Gendergerechte Sprache: Formen und Argumente
Gendergerechte Sprache soll Personen verschiedener Geschlechter angemessen ansprechen oder sichtbar machen. Dafür gibt es nicht die eine allgemein anerkannte Form: Du kannst Personen ausdrücklich nennen, neutrale Wörter verwenden oder mit einem Genderzeichen arbeiten. Welche Lösung passt, hängt von Aussage, Zielgruppe, Medium und geltenden Vorgaben ab.
Hake ab, was du schon kannst — und komm am Ende hierher zurück!
Warum wird über gendergerechte Sprache gestritten?
Stell dir den Satz vor: „Die Schüler treffen sich in der Aula.“ Sind damit nur Jungen gemeint oder alle Mitglieder der Schülerschaft? Ohne weiteren Kontext bleibt das möglicherweise unklar.
Generisches Maskulinum
Beim generischen Maskulinum steht eine grammatisch männliche Personenbezeichnung für Menschen unabhängig von ihrem Geschlecht. In „Die Schüler schreiben eine Arbeit“ können daher auch Schülerinnen und weitere Personen mitgemeint sein.
Die grammatische Bedeutung und das Bild im Kopf müssen jedoch nicht übereinstimmen. Mehrere ausgewertete Beiträge berichten, dass männliche Personenbezeichnungen häufiger an Männer denken lassen. Kritisiert wird deshalb: Wer nur mitgemeint ist, wird nicht ausdrücklich sichtbar.
Die Gegenposition betont, dass das generische Maskulinum grammatisch alle bezeichnen kann. Seine Verwendung sei oft kürzer, vertrauter und leichter lesbar. Damit stehen sich zwei Fragen gegenüber:
- Bedeutung: Wer kann grammatisch gemeint sein?
- Wirkung: An wen denken Lesende tatsächlich?
Der Satz „Die Ärzte beraten über den Fall“ kann eine gemischte Gruppe meinen. Trotzdem kann das Wort „Ärzte“ zunächst das Bild einer männlichen Gruppe auslösen.
„Die Ärztinnen und Ärzte beraten über den Fall“ nennt Frauen und Männer ausdrücklich. „Das ärztliche Team berät über den Fall“ vermeidet eine Geschlechtszuordnung.
Mitgemeint und sichtbar genannt sind nicht dasselbe. Eine sachliche Analyse unterscheidet die grammatische Bedeutung von der möglichen Wirkung auf Lesende.
Welche Formen kannst du verwenden?
Gendergerechtes Formulieren ist eine Sammlung verschiedener Verfahren. Die Verfahren setzen unterschiedliche Schwerpunkte.
| Verfahren | Beispiel | Kennzeichen |
|---|---|---|
| Beidnennung | Schülerinnen und Schüler | nennt Frauen und Männer ausdrücklich |
| Neutrales Wort | Lehrkraft, Team, Person | vermeidet eine Geschlechtszuordnung |
| Umschreibung | Personen, die am Kurs teilnehmen | beschreibt die gemeinte Gruppe |
| Genderstern | Schüler*innen | soll mehr als zwei Geschlechter einbeziehen |
| Doppelpunkt | Schüler:innen | soll mehr als zwei Geschlechter einbeziehen |
| Unterstrich | Schüler_innen | soll mehr als zwei Geschlechter einbeziehen |
| Schrägstrich | Schüler/innen | verkürzt die männliche und weibliche Form |
| Binnen-I | SchülerInnen | verbindet männliche und weibliche Form in einem Wort |
Beidnennung
Die Beidnennung ist eindeutig, wenn Frauen und Männer ausdrücklich genannt werden sollen: „Lehrerinnen und Lehrer“. Sie ist leicht vorlesbar, kann Sätze aber verlängern. Personen außerhalb der Einteilung in Frauen und Männer werden durch die beiden Formen nicht ausdrücklich sichtbar.
Neutralisierung
Eine Neutralisierung vermeidet die Geschlechtsmarkierung: „Lehrkraft“, „Team“ oder „Personen, die unterrichten“. Sie kann knapp und inklusiv sein. Das Ersatzwort muss aber genau zur gemeinten Gruppe passen.
