Zwischenmolekulare Kräfte einfach erklärt
Zwischenmolekulare Kräfte ziehen bereits vorhandene Moleküle an. Sie erklären unter anderem, warum manche Stoffe leicht verdampfen, andere hohe Siedetemperaturen besitzen und sich bestimmte Flüssigkeiten mischen. Entscheidend sind London-Dispersionskräfte, Dipol-Dipol-Wechselwirkungen und Wasserstoffbrücken.
Hake ab, was du schon kannst — und komm am Ende hierher zurück!
Bindung oder zwischenmolekulare Kraft?
Eine chemische Bindung hält Atome innerhalb eines Moleküls zusammen. Zwischenmolekulare Kräfte wirken dagegen zwischen verschiedenen Molekülen. In Strukturzeichnungen werden Bindungen meist als durchgezogene und Wechselwirkungen häufig als gestrichelte Linien dargestellt.
Zwischenmolekulare Kräfte
Zwischenmolekulare Kräfte sind elektrostatische Anziehungen zwischen Teilbereichen verschiedener Moleküle. Sie verändern die Elektronenverteilung oder richten vorhandene Teilladungen zueinander aus, ohne die Atome zu neuen Molekülen zu verbinden.
Beim Verdampfen von Wasser werden die H₂O-Moleküle voneinander getrennt. Die O–H-Bindungen innerhalb der Moleküle bleiben erhalten. Die zugeführte Energie überwindet also zwischenmolekulare Kräfte und zerlegt nicht jedes Wassermolekül in seine Atome.
Beim Schmelzen oder Verdampfen wachsen die Abstände zwischen den Teilchen. Die Moleküle selbst bleiben normalerweise erhalten.
London-Kräfte wirken zwischen allen Teilchen
Elektronen bewegen sich fortwährend. Dadurch kann die Elektronendichte eines Teilchens für einen kurzen Moment ungleich verteilt sein. Es entsteht ein temporärer Dipol mit einer etwas negativeren und einer etwas positiveren Seite.
Dieser temporäre Dipol verschiebt die Elektronendichte eines Nachbarteilchens. Dort entsteht ein induzierter Dipol. Entgegengesetzte Seiten ziehen sich kurzzeitig an.
London-Dispersionskräfte
London-Dispersionskräfte entstehen zwischen temporären und dadurch induzierten Dipolen. Sie wirken grundsätzlich zwischen allen Atomen und Molekülen – auch zwischen unpolaren Molekülen.
Ihre Stärke nimmt im Allgemeinen zu, wenn
- mehr Elektronen vorhanden sind,
- die Elektronenhülle leichter verformbar, also stärker polarisierbar ist,
- Moleküle eine große wirksame Kontaktfläche besitzen.
Bei ähnlich großen Molekülen können unverzweigte Formen oft enger aneinanderliegen als stark verzweigte Formen. Die größere Kontaktfläche begünstigt dann stärkere London-Kräfte.
Pentan (C₅H₁₂) und Octan (C₈H₁₈) sind unpolar. Zwischen ihren Molekülen wirken dennoch London-Kräfte.
| Stoff | Siedetemperatur |
|---|---|
| Pentan | 36 °C |
| Octan | 126 °C |
Octan besitzt das größere Molekül mit mehr Elektronen und einer größeren Kontaktfläche. Seine Moleküle ziehen sich insgesamt stärker an. Für ihre Trennung wird mehr Energie benötigt, daher siedet Octan höher.
Der Ausdruck „Van-der-Waals-Kräfte“ wird nicht überall gleich verwendet. Auf dieser Seite bezeichnet er die London-Dispersionskräfte. In weiter gefasster Fachsprache kann er auch als Oberbegriff für mehrere schwache Wechselwirkungen dienen.
Permanente Dipole an Struktur und Form erkennen
Eine Bindung ist polar, wenn ein Atom die Bindungselektronen stärker anzieht als das andere. Am stärker anziehenden Atom entsteht eine negative Partialladung δ−, am anderen eine positive Partialladung δ+.
Eine polare Bindung macht jedoch nicht automatisch das ganze Molekül zum Dipol. Zusätzlich kommt es auf die räumliche Anordnung der Bindungen an.
Permanenter Dipol
Ein Molekül ist ein permanenter Dipol, wenn es polare Bindungen besitzt und die Schwerpunkte seiner positiven und negativen Partialladungen räumlich nicht zusammenfallen.
Gehe in vier Schritten vor:
- Bestimme die räumliche Molekülform.
- Markiere polare Bindungen und ihre Partialladungen.
- Prüfe, ob sich die Wirkungen der Bindungspolaritäten durch Symmetrie aufheben.
- Bleiben getrennte Ladungsschwerpunkte, ist das Molekül ein Dipol.
CO₂: Jede C=O-Bindung ist polar. Das Molekül ist aber linear und symmetrisch. Die beiden Bindungspolaritäten wirken in entgegengesetzte Richtungen und heben sich auf. CO₂ ist deshalb kein permanenter Dipol.
H₂O: Die O–H-Bindungen sind polar. Das Molekül ist gewinkelt, daher heben sich die Bindungspolaritäten nicht auf. Die negative Seite liegt beim O-Atom, die positive Seite bei den H-Atomen. H₂O ist ein permanenter Dipol.
Zwischen permanenten Dipolen richten sich entgegengesetzte Pole benachbarter Moleküle zueinander aus. Diese Anziehung heißt Dipol-Dipol-Wechselwirkung. London-Kräfte wirken dabei weiterhin zusätzlich.
