Morphem: Wortbausteine erkennen und bestimmen
Ein Morphem ist die kleinste sprachliche Einheit mit einer Bedeutung oder grammatischen Funktion. Ein Wort kann aus einem einzigen Morphem bestehen, etwa Tisch, oder mehrere Morpheme enthalten, etwa Kind-er.
Auf dieser Seite lernst du, verschiedene Morphemarten zu unterscheiden und komplexe Wörter Schritt für Schritt zu zerlegen.
Hake ab, was du schon kannst — und komm am Ende hierher zurück!
Was macht einen Wortteil zum Morphem?
Ein Wortteil ist nicht allein deshalb ein Morphem, weil man ihn abtrennen kann. Er muss eine Bedeutung oder eine grammatische Funktion tragen.
Morphem
Ein Morphem ist die kleinste sprachliche Einheit, die eine eigene Bedeutung oder eine grammatische Funktion besitzt. Es lässt sich nicht weiter in kleinere bedeutungs- oder funktionstragende Teile zerlegen.
Im Wort Tische lassen sich zwei Morpheme erkennen:
- Tisch bezeichnet einen Gegenstand und trägt die inhaltliche Bedeutung.
- -e zeigt hier die Mehrzahl an und erfüllt eine grammatische Funktion.
Die einzelnen Laute und Buchstaben in Tisch unterscheiden zwar Wörter voneinander. Sie tragen hier aber nicht jeweils eine eigene Bedeutung. Deshalb sind T, i oder sch keine Morpheme dieses Wortes.
Das Wort Kinder besteht aus Kind und -er.
- Kind benennt eine Person und trägt die inhaltliche Bedeutung.
- -er zeigt in diesem Wort die Mehrzahl an.
- Beide Teile erfüllen eine erkennbare Aufgabe und sind deshalb Morpheme.
Welche Morphemarten gibt es?
Morpheme lassen sich nach verschiedenen Eigenschaften ordnen. Die Einteilungen lexikalisch oder grammatisch und frei oder gebunden beantworten unterschiedliche Fragen.
Lexikalisch oder grammatisch?
Lexikalisches Morphem
Ein lexikalisches Morphem trägt den inhaltlichen Kern eines Wortes. Es wird auch Stamm- oder Basismorphem genannt, zum Beispiel bau in bauen, Anbau und Bebauung.
Grammatisches Morphem
Ein grammatisches Morphem zeigt grammatische Merkmale an. -st in du lernst markiert beispielsweise die zweite Person Singular.
Morpheme wie be-, ent-, -lich oder -ung bilden neue Wörter. Sie heißen Wortbildungsmorpheme. Manche Einteilungen behandeln sie als eigene Hauptklasse, andere ordnen sie den grammatischen Morphemen zu. Für eine Analyse ist deshalb wichtig, die gewählte Bezeichnung konsequent zu verwenden.
Frei oder gebunden?
Freies Morphem
Ein freies Morphem kann als selbstständige Wortform auftreten, zum Beispiel Tisch, heute oder und.
Gebundenes Morphem
Ein gebundenes Morphem kommt nur zusammen mit mindestens einem weiteren Morphem vor, zum Beispiel be- in beleben, -lich in höflich oder -st in lernst.
Ein Morphem kann mehrere Eigenschaften zugleich besitzen. Tisch ist frei und lexikalisch. -st ist gebunden und grammatisch. Die Bezeichnungen sind daher keine konkurrierenden Antworten, sondern beschreiben verschiedene Seiten desselben Morphems.
Frage zuerst nach der Funktion: lexikalisch, grammatisch oder wortbildend? Frage danach nach der Selbstständigkeit: frei oder gebunden?
Wie zerlegst du ein komplexes Wort?
Gehe nicht nur nach dem Klang. Suche nach Bestandteilen, deren Bedeutung oder Funktion du in verwandten Wörtern wiedererkennst.
- Suche den inhaltlichen Stamm oder die inhaltlichen Stämme.
- Prüfe Bestandteile vor und nach dem Stamm auf Wortbildung.
- Suche nach grammatischen Endungen.
- Prüfe bei zusammengesetzten Wörtern, ob ein Fugenelement die Teile verbindet.
- Erkläre die Aufgabe jedes Bestandteils.
Fugenelement
Ein Fugenelement verbindet Bestandteile eines zusammengesetzten Wortes. Das Fugen-s in Haltungsnote verbindet Haltung und Note. Es ist nicht automatisch eine Kasusendung.
