Chemie

Entropie in der Chemie: Reaktionen beurteilen

Entropie in der Chemie: Reaktionen beurteilen
Entropie in der Chemie: Reaktionen beurteilen
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Entropie beschreibt, wie viele Mikrozustände unter gegebenen Bedingungen zugänglich sind. Je mehr mögliche Verteilungen von Teilchen und Energie es gibt, desto größer ist die Entropie. Zusammen mit der Enthalpie hilft sie dir, die thermodynamische Begünstigung einer chemischen Reaktion zu beurteilen.

Deine Lernziele

Hake ab, was du schon kannst — und komm am Ende hierher zurück!

Was misst die Entropie?

Ein Makrozustand beschreibt die beobachtbaren Eigenschaften eines Systems, etwa Temperatur, Druck und Aggregatzustand. Ein Mikrozustand ist eine bestimmte mögliche Verteilung der einzelnen Teilchen und ihrer Energie.

Definition

Entropie

Die Entropie $S$ ist eine thermodynamische Zustandsgröße. Statistisch wächst sie mit der Zahl $\Omega$ der zugänglichen Mikrozustände:

$$S=k_{\mathrm B}\ln\Omega$$

Dabei ist $k_{\mathrm B}$ die Boltzmann-Konstante. Die Einheit der Entropie ist Joule pro Kelvin, kurz $\mathrm{J/K}$.

Eine Zustandsgröße hängt nur vom Anfangs- und Endzustand ab, nicht vom tatsächlichen Weg dazwischen. Deshalb kann eine Entropieänderung $\Delta S$ auch für einen irreversiblen Vorgang über einen gedachten reversiblen Ersatzweg bestimmt werden.

Beispiel

Direkt nach dem Versprühen ist Parfüm in einem kleinen Bereich konzentriert. Später verteilen sich seine Moleküle im Raum. Für die verteilten Moleküle gibt es viel mehr mögliche Aufenthaltsorte und damit mehr Mikrozustände. Die Entropie ist deshalb größer.

Merke

Entropie bedeutet nicht einfach sichtbare „Unordnung“. Entscheidend ist die Zahl der zugänglichen Mikrozustände.

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Frage 1 von 1LeichtWarum besitzt gleichmäßig verteiltes Parfüm eine höhere Entropie als räumlich konzentriertes Parfüm?
Lösung: Für die Moleküle sind mehr räumliche Verteilungen zugänglich. — Eine größere Zahl möglicher Molekülverteilungen bedeutet eine höhere Entropie.
Wie erkennst du das Vorzeichen einer Reaktionsentropie?

Die Reaktionsentropie $\Delta_\mathrm r S$ ist die Entropiedifferenz zwischen Produkten und Edukten:

$$\Delta_\mathrm r S=S_\mathrm{Produkte}-S_\mathrm{Edukte}$$

Für eine qualitative Abschätzung helfen zwei Hinweise:

  • Mehr Teilchen auf der Produktseite sprechen häufig für $\Delta_\mathrm r S>0$, besonders wenn die Zahl gasförmiger Teilchen zunimmt.
  • Der Übergang von einem Feststoff zu einer Flüssigkeit oder zu einem Gas sowie von einer Flüssigkeit zu einem Gas spricht für $\Delta_\mathrm r S>0$.

Umgekehrte Veränderungen sprechen entsprechend für eine negative Reaktionsentropie. Diese Hinweise ermöglichen eine begründete Vorhersage, ersetzen aber keine Berechnung aus Entropiewerten.

Beispiel

Entsteht aus stärker gebundenen Phasen ein Gas, können sich die Teilchen räumlich freier verteilen. Die Zahl der zugänglichen Mikrozustände steigt. Daher ist eine positive Reaktionsentropie zu erwarten.

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Frage 1 von 1MittelBei einer Reaktion entstehen aus stärker gebundenen Ausgangsstoffen mehr gasförmige Produktteilchen. Welche Vorhersage ist am besten begründet?
Lösung: Die Reaktionsentropie ist wahrscheinlich positiv. — Mehr gasförmige Teilchen besitzen gewöhnlich mehr zugängliche Verteilungen. Das spricht für $\Delta_\mathrm r S>0$.
Wie verbindet die Gibbs-Energie Enthalpie und Entropie?

Bei konstanter Temperatur und konstantem Druck beurteilst du die thermodynamische Begünstigung unter vorgegebenen Standardbedingungen mit der Gibbs-Helmholtz-Gleichung:

$$\Delta_\mathrm r G^\circ=\Delta_\mathrm r H^\circ-T\Delta_\mathrm r S^\circ$$

Dabei bedeuten:

  • $\Delta_\mathrm r G^\circ$: freie Standardreaktionsenthalpie,
  • $\Delta_\mathrm r H^\circ$: Standardreaktionsenthalpie,
  • $T$: absolute Temperatur in Kelvin,
  • $\Delta_\mathrm r S^\circ$: Standardreaktionsentropie.

