Stell dir vor, du legst ein paar Kressesamen auf feuchte Watte und stellst sie ans Fenster. Schon nach ein bis zwei Tagen schieben sich winzige grüne Spitzen heraus – aus scheinbar leblosen Körnchen wird eine Pflanze. Genau dieser Start ins Leben heißt Keimung. Wenn du dieses Kapitel gelesen hast, kannst du erklären, was ein Samen im Inneren mitbringt, welche Bedingungen er zum Keimen braucht und in welchen Schritten aus dem Samen ein Keimling wird.
Was ist Keimung?
Als Keimung bezeichnet man den Beginn der Entwicklung einer Pflanze aus dem Samen. Im Samen steckt bereits eine winzige, noch ruhende Jungpflanze – der Embryo oder Keimling. Bei der Keimung erwacht dieser Embryo aus seiner Ruhe und wächst zu einem eigenständigen Keimling heran.
Viele Samen keimen nicht sofort, nachdem sie von der Pflanze gefallen sind. Sie machen zuerst eine Ruhephase durch, die man Keimruhe (Fachwort: Dormanz) nennt. Diese Pause ist sinnvoll: Sie sorgt dafür, dass ein Samen im Herbst nicht sofort keimt und dann im Winter erfriert, sondern erst im günstigen Frühjahr.
Merke: Keimung ist der Übergang vom ruhenden Samen zur wachsenden jungen Pflanze.
Wie ist ein Samen aufgebaut?
Ein Samen ist eine kleine Überlebenskapsel. Er besteht aus drei Teilen:
- Samenschale: die harte, schützende Außenhülle. Sie bewahrt den Embryo vor dem Austrocknen und vor Verletzungen.
- Embryo (Keimling): die eigentliche Jungpflanze. Sie hat schon eine Keimwurzel (aus ihr wird die Wurzel), einen Keimspross (aus ihm wird die Sprossachse) und ein oder mehrere Keimblätter.
- Nährstoffvorrat: gespeicherte Nahrung, oft in den Keimblättern selbst. Von diesem Vorrat lebt der Keimling, solange er noch keine eigene Nahrung herstellen kann.
Beispiel: Wenn du eine eingeweichte Bohne vorsichtig aufklappst, siehst du zwei dicke Hälften – das sind die beiden Keimblätter, prall gefüllt mit Nährstoffen. Zwischen ihnen entdeckst du die winzige Keimwurzel und den Keimspross.
Welche Bedingungen braucht die Keimung?
Damit ein Samen keimt, müssen mehrere Bedingungen zusammenkommen:
| Bedingung | Warum sie nötig ist |
|---|---|
| Wasser | Der trockene Samen saugt sich mit Wasser voll und quillt. Dabei sprengt er die Samenschale und aktiviert seinen Stoffwechsel. |
| Wärme | Jede Pflanzenart hat eine günstige Temperatur. Ist es zu kalt, läuft der Stoffwechsel zu langsam; ist es zu heiß, wird der Keimling geschädigt. |
| Sauerstoff | Der Keimling verbrennt seine Nährstoffe mit Sauerstoff aus der Luft und gewinnt so Energie. Deshalb keimen Samen in nasser, luftarmer Erde schlecht. |
Wichtig: Nährstoffe aus dem Boden braucht der Samen zum Keimen noch nicht – seinen Proviant bringt er selbst mit. Auch Licht ist nicht immer nötig.
Bei einigen Arten spielt Licht aber doch eine Rolle. Lichtkeimer keimen nur, wenn Licht auf den Samen fällt; ihre Samen sind meist sehr klein (Beispiel: Kresse und Basilikum). Dunkelkeimer keimen dagegen nur im Dunkeln, also unter der Erde (Beispiel: Mais).
Merke: Zum Keimen braucht fast jeder Samen drei Dinge: Wasser, Wärme und Sauerstoff.
Tipp: Das Kresse-Experiment auf feuchter Watte klappt so gut, weil dort alle drei Bedingungen erfüllt sind – und Kresse als Lichtkeimer das Fensterlicht liebt.
Wie läuft die Keimung ab?
Die Keimung folgt einer festen Reihenfolge:
- Quellung: Der Samen nimmt Wasser auf und quillt. Die Samenschale platzt auf.
- Keimwurzel zuerst: Als Erstes bricht die Keimwurzel durch die Schale. Sie wächst nach unten, verankert den Keimling und versorgt ihn mit Wasser.
- Spross nach oben: Danach streckt sich der Keimspross und wächst dem Licht entgegen.
- Keimblätter und erste Laubblätter: Die Keimblätter erscheinen, später bilden sich die ersten echten Laubblätter.
- Selbstversorgung: Sobald grüne Blätter vorhanden sind, betreibt die Pflanze Photosynthese – sie stellt ihre Nahrung aus Licht, Wasser und Kohlenstoffdioxid selbst her. Der mitgebrachte Vorrat ist nun verbraucht, die Keimblätter welken und fallen ab.
Beispiel: Bei der Gartenbohne quillt der Samen im feuchten Boden, die Keimwurzel taucht nach unten, und ein hakenförmiger Spross zieht die beiden dicken Keimblätter ans Licht. Erst wenn die ersten echten Laubblätter grün sind, schrumpfen die Keimblätter.
Zwei Wege der Keimung
Nicht bei allen Pflanzen tauchen die Keimblätter über der Erde auf. Man unterscheidet zwei Formen:
| Form | Was passiert | Beispiel |
|---|---|---|
| Epigäische Keimung (oberirdisch) | Die Keimblätter werden über die Erde gehoben, ergrünen und betreiben mit Photosynthese. | Buche, Bohne |
| Hypogäische Keimung (unterirdisch) | Die Keimblätter bleiben im Boden; nur die ersten Laubblätter kommen ans Licht. | Eiche, Erbse |
Der Unterschied ist einfach zu merken: „epi" heißt oben, „hypo" heißt unten. Bei der oberirdischen Form arbeiten die Keimblätter selbst als kleine Solarzellen mit, bei der unterirdischen dienen sie nur als Nährstofflager.
Zusammenfassung
- Keimung ist der Beginn der Entwicklung einer Pflanze aus dem Samen; der ruhende Embryo erwacht.
- Ein Samen besteht aus Samenschale, Embryo (Keimwurzel, Keimspross, Keimblätter) und einem Nährstoffvorrat.
- Zum Keimen braucht ein Samen Wasser, Wärme und Sauerstoff – Bodennährstoffe zunächst nicht.
- Keimruhe (Dormanz) verhindert, dass Samen zur falschen Jahreszeit keimen.
- Ablauf: Quellung → Keimwurzel → Spross → Keimblätter → erste Laubblätter → Photosynthese.
- Lichtkeimer brauchen Licht, Dunkelkeimer brauchen Dunkelheit; bei der epigäischen Keimung kommen die Keimblätter nach oben, bei der hypogäischen bleiben sie unten.
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