Chemie

Entropie und freie Enthalpie einfach erklärt

Entropie und freie Enthalpie einfach erklärt
Entropie und freie Enthalpie einfach erklärt
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Ob eine Reaktion thermodynamisch begünstigt ist, hängt von Enthalpie, Entropie und Temperatur ab. Diese Beiträge fasst die freie Enthalpie zusammen:

$$\Delta G=\Delta H-T\Delta S$$

Ist $\Delta G<0$, ist die betrachtete Reaktionsrichtung thermodynamisch begünstigt. Daraus folgt jedoch weder, dass die Reaktion schnell ist, noch, dass alle Edukte vollständig umgesetzt werden.

Deine Lernziele

Hake ab, was du schon kannst — und komm am Ende hierher zurück!

Entropieänderungen vorhersagen

Warum schmilzt ein Feststoff oder warum kann bei einer Reaktion Gas entstehen? Neben dem Energieumsatz spielt die Verteilung der Teilchen eine Rolle.

Definition

Entropie

Die Entropie $S$ beschreibt vereinfacht den Grad der Unordnung eines Systems. Je weniger festgelegt die Anordnung der Teilchen ist, desto größer ist gewöhnlich die Entropie.

Beim Übergang

$$\text{fest}\rightarrow\text{flüssig}\rightarrow\text{gasförmig}$$

nimmt die Entropie zu. In einem Gas können sich Teilchen wesentlich freier verteilen als in einer Flüssigkeit oder einem Feststoff.

Für eine Reaktion gilt:

$$\Delta S=\sum \nu S^\circ(\text{Produkte})-\sum \nu S^\circ(\text{Edukte})$$

Die stöchiometrischen Koeffizienten $\nu$ müssen dabei berücksichtigt werden.

Für eine qualitative Vorhersage helfen zwei Fragen:

  1. Ändern sich die Aggregatzustände?
  2. Nimmt die Zahl der gasförmigen Teilchen gemäß der Reaktionsgleichung zu oder ab?
Beispiel

Bei

$$\mathrm{2N_2O_5(s)\rightarrow4NO_2(g)+O_2(g)}$$

entstehen aus einem Feststoff mehrere gasförmige Produkte. Die Teilchen sind danach beweglicher und können sich räumlich vielfältiger verteilen. Deshalb ist eine deutliche Entropiezunahme zu erwarten: $\Delta S>0$.

Merke

Mehr gasförmige Teilchen oder der Übergang zu einem weniger geordneten Aggregatzustand sprechen meist für $\Delta S>0$. Das ist eine qualitative Vorhersage; einen Zahlenwert erhältst du aus Standardentropien.

Teste dich
Frage 1 von 2LeichtBei welchem Vorgang ist eine Entropiezunahme zu erwarten?
Lösung: Ein Feststoff geht in den gasförmigen Zustand über. — Beim Übergang von fest über flüssig zu gasförmig wächst gewöhnlich die Entropie.
Frage 2 von 2MittelFür eine Reaktion entstehen mehr gasförmige Teilchen, während die übrigen Bedingungen vergleichbar bleiben. Welche Vorhersage ist am besten begründet?
Lösung: $\Delta S$ ist wahrscheinlich positiv. — Die Zahl gasförmiger Teilchen hilft bei der Vorhersage von $\Delta S$, erlaubt aber keine direkte Aussage über $\Delta H$.
Freie Enthalpie verbindet drei Größen

Eine exotherme Reaktion gibt Wärme ab. Trotzdem reicht das Vorzeichen von $\Delta H$ allein nicht aus, um ihre thermodynamische Begünstigung zu beurteilen. Auch die Entropieänderung und die Temperatur wirken mit.

Definition

Freie Enthalpie

Die freie Enthalpie, auch Gibbs-Energie, ist die Zustandsgröße $G=H-TS$. Für eine Reaktion bei konstanter Temperatur gilt:

$$\Delta G=\Delta H-T\Delta S$$

Bei konstantem Druck und konstanter Temperatur bedeutet:

WertBeurteilung der betrachteten Richtung
$\Delta G<0$thermodynamisch begünstigt, exergonisch
$\Delta G=0$Gleichgewicht
$\Delta G>0$nicht thermodynamisch begünstigt, endergonisch; die Umkehrung ist begünstigt

Exotherm und exergonisch sind nicht dasselbe:

  • Exotherm bedeutet $\Delta H<0$.
  • Exergonisch bedeutet $\Delta G<0$.

Eine endotherme Reaktion mit $\Delta H>0$ kann trotzdem exergonisch sein, wenn der Entropiebeitrag $T\Delta S$ ausreichend groß und positiv ist.

Lückentext

Wähle in jeder Lücke die passende Form und prüfe anschließend deine Antworten.

Eine Reaktion mit $\Delta G<0$ ist . Bei $\Delta G=0$ liegt vor. Das Wort exotherm bezieht sich auf . Das Wort exergonisch bezieht sich auf .