Für die Rechnung müssen die Einheiten zusammenpassen. Wenn $\Delta_\mathrm r H^\circ$ in $\mathrm{kJ/mol}$ angegeben ist, wandelst du $\Delta_\mathrm r S^\circ$ gegebenenfalls von $\mathrm{J/(mol\,K)}$ in $\mathrm{kJ/(mol\,K)}$ um. Es gilt: $1000\,\mathrm J=1\,\mathrm{kJ}$.

Definition

Thermodynamische Begünstigung

Für die betrachtete Reaktionsrichtung gilt unter den vorgegebenen Standardbedingungen:

  • $\Delta_\mathrm r G^\circ<0$: Die Reaktion ist thermodynamisch begünstigt.
  • $\Delta_\mathrm r G^\circ>0$: Die Reaktion ist thermodynamisch nicht begünstigt.
  • $\Delta_\mathrm r G^\circ=0$: Enthalpie- und Entropiebeitrag gleichen sich unter diesen Bedingungen aus; keine Richtung ist thermodynamisch bevorzugt.
Beispiel

Gegeben sind $\Delta_\mathrm r H^\circ=-90\,\mathrm{kJ/mol}$, $\Delta_\mathrm r S^\circ=-0{,}4\,\mathrm{kJ/(mol\,K)}$ und $T=100\,\mathrm K$.

Zuerst setzt du mit übereinstimmenden Einheiten ein:

$$\Delta_\mathrm r G^\circ=-90\,\mathrm{kJ/mol}-100\,\mathrm K\cdot(-0{,}4\,\mathrm{kJ/(mol\,K)})$$

Das Produkt $T\Delta_\mathrm r S^\circ$ hat die Einheit Kilojoule pro Mol:

$$\Delta_\mathrm r G^\circ=-90\,\mathrm{kJ/mol}+40\,\mathrm{kJ/mol}=-50\,\mathrm{kJ/mol}$$

Das Ergebnis ist negativ. Die Reaktion ist unter diesen Bedingungen thermodynamisch begünstigt.

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Frage 1 von 1MittelEine Reaktion hat $\Delta_\mathrm r G^\circ=25\,\mathrm{kJ/mol}$. Welche Aussage folgt daraus?
Lösung: Sie ist unter den betrachteten Bedingungen in dieser Richtung thermodynamisch nicht begünstigt. — Ein positiver Wert von $\Delta_\mathrm r G^\circ$ beurteilt die thermodynamische Richtung. Er macht keine direkte Aussage über Geschwindigkeit oder Reaktionsenthalpie.
Wie verändert die Temperatur die Begünstigung?

Der Temperatureinfluss hängt von den Vorzeichen von $\Delta_\mathrm r H^\circ$ und $\Delta_\mathrm r S^\circ$ ab.

$\Delta_\mathrm r H^\circ$$\Delta_\mathrm r S^\circ$Folgerung aus $\Delta_\mathrm r G^\circ=\Delta_\mathrm r H^\circ-T\Delta_\mathrm r S^\circ$
negativpositivbeide Beiträge wirken günstig; bei allen positiven Temperaturen begünstigt
positivnegativbeide Beiträge wirken ungünstig; bei allen positiven Temperaturen nicht begünstigt
negativnegativeher bei niedrigen Temperaturen begünstigt
positivpositiveher bei hohen Temperaturen begünstigt

Bei den beiden temperaturabhängigen Fällen findest du die Grenztemperatur, indem du $\Delta_\mathrm r G^\circ=0$ setzt. Dabei wird vereinfachend angenommen, dass $\Delta_\mathrm r H^\circ$ und $\Delta_\mathrm r S^\circ$ im betrachteten Temperaturbereich konstant bleiben.

Beispiel

Für $\Delta_\mathrm r H^\circ=-90\,\mathrm{kJ/mol}$ und $\Delta_\mathrm r S^\circ=-0{,}4\,\mathrm{kJ/(mol\,K)}$ gilt:

$$0=-90\,\mathrm{kJ/mol}-T\cdot(-0{,}4\,\mathrm{kJ/(mol\,K)})$$

Daraus folgt $T=225\,\mathrm K$.

Bei $100\,\mathrm K$ ergibt sich $\Delta_\mathrm r G^\circ=-50\,\mathrm{kJ/mol}$: begünstigt. Bei $300\,\mathrm K$ ergibt sich $\Delta_\mathrm r G^\circ=30\,\mathrm{kJ/mol}$: nicht begünstigt. Weil $\Delta_\mathrm r S^\circ$ negativ ist, wird der Entropieterm mit steigender Temperatur immer ungünstiger.

