Biologie

Phylogenetischer Stammbaum: richtig lesen

Phylogenetischer Stammbaum: richtig lesen
Phylogenetischer Stammbaum: richtig lesen
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Ein phylogenetischer Stammbaum zeigt Hypothesen über die evolutionäre Verwandtschaft von Organismen. Entscheidend ist die Reihenfolge der Verzweigungen: Je jünger der letzte gemeinsame Vorfahr zweier Gruppen ist, desto näher sind sie miteinander verwandt.

Auf dieser Seite lernst du, Knoten und Äste sicher zu deuten, Verwandtschaft zu bestimmen und die Aussagekraft eines Stammbaums kritisch einzuschätzen.

Deine Lernziele

Hake ab, was du schon kannst — und komm am Ende hierher zurück!

Woran erkennst du die Aussage eines Stammbaums?

Ein Stammbaum besteht aus Linien und Verzweigungspunkten. Bevor du ihn auswertest, musst du feststellen, in welche Richtung die Zeit verläuft. Die Wurzel liegt in Richtung der älteren Vergangenheit, die Spitzen liegen in Richtung der jüngeren Zeit beziehungsweise Gegenwart.

Definition

Knoten

Ein Knoten ist ein Verzweigungspunkt. Er steht für den gemeinsamen Vorfahren der Linien, die aus diesem Punkt hervorgehen.

Definition

Ast

Ein Ast stellt eine evolutionäre Entwicklungslinie dar. Eine Verzweigung zeigt, dass aus einer Vorfahrenlinie getrennte Tochterlinien hervorgegangen sind.

Heute lebende Arten stehen meist an den Spitzen. Zwei solche Arten stammen nicht voneinander ab. Sie gehen auf einen gemeinsamen Vorfahren zurück.

Beispiel

Ein Baum zeigt drei Arten A, B und C. Am älteren Knoten K1 trennt sich die Linie von A von einer zweiten Linie. Diese zweite Linie verzweigt sich später am Knoten K2 in B und C.

B und C besitzen mit K2 einen jüngeren gemeinsamen Vorfahren. A, B und C besitzen mit K1 ebenfalls einen gemeinsamen Vorfahren, doch dieser ist älter. Deshalb sind B und C enger miteinander verwandt als jeweils mit A.

Merke

Lies einen Stammbaum von Knoten zu Knoten. Die räumliche Nähe zweier Spitzen auf der Seite beweist keine nahe Verwandtschaft.

Teste dich
Frage 1 von 2LeichtWas stellt ein Knoten in einem phylogenetischen Stammbaum dar?
Lösung: Einen gemeinsamen Vorfahren — An einem Knoten spaltet sich eine Vorfahrenlinie in Tochterlinien auf.
Frage 2 von 2MittelIm Beispiel teilen B und C den Knoten K2, während ihr gemeinsamer Knoten mit A der ältere Knoten K1 ist. Welche Aussage stimmt?
Lösung: B und C sind enger miteinander verwandt als B und A. — Für die Verwandtschaft zählt das relative Alter des jüngsten gemeinsamen Vorfahren. K2 ist jünger als K1.
Wie bestimmst du Verwandtschaft sicher?

Gehe bei zwei Gruppen immer in vier Schritten vor:

  1. Suche die beiden Spitzen im Baum.
  2. Verfolge ihre Äste rückwärts zur Wurzel.
  3. Finde den ersten Knoten, an dem sich ihre Linien treffen. Das ist ihr jüngster gemeinsamer Vorfahr.
  4. Vergleiche diesen Knoten mit den gemeinsamen Vorfahren anderer Gruppen.

Zwei Gruppen, die unmittelbar aus demselben Knoten hervorgehen, heißen Schwestergruppen. Sind die Enden einzelne Arten, spricht man auch von Schwesterarten.

Die Form der Zeichnung kann täuschen. Äste dürfen an einem Knoten gedreht werden, ohne dass sich die Verwandtschaft ändert. Auch das Weglassen einzelner Gruppen verändert nicht automatisch die Beziehungen der verbleibenden Gruppen.

