Chemie

Organische Reaktionsmechanismen einfach erklärt

Organische Reaktionsmechanismen einfach erklärt
Organische Reaktionsmechanismen einfach erklärt
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Ein Reaktionsmechanismus zeigt, wie eine organische Reaktion in einzelnen Teilchenschritten abläuft: Welche Bindung bricht, welche Bindung entsteht, welches Teilchen greift an und welche Zwischenstufe tritt auf? Du ordnest eine Reaktion deshalb auf zwei Ebenen ein: nach dem Reaktionstyp und nach der Art des angreifenden Teilchens.

Deine Lernziele

Hake ab, was du schon kannst — und komm am Ende hierher zurück!

Zwei Ebenen: Reaktionstyp und Mechanismus

Stell dir die Gesamtgleichung als Start- und Zielfoto vor. Sie zeigt, welche Stoffe reagieren und entstehen. Der Mechanismus ist dagegen der Weg dazwischen.

Definition

Reaktionstyp

Der Reaktionstyp beschreibt, was sich im Bindungsgerüst insgesamt ändert: Anlagerung, Austausch oder Abspaltung.

ReaktionstypWoran erkennst du ihn?Einfaches Schema
AdditionEine Mehrfachbindung wird aufgelöst; Teilchen lagern sich an.A + B → C
SubstitutionEin Atom oder eine Atomgruppe wird ersetzt.A–B + C → A–C + B
EliminierungGruppen werden abgespalten; dabei entsteht eine Mehrfachbindung.C → A + B

Addition und Eliminierung verändern eine Mehrfachbindung in entgegengesetzter Richtung. Bei der Substitution bleibt die Art der Bindungen am betroffenen Kohlenstoff zwischen Ausgangsstoff und Endprodukt insgesamt erhalten, obwohl sie sich in Zwischenstufen vorübergehend ändern kann.

Beispiel

Addition: CH2=CH2 + HBr → CH3–CH2Br. Die C=C-Doppelbindung wird verbraucht, H und Br werden angelagert.

Substitution: CH4 + Cl2 → CH3Cl + HCl. Ein H-Atom des Methans wird durch Cl ersetzt.

Eliminierung: CH3–CH2–OH → CH2=CH2 + H2O. Wasser wird abgespalten, eine C=C-Doppelbindung entsteht.

Teste dich
Frage 1 von 2LeichtBei welcher Veränderung liegt eine Eliminierung vor?
Lösung: Zwei Gruppen werden abgespalten und eine Mehrfachbindung entsteht. — Bei der Eliminierung entsteht eine Mehrfachbindung durch Abspaltung. Die Addition verläuft in die entgegengesetzte Richtung.
Frage 2 von 2MittelEin Alken reagiert zu einem Produkt ohne C=C-Doppelbindung, dafür mit zwei neuen Bindungen zu den Atomen eines Reagenzes. Welcher Reaktionstyp ist das?
Lösung: Addition — Das Verschwinden der Mehrfachbindung und die Anlagerung zweier Gruppen kennzeichnen eine Addition.
Angreifer erkennen und Bindungsspaltungen verfolgen

Für den Mechanismus fragst du: Wer liefert oder sucht Elektronen, und was geschieht mit dem Bindungselektronenpaar?

Definition

Radikal

Ein Radikal besitzt mindestens ein ungepaartes Elektron. Es entsteht häufig durch homolytische Spaltung: Jedes der beiden Atome erhält eines der Bindungselektronen.

Definition

Nucleophil

Ein Nucleophil ist elektronenreich. Es kann ein Anion oder ein ungeladenes Teilchen mit frei verfügbarem Elektronenpaar sein und greift ein positiv geladenes oder positiv polarisiertes Kohlenstoffatom an.

Definition

Elektrophil

Ein Elektrophil ist elektronenarm. Es kann positiv geladen oder positiv polarisiert sein und greift elektronenreiche Stellen an, zum Beispiel eine C=C-Doppelbindung.

Bei der heterolytischen Spaltung erhält ein Bindungspartner das ganze Bindungselektronenpaar. Es entstehen Ionen. Verlässt dabei ein Teilchen das Substrat mit dem Elektronenpaar, heißt es Abgangsgruppe.

Wenn du Elektronenbewegungen einzeichnest, steht ein Fischhakenpfeil für ein Elektron. Ein Elektronenpaarpfeil steht für zwei Elektronen und beginnt immer an einem Elektronenpaar oder einer Bindung. Er endet dort, wo daraus eine neue Bindung oder ein freies Elektronenpaar entsteht.