„Studierende“ bezeichnet Personen, die studieren. Nicht jedes Partizip ist in jedem Zusammenhang ein gleichwertiger Ersatz für eine Berufs- oder Rollenbezeichnung. Prüfe deshalb immer die Bedeutung im Satz.
Genderzeichen
Genderstern, Doppelpunkt und Unterstrich sollen in einer verkürzten Form Menschen verschiedener Geschlechter ansprechen. Beim Sprechen wird an der Zeichenstelle meist eine kurze Pause gesetzt.
Nicht jede Wortform lässt sich durch bloßes Einfügen eines Zeichens bilden. Vergleiche deshalb die vollständigen Formen: Aus „Arzt“ und „Ärztin“ wird beispielsweise „Ärztin“, nicht „Arztin“.
In den ausgewerteten Materialien gehören Genderstern, Doppelpunkt und Unterstrich nicht zum amtlichen Rechtschreibregelwerk. Zugleich werden sie in verschiedenen Einrichtungen verwendet. Es besteht also keine einheitliche Schreibpraxis.
Auch die Barrierefreiheit lässt sich nicht pauschal einem einzigen Zeichen zuschreiben. Die Materialien nennen widersprüchliche Empfehlungen zu Sonderzeichen und Vorleseprogrammen. Für eine konkrete Zielgruppe können daher eine Beidnennung, ein neutrales Wort oder eine erklärte Zeichenform unterschiedlich geeignet sein.
Wie wählst du eine passende Form?
Beginne nicht mit einem Lieblingszeichen, sondern mit der beabsichtigten Aussage. Eine gute Entscheidung folgt vier Schritten:
- Gemeinte Personen klären: Sprichst du über eine bestimmte Person, eine genau bekannte Gruppe oder Menschen allgemein?
- Ziel festlegen: Sollen Geschlechter sichtbar genannt oder soll die Geschlechtszuordnung vermieden werden?
- Situation prüfen: Passt die Form zu Zielgruppe, Medium, Lesbarkeit und vorhandenen Vorgaben?
- Satz kontrollieren: Ist die Form grammatisch richtig, eindeutig und flüssig lesbar?
Ausgangssatz: „Jeder Schüler gibt seinen Zettel beim Lehrer ab.“
Neutral formuliert: „Alle Lernenden geben ihren Zettel bei der Lehrkraft ab.“
Hier passen „Lernende“ und „Lehrkraft“, weil es um Personen in einer Lernsituation und um eine unterrichtende Person geht.
Mit Beidnennung: „Alle Schülerinnen und Schüler geben ihren Zettel bei der Lehrerin oder dem Lehrer ab.“
Diese Version nennt Frauen und Männer ausdrücklich, ist aber länger.
Mit Genderzeichen und neutraler Ergänzung: „Alle Schüler*innen geben ihren Zettel bei der Lehrkraft ab.“
Diese Version signalisiert die Einbeziehung weiterer Geschlechter und vermeidet beim zweiten Personenwort eine zusätzliche Zeichenform.
Wenn du eine einzelne Person direkt ansprichst, sind der gewünschte Name, das gewünschte Pronomen oder eine neutrale Anrede entscheidend. Eine mögliche neutrale Anrede lautet beispielsweise: „Guten Tag Kim Schmidt“.
Die passendste Form ist kontextbezogen: Sie bezeichnet die richtigen Personen, verfolgt ein klares Ziel und bleibt für die vorgesehene Leserschaft verständlich.
Wie beurteilst du Pro- und Contra-Argumente?
Die Debatte verbindet sprachliche Beobachtungen mit politischen und persönlichen Wertungen. Beides darf vorkommen, muss aber unterschieden werden.
Befund und Wertung
Ein Befund beschreibt etwas Beobachtbares oder Untersuchbares, etwa die Häufigkeit einer Form in Texten. Eine Wertung beurteilt etwas anhand eines Maßstabs, etwa als gerecht, schön oder störend.
Typische Argumente für gendergerechte Sprache lauten:
- Genannte Gruppen werden sichtbarer.