Beispiel

Kanadaluchs und Rotluchs gehen in einem beschriebenen Katzenstammbaum auf einen jüngeren gemeinsamen Vorfahren zurück als auf ihren gemeinsamen Vorfahren mit den übrigen dargestellten Katzen. Deshalb sind sie Schwesterarten.

Wird der Ast mit Kanadaluchs und Rotluchs am gemeinsamen Knoten nach oben oder unten gedreht, bleiben beide weiterhin Schwesterarten. Die Reihenfolge der Spitzen ändert sich, die Verzweigungsfolge jedoch nicht.

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Frage 1 von 2MittelEin Ast wird an einem Knoten gedreht. Was musst du anschließend prüfen?
Lösung: Ob die Reihenfolge der Verzweigungen gleich geblieben ist — Die Topologie, also das Muster der Verzweigungen, trägt die Verwandtschaftsaussage.
Frage 2 von 2SchwerIn einem Baum liegt Art X grafisch direkt neben Art Y. X besitzt aber mit Art Z einen jüngeren gemeinsamen Vorfahren. Welche Art ist näher mit X verwandt?
Lösung: Art Z — Vergleiche die Knoten, nicht die Abstände zwischen den Namen.
Welche Merkmale stützen eine Verwandtschaftsgruppe?

Ähnlichkeit allein reicht nicht aus. Für einen bestimmten Vergleich musst du unterscheiden, ob ein Merkmal ursprünglich oder abgeleitet ist.

Definition

Ursprüngliches Merkmal

Ein ursprüngliches Merkmal war bereits bei einem älteren gemeinsamen Vorfahren vorhanden und kommt deshalb auch außerhalb der gerade untersuchten Gruppe vor. Es belegt für sich genommen keine besonders enge Verwandtschaft innerhalb dieser Gruppe.

Definition

Abgeleitetes Merkmal

Ein abgeleitetes Merkmal ist gegenüber dem ursprünglichen Zustand neu entstanden. Teilen mehrere Gruppen denselben abgeleiteten Merkmalszustand, spricht man von einer Synapomorphie.

Eine monophyletische Gruppe umfasst einen gemeinsamen Vorfahren und alle seine Nachkommen. Gemeinsame abgeleitete Merkmale können eine solche Verwandtschaftsgruppe stützen.

Ob ein Merkmal ursprünglich oder abgeleitet ist, hängt von der betrachteten Gruppe ab. Beim Außengruppenvergleich wird der Merkmalszustand der untersuchten Gruppen mit einer entfernter verwandten Außengruppe verglichen.

Beispiel

In einer Merkmalsmatrix werden Mensch, Zauneidechse, Nilkrokodil und Storch mit dem Feuersalamander als Außengruppe verglichen.

Der Wegfall eines aquatischen Larvenstadiums kommt bei den vier untersuchten Gruppen vor, beim Feuersalamander jedoch nicht. Innerhalb dieses Vergleichs wird der Wegfall daher als gemeinsames abgeleitetes Merkmal behandelt.

Ein Voraugenloch kommt in der Matrix nur bei Nilkrokodil und Storch vor. Es stützt die Hypothese, dass diese beiden innerhalb der verglichenen Gruppen Schwestergruppen sind. Federn treten dagegen nur beim Storch auf und kennzeichnen hier dessen eigene Linie.

Merke

Ein auffälliges gemeinsames Merkmal beweist nicht automatisch enge Verwandtschaft. Frage immer: Ist es für die untersuchte Gruppe gemeinsam und abgeleitet?

