Attributionsforschung: Extremwetter richtig einordnen
Attributionsforschung untersucht nicht, ob der Klimawandel ein einzelnes Extremereignis allein verursacht hat. Sie prüft, wie stark die menschengemachte Erwärmung dessen Wahrscheinlichkeit oder Intensität verändert hat.
Du lernst, solche Forschungsergebnisse zu erklären, Unsicherheiten zu beachten und Wettergefahr von Katastrophenfolgen zu unterscheiden.
Hake ab, was du schon kannst — und komm am Ende hierher zurück!
Was sagt ein einzelnes Extremereignis aus?
Eine ungewöhnliche Hitzewelle oder ein Starkregen ist zunächst ein Wetterereignis. Wetter beschreibt den Zustand der Atmosphäre an einem Ort zu einer bestimmten Zeit oder über einen kurzen Zeitraum.
Klima beschreibt dagegen statistische Eigenschaften des Wetters über längere Zeiträume. Dazu gehören Mittelwerte, Extremwerte, Häufigkeiten und die Dauer bestimmter Wetterlagen. Häufig wird dafür ein Zeitraum von 30 Jahren betrachtet.
Ein einzelnes Ereignis beweist den Klimawandel daher weder allein noch widerlegt es ihn. Trotzdem kann die Forschung untersuchen, ob die menschengemachte Erwärmung ein bestimmtes Ereignis wahrscheinlicher oder intensiver gemacht hat.
Attributionsforschung
Attributionsforschung bewertet die relativen Beiträge verschiedener Ursachen zu einer Veränderung oder einem Ereignis. In der Klimaforschung untersucht sie besonders den Einfluss der menschengemachten Erwärmung auf die Häufigkeit und Eigenschaften von Extremwetter.
Die passende Frage lautet nicht: „Hat der Klimawandel dieses Ereignis verursacht?“ Sie lautet: „Wie hat der Klimawandel die Wahrscheinlichkeit oder Intensität dieses Ereignisses verändert?“
Wie vergleichen Forschende zwei Klimawelten?
Eine Attributionsstudie beginnt mit einer genauen Frage. Forschende müssen festlegen, welches Ereignis, welche Region und welcher Zeitraum untersucht werden. Ohne diese Abgrenzung wären verschiedene Studienergebnisse nicht sinnvoll vergleichbar.
Danach prüfen sie, ob Klimamodelle das Ereignis und seine beobachtete Häufigkeit ausreichend darstellen können. Ein Klimamodell ist eine rechnerische Beschreibung wichtiger Vorgänge im Klimasystem. Es vereinfacht die Wirklichkeit und muss deshalb an Beobachtungsdaten geprüft werden.
Anschließend werden viele Simulationen zweier Modellwelten verglichen:
- Faktische Welt: Sie enthält natürliche Einflüsse und die bekannten menschlichen Einflüsse auf das Klima.
- Kontrafaktische Welt: Sie enthält natürliche Einflüsse, aber nicht die menschengemachte Erwärmung durch zusätzliche Treibhausgase.
Tritt das definierte Ereignis in der faktischen Welt häufiger oder stärker auf, lässt sich daraus ein Klimawandelbeitrag abschätzen.
Stell dir eine Untersuchung zu einer regionalen Hitzewelle vor. Zuerst werden Temperaturgrenze, Gebiet und Dauer festgelegt. Dann prüfen die Forschenden, ob die Modelle vergleichbare Hitzewellen realistisch darstellen. Schließlich vergleichen sie viele Simulationen mit und ohne menschlichen Klimaeinfluss.
Zeigt sich die Hitzewelle in der faktischen Welt deutlich häufiger, lautet die Schlussfolgerung nicht „nur der Klimawandel war die Ursache“. Die begründete Aussage lautet: „Die menschengemachte Erwärmung hat dieses Ereignis wahrscheinlicher gemacht.“
Die vier Arbeitsschritte
- Ereignis räumlich und zeitlich definieren.
- Modell mithilfe von Beobachtungen prüfen.
- Faktische und kontrafaktische Modellwelt vergleichen und die Robustheit des Unterschieds untersuchen.
- Ergebnis mit Annahmen, Vorgehen und Unsicherheiten kommunizieren.
Wie liest du Wahrscheinlichkeit und Intensität?
Attributionsstudien können verschiedene Größen angeben:
- Die Eintrittswahrscheinlichkeit beschreibt, wie wahrscheinlich ein definiertes Ereignis unter bestimmten Klimabedingungen ist.
- Die Wiederkehrperiode gibt den langfristigen statistischen Abstand zwischen vergleichbaren Ereignissen an.
- Die Intensität beschreibt die Stärke eines Ereignisses, etwa seine Temperatur oder Niederschlagsmenge.
Eine Wiederkehrperiode von zehn Jahren ist kein fester Terminkalender. Sie bedeutet, dass ein Ereignis unter gleichbleibenden Bedingungen langfristig im Durchschnitt einmal in zehn Jahren zu erwarten wäre. Es kann trotzdem in zwei aufeinanderfolgenden Jahren auftreten oder länger ausbleiben. In einem sich erwärmenden Klima können sich diese Wahrscheinlichkeiten zudem verändern.
Für die Starkregenfälle in Westeuropa im Juli 2021 ergaben Untersuchungen gegenüber einem um 1,2 °C kühleren Klima:
- Das Ereignis war um den Faktor 1,2 bis 9 wahrscheinlicher.