Merke

Homolytisch → Radikale. Heterolytisch → Ionen. Prüfe nach jedem Schritt, ob Ladungen, ungepaarte Elektronen und Bindungen zusammenpassen.

Teste dich
Frage 1 von 2LeichtWelches Teilchen greift typischerweise ein positiv polarisiertes Kohlenstoffatom an?
Lösung: ein Nucleophil — Ein Nucleophil stellt ein Elektronenpaar für die neue Bindung bereit.
Frage 2 von 2MittelEine A–B-Bindung zerfällt so, dass A und B jeweils ein Bindungselektron erhalten. Was ist entstanden?
Lösung: zwei Radikale — Die gleichmäßige Aufteilung der beiden Bindungselektronen ist die homolytische Spaltung.
Radikalische Substitution als Kettenreaktion

Warum reagieren Methan und Chlor nicht sofort deutlich, obwohl die Gesamtreaktion Energie freisetzt? Zuerst muss eine Aktivierungsenergie überwunden werden. Licht oder Wärme kann die Cl–Cl-Bindung homolytisch spalten.

Beispiel

Gesamtreaktion: CH4 + Cl2 → CH3Cl + HCl

  1. Start: Cl2 → 2 Cl•. Die Cl–Cl-Bindung wird homolytisch gespalten.
  2. Kettenfortpflanzung 1: Cl• + CH4 → HCl + •CH3. Das Chlorradikal entzieht Methan ein H-Atom; ein Methylradikal entsteht.
  3. Kettenfortpflanzung 2: •CH3 + Cl2 → CH3Cl + Cl•. Das neue Chlorradikal kann Schritt 2 erneut beginnen.
  4. Abbruch: Zwei Radikale verbinden sich, etwa Cl• + Cl• → Cl2 oder •CH3 + •CH3 → CH3–CH3. Danach fehlen diese Radikale für die Fortpflanzung.

Addierst du die beiden Fortpflanzungsschritte, kürzen sich Cl• und •CH3 heraus. Übrig bleibt die Gesamtreaktion. So prüfst du, ob die Teilchenschritte zum beobachteten Stoffumsatz passen.

Teste dich
Frage 1 von 2MittelWarum heißt die Reaktion Kettenreaktion?
Lösung: In einem Fortpflanzungsschritt entsteht wieder ein Radikal, das einen weiteren Zyklus starten kann. — Das im zweiten Fortpflanzungsschritt neu gebildete Chlorradikal hält die Reaktionsfolge in Gang.
Frage 2 von 2SchwerIn einer vorgeschlagenen Reaktionsfolge fehlt die Startreaktion, aber es treten plötzlich Chlorradikale auf. Was ist der wichtigste Einwand?
Lösung: Die Entstehung der ersten Radikale und die dafür nötige Energie sind nicht erklärt. — Ein vollständiger Mechanismus muss zeigen, wo reaktive Teilchen entstehen. Hier liefert die homolytische Spaltung von Cl2 durch Licht oder Wärme die Startradikale.
Elektrophile Addition an einer Doppelbindung

Die π-Bindung einer C=C-Doppelbindung ist elektronenreich. Deshalb kann ein Elektrophil dort angreifen. Bei der Addition werden auf Kosten der π-Bindung neue σ-Bindungen gebildet.

Beispiel

Addition von HBr an Propen: CH3–CH=CH2 + HBr → CH3–CHBr–CH3

  1. Die π-Elektronen der Doppelbindung bilden eine Bindung zu H+. Das Proton bindet am endständigen C-Atom, das bereits mehr H-Atome trägt.
  2. Am mittleren C-Atom entsteht vorübergehend ein positiv geladenes Carbenium-Ion.
  3. Br− greift dieses positiv geladene C-Atom als Nucleophil an. Es entsteht 2-Brompropan.

Die Markownikow-Regel fasst diese Orientierung für die beschriebene Addition zusammen: Das Proton bindet an das Doppelbindungs-C-Atom, an dem bereits die meisten H-Atome sitzen.

Bei der Addition von Br2 läuft der Mechanismus anders: Die elektronenreiche Doppelbindung polarisiert die Br–Br-Bindung. Nach heterolytischer Spaltung entsteht ein überbrücktes Bromonium-Ion. Br− greift es von der Rückseite an; ein 1,2-Dibromalkan entsteht.