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Frage 1 von 1SchwerFür eine Reaktion gelten $\Delta_\mathrm r H^\circ>0$ und $\Delta_\mathrm r S^\circ>0$. Was kann eine höhere Temperatur bewirken?
Lösung: Der negative Term $-T\Delta_\mathrm r S^\circ$ kann den positiven Enthalpiebeitrag überwiegen. — Bei positiver Reaktionsentropie wird $-T\Delta_\mathrm r S^\circ$ mit steigender Temperatur stärker negativ. Daher kann die Reaktion oberhalb einer Grenztemperatur begünstigt sein.
Welche Aussagen darfst du nicht verwechseln?

Vier Begriffe beantworten verschiedene Fragen:

  • Exotherm: $\Delta_\mathrm r H^\circ<0$; bei konstantem Druck wird Wärme an die Umgebung abgegeben.
  • Thermodynamisch begünstigt: $\Delta_\mathrm r G^\circ<0$ unter den betrachteten Standardbedingungen.
  • Schnell: Die Reaktion besitzt eine ausreichend hohe Reaktionsgeschwindigkeit.
  • Vollständiger Stoffumsatz: Nahezu alle Ausgangsstoffe werden umgesetzt.

Aus einem negativen Wert von $\Delta_\mathrm r G^\circ$ folgt weder, dass eine Reaktion schnell ist, noch dass sie vollständig abläuft. Die Gibbs-Energie beschreibt die thermodynamische Richtung, nicht den zeitlichen Ablauf.

Merke

„Begünstigt“ bedeutet nicht „sofort“, „schnell“ oder „vollständig“.

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Frage 1 von 1MittelEine Reaktion besitzt $\Delta_\mathrm r G^\circ<0$, ist aber nach langer Beobachtung kaum fortgeschritten. Welche Erklärung passt?
Lösung: Sie ist thermodynamisch begünstigt, kann aber sehr langsam sein. — Eine Reaktion kann trotz negativer Gibbs-Energie langsam sein. Für die Geschwindigkeit sind kinetische Bedingungen entscheidend, die nicht aus $\Delta_\mathrm r G^\circ$ folgen.
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Überlege zuerst selbst und drehe die Karte anschließend zum Prüfen um.

Alles auf einen Blick
Mindmap
  • Entropie und Reaktionsrichtung
    • Mikrozustände: mehr Möglichkeiten bedeuten höhere Entropie
    • Reaktionsentropie: Teilchenzahl und Aggregatzustände liefern qualitative Hinweise
    • Gibbs-Energie: Enthalpie- und Entropiebeitrag werden verbunden
    • Temperatur: verstärkt den Betrag des Terms $T\Delta_\mathrm r S^\circ$
    • Beurteilung: negatives $\Delta_\mathrm r G^\circ$ bedeutet thermodynamisch begünstigt
    • Grenze: Begünstigung sagt nichts über Geschwindigkeit oder vollständigen Umsatz
Abschluss-Check
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Frage 1 von 3LeichtWelche Beschreibung der Entropie ist fachlich am zuverlässigsten?
Lösung: Sie wächst mit der Zahl zugänglicher Mikrozustände. — Die Zahl zugänglicher Mikrozustände ist die tragfähige statistische Deutung. Sichtbare Ordnung kann täuschen.
Frage 2 von 3MittelGegeben sind $\Delta_\mathrm r H^\circ=55\,\mathrm{kJ/mol}$, $\Delta_\mathrm r S^\circ=0{,}3\,\mathrm{kJ/(mol\,K)}$ und $T=100\,\mathrm K$. Welcher Wert ergibt sich für $\Delta_\mathrm r G^\circ$?
Lösung: $25\,\mathrm{kJ/mol}$ — $\Delta_\mathrm r G^\circ=55\,\mathrm{kJ/mol}-100\,\mathrm K\cdot0{,}3\,\mathrm{kJ/(mol\,K)}=25\,\mathrm{kJ/mol}$. Die Reaktion ist bei dieser Temperatur thermodynamisch nicht begünstigt.
Frage 3 von 3SchwerFür dieselbe Reaktion gilt bei $500\,\mathrm K$: $\Delta_\mathrm r G^\circ=-95\,\mathrm{kJ/mol}$. Welche vollständige Beurteilung ist richtig?
Lösung: Die Reaktion ist bei $500\,\mathrm K$ thermodynamisch begünstigt; über Geschwindigkeit und vollständigen Umsatz ist damit nichts entschieden. — Bei höherer Temperatur überwiegt hier der günstige Entropiebeitrag. Das negative $\Delta_\mathrm r G^\circ$ zeigt die Begünstigung, erlaubt aber keine kinetische Aussage.

Du kannst eine chemische Reaktion nun in drei Schritten untersuchen: Schätze zuerst das Vorzeichen von $\Delta_\mathrm r S^\circ$ ab, berechne dann $\Delta_\mathrm r G^\circ$ mit passenden Einheiten und formuliere zuletzt genau, was das Ergebnis aussagt — und was nicht.

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