten beiden untersuchen ultimate Ursachen. Sie fragen nach evolutionärer Funktion und Stammesgeschichte.
Proximat bedeutet: Wie entsteht das Verhalten jetzt und während der individuellen Entwicklung? Ultimat bedeutet: Welche evolutionäre Funktion kann es haben, und wie ist es stammesgeschichtlich entstanden?
Eine ultimate Erklärung ersetzt keine proximate Erklärung. Beide Ebenen beantworten unterschiedliche Fragen und können gleichzeitig richtig sein.
Wie werden aus Beobachtungen überprüfbare Erklärungen?
Eine sorgfältige Untersuchung beginnt mit einer Beschreibung. Forschende notieren möglichst genau, welche Verhaltensweisen auftreten, wann sie beginnen und wie lange oder wie häufig sie vorkommen.
Ethogramm
Ein Ethogramm ist ein geordnetes Verzeichnis klar beschriebener Verhaltenseinheiten einer Tierart. Die Einheiten müssen so abgegrenzt sein, dass Beobachtende dasselbe Verhalten möglichst gleich einordnen können.
Schon diese Abgrenzung kann schwierig sein. Bewegt eine scheinbar schlafende Maus ihre Pfote über das Fell, muss vorher festgelegt werden, ob diese Bewegung als Körperpflege zählt. Ohne eine klare Regel lassen sich Beobachtungen kaum zuverlässig vergleichen.
Der typische Forschungsweg lautet:
- Beobachten: Das sichtbare Verhalten möglichst wenig beeinflussen.
- Beschreiben und quantifizieren: Verhaltenseinheiten festlegen und Häufigkeit, Dauer oder Reihenfolge erfassen.
- Hypothese bilden: Eine überprüfbare Erklärung formulieren.
- Vorhersage ableiten: Festlegen, was bei Gültigkeit der Hypothese zu erwarten ist.
- Experiment durchführen: Einen Faktor gezielt verändern und andere Bedingungen möglichst kontrollieren.
- Ergebnis auswerten: Prüfen, ob die Vorhersage erfüllt wurde.
- Modell verbessern: Aus den Befunden neue Fragen und Tests entwickeln.
Bei Attrappenversuchen mit dreistachligen Stichlingen wurden Merkmale von Weibchen gezielt verändert. So ließ sich untersuchen, welche Merkmale eine Reaktion auslösen. Die Variation einzelner Merkmale verbindet eine beobachtete Reaktion mit einer überprüfbaren Hypothese über wirksame Reize.
Ein Zusammenhang beweist noch keinen vollständigen inneren Mechanismus. Ein Reiz-Reaktions-Versuch kann zuverlässig zeigen, dass zwei Ereignisse zusammenhängen, obwohl die Verarbeitung im Nervensystem noch nicht geklärt ist.
Wie wirken Anlage, Erfahrung und Umwelt zusammen?
Die klassische Ethologie betonte angeborene, artspezifische Bewegungsabläufe. Der Behaviorismus konzentrierte sich dagegen auf beobachtbare Reize, Reaktionen und Lernvorgänge. Beide Richtungen lieferten wichtige Methoden, waren in ihrer jeweils starren Form aber zu eng.
Lernen kann auf verschiedene Weise stattfinden:
- Bei der klassischen Konditionierung wird ein zunächst neutraler Reiz mit einem bereits wirksamen Reiz verbunden. Bei Pawlows Hunden löste nach dem Lernen ein Gong allein Speichelfluss aus.
- Bei der operanten Konditionierung wird eine Handlung durch ihre Folgen wahrscheinlicher oder unwahrscheinlicher. In der Skinner-Box konnte etwa das Betätigen eines Hebels durch Futter verstärkt werden.
- Bei der Prägung beeinflussen frühe Erfahrungen die spätere Reaktion. Lorenz beschrieb dies unter anderem bei Graugänsen.
- Beim Lernen durch Einsicht werden vorhandene Verhaltensweisen neu kombiniert. Köhlers Schimpansen stapelten beispielsweise Kisten, um eine aufgehängte Banane zu erreichen.
„Angeboren“ bedeutet nicht automatisch unveränderlich. Starre Instinktmodelle wurden kritisiert, weil Lernen und Umwelt auch Verhaltensweisen beeinflussen können, die auf angeborenen Bereitschaften beruhen.