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Frage 1 von 2LeichtWelches Merkmal stützt eine Verwandtschaftsgruppe besonders?
Lösung: Ein gemeinsames abgeleitetes Merkmal — Eine Synapomorphie verbindet mehrere Gruppen durch einen gemeinsam erworbenen Merkmalszustand.
Frage 2 von 2MittelNilkrokodil und Storch besitzen in der beschriebenen Matrix beide ein Voraugenloch; Mensch, Zauneidechse und Feuersalamander nicht. Welche Deutung passt?
Lösung: Das Merkmal stützt Nilkrokodil und Storch als Schwestergruppen. — Die gemeinsame abgeleitete Merkmalsausprägung verbindet in dieser Matrix Nilkrokodil und Storch.
Wie entsteht eine Baumhypothese?

Ein phylogenetischer Stammbaum wird aus ausgewählten Daten rekonstruiert. Dafür können morphologische Merkmale wie Knochenstrukturen oder molekulare Daten wie Basenfolgen ausgewählter Gene und Aminosäurefolgen von Proteinen verglichen werden.

Bei einer kladistischen Rekonstruktion mit Merkmalen gehst du vereinfacht so vor:

  1. Du trägst Taxa und Merkmalszustände in eine Merkmalsmatrix ein.
  2. Du bestimmst mit einer Außengruppe ursprüngliche und abgeleitete Zustände.
  3. Du suchst nach gemeinsamen abgeleiteten Merkmalen.
  4. Du ordnest damit Schwestergruppen und ineinander verschachtelte monophyletische Gruppen.
  5. Du prüfst, ob zusätzliche Merkmale oder Taxa die Hypothese stützen oder verändern.

Bei molekularen Untersuchungen werden die Sequenzen ausgewählter Gene oder Proteine verglichen. Sequenzunterschiede können Hinweise auf Verwandtschaft und auf das relative Alter gemeinsamer Vorfahren liefern. Der Schluss gilt jedoch zunächst für die untersuchten Sequenzen. Bei widersprüchlichen Ergebnissen müssen weitere Gene oder andere Methoden einbezogen werden.

Gut zu wissen

Ein Stammbaum ist eine evidenzbasierte, aber vorläufige Hypothese. Seine Aussage hängt von den ausgewählten Taxa, Merkmalen, Datensätzen und Auswertungsverfahren ab. Zusätzliche Daten können eine Beziehung bestätigen, genauer auflösen oder verändern.

Beispiel

Eine Analyse enthält zunächst nur wenige Katzenarten. Werden weitere lebende oder fossile Arten ergänzt, entstehen zusätzliche Verzweigungen. Die neue Darstellung widerspricht dem Grundgedanken gemeinsamer Abstammung nicht: Sie kann die bisher grob dargestellten Beziehungen genauer auflösen.

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Frage 1 von 2MittelWarum sollte eine molekulare Untersuchung bei widersprüchlichen Ergebnissen weitere Gene einbeziehen?
Lösung: Ein einzelnes untersuchtes Gen bildet nur einen begrenzten Datensatz. — Eine belastbare Hypothese wird stärker, wenn verschiedene geeignete Datensätze und Methoden ähnliche Beziehungen ergeben.
Frage 2 von 2SchwerZwei Analysen liefern unterschiedliche Verzweigungen. Welche Reaktion ist wissenschaftlich sinnvoll?
Lösung: Datensätze, Taxonauswahl und Methoden prüfen und zusätzliche Belege untersuchen — Stammbäume bleiben überprüfbare Hypothesen. Ein Konflikt verlangt weitere Analyse, nicht eine Entscheidung nach dem Aussehen.
Welche Fehlinterpretationen solltest du vermeiden?

Ein Stammbaum zeigt nur die Informationen, die in die Darstellung aufgenommen wurden. Ein Ast ohne eingezeichnete Merkmalsänderung bedeutet nicht, dass in dieser Linie keine Evolution stattgefunden hat.

Auch die genaue Stelle einer Merkmalsmarkierung auf einem Ast ist meist nicht als exakter Zeitpunkt zu lesen. Sie zeigt gewöhnlich nur, dass die Veränderung zwischen den benachbarten Knoten stattgefunden hat.

Eine Verzweigung mit mehr als zwei Ästen heißt Polytomie. Sie kann anzeigen, dass die Beziehungen mit den verfügbaren Belegen noch nicht genauer aufgelöst sind. Sie beweist nicht automatisch, dass alle Linien exakt gleichzeitig entstanden.