- Seine Intensität war um 3 bis 19 Prozent erhöht.
Die Spannweiten sind ein wichtiger Teil des Ergebnisses. Sie zeigen, dass die Richtung des Einflusses erkennbar war, seine genaue Größe aber erheblich unsicher blieb. Man darf daher nicht einfach einen einzelnen Wert aus der Spannweite als sicheres Ergebnis auswählen.
Für die deutsche Hitzewelle von 2019 wurde geschätzt, dass ein vergleichbares Ereignis im damaligen Klima ungefähr alle 10 bis 30 Jahre auftritt. Ohne anthropogenen Klimawandel hätte seine Wiederkehrperiode einige Jahrzehnte bis 100 Jahre betragen; außerdem wäre die Hitzewelle etwa 1,5 bis 3 °C kühler gewesen.
Wo liegen die Grenzen der Methode?
Attribution gelingt nicht für jedes Ereignis gleich gut. Großräumige Hitzewellen lassen sich vergleichsweise gut untersuchen. Bei kleinräumigen Phänomenen wie Tornados, Hagelstürmen oder einzelnen Sturzfluten ist eine belastbare Zuordnung derzeit schwieriger oder nicht möglich.
Dafür gibt es mehrere Gründe:
- Extremereignisse sind selten, sodass lange Beobachtungsreihen fehlen können.
- Natürliche Klimaschwankungen können das menschliche Signal überlagern.
- Modelle bilden manche Regionen und Wetterprozesse besser ab als andere.
- Messnetze und Datenqualität sind regional sehr unterschiedlich.
- Schnelle Studien kurz nach einem Ereignis nutzen anerkannte Methoden, können aber bereits vor einem längeren Begutachtungsverfahren erscheinen.
Ein Unsicherheitsbereich macht eine Studie nicht wertlos. Er zeigt, welche Aussagen die Daten und Modelle tragen und wie genau die Größe des Einflusses eingegrenzt werden kann. Verantwortungsvolle Kommunikation nennt deshalb sowohl die Richtung des Ergebnisses als auch seine Unsicherheit.
Warum ist Extremwetter nicht automatisch eine Katastrophe?
Attributionsforschung zum Wetterereignis erklärt noch nicht vollständig, wie groß die Schäden ausfallen. Dafür sind weitere Bedingungen wichtig:
- Exposition: Welche Menschen, Gebäude oder Infrastruktur befinden sich im Gefahrengebiet?
- Vulnerabilität: Wie verletzlich sind Menschen und Sachwerte gegenüber der Gefahr?
- Resilienz: Wie gut können Gesellschaften Belastungen bewältigen und sich erholen?
- Bewältigungskapazität: Welche Warnsysteme, Schutzmaßnahmen, Hilfsdienste und finanziellen Mittel stehen bereit?
Eine Hitzewelle kann beispielsweise bei gleicher Temperatur sehr unterschiedliche Folgen haben. Zugang zu kühlen Räumen, medizinischer Versorgung und funktionierenden Warn- und Aktionsplänen verändert das Risiko.
Wettergefahr und Katastrophenfolge sind nicht dasselbe. Erst das Zusammenspiel von Naturgefahr, Exposition, Vulnerabilität und Bewältigungsmöglichkeiten bestimmt das Ausmaß der Schäden.
Frühwarnsysteme können Leben retten. Sie verhindern jedoch weder das Extremereignis selbst noch zwangsläufig große Sachschäden. Attributionswissen kann deshalb Vorsorge und Anpassung unterstützen, ersetzt aber weder Schutzmaßnahmen noch die Verringerung von Treibhausgasemissionen.
Vertiefung: Folgen und Emissionsquellen zuordnen
Die klassische Ereignisattribution untersucht, wie die Erwärmung Wahrscheinlichkeit oder Intensität eines Wetterereignisses verändert hat. Darauf bauen zwei weitere Forschungsrichtungen auf.
Impact Attribution
Impact Attribution untersucht zusätzliche Folgen eines klimawandelbedingt veränderten Ereignisses. Dazu können zusätzliche Todesfälle während einer verstärkten Hitzewelle oder zusätzliche Sturmschäden durch höhere Windgeschwindigkeiten gehören.
Source Attribution
Source Attribution untersucht, welcher Anteil des Klimaeinflusses mit den Emissionen bestimmter Staaten oder Unternehmen verbunden werden kann.
Bei der Source Attribution reicht Naturwissenschaft allein nicht für jede Entscheidung aus. Es muss beispielsweise festgelegt werden, ob Emissionen eines exportierten Produkts dem Produktionsland oder dem Land des Konsums zugerechnet werden. Das ist eine politische oder bilanzielle Zurechnungsentscheidung.
Karteikasten
Überlege zuerst selbst und drehe die Karte anschließend zum Prüfen um.
Alles auf einen Blick
- Attributionsforschung
- Ausgangspunkt: klar definiertes Extremereignis
- Methode: Modelle prüfen und zwei Klimawelten vergleichen
- Ergebnisse: Wahrscheinlichkeit, Wiederkehrperiode und Intensität
- Bewertung: Unsicherheiten, Datenqualität und Modellgrenzen beachten
- Katastrophenfolgen: Exposition, Vulnerabilität und Bewältigung einbeziehen
- Vertiefung: Folgen und Emissionsquellen zuordnen
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