Auch das Ausbleiben eines Erfolgs ist aufschlussreich. Ein Schimpanse hatte gelernt, einen Stuhl vor eine Tür zu stellen, um die Klinke zu erreichen. Als die Tür abgeschlossen war, brachte er weitere Stühle. Die neue Kombination war zielgerichtet, konnte das eigentliche Hindernis aber nicht beseitigen. Problemlösen garantiert also keine richtige Vorstellung von allen Ursachen.
Wähle in jeder Lücke die passende Form und prüfe anschließend deine Antworten.
Bei der wird ein neuer Auslösereiz mit einer vorhandenen Reaktion verbunden. Bei der verändert eine Konsequenz die Wahrscheinlichkeit einer Handlung. Frühe Erfahrung ist besonders für die eines Verhaltens relevant.
Wie prüfst du eine adaptive Erklärung?
Eine adaptive Erklärung behauptet, dass eine Verhaltensvariante unter bestimmten Umweltbedingungen durch natürliche Selektion begünstigt wurde. Dafür reicht es nicht, das Verhalten nur als „nützlich“ zu bezeichnen.
Reproduktive Fitness
Die reproduktive Fitness beschreibt den Fortpflanzungserfolg eines Individuums unter bestimmten Umweltbedingungen: Wie stark trägt es über eigene Nachkommen genetische Varianten zur nächsten Generation bei? Sie ist keine Aussage über Kraft, Gesundheit oder bewusste Absichten.
Eine Kosten-Nutzen-Analyse gehst du in fünf Schritten an:
- Benenne die Verhaltensvarianten und die Umweltbedingungen.
- Erfasse mögliche Kosten, etwa Zeit-, Energie- oder Verletzungsaufwand.
- Erfasse mögliche Vorteile für Überleben oder Fortpflanzung.
- Vergleiche den Fortpflanzungserfolg der Varianten anhand geeigneter Daten.
- Prüfe alternative Erklärungen, bevor du eine Anpassung folgerst.
Das Handicap-Prinzip liefert eine mögliche Erklärung für kostspielige Signale. Ein auffälliges Geweih, farbenfrohes Gefieder oder eine laute Stimme kann gerade wegen realer Kosten schwer vorzutäuschen sein. Das Prinzip ist zunächst eine Hypothese. Um sie für einen konkreten Fall zu stützen, müsste man Kosten, Signalwirkung und Fortpflanzungserfolg untersuchen.
Formuliere nicht: „Das Tier handelt so, damit die Art überlebt.“ Frage stattdessen: Welche Variante hatte unter welchen Bedingungen einen höheren Fortpflanzungserfolg, und welche Daten stützen diese Erklärung?
Beobachtung und Deutung müssen getrennt bleiben:
- Beobachtung: Ein bestimmtes Verhalten tritt unter festgelegten Bedingungen häufiger auf.
- Hypothese: Das Verhalten könnte einen Vorteil für Überleben oder Fortpflanzung bringen.
- Prüfung: Kosten, Nutzen und Fitnessfolgen verschiedener Varianten werden verglichen.
Karteikasten
Überlege zuerst selbst und drehe die Karte anschließend zum Prüfen um.
Alles auf einen Blick
- Verhalten wissenschaftlich erklären
- Beobachtung
- Verhaltenseinheiten abgrenzen
- Ethogramm und Messung erstellen
- Proximate Fragen
- Mechanismus untersuchen
- individuelle Entwicklung untersuchen
- Ultimate Fragen
- biologische Funktion prüfen
- Stammesgeschichte vergleichen
- Adaptive Erklärung
- Kosten und Nutzen erfassen
- reproduktive Fitness vergleichen
- Wissenschaftliche Prüfung
- Hypothese formulieren
- Vorhersage testen
- Alternativerklärungen beachten
- Beobachtung
Abschluss-Check
Du kannst Verhalten nun auf mehreren Ebenen untersuchen: zuerst genau beschreiben, dann Mechanismus und Entwicklung klären und schließlich mögliche Funktion und Stammesgeschichte prüfen. Eine gute verhaltensbiologische Erklärung nennt ihre Daten, Bedingungen und Grenzen.
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