Wasserstoffbrücken gezielt bestimmen
Wasserstoffbrücken sind besonders starke, gerichtete zwischenmolekulare Wechselwirkungen. Im hier verwendeten Schulmodell sind zwei Partner nötig:
- Ein Donor besitzt eine O–H-, N–H- oder F–H-Bindung. Sein stark positiv polarisiertes H-Atom wird für die Brücke bereitgestellt.
- Ein Akzeptor ist ein O-, N- oder F-Atom mit einem verfügbaren freien Elektronenpaar.
Wasserstoffbrücke
Eine Wasserstoffbrücke ist die Anziehung zwischen einem stark positiv polarisierten H-Atom einer O–H-, N–H- oder F–H-Gruppe und einem freien Elektronenpaar an O, N oder F eines anderen Teilchens.
Ein Wassermolekül besitzt O–H-Gruppen als Donoren und freie Elektronenpaare am Sauerstoff als Akzeptoren. Daher können sich viele H₂O-Moleküle durch Wasserstoffbrücken miteinander verbinden.
Ethanol besitzt ebenfalls eine O–H-Gruppe und ein O-Atom mit freien Elektronenpaaren. Zwischen Ethanol- und Wassermolekülen sind deshalb Wasserstoffbrücken möglich.
Ein Sauerstoffatom allein genügt nicht immer für Wasserstoffbrücken zwischen gleichen Molekülen. Dimethylether besitzt zwar ein O-Atom als Akzeptor, aber keine O–H-Gruppe als Donor. Reine Dimethylether-Moleküle können daher untereinander keine Wasserstoffbrücken bilden. Mit Wasser kann der Ether-Sauerstoff dagegen eine Brücke aufnehmen.
Prüfe Wasserstoffbrücken nie nur durch die Suche nach O, N oder F. Suche getrennt nach einem Donor und einem Akzeptor.
Siedetemperatur und Mischbarkeit erklären
Beim Sieden müssen Moleküle weit voneinander getrennt werden. Je stärker ihre gesamte Anziehung ist, desto mehr Energie wird gewöhnlich benötigt und desto höher liegt bei vergleichbaren Bedingungen die Siedetemperatur.
Eine häufig verwendete Orientierung lautet:
Wasserstoffbrücken stärker als Dipol-Dipol-Wechselwirkungen stärker als einzelne London-Kräfte.
Diese Reihenfolge ist keine automatische Rangliste ganzer Stoffe. Größe, Elektronenzahl, Kontaktfläche und die Anzahl aller Kontakte können den Gesamtvergleich verändern.
Aceton ist polar und besitzt Dipol-Dipol-Wechselwirkungen. Heptan ist unpolar, aber deutlich größer. Seine stärkeren London-Kräfte führen zu einer höheren Siedetemperatur: Heptan siedet bei 98 °C, Aceton bei 56 °C.
Das Gegenbeispiel zeigt: „polar“ bedeutet nicht automatisch „höher siedend“.
Auch die Mischbarkeit hängt von Wechselwirkungen ab. Beim Mischen werden Kontakte zwischen gleichen Teilchen teilweise getrennt und neue Kontakte zwischen unterschiedlichen Teilchen gebildet.
Die Faustregel „Ähnliches löst sich in Ähnlichem“ meint deshalb ähnliche Wechselwirkungsmöglichkeiten:
- Wasser und Ethanol können miteinander Wasserstoffbrücken sowie weitere Wechselwirkungen bilden und sind gut mischbar.
- Wasser bildet untereinander ein starkes Netzwerk aus Wasserstoffbrücken. Heptan kann diese Kontakte nicht durch ähnlich starke Wasser-Heptan-Kontakte ersetzen. Beide Flüssigkeiten mischen sich schlecht.
So beurteilst du einen Stoffvergleich:
- Bestimme für beide Teilchensorten die möglichen Kraftarten.
- Berücksichtige bei London-Kräften Größe, Polarisierbarkeit und Kontaktfläche.
- Prüfe bei polaren Molekülen die räumliche Ladungsverteilung.
- Suche bei Wasserstoffbrücken getrennt nach Donoren und Akzeptoren.
- Vergleiche die Summe der Wechselwirkungen – nicht nur die nominell stärkste Art.
- Formuliere daraus vorsichtig eine Erwartung für Siedetemperatur oder Mischbarkeit.
Karteikasten
Überlege zuerst selbst und drehe die Karte anschließend zum Prüfen um.
Alles auf einen Blick
- Zwischenmolekulare Kräfte
- London-Kräfte: temporäre und induzierte Dipole bei allen Teilchen
- Dipol-Dipol-Kräfte: Anziehung permanenter Moleküldipole
- Wasserstoffbrücken: Donor-H trifft auf Akzeptor mit freiem Elektronenpaar
- Molekülstruktur: Bindungspolarität und räumliche Form bestimmen den Dipolcharakter
- Siedetemperatur: stärkere Gesamtanziehung erfordert meist mehr Trennenergie
- Mischbarkeit: neue gemischte Kontakte müssen getrennte Reinstoffkontakte ersetzen
Abschluss-Check
Du kannst einen neuen Fall nun systematisch untersuchen: erst Molekülgröße und London-Kräfte, dann Bindungspolarität und Geometrie, danach mögliche Wasserstoffbrücken – und zuletzt die gesamte Anziehung mit der beobachteten Stoffeigenschaft verbinden.
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