Geschichte der Gewerkschaften in Deutschland
Gewerkschaften entstanden, weil Beschäftigte gemeinsam mehr erreichen konnten als allein. Aus Unterstützungskassen und Berufsvereinen entwickelten sich Organisationen, die für bessere Löhne, kürzere Arbeitszeiten, soziale Sicherheit und politische Mitbestimmung eintraten. Ihre Geschichte wurde von Erfolgen, Verboten, Neuanfängen und neuen wirtschaftlichen Herausforderungen geprägt.
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Warum sich Arbeiterinnen und Arbeiter organisierten
Stell dir vor, du arbeitest mehr als zwölf Stunden am Tag in einer gefährlichen Fabrik. Bei Krankheit erhältst du keinen Lohn. Wenn du allein eine Verbesserung verlangst, kannst du leicht entlassen werden. Genau solche Bedingungen prägten viele Arbeitsverhältnisse im 19. Jahrhundert.
Mit der Industrialisierung ersetzten Maschinen zunehmend handwerkliche Arbeit. Fabriken produzierten große Warenmengen, doch viele Beschäftigte erhielten niedrige Löhne und besaßen kaum Rechte. Arbeitsunfälle, schlechte Wohnverhältnisse und fehlende soziale Absicherung bedrohten ganze Familien.
Zunächst gründeten Arbeiterinnen und Arbeiter Bildungsvereine und Unterstützungskassen. In eine solche Kasse zahlten viele Mitglieder ein. Wurde jemand krank oder starb, unterstützte das gemeinsame Geld die betroffene Familie.
Solidaritätsprinzip
Viele tragen gemeinsam ein Risiko, damit ein einzelnes Mitglied in einer Notlage nicht allein bleibt. Dieses gemeinsame Einstehen füreinander heißt Solidaritätsprinzip.
Aus Berufsvereinen entstanden schrittweise Gewerkschaften. Buchdrucker, Zigarrenarbeiter, Metallarbeiter und andere Berufsgruppen schlossen sich zusammen. Sie forderten unter anderem höhere Löhne und kürzere Arbeitszeiten.
1873 entstand der Allgemeine Deutsche Buchdruckertarif. Er regelte Löhne und Arbeitsbedingungen über einzelne Betriebe hinaus. Das Beispiel zeigt den entscheidenden Wandel: Beschäftigte protestierten nicht nur, sondern handelten verbindliche Regeln mit Arbeitgebern aus.
Soziale Not allein erzeugt noch keine Gewerkschaft. Erst dauerhafte Organisation macht aus vielen einzelnen Beschäftigten eine handlungsfähige Gemeinschaft.
Wie aus Verboten eine starke Bewegung wurde
Der Staat reagierte nicht nur mit Reformen auf die Arbeiterbewegung. Bismarcks Sozialistengesetz schränkte von 1878 bis 1890 die offene Tätigkeit sozialistischer und sozialdemokratischer Organisationen sowie von Gewerkschaftern stark ein. Gleichzeitig führte der Staat Kranken-, Unfall- und Rentenversicherung ein.
Damit standen zwei politische Wege nebeneinander: Unterdrückung sollte die organisierte Bewegung schwächen, während Sozialversicherung bestimmte Lebensrisiken abfedern sollte. Die grundlegenden Arbeitsbedingungen in den Betrieben änderten sich dadurch jedoch nicht automatisch.
Nach dem Ende des Sozialistengesetzes entstand 1890 die Generalkommission der Gewerkschaften Deutschlands. Sie bündelte einen großen Teil der freien Gewerkschaften, ohne die einzelnen Verbände aufzulösen. Bis 1913 wuchsen die dort organisierten Gewerkschaften auf rund 2,5 Millionen Mitglieder.
Beim Bergarbeiterstreik von 1889 verlangten Beschäftigte unter anderem 15 Prozent mehr Lohn und eine Achtstundenschicht einschließlich Ein- und Ausfahrt. Die Forderungen blieben unbeantwortet. Das Beispiel macht deutlich: Ein Arbeitskampf kann Druck erzeugen, garantiert aber keinen Erfolg.
Zu Beginn des Ersten Weltkriegs verzichteten die Gewerkschaften im sogenannten Burgfrieden zunächst auf Arbeitskämpfe. Im Verlauf des Krieges nahmen jedoch Hunger, Mangel und Proteste zu.
Wie Gewerkschaften Demokratie verteidigten und verloren
Die Revolution von 1918 und die Weimarer Republik veränderten die Stellung der Gewerkschaften. Sie wurden als Vertreter der Beschäftigten anerkannt. Tarifverträge, der Achtstundentag, Betriebsräte und arbeitsrechtliche Einrichtungen gewannen an Bedeutung.
Tarifvertrag
Ein Tarifvertrag wird zwischen einer Gewerkschaft und einem Arbeitgeber oder Arbeitgeberverband ausgehandelt. Er regelt beispielsweise Löhne, Arbeitszeiten oder Urlaub für seinen Geltungsbereich.
