Valenzgrammatik: Wie Verben Sätze bestimmen
Ein Verb gibt dem Satz ein Grundgerüst: Es eröffnet Leerstellen für bestimmte Mitspieler und legt oft auch deren Form fest. Diese Fähigkeit heißt Valenz oder Wertigkeit.
Du lernst, welche Ergänzungen ein Verb fordert, wie du sie von freien Angaben unterscheidest und warum eine Weglassprobe allein nicht genügt.
Hake ab, was du schon kannst — und komm am Ende hierher zurück!
Das Verb eröffnet Leerstellen
Stell dir vor, ein Verb schaltet eine kleine Szene ein. Bei schlafen erscheint jemand, der schläft. Bei schenken gehören zur vollständigen Szene normalerweise jemand, der schenkt, eine beschenkte Person und eine geschenkte Sache.
Valenz
Valenz ist die bedeutungsabhängige Fähigkeit eines Wortes, bestimmte andere Ausdrücke an sich zu binden. Bei der Verbvalenz bestimmt das Verb das Grundgerüst des Satzes.
Die vom Verb vorgesehenen Positionen heißen Leerstellen. Ausdrücke, die solche Leerstellen besetzen, heißen Ergänzungen. In der Sprachwissenschaft findest du dafür auch die Bezeichnungen Komplemente oder Aktanten.
Vergleiche die Verben:
- schlafen:
Lea schläft.– Das Verb eröffnet eine Stelle für die schlafende Person. - belügen:
Lea belügt ihren Bruder.– Das Verb verbindet die handelnde Person mit der belogenen Person. - schenken:
Lea schenkt ihrem Bruder ein Buch.– Die Szene enthält die schenkende Person, die beschenkte Person und die geschenkte Sache.
Die Satzglieder sehen also nicht zufällig verschieden aus. Die jeweilige Verbbedeutung baut ein anderes Grundgerüst auf.
Frage bei der Valenz nicht nur: „Wie viele Satzglieder sehe ich?“ Frage zuerst: „Welche Mitspieler gehören zur Bedeutung dieses Verbs?“
Zahl, Form und Bedeutung gehören zusammen
Die Valenz eines Verbs betrifft mehrere Seiten zugleich. Du prüfst deshalb drei Fragen.
- Zahl: Wie viele Ergänzungen sieht die verwendete Verbbedeutung vor?
- Form: Welchen Kasus oder welche feste Präposition verlangt das Verb?
- Bedeutung: Welche Art von Person, Sache oder Sachverhalt passt in die Leerstelle?
Das Verb bestimmt die Form
Bedeutungsähnliche Verben können unterschiedliche Formen verlangen.
Ich helfe dir.– helfen verlangt hier den Dativ:dir.Ich unterstütze dich.– unterstützen verlangt den Akkusativ:dich.
Darum sind Ich helfe dich und Ich unterstütze dir in diesen Verwendungen grammatisch nicht korrekt. Die ähnliche Bedeutung der Verben führt nicht zum gleichen Kasus.
Auch eine feste Präposition kann zur Valenz gehören:
Mia wartet auf den Bus.Noah verlässt sich auf seine Freundin.
Die Präposition auf ist hier nicht frei gewählt. Sie gehört zur jeweiligen Verbverwendung.
Das Verb begrenzt die Bedeutung
Ein Ausdruck kann formal passen und trotzdem inhaltlich auffällig sein.
Er ermordete einen Stein.
Der Satz enthält ein Subjekt und ein Akkusativobjekt. Die Form stimmt also mit dem Muster von ermorden überein. Ein Stein passt jedoch nicht zur gemeinten Rolle des Opfers. Die Auswahl ist semantisch, also von der Bedeutung her, unpassend.
Ergänzung oder freie Angabe?
Nicht jeder Ausdruck neben einem Verb füllt eine Leerstelle. Zusätzliche Informationen über Zeit, Ort, Art und Weise oder einen Kommentar können freie Angaben sein. In der Valenzgrammatik heißen sie auch Supplemente.
Ergänzung und freie Angabe
Eine Ergänzung gehört zum Valenzrahmen der verwendeten Verbbedeutung. Eine freie Angabe fügt eine nicht vom Verb ausgewählte Information zur Situation hinzu.
Untersuche den Satz:
Mia wartet seit gestern auf den Bus.
Miabezeichnet die wartende Person und besetzt die Subjektstelle.auf den Busentspricht der von warten auf ausgewählten Präpositionalergänzung.seit gesternnennt den Beginn der Wartezeit. Diese Zeitangabe lässt sich mit sehr vielen Verben verbinden und ist hier eine freie Angabe.
Warum Weglassen allein nicht reicht
Mia wartet. ist ein grammatischer Satz. Trotzdem kann auf den Bus zum Valenzrahmen von warten auf etwas oder jemanden gehören. Eine Ergänzung kann also weglassbar sein.
Umgekehrt beweist das Auftreten einer Präpositionalgruppe nicht, dass sie eine Präpositionalergänzung ist. In Mia wartet seit gestern beginnt auch seit gestern mit einer Präposition, bleibt aber eine Zeitangabe.
Form und Funktion sind nicht dasselbe: Eine Präpositionalgruppe kann eine vom Verb bestimmte Ergänzung oder eine freie Angabe sein.