Gut zu wissen

Die Gesamtgleichung allein zeigt weder das Carbenium-Ion bei der HBr-Addition noch das Bromonium-Ion bei der Bromaddition. Gerade solche Zwischenstufen unterscheiden Mechanismen, obwohl beide Gesamtreaktionen Additionen sind.

Teste dich
Frage 1 von 2MittelWelche Reihenfolge beschreibt die elektrophile Addition von HBr an Propen richtig?
Lösung: Angriff von H+ an der Doppelbindung, Carbenium-Ion, Angriff von Br− — Zuerst reagiert die elektronenreiche π-Bindung mit dem Elektrophil. Danach schließt das Nucleophil die noch offene Bindungsbildung ab.
Frage 2 von 2SchwerZwei Mechanismenvorschläge zur Bromaddition zeigen entweder ein freies Carbenium-Ion oder ein Bromonium-Ion. Welcher passt zur dargestellten Bromaddition?
Lösung: der Weg über ein Bromonium-Ion — Zwischenstufen gehören zur Aussage eines Mechanismus. Gleiche Reaktionstypen bedeuten daher nicht automatisch gleiche Mechanismen.
SN1, SN2, E1 und E2 sicher unterscheiden

Die Kürzel verbinden Reaktionstyp und Ablauf. S steht für Substitution, E für Eliminierung. Die Ziffer gibt an, wie viele Teilchen am geschwindigkeitsbestimmenden Elementarschritt beteiligt sind: Bei SN1 und E1 ist es eines, bei SN2 und E2 sind es zwei. Damit hängt zusammen, ob der dargestellte Mechanismus schrittweise oder konzertiert abläuft.

MechanismusAblaufKennzeichnende ZwischenstufeBindungsänderung
SN1schrittweiseCarbenium-IonAbgangsgruppe geht zuerst, Nucleophil greift danach an
SN2gleichzeitigkeine stabile ZwischenstufeRückseitenangriff und Austritt der Abgangsgruppe im selben Schritt
E1schrittweiseCarbenium-IonAbgangsgruppe geht zuerst, danach entsteht durch Protonenabspaltung die Doppelbindung
E2gleichzeitigkeine stabile ionische ZwischenstufeBase entfernt H; Doppelbindung entsteht; Abgangsgruppe geht zugleich
Beispiel

Ein allgemeines SN1-Schema lautet:

  1. R3C–X → R3C+ + X−: Die C–X-Bindung wird heterolytisch gespalten. Die Abgangsgruppe X− nimmt das Bindungselektronenpaar mit.
  2. R3C+ + Nu− → R3C–Nu: Das Nucleophil liefert ein Elektronenpaar für die neue Bindung.

Die Ladungsbilanz stimmt in beiden Schritten. Das Carbenium-Ion ist eine Zwischenstufe: Es wird gebildet und anschließend wieder verbraucht, erscheint also nicht in der Gesamtgleichung.

SN2 und E2 können miteinander konkurrieren: Ein Nucleophil kann am Kohlenstoff angreifen und substituieren, während eine Base ein H-Atom am benachbarten Kohlenstoff entfernen und eine Doppelbindung erzeugen kann. Die Rollen Nucleophil und Base beschreiben deshalb unterschiedliche Angriffsziele.

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Frage 1 von 3LeichtWelches Merkmal teilen SN1 und E1?
Lösung: Beide verlaufen schrittweise über ein Carbenium-Ion. — Bei beiden geht zunächst die Abgangsgruppe ab. Erst danach entscheidet der Folgeschritt zwischen Substitution und Eliminierung.
Frage 2 von 3MittelEine Base entfernt ein H-Atom, während gleichzeitig eine Doppelbindung entsteht und die Abgangsgruppe austritt. Welcher Mechanismus passt?
Lösung: E2 — Die gleichzeitige Abspaltung und Doppelbindungsbildung kennzeichnet E2.
Frage 3 von 3SchwerEin Schema zeigt zuerst ein Carbenium-Ion und danach den Angriff eines Nucleophils. Was lässt sich sicher zuordnen?
Lösung: eine SN1-Reaktion — Der nucleophile Angriff auf das zuvor gebildete Carbenium-Ion führt zur Substitution. Bei E1 würde stattdessen ein Proton abgespalten und eine Doppelbindung entstehen.
Vertiefung: Elektrophile Substitution am Aromaten

Ein Aromat besitzt ein delokalisiertes, elektronenreiches π-System. Bei der elektrophilen Substitution wird dennoch nicht dauerhaft addiert: Am Ende ist ein H-Atom durch das Elektrophil ersetzt und das aromatische π-System wiederhergestellt.