Im Legien-Stinnes-Abkommen vom 15. November 1918 vereinbarten Gewerkschafts- und Arbeitgebervertreter Verfahren zur Aushandlung von Arbeitsbedingungen. 1919 ersetzte der Allgemeine Deutsche Gewerkschaftsbund, kurz ADGB, die Generalkommission.
Als 1920 der Kapp-Putsch die parlamentarische Republik bedrohte, organisierten Gewerkschaften einen Generalstreik. Rund zwölf Millionen Menschen legten die Arbeit nieder. Der Umsturzversuch scheiterte.
Der Generalstreik gegen den Kapp-Putsch ging über eine Lohnforderung hinaus. Indem Beschäftigte in vielen Bereichen gleichzeitig die Arbeit einstellten, entzogen sie den Putschisten die Möglichkeit, Staat und Wirtschaft normal zu betreiben. Gewerkschaftliche Organisation wurde so zu einem Mittel der Demokratieverteidigung.
Wirtschaftskrisen, Inflation, Arbeitslosigkeit und politische Radikalisierung schwächten die Gewerkschaften später. Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme wurden ihre Häuser am 2. Mai 1933 besetzt, Funktionäre verhaftet und misshandelt. Die freien Gewerkschaften wurden zerschlagen und durch die staatlich kontrollierte Deutsche Arbeitsfront ersetzt.
Einige Gewerkschafter leisteten Widerstand. Wilhelm Leuschner arbeitete im Untergrund an einer Neuordnung nach dem Ende der Diktatur. Nach dem Attentat vom 20. Juli 1944 wurde er verhaftet und hingerichtet. Sein Aufruf „Schafft die Einheit“ wurde nach 1945 zu einem wichtigen Gedanken beim Aufbau parteipolitisch unabhängiger Einheitsgewerkschaften.
Freie Gewerkschaften brauchen politische Freiheitsrechte. Eine staatlich kontrollierte Organisation ist keine unabhängige Interessenvertretung der Beschäftigten.
Warum Gewerkschaften nach 1945 verschieden aufgebaut wurden
Nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden in allen Besatzungszonen neue Gewerkschaften. Die Erfahrungen mit politischer Spaltung und nationalsozialistischer Verfolgung stärkten die Idee der Einheitsgewerkschaft.
Einheitsgewerkschaft
Eine Einheitsgewerkschaft organisiert Beschäftigte unabhängig von ihrer Partei, Religion oder Weltanschauung. Verschiedene politische Gruppen sollen innerhalb einer gemeinsamen Gewerkschaft zusammenarbeiten.
In Westdeutschland wurde 1949 der Deutsche Gewerkschaftsbund, kurz DGB, gegründet. Er war ein Dachverband von zunächst 16 autonomen Einzelgewerkschaften. Autonom bedeutet hier: Die Mitgliedsgewerkschaften regelten ihre eigenen Angelegenheiten, während der DGB gemeinsame politische Interessen bündelte.
In der sowjetischen Besatzungszone entstand bereits 1945 der Freie Deutsche Gewerkschaftsbund, kurz FDGB. In der DDR wurde er von der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands, der SED, dominiert. Er organisierte Teile des Arbeits- und Freizeitlebens, konnte aber nicht als unabhängige Gegenmacht zur Staats- und Parteiführung handeln.
| Merkmal | DGB in der Bundesrepublik | FDGB in der DDR |
|---|---|---|
| Stellung | Dachverband autonomer Einzelgewerkschaften | von der SED dominierte Massenorganisation |
| Verhältnis zum Staat | eigenständige Interessenvertretung mit begrenzter politischer Durchsetzung | in das politische System der DDR eingebunden |
| Ende oder Fortbestand | besteht über die Wiedervereinigung hinaus | löste sich 1990 auf |
Wie Arbeitskämpfe zu neuen Rechten führten
Nach 1949 kämpften Gewerkschaften in der Bundesrepublik unter anderem für Mitbestimmung, höhere Löhne, kürzere Arbeitszeiten, bezahlten Urlaub und Lohnfortzahlung bei Krankheit.
Mitbestimmung
Mitbestimmung bedeutet, dass Beschäftigte oder ihre gewählten Vertreter an bestimmten Entscheidungen im Betrieb oder Unternehmen beteiligt werden.
Ein wichtiges Beispiel ist die Montanmitbestimmung in Kohle- und Stahlunternehmen. Nachdem Verhandlungen gescheitert waren, stimmten 1950 und 1951 mehr als 90 Prozent der Beschäftigten in Bergbau sowie Eisen- und Stahlindustrie für Arbeitsniederlegungen. Gespräche zwischen DGB-Chef Hans Böckler und Bundeskanzler Konrad Adenauer führten am 25. Januar 1951 zu einer Einigung. Am 10. April 1951 verabschiedete der Bundestag das Montan-Mitbestimmungsgesetz.