Lösungen: Lücke 1: exergonisch; Lücke 2: Gleichgewicht; Lücke 3: $\Delta H$; Lücke 4: $\Delta G$. Prüfe immer zuerst, welche Größe gemeint ist: Wärmeabgabe gehört zu $\Delta H$, die thermodynamische Begünstigung zu $\Delta G$.
Freie Enthalpie berechnen

Vor dem Einsetzen müssen alle Größen zusammenpassen. Besonders wichtig ist die Umrechnung von $\Delta S$ aus $\mathrm{J\,K^{-1}\,mol^{-1}}$ in $\mathrm{kJ\,K^{-1}\,mol^{-1}}$, wenn $\Delta H$ in $\mathrm{kJ\,mol^{-1}}$ angegeben ist.

Gehe in vier Schritten vor:

  1. Notiere $\Delta H$, $\Delta S$ und $T$ mit Einheiten.
  2. Wandle die Einheiten um: $1000\,\mathrm J=1\,\mathrm{kJ}$.
  3. Setze in $\Delta G=\Delta H-T\Delta S$ ein.
  4. Prüfe Einheit, Vorzeichen und Bedeutung des Ergebnisses.
Beispiel

Für den Zerfall

$$\mathrm{2N_2O_5(s)\rightarrow4NO_2(g)+O_2(g)}$$

seien gegeben:

  • $\Delta H=+219\,\mathrm{kJ\,mol^{-1}}$
  • $\Delta S=+940{,}2\,\mathrm{J\,K^{-1}\,mol^{-1}}$
  • $T=298\,\mathrm K$

Zuerst wird die Entropieänderung umgerechnet:

$$940{,}2\,\mathrm{J\,K^{-1}\,mol^{-1}}=0{,}9402\,\mathrm{kJ\,K^{-1}\,mol^{-1}}$$

Dann wird eingesetzt:

$$\Delta G=219-298\cdot0{,}9402$$

$$\Delta G=-61{,}1796\,\mathrm{kJ\,mol^{-1}}\approx-61{,}2\,\mathrm{kJ\,mol^{-1}}$$

Das Ergebnis ist negativ. Die Reaktion ist unter den angegebenen Bedingungen thermodynamisch begünstigt, obwohl sie endotherm ist. Die große positive Entropieänderung überwiegt den positiven Enthalpiebeitrag.

Teste dich
Frage 1 von 1MittelBei $298\,\mathrm K$ gelten $\Delta H=-80\,\mathrm{kJ\,mol^{-1}}$ und $\Delta S=-100\,\mathrm{J\,K^{-1}\,mol^{-1}}$. Welcher Wert ergibt sich für $\Delta G$?
Lösung: $-50{,}2\,\mathrm{kJ\,mol^{-1}}$ — Es gilt $\Delta G=-80-298(-0{,}100)=-80+29{,}8=-50{,}2\,\mathrm{kJ\,mol^{-1}}$. Die Reaktion ist bei dieser Temperatur thermodynamisch begünstigt.
Temperatur kann die Beurteilung verändern

In $\Delta G=\Delta H-T\Delta S$ wird der Entropiebeitrag mit steigender Temperatur betragsmäßig wichtiger. Entscheidend ist deshalb das Vorzeichen von $\Delta S$.

$\Delta H$$\Delta S$Einfluss der Temperatur
negativpositiv$\Delta G$ ist bei allen positiven Temperaturen negativ
positivnegativ$\Delta G$ ist bei allen positiven Temperaturen positiv
negativnegativniedrige Temperaturen können die Reaktion begünstigen
positivpositivhohe Temperaturen können die Reaktion begünstigen

Bei gemischten Vorzeichen kann die Grenztemperatur aus $\Delta G=0$ bestimmt werden:

$$T=\frac{\Delta H}{\Delta S}$$

Dabei müssen $\Delta H$ und $\Delta S$ wieder in zueinander passenden Einheiten stehen. Die Rechnung verwendet die für die Aufgabe vorgegebenen Werte als konstant.

Beispiel

Für $\Delta H=+219\,\mathrm{kJ\,mol^{-1}}$ und $\Delta S=+0{,}9402\,\mathrm{kJ\,K^{-1}\,mol^{-1}}$ gilt:

$$T=\frac{219}{0{,}9402}\,\mathrm K\approx233\,\mathrm K$$

Oberhalb dieser Grenztemperatur wird $T\Delta S$ größer als $\Delta H$. Dann ist $\Delta G<0$.