  1. Das Elektrophil wechselwirkt mit dem π-System; ein π-Komplex kann entstehen.
  2. Eine neue Bindung zum Elektrophil bildet sich. Dabei entsteht ein positiv geladener σ-Komplex, und die Aromatizität ist vorübergehend unterbrochen.
  3. Ein Proton wird abgespalten. Die Elektronen der früheren C–H-Bindung stellen das delokalisierte π-System wieder her.
Merke

Eine vorübergehende Anlagerung macht die Gesamtreaktion noch nicht zur Addition. Entscheidend ist der Vergleich von Ausgangsstoff und Endprodukt: Beim Aromaten wird H durch E ersetzt, also liegt eine Substitution vor.

Mechanismen in fünf Schritten prüfen

  1. Gesamtänderung: Wird angelagert, ersetzt oder abgespalten?
  2. Angreifer: Radikal, Nucleophil oder Elektrophil?
  3. Pfeilstart: Beginnt jede Elektronenbewegung an einem Elektron, Elektronenpaar oder einer Bindung?
  4. Zwischenstufen: Werden sie in einem Schritt gebildet und später wieder verbraucht?
  5. Bilanz: Stimmen Atome, Gesamtladung und ungepaarte Elektronen über jeden Schritt hinweg?
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Frage 1 von 1SchwerEin Mechanismus zeigt zuerst die Bindung eines Elektrophils an einen Aromaten und endet ohne Protonenabspaltung beim positiv geladenen σ-Komplex. Was fehlt?
Lösung: die Wiederherstellung des π-Systems durch Protonenabspaltung — Erst die Protonenabspaltung liefert die Elektronen zur Rearomatisierung und macht den Gesamtvorgang zur elektrophilen Substitution.
Karteikasten
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Überlege zuerst selbst und drehe die Karte anschließend zum Prüfen um.

Alles auf einen Blick
Mindmap
  • Organische Reaktionsmechanismen
    • Gesamtänderung
      • Addition: Mehrfachbindung wird verbraucht
      • Substitution: Gruppe wird ersetzt
      • Eliminierung: Mehrfachbindung entsteht
    • Angreifende Teilchen
      • Radikal: ungepaartes Elektron
      • Nucleophil: elektronenreich
      • Elektrophil: elektronenarm
    • Bindungsspaltung
      • homolytisch: Radikale
      • heterolytisch: Ionen
    • Ablauf
      • schrittweise: Zwischenstufe bei SN1 und E1
      • konzertiert: ein Schritt bei SN2 und E2
    • Prüfung
      • Atome, Ladungen und Elektronen bilanzieren
Abschluss-Check
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Frage 1 von 4LeichtEine Reaktion verbraucht eine C=C-Doppelbindung und bildet zwei neue Bindungen. Welcher Reaktionstyp liegt vor?
Lösung: Addition — Der Bindungswechsel der Gesamtreaktion kennzeichnet eine Addition.
Frage 2 von 4MittelIn einem Schritt greift ein Nucleophil an, während die Abgangsgruppe gleichzeitig austritt. Es gibt keine stabile Zwischenstufe. Welcher Mechanismus ist das?
Lösung: SN2 — Gleichzeitiger nucleophiler Angriff und Austritt der Abgangsgruppe kennzeichnen SN2. Bei E2 würde gleichzeitig eine Doppelbindung entstehen.
Frage 3 von 4SchwerEin Mechanismus enthält diese Schritte: homolytische Spaltung von Cl2, H-Entzug aus Methan, Reaktion des Methylradikals mit Cl2. Welche Gesamtzuordnung ist richtig?
Lösung: radikalische Substitution — Die homolytische Startreaktion erzeugt Radikale, und in der Gesamtreaktion wird H durch Cl substituiert.
Frage 4 von 4SchwerEin vorgeschlagener SN1-Mechanismus zeigt R3C–X → R3C+ + X−, danach aber einen Elektronenpaarpfeil vom positiv geladenen C-Atom zum Nucleophil. Was muss korrigiert werden?
Lösung: Der Pfeil muss vom Elektronenpaar des Nucleophils zum positiv geladenen C-Atom zeigen. — Ein Elektronenpaarpfeil beginnt dort, wo die Elektronen liegen. Das Nucleophil liefert das Paar für die neue C–Nu-Bindung.

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