Wissenschaftliches Arbeiten: So gehst du vor
Wissenschaftspropädeutisches Arbeiten führt dich schrittweise an wissenschaftliches Denken und Arbeiten heran. Du entwickelst eine beantwortbare Frage, suchst und prüfst Informationen, wählst passende Methoden und begründest dein Ergebnis. Dabei simulierst du kein vollständiges Studium: Du übst wissenschaftliche Arbeitsweisen an einem überschaubaren Gegenstand.
Hake ab, was du schon kannst — und komm am Ende hierher zurück!
Was wissenschaftspropädeutisches Arbeiten bedeutet
Vielleicht kennst du bereits einzelne Techniken wie Recherchieren, Zitieren oder Gliedern. Wissenschaftspropädeutisches Arbeiten verbindet diese Techniken mit einer wissenschaftlichen Haltung: Du fragst neugierig, gehst methodisch vor, prüfst Behauptungen kritisch und machst deinen Denkweg nachvollziehbar.
Wissenschaftspropädeutik
Wissenschaftspropädeutik ist die exemplarische Hinführung zu wissenschaftlichen Denk-, Arbeits- und Kommunikationsweisen. Sie bereitet auf wissenschaftliches Arbeiten vor, ohne ein Fachstudium vorwegzunehmen.
Du lernst dabei in drei miteinander verbundenen Feldern:
- an Wissenschaft: Du erwirbst Fachwissen, entwickelst Fragen und prüfst vorhandene Erkenntnisse.
- in Wissenschaft: Du wendest Methoden und Arbeitstechniken praktisch an, etwa Recherche, Analyse oder Befragung.
- über Wissenschaft: Du untersuchst, was eine Methode leisten kann und wo die Grenzen einer Aussage liegen.
Korrektes Zitieren allein genügt deshalb nicht. Entscheidend ist der gesamte Weg von der Frage über die Prüfung von Informationen bis zum begründeten und begrenzten Ergebnis.
Wissenschaftspropädeutisch arbeitest du, wenn du nicht nur ein Ergebnis vorlegst, sondern auch zeigst, wie du dazu gekommen bist und wie weit es gilt.
Aus einem Thema wird eine Forschungsfrage
Ein Thema nennt zunächst nur einen Bereich, zum Beispiel Sprache in sozialen Medien. Damit kannst du noch nicht zielgerichtet arbeiten. Eine Forschungsfrage legt fest, was du an welchem Gegenstand untersuchen möchtest.
Forschungsfrage
Eine Forschungsfrage formuliert das Erkenntnisziel einer Untersuchung. Sie grenzt den Gegenstand ein und steuert Recherche, Methode, Gliederung und Auswertung.
Eine tragfähige Forschungsfrage ist:
- klar: Die zentralen Begriffe sind verständlich.
- abgegrenzt: Gegenstand, Material oder Zeitraum sind überschaubar.
- problemorientiert: Die Antwort verlangt Untersuchung und Begründung statt bloß einer Aufzählung.
- beantwortbar: Zeit, Quellen und Methoden reichen für die Bearbeitung aus.
- offen: Das Ergebnis steht nicht schon in der Frage fest.
Breites Thema: Sprache in sozialen Medien
Zu weit: Wie verändert das Internet unsere Sprache?
Die Frage umfasst zu viele Plattformen, Textsorten, Personengruppen und sprachliche Erscheinungen.
Zu eng und nur feststellend: Kommt das Wort „lol“ in fünf ausgewählten Kommentaren vor?
Diese Frage lässt sich zwar beantworten, eröffnet aber kaum Raum für eine begründete Untersuchung.
Bearbeitbar: Welche Funktionen erfüllen Abkürzungen in ausgewählten Kommentaren eines Klassenprojekts?
Nun sind Material und Untersuchungsmerkmal eingegrenzt. Du kannst Beispiele sammeln, ihre Verwendung vergleichen und daraus ein begrenztes Ergebnis ableiten.
Prüfe vor der Recherche außerdem: Welche Antwort würde die Frage tatsächlich beantworten? Dadurch erkennst du früh, welche Informationen du brauchst und was nicht zu deinem Thema gehört.