Die Wirkungskette lautete:
- Beschäftigte organisierten sich und formulierten eine Forderung.
- Eine sehr große Mehrheit zeigte ihre Bereitschaft zum Arbeitskampf.
- Der drohende Konflikt erhöhte den Verhandlungsdruck.
- Verhandlungen führten zu einer politischen Einigung.
- Ein Gesetz sicherte Mitbestimmungsrechte in einem begrenzten Wirtschaftsbereich.
Nicht jeder Arbeitskampf führt zu einem Gesetz. Ergebnisse können auch Tarifverträge oder betriebliche Vereinbarungen sein. Forderungen können außerdem teilweise oder vollständig scheitern.
Weitere Beispiele zeigen, wie langfristig Veränderungen entstehen konnten:
- 1957 folgte auf einen 16-wöchigen Streik der Metallarbeiter in Schleswig-Holstein die gesetzliche Lohnfortzahlung für Arbeiter im Krankheitsfall.
- Das Bundesurlaubsgesetz von 1963 garantierte allen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern drei Wochen bezahlten Jahresurlaub.
- Die Fünf-Tage-Woche und der freie Samstag setzten sich schrittweise durch.
- In der westdeutschen Metallindustrie wurde die 35-Stunden-Woche ab Ende der 1980er-Jahre schrittweise erreicht.
Ein Tarifabschluss ist kein Geschenk des Arbeitgebers. Mitglieder finanzieren ihre Organisation, entwickeln gemeinsame Forderungen und können durch einen Streik wirtschaftlichen Druck ausüben. Anschließend muss ein Ergebnis ausgehandelt werden. Die Stärke entsteht aus dem Zusammenspiel von Organisation, Druck und Verhandlung.
Welche neuen Herausforderungen entstanden
Seit den 1970er-Jahren veränderten Wirtschaftskrisen, Arbeitslosigkeit und Automatisierung die gewerkschaftliche Arbeit. Später kamen Globalisierung, Digitalisierung, prekäre Beschäftigung und der sozial-ökologische Umbau hinzu.
Nach der deutschen Einheit stieg die Mitgliederzahl der DGB-Gewerkschaften zunächst auf fast zwölf Millionen. Danach sank sie deutlich. Gründe waren unter anderem der Verlust von Arbeitsplätzen in stark organisierten Branchen, Produktionsverlagerungen und die Zunahme von Teilzeit, Leiharbeit und geringfügiger Beschäftigung. Fusionen sollten Kräfte bündeln; 2001 entstand beispielsweise ver.di aus fünf Gewerkschaften.
Der gesetzliche Mindestlohn trat Anfang 2015 in Kraft. Gewerkschaften beschäftigten sich zugleich weiterhin mit Tarifbindung, Renten, Gleichstellung und sicheren Arbeitsbedingungen.
Krisen erweiterten ihre Aufgaben. Während der Finanzkrise ab 2008 setzte sich der DGB für Beschäftigungssicherung durch verlängerte Kurzarbeit ein. In der Corona-Pandemie wurden schlechte Arbeits- und Wohnbedingungen in Schlachthöfen besonders sichtbar. Das Arbeitsschutzkontrollgesetz beseitigte dort ab 2021 Werkverträge und untersagte Leiharbeit weitgehend.
Die Grundidee bleibt gleich, obwohl sich die Konflikte verändern: Beschäftigte bündeln Interessen, um Arbeitsbedingungen und gesellschaftliche Regeln mitzugestalten.
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Alles auf einen Blick
- Geschichte der Gewerkschaften
- Entstehung: soziale Not, Solidarität und Berufsvereine
- Organisation: Gewerkschaften und Dachverbände
- Mittel: Verhandlung, Tarifvertrag und Arbeitskampf
- Demokratie: Verteidigung 1920 und Zerschlagung 1933
- Neubeginn: DGB im Westen und FDGB im Osten
- Erfolge: Mitbestimmung, Arbeitszeit, Urlaub und Lohnfortzahlung
- Wandel: Automatisierung, Globalisierung, Digitalisierung und Krisen
Die Entwicklung verlief nicht geradlinig. Rechte mussten organisiert und ausgehandelt werden, konnten erweitert, begrenzt oder in einer Diktatur vollständig beseitigt werden. Deshalb gehören Gewerkschaftsgeschichte, Sozialgeschichte und Demokratiegeschichte eng zusammen.
Abschluss-Check
Wenn du die Entwicklung erklären kannst, ohne nur Jahreszahlen aufzuzählen, hast du den Kern verstanden: Gewerkschaften reagieren auf veränderte Arbeitsbedingungen, indem sie einzelne Interessen bündeln und daraus gemeinsame Handlungsfähigkeit schaffen.
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