Teste dich
Frage 1 von 2MittelEine Reaktion hat $\Delta H>0$ und $\Delta S>0$. Welche Änderung kann sie thermodynamisch begünstigen?
Lösung: Eine ausreichend hohe Temperatur — Bei positiven Werten für $\Delta H$ und $\Delta S$ kann der Entropiebeitrag erst oberhalb einer Grenztemperatur überwiegen.
Frage 2 von 2SchwerEine Reaktion hat $\Delta H<0$ und $\Delta S<0$. Warum kann sie bei hoher Temperatur ihre thermodynamische Begünstigung verlieren?
Lösung: Weil $-T\Delta S$ positiv ist und mit der Temperatur wächst. — Ist $\Delta S<0$, dann ist $-T\Delta S>0$. Dieser ungünstige Beitrag wächst mit der Temperatur und kann den negativen Enthalpiebeitrag überwiegen.
Was das Vorzeichen von Delta G nicht verrät

Ein negatives $\Delta G$ beschreibt eine thermodynamische Triebkraft. Es beantwortet nicht alle Fragen zum tatsächlichen Reaktionsverlauf.

  • Thermodynamisch begünstigt: $\Delta G<0$ für die betrachtete Richtung.
  • Exotherm: $\Delta H<0$; Wärme wird abgegeben.
  • Schnell: Die Reaktion besitzt unter den Bedingungen eine hohe Reaktionsgeschwindigkeit.
  • Vollständiger Umsatz: Nahezu alle Edukte werden zu Produkten umgesetzt.

Diese Aussagen dürfen nicht gleichgesetzt werden. Eine thermodynamisch begünstigte Reaktion kann wegen einer Aktivierungsbarriere sehr langsam sein. Ebenso bedeutet $\Delta G<0$ nicht automatisch vollständigen Stoffumsatz.

Merke

Thermodynamik beantwortet: Ist die Richtung begünstigt? Kinetik beantwortet: Wie schnell läuft die Reaktion?

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Frage 1 von 2LeichtWelche Aussage folgt sicher aus $\Delta G<0$?
Lösung: Die betrachtete Reaktionsrichtung ist thermodynamisch begünstigt. — Ein negatives $\Delta G$ beurteilt die thermodynamische Richtung, nicht Geschwindigkeit oder vollständigen Umsatz.
Frage 2 von 2SchwerEine exotherme Reaktion läuft bei Raumtemperatur kaum beobachtbar ab. Welche Erklärung ist mit den Begriffen vereinbar?
Lösung: Sie kann thermodynamisch begünstigt, aber kinetisch gehemmt sein. — Thermodynamische Begünstigung und Reaktionsgeschwindigkeit sind voneinander zu trennen.
Karteikasten
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Überlege zuerst selbst und drehe die Karte anschließend zum Prüfen um.

Alles auf einen Blick
Mindmap
  • Entropie und freie Enthalpie
    • Entropie $S$
      • steigt meist von fest über flüssig zu gasförmig
      • wird durch mehr gasförmige Teilchen oft größer
    • Enthalpie $H$
      • $\Delta H<0$: exotherm
      • $\Delta H>0$: endotherm
    • Freie Enthalpie $G$
      • $\Delta G=\Delta H-T\Delta S$
      • $\Delta G<0$: thermodynamisch begünstigt
      • $\Delta G=0$: Gleichgewicht
      • $\Delta G>0$: nicht thermodynamisch begünstigt
    • Sichere Beurteilung
      • Einheiten vereinheitlichen
      • Temperatur in Kelvin einsetzen
      • Geschwindigkeit und Umsatz getrennt beurteilen
Abschluss-Check
Teste dich
Frage 1 von 3LeichtWelche Gleichung verbindet Reaktionsenthalpie, Reaktionsentropie und Temperatur?
Lösung: $\Delta G=\Delta H-T\Delta S$ — Die freie Reaktionsenthalpie ergibt sich aus dem Enthalpiebeitrag minus dem temperaturgewichteten Entropiebeitrag.
Frage 2 von 3MittelGegeben sind $\Delta H=+40\,\mathrm{kJ\,mol^{-1}}$, $\Delta S=+200\,\mathrm{J\,K^{-1}\,mol^{-1}}$ und $T=300\,\mathrm K$. Wie ist die Reaktion zu beurteilen?
Lösung: $\Delta G=-20\,\mathrm{kJ\,mol^{-1}}$; sie ist thermodynamisch begünstigt. — Es gilt $\Delta G=40-300\cdot0{,}200=40-60=-20\,\mathrm{kJ\,mol^{-1}}$.
Frage 3 von 3SchwerEine Reaktion ist endotherm und läuft dennoch thermodynamisch begünstigt ab. Welche Begründung passt?
Lösung: Eine positive Entropieänderung liefert bei der gegebenen Temperatur einen ausreichend großen Beitrag $T\Delta S$. — Bei $\Delta H>0$ kann $\Delta G$ nur dann negativ werden, wenn der abgezogene Entropiebeitrag $T\Delta S$ ausreichend groß und positiv ist. Die Geschwindigkeit ändert diese Rechnung nicht.

Wenn du Entropierichtung, Einheiten, Temperatur und Vorzeichen getrennt prüfst, kannst du die thermodynamische Begünstigung zuverlässig beurteilen, ohne sie mit Wärmeabgabe oder Reaktionsgeschwindigkeit zu verwechseln.

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