Nutze mehrere Hinweise gemeinsam:
- Gehört die ausgedrückte Rolle zur Bedeutung des Verbs?
- Legt das Verb einen Kasus oder eine feste Präposition fest?
- Lässt sich die Information frei zu vielen verschiedenen Verben hinzufügen?
- Bleibt nach dem Weglassen eine inhaltlich erwartete Stelle offen?
Keine einzelne Probe entscheidet jeden Grenzfall sicher.
So analysierst du einen Satz
Gehe in einer festen Reihenfolge vor. Dadurch vermeidest du, bloß Wörter oder Präpositionen zu zählen.
- Prädikatsausdruck finden: Bestimme das Verb oder den mehrteiligen Ausdruck, der die Szene aufbaut.
- Bedeutung klären: Untersuche, in welcher Bedeutung das Verb im Satz verwendet wird.
- Mitspieler bestimmen: Frage, welche Personen, Sachen oder Sachverhalte zu dieser Szene gehören.
- Form prüfen: Achte auf Kasus, feste Präpositionen und die syntaktische Form.
- Weglassbarkeit prüfen: Unterscheide notwendige von weglassbaren Ergänzungen, ohne allein danach zu entscheiden.
- Freie Angaben abgrenzen: Prüfe, welche Gruppen nur Zeit, Ort, Umstände oder Kommentare ergänzen.
Analysiere: Gestern schenkte Herr Kern dem Jungen eine Birne.
1. Verb und Bedeutung: schenkte bezeichnet eine Übergabe als Geschenk.
2. Mitspieler: Zur Szene gehören der Schenkende, der Empfänger und die geschenkte Sache.
3. Form:
Herr Kernist das Subjekt.dem Jungensteht im Dativ und bezeichnet den Empfänger.eine Birnesteht im Akkusativ und bezeichnet die geschenkte Sache.
4. Freie Angabe: Gestern legt die Zeit fest. Das Verb schenken verlangt keine bestimmte Zeitangabe.
Ergebnis: Das Verb eröffnet drei Ergänzungsstellen. Gestern erweitert den Satz als freie Angabe.
Ähnliche Szenen können anders gebaut sein
Vergleiche:
Jemand lädt Kisten auf einen Lastwagen.Jemand belädt einen Lastwagen mit Kisten.
Beide Sätze beschreiben eine ähnliche Szene mit einer handelnden Person, Kisten und einem Lastwagen. Die Verben verteilen die Formen jedoch verschieden: Bei laden stehen die Kisten als Akkusativobjekt, bei beladen steht der Lastwagen als Akkusativobjekt.
Vertiefung: Wertigkeit kann sich verändern
Die Wertigkeit ist nicht immer eine unveränderliche Zahl, die du neben eine bloße Verbform schreiben kannst. Bedeutung, Konstruktion und Kontext beeinflussen, welche Ergänzungen möglich sind und welche im konkreten Satz erscheinen.
Vergleiche:
Ernst schreibt.Ernst schreibt seiner Mutter.Ernst schreibt seiner Mutter einen Brief.Ernst schreibt seiner Mutter einen Brief über seine Geldnot.
Die Sätze realisieren unterschiedlich viele abhängige Ausdrücke. Dabei muss sorgfältig geprüft werden, welche Gruppen tatsächlich vom Verb abhängen. Eine Gruppe innerhalb eines Satzglieds darf nicht vorschnell als eigene Verb-Ergänzung gezählt werden.
Potenzielle und realisierte Valenz
Die potenzielle Valenz beschreibt, welche Ergänzungen eine Verbverwendung eröffnen kann. Die realisierte Valenz zeigt, welche davon in einem konkreten Satz tatsächlich ausgedrückt sind.
Diese Unterscheidung erklärt, warum Sie isst einen Apfel und Sie isst beide möglich sind. Die gegessene Sache gehört zur Bedeutung von essen, muss aber nicht in jedem Satz genannt werden.
Anders ist es bei Noah verlässt sich auf Mia. Ohne die Ergänzung entsteht Noah verlässt sich, was in der gemeinten Verwendung unvollständig wirkt. auf Mia ist hier obligatorisch.
Auch Verben können mehrdeutig sein. Deshalb bestimmst du die Valenz immer für die verwendete Bedeutung. Ein Verb in einer anderen Bedeutung kann einen anderen Valenzrahmen besitzen.
Ein Sonderfall sind Wetterverben wie in Es regnet. Sie werden häufig als nullwertig beschrieben: Das es bezeichnet keinen handelnden Mitspieler, sondern besetzt die im deutschen Aussagesatz benötigte Subjektposition.
Karteikasten
Überlege zuerst selbst und drehe die Karte anschließend zum Prüfen um.
Alles auf einen Blick
- Valenzgrammatik
- Verb als Zentrum
- eröffnet Leerstellen
- bildet das Satzgrundgerüst
- Ergänzungen
- passen zur Verbbedeutung
- haben bestimmte Formen
- können obligatorisch oder weglassbar sein
- Freie Angaben
- ergänzen Zeit, Ort oder Umstände
- werden nicht vom Verb ausgewählt
- Satzanalyse
- Bedeutung bestimmen
- Mitspieler und Form prüfen
- Angaben abgrenzen
- Vertiefung
- potenzielle Valenz
- realisierte Valenz
- Verb als Zentrum
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