- Neutrale oder mehrgeschlechtliche Formen können Ausgrenzung vermeiden.
- Sprachgebrauch verändert sich ohnehin und kann gesellschaftliche Veränderungen aufnehmen.
- Unterschiedliche Verfahren ermöglichen Lösungen für verschiedene Situationen.
Typische Argumente gegen bestimmte Formen lauten:
- Sonderzeichen können ungewohnt oder in einzelnen technischen und sprachlichen Situationen schwer zugänglich sein.
- Manche Formulierungen werden länger oder wirken weniger flüssig.
- Das generische Maskulinum könne grammatisch bereits alle Geschlechter bezeichnen.
- Sichtbare Genderformen können als politische Positionierung wahrgenommen werden.
Ein Argument wird nicht allein dadurch richtig, dass es häufig wiederholt wird. Prüfe es mit vier Fragen:
- Welche Behauptung wird aufgestellt?
- Ist es ein Befund, eine Erklärung oder eine Wertung?
- Welche Belege oder Beispiele tragen die Behauptung?
- Gilt sie allgemein oder nur unter bestimmten Bedingungen?
Aussage: „Der Doppelpunkt ist immer barrierefrei.“
Prüfung: „Immer“ behauptet eine allgemeine Wirkung. Die ausgewerteten Materialien berichten jedoch unterschiedliche Erfahrungen und Empfehlungen zu Sonderzeichen und Vorlesetechnik. Das Urteil ist daher zu pauschal.
Genauer wäre: „Ob der Doppelpunkt zugänglich ist, hängt unter anderem von Zielgruppe und technischer Verarbeitung ab.“
Formuliere selbst und begründe deine Wahl
Überarbeite diesen Satz auf zwei verschiedene Arten:
Die Teilnehmer müssen ihren Betreuer fragen.
- Formuliere den Satz mit einer Neutralisierung.
- Formuliere ihn so, dass Frauen und Männer ausdrücklich genannt werden.
- Erkläre jeweils einen Vorteil und eine Grenze deiner Lösung.
Mögliche neutrale Lösung: „Die teilnehmenden Personen müssen ihre Betreuungsperson fragen.“
Vorteil: Die Form vermeidet eine Zuordnung zu einem Geschlecht. Grenze: „teilnehmende Personen“ ist länger als „Teilnehmer“.
Mögliche Beidnennung: „Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer müssen ihre Betreuerin oder ihren Betreuer fragen.“
Vorteil: Frauen und Männer werden ausdrücklich genannt. Grenze: Die Form ist länger und nennt weitere Geschlechter nicht ausdrücklich.
Andere Lösungen können ebenfalls passen. Entscheidend ist, dass sie grammatisch richtig sind, dieselben Personen meinen und deine Begründung zur konkreten Form passt.
Wähle in jeder Lücke die passende Form und prüfe anschließend deine Antworten.
Wer Personen ohne Geschlechtszuordnung benennen möchte, kann ein wählen. „Schülerinnen und Schüler“ ist eine . Eine Aussage wie „Diese Form ist hässlich“ ist eine . Für eine begründete Entscheidung prüfst du Aussage, Zielgruppe und .
Karteikasten
Überlege zuerst selbst und drehe die Karte anschließend zum Prüfen um.
Alles auf einen Blick
- Gendergerechte Sprache
- Ausgangsfrage: Wer ist gemeint und wer wird sichtbar?
- Beidnennung: Frauen und Männer ausdrücklich nennen
- Neutralisierung: Geschlechtszuordnung vermeiden
- Genderzeichen: mehr als zwei Geschlechter signalisieren
- Auswahl: Zielgruppe, Medium, Verständlichkeit und Vorgaben prüfen
- Debatte: Befunde, Erklärungen und Wertungen unterscheiden
- Urteil: Form im konkreten Zusammenhang begründen
Abschluss-Check
Du kannst gendergerechte Sprache nun als kontextabhängige Entscheidung untersuchen: Kläre zuerst, wer gemeint ist. Vergleiche dann die möglichen Formen und begründe deine Wahl mit ihrer Bedeutung, Wirkung und Verständlichkeit.
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