Das Wort Befragungsbogens lässt sich als Be-frag-ung-s-bogen-s analysieren:
- Be- bildet zusammen mit dem Stamm ein neues Wort.
- frag ist ein lexikalisches Morphem.
- -ung bildet die Bezeichnung Befragung.
- -s- verbindet Befragung und Bogen als Fugenelement.
- bogen ist das zweite lexikalische Morphem.
- Das letzte -s ist eine Deklinationsendung, zum Beispiel in des Befragungsbogens.
Dass zwei s vorkommen, bedeutet also nicht, dass sie dieselbe Funktion haben.
Auch unglücklich besteht aus mehreren Morphemen:
- un- verändert die Bedeutung ins Gegenteil.
- glück trägt den inhaltlichen Kern.
- -lich bildet ein Adjektiv.
Die Zerlegung lautet daher un-glück-lich.
Warum sind Morpheme und Silben nicht dasselbe?
Eine Silbe ist eine Einheit des Sprechens. Ein Morphem ist dagegen eine Einheit mit Bedeutung oder grammatischer Funktion. Deshalb können ihre Grenzen an verschiedenen Stellen liegen.
| Wort | Sprechsilben | Morpheme |
|---|---|---|
| Segler | Seg-ler | Segl-er |
| zerlegen | zer-le-gen | zer-leg-en |
Bei zerlegen trägt zer- zur Wortbildung bei, leg ist der lexikalische Stamm und -en ist eine grammatische Endung. Die Silbengrenzen ergeben sich dagegen aus der Aussprache.
Klatschen hilft beim Finden von Silben. Für Morpheme musst du nach Bedeutung und grammatischer Funktion fragen.
Vertiefung: Morph und Allomorph
Ein Morph ist die konkrete lautliche oder schriftliche Form eines Morphems. Verschiedene Formen desselben Morphems heißen Allomorphe.
Beim Stamm von Wald erscheint beispielsweise wald in Wald und wäld in Wälder. Beide Formen gehören trotz des Umlauts zum selben lexikalischen Morphem. Auch die Mehrzahl kann durch unterschiedliche Formen ausgedrückt werden, etwa durch -e in Tische, -s in Autos oder Umlaut und -er in Wälder.
Wie hilft Morphemwissen beim Schreiben?
Wenn du bei einer Schreibung unsicher bist, kannst du ein verwandtes Wort mit demselben Stamm suchen. Dadurch wird der gemeinsame Wortbaustein oft deutlicher.
Bei Dächer hilft das verwandte Wort Dach:
- Dach und Dächer gehören zur gleichen Wortfamilie.
- Der gemeinsame Stamm erscheint als Dach beziehungsweise Däch.
- Der Vergleich zeigt den Wechsel von a zu ä.
- Deshalb schreibst du Dächer mit ä.
Das Verfahren funktioniert nur, wenn die Wörter wirklich verwandt sind und denselben Stamm besitzen. Die vereinfachte Aussage „Der Stamm bleibt immer gleich“ meint im Rechtschreibunterricht vor allem den erkennbaren Zusammenhang. Wie Dach – Dächer oder Wald – Wälder zeigen, kann ein Morphem verschiedene Formen besitzen.
Auch wiederkehrende gebundene Morpheme helfen: Die Präfixe ver- und vor- werden mit v geschrieben. Wenn du sie als Wortbausteine erkennst, kannst du diese Schreibung auf weitere Wörter übertragen.
Karteikasten
Überlege zuerst selbst und drehe die Karte anschließend zum Prüfen um.
Alles auf einen Blick
- Morphem
- trägt Bedeutung oder grammatische Funktion
- kann frei oder gebunden sein
- kann lexikalisch, grammatisch oder wortbildend wirken
- Wortanalyse
- Stamm oder Stämme suchen
- Wortbildungsmorpheme bestimmen
- Flexionsendungen und Fugenelemente prüfen
- Abgrenzung
- Silben folgen der Aussprache
- Morpheme folgen Bedeutung und Funktion
- Anwendung
- komplexe Wörter zerlegen
- verwandte Wörter für die Rechtschreibung nutzen
Abschluss-Check
Prüfe zum Schluss deine Strategie: Suche bei einem neuen Wort zuerst den inhaltlichen Kern. Bestimme dann, was die übrigen Bestandteile zur Bedeutung, Wortbildung, Verbindung oder grammatischen Form beitragen.
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