Recherche planen und Quellen kritisch prüfen
Eine gute Recherche beginnt nicht mit wahllosem Suchen. Leite aus deiner Forschungsfrage zunächst Suchbegriffe ab. Sammle dafür zentrale Begriffe, genauere Unterbegriffe und mögliche Synonyme. Halte anschließend fest, wo du gesucht hast und welche Ergebnisse weiterhelfen.
Ein sinnvoller Rechercheweg sieht so aus:
- Zerlege die Forschungsfrage in zentrale Begriffe.
- Formuliere mehrere passende Suchbegriffe und Kombinationen.
- Suche gezielt nach unterschiedlichen, fachlich geeigneten Quellen.
- Erfasse die bibliografischen Angaben sofort.
- Prüfe die Fundstücke, bevor du ihre Aussagen übernimmst.
- Suche nach weiteren Perspektiven und möglichen Gegenbelegen.
Nicht jeder Treffer ist schon eine geeignete Quelle. Prüfe mindestens diese drei Gesichtspunkte:
- Autorität: Wer ist für den Inhalt verantwortlich? Welche fachliche Zuständigkeit oder erkennbare Sachkenntnis liegt vor?
- Aktualität: Wann wurde der Inhalt veröffentlicht oder überarbeitet? Ist das Datum für deine Frage wichtig?
- Zweck: Soll der Text informieren, überzeugen, werben oder unterhalten? Welche Auswahl oder Einseitigkeit kann daraus entstehen?
Ergänzend fragst du: Belegt die Quelle ihre Aussagen? Passt sie wirklich zu deiner Forschungsfrage? Werden Begriffe, Methode und Datengrundlage deutlich? Widersprechen andere geeignete Quellen ihren Aussagen?
Aktualität bedeutet nicht automatisch Qualität. Für eine gegenwärtige technische Entwicklung kann ein neuer Text wichtig sein. Für eine historische Fragestellung kann dagegen eine ältere Quelle selbst zum Untersuchungsgegenstand werden.
Du findest zu deiner Frage über Werbesprache zwei Texte. Text A nennt eine verantwortliche Fachinstitution, erklärt sein Vorgehen und weist das Erscheinungsdatum aus. Text B macht eine starke Behauptung, nennt aber weder Verfasser noch Belege.
Text A ist zunächst besser prüfbar. Text B muss nicht automatisch falsch sein, trägt deine Argumentation aber nicht zuverlässig. Du suchst deshalb nach nachvollziehbaren Belegen für seine Behauptung, bevor du sie verwendest.
Exzerpieren, ordnen und eigenständig argumentieren
Beim Exzerpieren hältst du die für deine Forschungsfrage wichtigen Aussagen einer Quelle knapp fest. Ein Exzerpt ist keine Abschrift des gesamten Textes. Es hilft dir, Relevantes auszuwählen und den späteren Argumentationsweg vorzubereiten.
Exzerpt
Ein Exzerpt ist eine geordnete Zusammenstellung wesentlicher Aussagen aus einer Quelle. Es kennzeichnet übernommene Inhalte eindeutig und hält die Fundstelle nachvollziehbar fest.
Ein brauchbarer Exzerpteintrag enthält:
- die Angaben, mit denen du die Quelle wiederfinden und korrekt nachweisen kannst;
- den Bezug zu deiner Forschungsfrage oder einem Gliederungspunkt;
- die zentrale Aussage in eigenen Worten oder ein eindeutig markiertes wörtliches Zitat;
- die genaue Fundstelle, soweit sie in der Quelle vorhanden ist;
- eine getrennt notierte eigene Frage, Bewertung oder Schlussfolgerung.
Befund aus einer untersuchten Quelle: Abkürzungen können in kurzen Kommentaren Zugehörigkeit zu einer Gruppe signalisieren.
Eigene Schlussfolgerung: Für die Forschungsfrage ist deshalb nicht nur die Platzersparnis wichtig. Die Beispiele müssen auch daraufhin verglichen werden, ob sie eine soziale Funktion erkennen lassen.
Die beiden Ebenen bleiben sichtbar getrennt: Der erste Satz gibt einen Quellenbefund wieder, der zweite entwickelt daraus einen nächsten Untersuchungsschritt.