Stammbäume zeigen außerdem keine zielgerichtete „Höherentwicklung“. Alle heute lebenden Linien haben bis zur Gegenwart Evolution durchlaufen. Eine Art an einer auffällig platzierten Spitze ist nicht das Ziel des gesamten Baums.

Beispiel

Ein Pferdestammbaum kann wie eine gerade Linie zum heutigen Pferd wirken, wenn viele ausgestorbene Seitenzweige fehlen oder wenig auffällig gezeichnet sind. Die Darstellung beweist dennoch keine geplante Entwicklung zum heutigen Pferd. Verzweigungen und ausgestorbene Linien zeigen vielmehr einen verzweigten Evolutionsverlauf.

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Frage 1 von 3LeichtWas kann eine Polytomie anzeigen?
Lösung: Die genaue Verwandtschaft mehrerer Linien ist noch nicht aufgelöst. — Die Polytomie macht eine Grenze der gegenwärtigen Baumhypothese sichtbar.
Frage 2 von 3MittelEin Ast enthält keine Markierung für eine Merkmalsänderung. Was folgt daraus?
Lösung: Der Baum stellt auf diesem Ast keine ausgewählte Änderung dar. — Fehlende Markierungen begrenzen die dargestellte Information, nicht den tatsächlichen Evolutionsprozess.
Frage 3 von 3SchwerWarum ist eine Art am oberen oder rechten Rand nicht automatisch „höher entwickelt“?
Lösung: Die Position hängt von der Darstellung ab und bezeichnet kein Evolutionsziel. — Evolution verläuft verzweigt und nicht zielgerichtet auf eine heutige Art zu.
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Überlege zuerst selbst und drehe die Karte anschließend zum Prüfen um.

Alles auf einen Blick
Mindmap
  • Phylogenetischer Stammbaum
    • Lesen: Zeitrichtung, Wurzel, Äste und Knoten bestimmen
    • Verwandtschaft: jüngsten gemeinsamen Vorfahren vergleichen
    • Merkmale: ursprüngliche und abgeleitete Zustände unterscheiden
    • Rekonstruktion: morphologische oder molekulare Daten auswerten
    • Aussagekraft: Taxa, Daten und Methode beachten
    • Unsicherheit: Polytomien und alternative Hypothesen erkennen
    • Fehlinterpretationen: grafische Nähe und Höherentwicklung vermeiden
Abschluss-Check
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Frage 1 von 4LeichtWelches Kriterium entscheidet über die nähere Verwandtschaft zweier Gruppen?
Lösung: Das relative Alter ihres jüngsten gemeinsamen Vorfahren — Der jüngere gemeinsame Vorfahr kennzeichnet die engere Verwandtschaft.
Frage 2 von 4MittelDie Spitzen A und B werden an ihrem gemeinsamen Knoten vertauscht. Was ändert sich?
Lösung: Nur ihre grafische Anordnung — Entscheidend bleibt, welche Linien an welchen Knoten zusammentreffen.
Frage 3 von 4MittelWas musst du prüfen, bevor du ein gemeinsames Merkmal als Verwandtschaftsbeleg nutzt?
Lösung: Ob es im betrachteten Vergleich gemeinsam und abgeleitet ist — Gemeinsame abgeleitete Merkmale stützen monophyletische Gruppen.
Frage 4 von 4SchwerEin neuer Datensatz verändert einen Teil eines bisherigen Stammbaums. Welche Schlussfolgerung passt am besten?
Lösung: Die frühere Hypothese wird mit zusätzlichen Belegen geprüft und gegebenenfalls präzisiert. — Stammbäume sind begründete, revidierbare Hypothesen über einen historischen Verlauf.

Wenn du alle vier Aufgaben begründen kannst, liest du nicht nur die Form eines Stammbaums: Du prüfst seine Verwandtschaftsaussagen und seine Grenzen.

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