Aus deinen Exzerpten entsteht eine argumentative Gliederung. Ordne nicht einfach Quelle A, Quelle B und Quelle C nacheinander an. Bündele die Befunde nach Teilfragen oder Argumenten.
Ein möglicher roter Faden ist:
- Frage und Bedeutung des Gegenstands erklären.
- notwendige Begriffe und Vorgehensweise klären.
- Befunde nach Teilaspekten geordnet darstellen und vergleichen.
- Gegenbelege oder Einschränkungen prüfen.
- die Forschungsfrage beantworten und Grenzen des Ergebnisses nennen.
Quellen liefern Material für deine Argumentation. Die Gliederung folgt deiner Forschungsfrage, nicht der Reihenfolge deiner Fundstücke.
Den Arbeitsprozess planen und reflektieren
Eine eigenständige Arbeit entsteht nicht in einem einzigen Schreibschritt. Du erweiterst und verengst dein Thema mehrfach, arbeitest neue Quellen ein, überarbeitest die Gliederung und prüfst deine Ergebnisse.
Plane deshalb rückwärts vom Abgabetermin. Lege überprüfbare Meilensteine fest, zum Beispiel:
- Thema und vorläufige Forschungsfrage klären.
- Suchstrategie und erste Quellenübersicht erstellen.
- Quellen prüfen und Exzerpte anfertigen.
- Methode und argumentative Gliederung festlegen.
- einen ersten Textstand schreiben.
- Argumentation, Nachweise und Gegenbelege prüfen.
- Sprache, Fachbegriffe und Form überarbeiten.
- Ergebnis präsentieren und Grenzen reflektieren.
Methode
Eine Methode ist ein geplantes, nachvollziehbares Vorgehen, mit dem du Informationen gewinnst oder auswertest. Die Forschungsfrage bestimmt, welche Methode geeignet ist.
Je nach Gegenstand kommen beispielsweise Literatur- und Quellenanalyse, Vergleich, Interview, Befragung, Experiment oder Fallstudie infrage. Eine Methode ist nicht schon deshalb passend, weil sie interessant wirkt. Sie muss mit den verfügbaren Mitteln durchführbar sein und zur Antwort auf die Forschungsfrage beitragen.
Auch Umwege gehören zum Prozess. Wenn eine Suche keine geeigneten Belege liefert oder eine Methode scheitert, hältst du fest, was nicht funktioniert hat, passt deinen Plan begründet an und prüfst die Folgen für deine Fragestellung.
Am Ende formulierst du kein grenzenloses „So ist es“, sondern ein begrenztes Urteil: Was zeigen deine untersuchten Quellen oder Daten? Unter welchen Bedingungen gilt das Ergebnis? Wozu erlaubt deine Untersuchung keine Aussage?
Deine Untersuchung umfasst nur eine kleine Auswahl von Kommentaren aus einem Klassenprojekt. Du kannst begründet beschreiben, welche Funktionen Abkürzungen in diesem Material erfüllen. Du kannst daraus aber keine sichere Aussage über alle sozialen Medien und alle Nutzergruppen ableiten.
Karteikasten
Überlege zuerst selbst und drehe die Karte anschließend zum Prüfen um.
Alles auf einen Blick
- Wissenschaftspropädeutisch arbeiten
- Orientierung
- Interesse und Forschungsfrage
- Gegenstand und Ziel abgrenzen
- Untersuchung
- Suchstrategie entwickeln
- Quellen und Informationen prüfen
- passende Methode anwenden
- Verarbeitung
- Befunde exzerpieren
- Quelle und eigene Folgerung trennen
- Argumente und Gegenbelege ordnen
- Arbeitsprozess
- Meilensteine planen
- Schwierigkeiten dokumentieren
- Vorgehen begründet anpassen
- Ergebnis
- Forschungsfrage beantworten
- Reichweite und Grenzen offenlegen
- nachvollziehbar präsentieren
- Orientierung
Abschluss-Check
Du bist wissenschaftspropädeutisch vorgegangen, wenn dein Weg von der Frage bis zum Urteil prüfbar bleibt: Du hast gezielt gesucht, Quellen kritisch bewertet, fremde und eigene Gedanken getrennt, Gegenbelege ernst genommen und die Grenzen deines Ergebnisses offengelegt.
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